Die Waldheim-Affäre oder Waldheim-Debatte (auch: Affäre/Causa/Fall Waldheim) war eine internationale Debatte um die vermutete Beteiligung Kurt Waldheims an Kriegsverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie begann 1986 im Wahlkampf des früheren UN-Generalsekretärs für das Bundespräsidentenamt Österreichs, dauerte bis zum Ende seiner Amtszeit 1992 und wirkte darüber hinaus fort.
mini|Kurt Waldheim (1973)
Waldheim hatte seine Tätigkeiten als Offizier der Wehrmacht von 1942 bis 1944 in biografischen Angaben ausgelassen und bestritt nach deren Bekanntwerden jede Beteiligung an NS-Verbrechen und jede damalige Kenntnis davon. In- und ausländische Medien und der Jüdische Weltkongress (WJC) verbreiteten dazu Informationen, die für gegensätzliche politische Ziele benutzt wurden: Waldheims Verteidiger kritisierten eine ausländische Einmischung und kampagnenartige Verurteilung eines durchschnittlichen Opportunisten, Waldheims Gegner sahen darin eine Abwehr berechtigter Vorwürfe. Einige Historiker haben antisemitische Reaktionsmuster im Affärenverlauf analysiert.
Als Bundespräsident blieb Waldheim außenpolitisch weitgehend isoliert. Die USA erließen im April 1987 ein privates Einreiseverbot für den „mutmaßlichen Kriegsverbrecher“. 1988 ermittelte eine auf seinen Wunsch von der Regierung eingesetzte internationale Historikerkommission, dass er keine Verbrechen begangen, aber Detailkenntnisse von Mordbefehlen, Deportationen und Morden in seiner Umgebung gehabt hatte. Er habe deren Ausführung einige Male erleichtert, etwa durch Weitergabe von „Feindlageberichten“.
Infolge der Affäre diskutierte das Land erstmals offen die Beteiligung von Österreichern an NS-Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus. Dies bewirkte eine Abkehr von der staatlichen Opferthese, wonach Österreich 1938 „erstes Opfer Adolf Hitlers“ gewesen sei, stärkte aber auch die seitdem rechtspopulistische FPÖ. Ab 1992 beschloss der Nationalrat die Entschädigung vertriebener Juden und Zwangsarbeiter, ab 2001 die Restitution.
Vorgeschichte Frühe Hinweise und Anfragen, Hintergrund Als Waldheim 1971 erstmals (erfolglos) für das Präsidentenamt kandidierte, behauptete das FPÖ-nahe Salzburger Volksblatt, er habe einer „SS-Reiterstandarte“ angehört, und forderte, die ÖVP dürfe sich deshalb nicht von ihrem Kandidaten distanzieren. Der Bericht blieb folgenlos.Christoph Kotanko: Verleumdungszeugnis. In: profil, Nr. 17, 21. April 1986, S. 22–24. Michael Gehler: „… eine grotesk überzogene Dämonisierung eines Mannes …“? Die Waldheim-Affäre 1986–1992. 1996, S. 4, Anmerkung 17; (PDF; 468 kB).
Die im März 1979 erfolgte Ausstrahlung der Fernsehserie Holocaust im österreichischen ORF warf zum ersten Mal in der Öffentlichkeit die Frage auf, in welcher Hinsicht die Nazi-Verbrechen auch österreichische waren.Lukas Wieselberg: „Holocaust“: Meilenstein der Erinnerung. orf.at, 4. Dezember 2016; abgerufen am 17. Januar 2019.
Nach einer Anfrage von Yad Vashem erkundete der österreichische Holocaust-Überlebende Simon Wiesenthal 1979 beim Berlin Document Center mit Hinweis auf die Wehrmachtauskunftstelle, Waldheim habe als Leutnant in der Heeresgruppe E auf dem Balkan gedient, aber keiner NS-Organisation angehört. Letzteres teilte er Yad Vashem schriftlich mit.Simon Wiesenthal: New Accusations About Waldheim Recycle Old Bitterness. In: New York Times, 29. September 1993; Leserbrief. Georg Hoffmann-Ostenhof: Nazi-Jäger, Mossad-Agent, Österreicher: Aus dem Leben des Simon Wiesenthal. In: profil, 4. September 2010.
