Ar-Raqqa (, auch ar-Raqqah, Rakka, Reqa, ) ist die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements am mittleren Euphrat im Norden von Syrien. Die heutige Stadt ist eine Neugründung vom Anfang des 20. Jahrhunderts an der Stelle einer am Anfang des 8. Jahrhunderts angelegten abbasidischen Stadt. Für 2010 wurden 200.268 Einwohner berechnet.

Vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs betrug die Bevölkerungsanzahl geschätzt 277.300,Barak Barfi, Aaron Y. Zelin: Al Qaeda’s Syrian Strategy. The Washington Institute, 10. Oktober 2013 seitdem ist sie durch den Flüchtlingszustrom rasant angewachsen. Mitte 2013 wurde die Stadt von den Organisationen al-Nusra-Front und Islamischer Staat (IS, vormals ISIS) durch die Vertreibung der Freien Syrischen Armee eingenommen. Sie galt als die größte Stadt unter der Kontrolle des Islamischen Staats und wurde als deren inoffizielle Hauptstadt bezeichnet. Dies galt, bis 2014 die IS-Milizen die Stadt Mossul, im Irak, eroberten, welche im Frühjahr 2017 von der irakischen Armee wieder zurückerobert wurde. Raqqa galt als Kommandozentrale und wichtigster militärischer Stützpunkt des IS, bis sie am 17. Oktober 2017 durch die Demokratischen Kräfte SDF, einer kurdisch-arabischen Miliz, zurückerobert wurde. Seither gilt Raqqa als die Hauptstadt der de facto autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien.

Lage mini|Ar-Raqqa mit Euphrat (ISS-Foto von 2022) – die Halbwüste im Süden ist oben Ar-Raqqa liegt auf 245 Meter Höhe am linken (nördlichen) Ufer des Euphrat etwa vier Kilometer vom Belich entfernt, der südöstlich von ar-Raqqa in den Euphrat mündet. Auf der am rechten Euphrat-Ufer entlangführenden Schnellstraße sind es etwa 130 Kilometer nach Südosten bis nach Deir ez-Zor. Der Flusswasserspiegel liegt auf einer Höhe von etwa 235 Metern; die fruchtbare und bewässerte Euphrataue ist im Bereich der Stadt fünf bis sechs Kilometer breit und wird an ihren steil ansteigenden Rändern von etwa 90 Meter höheren Gipsfelsen überragt, die zur zentralsyrischen Wüstensteppe überleiten.Wolfgang Schirmer: Landschaftsgeschichte um Tall Bi’a am syrischen Euphrat. In: Peter Miglus, Eva Strommenger: Tall Bi'a / Tuttul–VIII. Stadtbefestigungen, Häuser und Tempel. Saarbrücker Druckerei und Verlag, Saarbrücken 2002, S. 4 f. Der Euphrat bildet dort die Südgrenze der historischen Kulturregion Diyar Mudar, die dem westlichen, syrischen Teil der Dschazīra-Region entspricht.

Klima Das Klima um ar-Raqqa ist deutlich kontinentaler geprägt als im eher mediterranen Westen Syriens. In ar-Raqqa herrscht sommerheißes, trockenes kontinentales Steppen- und Wüstenklima vor. Der geringe Niederschlag im Jahr beschränkt sich vorwiegend auf die Wintermonate. Die Temperaturen können im Winter unter den Gefrierpunkt fallen. Der Sommer dagegen ist sehr heiß und trocken. Temperaturen über 40 Grad Celsius sind hier möglich.

Geschichte Frühgeschichte und Antike Wegen der zu allen Zeiten verkehrsgünstigen Lage bestand im Mündungsdreieck der Flüsse Euphrat und Belich im Bereich von wenigen Kilometern seit etwa 6000 v. Chr. eine Abfolge von Siedlungen. Die früheste Stadtgründung war Tuttul, dessen Blütezeit nach der Mitte des 3. Jahrtausends begann und bis zum altbabylonischen Reich im 17. Jahrhundert v. Chr. dauerte. Seine Reste wurden im Siedlungshügel Tall Bi'a zwei Kilometer östlich des heutigen Stadtzentrums ausgegraben.

In frühhellenistischer Zeit erfolgte mit dem seleukidischen Nikephorion um 300 v. Chr. die nächste Stadtgründung zwei Kilometer südlich am damaligen Euphrat-Ufer. Das Flussbett des Euphrat hat sich seither weiter nach Süden verlagert. Der Ort gehörte lange zum Partherreich und seit 198 n. Chr. dann zum Römischen Reich. Während der römischen Zeit hieß das bedeutende Handelszentrum Callinicum (Kallinikon) und war in der Spätantike ein Grenzort zum persischen Sassanidenreich mit einer starken Festung.

