Karsten Bott (* 1960 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Konzeptkünstler, der sich in seinem Werk vor allem mit Alltagsdingen und ihrer Bedeutung auseinandersetzt. Seit 1988 sammelt er Konsumartikel und Gegenstände des täglichen Bedarfs ab Mitte des 20. Jahrhunderts, um ein „Archiv für Gegenwarts-Geschichte“ zu schaffen. In Ausstellungen setzt er die Objekte thematisch in Beziehung zueinander.Anna von Münchhausen: Das Ding hat überlebt. In: Die Zeit, Ausgabe 03 vom 15. Januar 2015. Abgerufen am 8. September 2020
Leben Von 1986 bis 1991 absolvierte Bott ein Kunststudium an der Frankfurter Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, besuchte dort die Filmklasse bei Peter KubelkaWerkleitz Gesellschaft: Karsten Bott. Abgerufen am 28. August 2020 und studierte 1991 im Rahmen eines Studentenaustauschs am School of the Art Institute of Chicago.Silogespräche der Universität Paderborn: Karsten Bott. Das Archiv für Gegenwarts-Geschichte - "Von Jedem Eins". Mitteilung vom 17. Juni 2013. Abgerufen am 15. August 2020
Zwischen 1993 und 2006 war Bott Stipendiat verschiedener Künstlerförderungen und arbeitete, gefördert durch Atelierstipendien, in London, Budapest und im tschechischen Český Krumlov. Bott hielt Gastvorträge an Hochschulen, unter anderem 2002 am College of Design and Art in Cincinnati, 2005 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main, 2011 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und 2013 an der Bauhaus-Universität Weimar.Bauhaus-Universität Weimar: One of Each: The Archive of Contemporary History vom 16. Dezember 2013. Abgerufen am 6. September 2020Website von Karsten Bott: Info. Abgerufen am 6. September 2020 Von 2012 bis 2014 lehrte er an der Kunsthochschule Kassel.
Werk
„Archiv für Gegenwarts-Geschichte“ Bott sammelt, katalogisiert und archiviert seit 1988 Alltagsgegenstände bevorzugt ab den 1950er Jahren in einem „Archiv für Gegenwarts-Geschichte“Marc Peschke: Wo Kunst wie ein Riesenflohmarkt ausschaut. In: Handelsblatt vom 4. April 2011. Abgerufen am 15. August 2020Sabiene Autsch: Der Umgang mit den Dingen im Archiv für Gegenwarts-Geschichte. Karsten Bott im Gespräch mit Sabiene Autsch. In: Material und künstlerisches Handeln: Positionen und Perspektiven in der Gegenwartskunst. Sabiene Autsch, Sara Hornäk (Hrsg.), transcript Verlag, Wien, 2017, ISBN 978-3-839434-17-8, S. 133–145 mit dem Ziel, „von jedem Ding eines“ in seiner Sammlung zu konservieren, um die „Gesellschaft, in der wir leben, über die Dinge zu repräsentieren oder darzustellen.“Karsten Bott: Der Allessammler. SWR2 „Matinee“ vom 24. Mai 2020, 9:00 min. Abgerufen am 16. August 2020 „Seinen Wert im kapitalistischen Kreislauf hat all das verloren; stattdessen erfährt es eine Neubewertung im Kontext der Kunst.“Christoph Schröder: Die Dingwelt spricht. In: Frankfurter Rundschau vom 7. März 2011. Abgerufen am 15. August 2020 Räumlich besteht das Archiv neben der Einsortierung aus einem Lagerraum mit etwa 5000 gefüllten Bananenkartons und etwa 500.000 großen Objekten wie Fenster, Briefkästen oder Lampen. In der Einsortierung werden die Gegenstände am Computer erfasst, nummeriert, eine Karteikarte mit Foto angelegt und die verschiedenen Zuordnungen in einem „Alphabetischen Bestandskatalog“ vermerkt, bevor sie eingelagert werden. 2007 entstand ein fotografischer Katalog mit etwa 2000 Dingen, der „wie eine Enzyklopädie unseres Alltagslebens funktioniert.“Website von Karsten Bott: Archiv. Abgerufen am 15. August 2020 Das Ergebnis dieser Spurensicherung „ist eine riesige Sammlung. Alles hängt mit allem irgendwie zusammen, denn Karsten Bott geht es immer um die historische und gesellschaftliche Dimension beim Prozess des Sammelns, Archivierens und Erinnerns.“ „Bott verkauft nichts. Er vertritt eine dokumentarische Richtung in der Kunst und steht außerhalb des Kunstmarktes.“