Die Autorin Shirley Hazzard berichtete am 19. Jänner 1980 in der US-Zeitung The New Republic, Waldheim sei seit 1938 in der „Nazi-Jugendbewegung“ gewesen.J. D. McClatchy: Shirley Hazzard, The Art of Fiction No. 185. In: The Paris Review, Nr. 173, Frühjahr 2005. Danach fragte der Holocaustüberlebende Hillel SeidmanDavid Kranzler, Gutta Sternbuch: Memories of a Vanished World. 1. Auflage. Feldheim Publishers, 2005, ISBN 1-58330-779-6, S. 86. den UN-Generalsekretär Waldheim am 9. Oktober 1980. Waldheim wies die Annahme als „Dummheiten“ zurück.Hillel Seidman: United Nations, Perfidy and Perversion. M. P. Press Incorporated, New York 1982, ISBN 0-918220-11-4, Vorwort S. IX. Auch eine schriftliche Nachfrage des US-Kongressabgeordneten Stephen J. Solarz verneinte Waldheim.Herbert Lackner: Zeitgeschichte: Pflicht und Dunkel. Zum Tod des Altbundespräsidenten Kurt Waldheim. Profil.at, 23. Juni 2007. Solarz fragte daraufhin den US-Auslandsgeheimdienst CIA nach Erkenntnissen über NS-Mitgliedschaften Waldheims. Ein CIA-Vertreter verneinte diese am 31. Dezember 1980 und ergänzte, es gebe keine Hinweise auf „antijüdische Aktivitäten“ Waldheims. (Faksimile). Kevin C. Ruffner: CIA-History, 14. April 2007.
Kandidatur und erste Recherchen Am 1. März 1985 bot der SPÖ-Vorsitzende Fred Sinowatz Waldheim an, ihn gemeinsam mit der ÖVP als Präsidentschaftskandidaten aufzustellen. Am Folgetag nominierte ÖVP-Obmann Alois Mock Waldheim jedoch als Kandidaten seiner Partei, die so laut Umfragen gute Chancen auf ihren ersten Sieg bei einer Präsidentenwahl seit 1945 hatte. Die SPÖ stellte am 16. April Gesundheitsminister Kurt Steyrer als Gegenkandidaten auf.Michael Gehler: Die Affäre Waldheim: Eine Fallstudie … 1997, S. 356.
Waldheim veröffentlichte im Frühjahr 1985 ein Buch über seine Zeit als UN-Generalsekretär (1972 bis 1981). Ein Kapitel darin erwähnte seine Kriegszeit mit wenigen Sätzen: Er sei im Dezember 1941 an der Ostfront verwundet, daraufhin zur Genesung nach Österreich beurlaubt, nach der Heilung wieder eingezogen worden und habe sich bei Kriegsende (8. Mai 1945) bei Triest befunden.Kurt Waldheim: Im Glaspalast der Weltpolitik. 2. Auflage. Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien 1985, ISBN 3-430-19453-9, S. 42. Er und die ÖVP stellten seine internationale Erfahrung heraus, etwa mit der Plakatparole „Ein Österreicher, dem die Welt vertraut“.Wahlplakat der ÖVP von 1986.
Bei der Vorstellung von Waldheims Wahlkampfteam am 3. Oktober 1985 fragte der Stern-Reporter Georg Karp, ob seine frühere Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) bekannt sei. Nur die Wochenzeitschrift profil recherchierte danach und meldete am 14. Oktober 1985, Karps Angabe sei unbelegt.
Nach späteren Presseberichten beabsichtigten führende SPÖ-Vertreter 1985, Waldheims Kriegszeit zum Wahlkampfthema zu machen, um Steyrers Wahlchancen zu erhöhen. Das wurde von der SPÖ bestritten.Melanie A. Sully: A contemporary history of Austria. Routledge, London / New York 1990, S. 82. Nach einem Redeprotokoll von Ottilie Matysek kündigte Fred Sinowatz SPÖ-Vertretern des Burgenlands am 28. Oktober 1985 an, man werde „zur rechten Zeit vor der Präsidentenwahl in einer großangelegten Kampagne die österreichische Bevölkerung über Waldheims braune Vergangenheit informieren“. 1987 verklagte Sinowatz den profil-Reporter Alfred Worm, der seine Aussage im April 1986 zitiert hatte, wegen übler Nachrede. Worm wurde jedoch aufgrund von Matyseks Notiz freigesprochen. Sinowatz und andere SPÖ-Vertreter, die seine Aussage bestritten hatten, wurden 1992 rechtskräftig wegen Falschaussagen zu hohen Geldstrafen verurteilt.