388 stürmte hier eine aufgebrachte Menge Christen die örtliche Synagoge und steckte sie in Brand, was zu einer Konfrontation zwischen Kaiser Theodosius I., der gegen die Brandstifter vorgehen wollte, und Ambrosius von Mailand führte. Als Vorwand könnte möglicherweise eine grausame Christenverfolgung des Sassanidenkönigs Schapur II. gedient haben, an der einige Jahre zuvor angeblich auch Juden mitgewirkt hatten. Ambrosius empörte sich vor allem über die kaiserliche Anweisung, die zerstörte Synagoge wieder aufzubauen. Theodosius konnte sich nicht gegen den Bischof durchsetzen; der Pogrom blieb ungesühnt.

531 erlitt der oströmische General Belisar bei der Schlacht von Callinicum eine Niederlage gegen die Perser. Belisar hatte eine persische Invasionsarmee mit überlegenen Kräften zum Abzug nötigen können; bei Kallinikon erreichten die römischen Truppen die Feinde und zwangen sie – vielleicht gegen Belisars Willen – zur Schlacht, die der Augenzeuge Prokopios von Caesarea später in seinen Historien geschildert hat. Beide Seiten erlitten hohe Verluste, doch letztlich konnten die Perser das Feld behaupten und sich unbehelligt über den Euphrat in ihr Reich zurückziehen. Der magister officiorum Hermogenes, der sich bei der römischen Armee aufhielt, warf Belisar bei Kaiser Justinian I. daraufhin Versagen vor; die anschließende Untersuchung führte zur zeitweiligen Abberufung des Generals vom Posten des magister militum per Orientem. Erst durch seine Loyalität während des Nika-Aufstands konnte Belisar die kaiserliche Gunst zurückgewinnen.

mini|Von Tell Bi'a nach Süden Richtung Euphrat. Hinter den Baumwollfeldern lag Kallinikon, heute vom Stadtteil Mišlab überbaut Unter Kaiser Justinian wurde die Stadt im 6. Jahrhundert n. Chr. neu befestigt. Ihre Lage entspricht der des heutigen Dorfs oder Stadtteils Mišlab, etwa zwei Kilometer südöstlich der modernen Stadt. An der Süd- und Ostseite von Callinicum wurde der Verlauf einer Umfassungsmauer ausgemacht. Über die römische und byzantinische Stadt selbst ist wenig bekannt. Es dürfte mindestens zwei Klöster gegeben haben, eines davon lag auf dem arabisch Tell Bi'a genannten Siedlungshügel, was mit „Kirchenhügel“ übersetzt wird. Eine größere jüdische Gemeinde versammelte sich in der Synagoge, von deren Existenz Benjamin von Tudela Mitte 12. Jahrhundert berichtet.Vgl. Clifford Edmund Bosworth, S. 441

Arabische Zeit 639 eroberten muslimische Araber die Stadt und benannten sie in ar-Raqqa („Flussniederung“) um. Von der umayyadischen Stadt ist wenig mehr als eine Freitagsmoschee bekannt, die 641 erbaut und im 10. Jahrhundert erweitert wurde. Die moderne Stadterweiterung hat keine Spuren dieser Moschee übriggelassen, es existieren aber Beschreibungen bis Anfang des 20. Jahrhunderts und ein Foto, das Gertrude Bell 1909 auf einer Reise anfertigte. Es zeigt ein schwer beschädigtes quadratisches Ziegelminarett auf freiem Feld.Gertrude Bell Archive, Album J (1909) Foto J 181

Der in Damaskus geborene Kalif Hischam (reg. 724–743) ließ sich nach mittelalterlichen Zeugnissen zwischen Bewässerungskanälen südlich des Euphrat zwei Paläste erbauen, deren geringe Reste bisher nur ansatzweise ausgegraben wurden. Während der sommerlichen Mückenplage entfloh er in seine Palastresidenz nach Resafa.

Mit dem anschließenden Kalifat der Abbasiden wechselte die Hauptstadt von Damaskus nach Bagdad, ar-Raqqa wurde wegen seiner Lage weit im Osten der syrischen Städte und näher am Kernland der Abbasiden bevorzugt und erlebte eine Blütezeit als Handelszentrum. Noch unter der Herrschaft von al-Mansur begann 772 dessen Sohn und Thronfolger al-Mahdi (reg. 775–785) einen Kilometer westlich des bisherigen Ortes mit dem Aufbau einer neuen Stadt, die er als Militärstützpunkt gegen Byzanz befestigen ließ und die den Namen ar-Rāfiqa („der Begleiter“, bezogen auf ar-Raqqa) erhielt. Bis zum 10. Jahrhundert hatte sich das Leben vollständig in die Neugründung verlagert und die antike Stadt war verfallen. Stefan Heidemann (2003) fand nach Auswertung mittelalterlicher Quellen, dass sich im Bereich zwischen diesen beiden Orten im 8. und 9. Jahrhundert ein Handwerkergebiet besonders zur Glasproduktion befunden hatte, das al-Raqqa al-Muḥtariqa, „das brennende Raqqa“ genannt wurde. Es lag an der am Osttor (Bāb al-Sibāl) beginnenden Ausfallstraße. Von 1992 bis 1996 konnte außerhalb des heute überbauten Stadtviertels in einem Tell (Tell Zujaj) eine Glasmanufaktur aus dieser Zeit freigelegt werden.Julian Henderson: The Raqqa Ancient Industry project. bnet (University of Nottingham) Von der University of Nottingham wurden in den 1990er Jahren an den Stadträndern weitere Tells mit handwerklichen Produktionsstätten ausgegraben