Für Ausstellungen in Museen verwendet Bott die Dinge aus seinem Archiv oder stellt Objekte ortsbezogen zusammen, indem er Gegenstände verwendet, die er in der jeweiligen Stadt findet, in Trödelläden oder aus dem Sperrmüll wählt,Denise Wilde: Dinge sammeln: Annäherungen an eine Kulturtechnik. transcript Verlag, Bielefeld, 2015, ISBN 978-3-8376-2940-8, S. 205 wie etwa für die Ausstellungen im Offenen Kulturhaus Oberösterreich in Linz 1993 oder im MoMA PS1 in New York 1998. Er ordnet sie in dafür gefertigten Vitrinen und Regalen an oder flächendeckend auf dem Boden. Über Stege, die eine Draufsicht ermöglichen, sind die Ausstellungsflächen begehbar. Seine Stege, Regale und Vitrinenböden sind stets in RAL-Grau 7040 gehalten. Die Objekte sind so angeordnet, dass sie nicht übereinander liegen oder sich gegenseitig verdecken. Bei den Bodenarbeiten sind die kleineren Gegenstände nah am Steg angeordnet, die größeren weiter hinten. Botts Installationen sind „nach Themenkomplexen strukturiert, die allesamt in wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen und dazu in einem Dialog untereinander stehen.“Maximilian Burk: Ausstellung "Liebes Ding" im Museum Morsbroich. WDR „West ART“ vom 25. Januar 2020, (03:35 min), Min. 01:55-03:35. Abgerufen am 16. August 2020 Er ordnet die ausgestellten Alltagsgegenstände dazu nach bestimmten Themen wie etwa Fortbewegung, Krieg, Nahrungsaufnahme, Küche, Jugend, Familie, Krankenhaus, Medizin oder Sexualität. Bei den Bodenarbeiten markiert er Felder, die dann mit den thematisch passenden Objekten belegt werden, bei den Regal- und Vitrinenarbeiten dienen die einzelnen Fächer zur Themenabgrenzung. „Man erkennt sofort, dass der Inhalt der Fächer nicht zufällig zusammengestellt wurde, sondern einem Ordnungsprinzip unterworfen ist“, das der Betrachter sich selbst erschließen muss.Hans Riebsamen: Schau „Gleiche Vielfache“: Die Welt in 5000 Bananenkisten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. April 2015. Abgerufen am 15. August 2020Jean-Christophe Ammann: Kunst? Ja, Kunst!: Die Sehnsucht der Bilder. Westend Verlag, Frankfurt am Main, 2014, ISBN 978-3-864895-46-3, Kap. 4, Gesellschaft: Weltumfangend - Karsten Bott, S. 169–175
2021 fanden unter dem Titel Von Jedem Eins eine Reihe von Musikperformances mit Oliver Augst und Marcel Daemgen im Atelierhaus basis in Frankfurt am Main statt.
„Hosentaschensammlung“ Seit den 1990er Jahren sammelt Bott täglich die Dinge, die er im Laufe des Tages in seinen Hosentaschen getragen hat, eigene Gebrauchsgegenstände, Fragmente von Dingen, aber auch Fundstücke. In Ausstellungen präsentiert er sie, nach Woche des Sammels und nach Größe geordnet, in Vitrinen, „in der die Exponate ihrer ursprünglichen Verwendung endgültig enthoben sind und Bleistiftstummel, Knöpfe, Schrauben, Handydisplays und eine Menge Undefinierbares zu einer einzigen Struktur des Alltags verschmelzen.“
Kurzfilme Während und nach seinem Studium drehte Bott zwischen 1988 und 1994 mehrere Kurzfilme. Mit dem 17-minütigen 16-mm-Farb-Kurzfilm American Bread & Breasts gewann Bott 1992 beim 30. Ann Arbor Film Festival.Programmheft: 30th Ann Arbor Film Festival. Abgerufen am 15. August 2020 Vereinzelt wurden die Filme im Rahmen seiner Ausstellungen gezeigt, wie etwa 2000 in der Ausstellungshalle FrankfurtSandra Danicke: Die Dinge. Karsten Botts Sammlung . Artikel der Frankfurter Rundschau, Kulturspiegel vom 20. Mai 2000 auf der Seite der Ausstellungshalle Frankfurt. Abgerufen am 3. September 2020 oder 2014 im Neuen Kunstverein Wuppertal.Neuer Kunstverein Wuppertal: Karsten Bott - Dinge. Abgerufen am 3. September 2020 Der 30-minütige Super-8-Farb-Kurzfilm Tag und Nacht Wäschefrau von 1988 „widmet sich auch filmisch dem Studium des Alltags.“ Dazu entstand ein halbes Jahr lang mit einer festmontierten Kamera automatisch alle acht Minuten ein Bild vom Küchenfenster einer Frau und der dort aufgehängten Wäsche.Website von Karsten Bott: Filme. Abgerufen am 28. August 2020 2014 wurde der Film im Rahmen des achtzigsten Geburtstags von Peter Kubelka im Österreichischen Filmmuseum gezeigt.Österreichisches Filmmuseum: Studieren bei Kubelka – Städelschule 3. Abgerufen am 28. August 2020