Nach weiteren profil-Berichten besaß die SPÖ seit Frühjahr 1985 einen 1971 erstellten Akt des Heeres-Nachrichtenamtes über Waldheims Kriegszeit.Christoph Kotanko, Alfred Worm: Der Aktenlauf. In: profil, 34/24. August 1987, S. 10–13. Hans Pusch, der Kabinettschef von Sinowatz, soll im AugustMichael Gehler: „… eine grotesk überzogene Dämonisierung eines Mannes …“? Die Waldheim-Affäre 1986–1992. 1996, S. 15, Anmerkung 64; (PDF); keine Quellenangabe. oder September 1985 den US-amerikanischen Journalisten James M. Dorsey bei einem Treffen über Waldheims „braune Vergangenheit“ zu informieren versucht haben. Weiter versuchte er von seinem ehemaligen Schuldirektor, dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer Wilhelm Höttl, Informationen zu Waldheim zu bekommen, was ergebnislos blieb. Pusch galt daher für ÖVP-Wahlkampfleiter Kurt Bergmann„SPÖ hat sich überschätzt“. In: Salzburger Nachrichten, 28. Februar 2006. wie auch für Bruno Kreisky, den früheren langjährigen SPÖ-Bundeskanzler, als Urheber einer internationalen Verleumdungskampagne gegen Waldheim.
Im Oktober 1985 gaben Unbekannte profil-Chefredakteur Helmut Voska die Fotografie eines jungen Mannes in der Kleidung von NS-Studenten, der Waldheim ähnelte. Dieser bestritt auf Vorlage, dass er abgebildet sei; Voska ließ nun jedoch zu Waldheims Kriegszeit recherchieren. Auch Georg Tidl, Historiker und damals Journalist beim Österreichischen Rundfunk (ORF), recherchierte dazu und legte seine Ergebnisse dem ÖVP-Wahlkampfleiter Alois Mock vor. Dieser soll nicht interessiert gewesen sein. Nach anderen Angaben soll Tidl bei Mock Waldheims Rückzug von der Kandidatur zu erpressen versucht und sein Material dann in die USA verkauft haben.Ernst Hofbauer: Das Waldheim-Komplott. Eine politische Sittengeschichte. Wien 1998, S. 157 (behauptet zusätzlich eine Absprache Tidls mit der SPÖ). Dem widersprach Tidl 2015: Er habe nie mit Mock gesprochen, sondern mit dessen Büroleiter Clemens Steindl. Die Geschichte sei rund um Andreas Khol konstruiert worden, um ihn „quasi als Verräter“ darzustellen. Auch sei das angeblich von ihm weitergegebene Foto, das Waldheim mit SS-General Artur Phleps zeigte, bereits 1983 veröffentlicht worden.
Im Jänner 1986 wurde der 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtete General der Wehrmacht Alexander Löhr in der Wiener Stiftskaserne mit einer Gedenktafel geehrt. In einer Kurzmeldung darüber erwähnte profil-Redakteur Otmar Lahodynsky, dass Waldheim Ordonnanzoffizier im Stab Löhrs gewesen war. Für erste Recherchen dazu sandte der WJC Elan Steinberg, einen seiner Anwälte, nach Wien.Ruth Wodak u. a., 1990, S. 7. (PDF). Dort soll ein Unbekannter – vermutet wurde Georg Tidl – ihm Material zu Waldheims Kriegsvergangenheit übergeben haben. Nach aktuelleren Quellen übergab Hans Pusch diese Unterlagen am 4. Februar 1986 an Eli Rosenbaum, den Chefanwalt des WJC.
Verlauf Erste Berichte zu Waldheims Kriegsvergangenheit Von März 1986 an häuften sich die Veröffentlichungen zu Waldheims Vergangenheit, so dass manche Historiker von einer regelrechten „Kampagne“ sprechen.Michael Gehler: Die Affäre Waldheim. Eine Fallstudie zur Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit zur politischen Vorteilsverschaffung 1986–1988. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 2018, 69, Heft 1/2, S. 73. Am Abend des 2. März eröffnete Hubertus Czernins Artikel „Waldheim und die SA“ eine wöchentliche Artikelserie von profil zu Waldheims Kriegsvergangenheit. Dieser hatte Czernin seine Wehrstammkarte überlassen. Demnach war er Mitglied der SA-Reiterstandarte 5/90 und im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund/NSDStB; nach seiner Verwundung 1941 wurde er als „kriegsdienstverwendungsfähig“ eingestuft, wurde Ende März 1942 zum Armeeoberkommando 12 (ab 1943 Heeresgruppe E unter General Alexander Löhr) nach Saloniki versetzt und erhielt im November 1942 Studienurlaub. Von einer Beteiligung an NS-Verbrechen sprach Czernin nicht.Ruth Wodak u. a.: Die „Kampagne“ und die Kampagne mit der „Kampagne“ – Die „Waldheim-Affäre“. In: Ruth Wodak, Johanna Pelikan, Peter Nowak, Helmut Gruber, Rudolf DeCilla, Richard Mitten (Hrsg.): „Wir sind alle unschuldige Täter!“ Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus. Frankfurt am Main 1990, S. 65; (PDF) S. 5.