Ar-Rāfiqa war nach dem Vorbild des wenige Jahre zuvor (762 bis 766) von al-Mansur als ideale kreisrunde Stadt gegründeten Bagdad angelegt. Die „runde Stadt“ ar-Rāfiqa war von einer hufeisenförmigen Stadtmauer umgeben, deren gerade Seite im Süden parallel zum Euphratufer lag und die ein 1302 × 1400 Meter großes Gebiet umschloss. Die wichtigsten Zugänge waren das in den 1980er Jahren ausgegrabene Nordtor und das an der Südostecke in Richtung des alten ar-Raqqa gelegene Bagdadtor. Von der abbasidischen Stadtanlage in Bagdad sind keine Reste mehr vorhanden, daher stellt die erhaltene Stadtmauer von ar-Raqqa das einzig vergleichbare Anschauungsobjekt der als kosmogonisches Modell im Zentrum des abbasidischen Reiches geplanten Hauptstadt dar. Die zweite Neugründung nach dem Vorbild der Runden Stadt war die Stadtanlage von Qādisīya südlich Samarra am Tigris in der Form eines regelmäßigen Achtecks, die 796 von Hārūn ar-Raschīd aufgegeben wurde.Alastair Northedge: Umayyad and Abbasid Urban Fortifications in the Near East. In: Lorenz Korn, Eva Orthmann, Florian Schwarz (Hrsg.): Die Grenzen der Welt. Arabica et Iranica ad honorem Heinz Gaube. Reichert, Wiesbaden 2008, S. 47.

Von 796 bis 808 war ar-Rafiqa anstelle von Bagdad Hauptstadt des abbasidischen Reiches. Harun ar-Raschid machte es während dieser zwölf Jahre zu seiner Residenz. Er ließ nordöstlich außerhalb der Stadtmauer ein ausgedehntes Palastareal errichten, das Anfang des 9. Jahrhunderts noch erweitert wurde. Die Datierung der heute zum größten Teil überbauten Palastanlagen in die Zeit des Kalifen erfolgt aufgrund von Berichten des Historikers At-Tabarī (839–923) und wird durch Münzfunde bestätigt. Als Siegesmonument nach einer erfolgreichen Schlacht (806) gegen den byzantinischen Kaiser Nikephoros I. errichtet, blieb von den Bauten Haruns acht Kilometer westlich der Stadt der Ruinenhügel Heraqla erhalten. Der arabische Mathematiker Al-Battani führte in ar-Raqqa Anfang des 9. Jahrhunderts astronomische Beobachtungen durch. Aus der arabischen Halbinsel in die Dschazira-Region eingewanderte Beduinen vom Stamm der Banu Numair beherrschten im 10. und 11. Jahrhundert das Belich-Tal, machten die Handelswege unsicher und unternahmen häufig Plünderungszüge gegen die städtische, Landwirtschaft treibende Bevölkerung. Die Banu Numair lebten für gewöhnlich in ihren Zeltlagern außerhalb der Städte, die sie kontrollierten.Stefan Heidemann: Numayrid ar-Raqqa. Archaeological and Historical Evidence for a ‚Dimorphic State‘ in the Bedouin Dominated Fringes of the Fatimid Empire. In: Urbain Vermeulen, Jan Van Steenbergen (Hrsg.): Egypt and Syria in the Fatimid, Ayyubid and Mamluk Eras IV (Orientalia Lovaniensia Analecta 140), Leuven 2005, S. 85–110; hier S. 90–94 Ein Feuer, das 944 Teile der Stadt zerstörte, wird mit den Unruhen in Verbindung gebracht.Clifford Edmund Bosworth, S. 444 Diese Zeit ohne erkennbare Bautätigkeit wird als „archäologische Siedlungslücke“ bezeichnet.Stefan Heidemann: (PDF; 9,0 MB) Sonderdruck aus Damaszener Mitteilungen, Band 11, 1999, Philipp von Zabern, Mainz 2000, S. 227–242

Seldschukische Zeit