Auszeichnungen und Stipendien 2006: Moldaustipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst im Egon Schiele Art Centrum in Český Krumlov, TschechienEgon Schiele Art Centrum: Künstler. Abgerufen am 9. Juli 2023 2004: Stipendium des Kulturamtes der Stadt Frankfurt in Budapest 2001: Wettbewerbsgewinner des landesweiten Kunstwettbewerbs „Kreativ das Leben leben – Kunst im Dialog mit den Generationen“ für den Skulpturenpark Dietzenbach, zusammen mit Ernst Stark, Marko Lehanka, Margit SeilerKreisstadt Dietzenbach: SkulpTouren Park. Abgerufen am 3. September 2020 2000/2001: einjähriges Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung in LondonHessische Kulturstiftung: Scholarship Recipients: Karsten Bott. Abgerufen am 6. September 2020 1998: Stipendium der Stiftung Kunstfonds, Bonn 1995: mit 20.000 DM dotierter Preis der Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler, FrankfurtJürgen Raap: Nachrichtenforum: Preise & Stipendien. In: Kunstforum International: Pandoras Box: Design - Zu einer Ikonografie der Gestaltung des Nützlichen. Malerei: Folge I, Bd. 130, 1995, S. 18–21Karsten Bott, Andreas Exner, Ulrike Gabriel, Nikolaus List, Charlotte Malcolm-Smith, Susanne Paesler, Andreas Schlaegel, Martin Schmidt/Florian Haas, Markus Zuckermann: Absolventen der Städelschule Frankfurt: Neunte Ausstellung der Jürgen Ponto-Stiftung 1995. Frankfurter Kunstverein (Hrsg.), Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler, Frankfurt 1995 1993: Stipendium der Frankfurter Künstlerhilfe 1992: Preisträger des 30. Ann Arbor Film Festivals mit dem 17-minütigen 16-mm-Farb-Kurzfilm American Bread & Breasts
Ausstellungen Ständige Ausstellungen / Werke im öffentlichen Raum Seit 2017: Installation Von jedem eins in der Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ des Historischen Museums Frankfurt in einem der beiden StudierzimmerHistorisches Museum Frankfurt: Künstlergespräch: Karsten Bott - Thomas Bayerle. Abgerufen am 3. September 2020 Seit 2001: raumgreifende Skulptur Möbel und Kuchen aus in Beton gegossenen AlltagsgegenständenKreisstadt Dietzenbach: Möbel und Kuchen. Abgerufen am 3. September 2020 im SkulpTourenPark in Dietzenbach, der im Rahmen des Hessentages 2001 angelegt wurde Seit 2000: Installation Von jedem eins – kopfgross in der historischen Kunst- und Wunderkammer des Badischen Landesmuseums in KarlsruheWoher und Wohin? Sammeln im Museum. Museumsverbandstexte, Heft Nr. 15, Hessischer Museumsverband e. V. (Hrsg.), Kassel 2013, S. 16–18
Einzelausstellungen (Auswahl) 2015: Gleiche Vielfache, Historisches Museum Frankfurt 2014: Karsten Bott – Dinge, im Rahmen der Ausstellungsreihe zum Thema „Alltag“, Neuer Kunstverein Wuppertal 2011: Von Jedem Eins. 600 Quadratmeter und Hosentaschensammlung Kunsthalle MainzWerkgespräch mit Karsten Bott in der Kunsthalle. In: Rhein Zeitung vom 23. März 2011. Abgerufen am 15. August 2020 2011: Museum of Life, Norwich Castle, England 2006: Hosentaschensammlung, Neuer Kunstverein Gießen 2004: Von Jedem Eins. Altar, Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg 2004: Von Jedem Eins, mit Häusern, Rose Art Museum der Brandeis University, Waltham, Massachusetts 2002: Dinge mit Brücken, Contemporary Arts Center, Cincinnati 2000: Von Jedem Eins, klein, Ausstellungshalle Schulstraße, Frankfurt 1997/1998: Von Jedem Eins (One of Each), Haus der Kunst München, Kulturforum Berlin, Kunstmuseum im Ehrenhof Düsseldorf, Henry Art Gallery der University of Washington, Seattle 1993: Privater Raum, Kunstverein, Volxheim
Gruppenausstellungen (Auswahl) 2020: Liebes Ding – Object Love, Installation Von Jedem Eins, 2020, Museum Morsbroich, LeverkusenMuseum Morsbroich: 26. Januar 2020 - 01. Juni 2020. Abgerufen am 16. August 2020Jörg Mayer: Die lieben Dinge. WDR 5 „Scala“ vom 24. Januar 2020 (11:31 min), Min. 09:15-11:12. Abgerufen am 16. August 2020