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Deutschland. Erinnerungen einer Nation (Originaltitel ) ist ein Geschichtsbuch von Neil MacGregor aus dem Jahr 2014. Eine deutsche Übersetzung von Klaus Binder erschien 2015 im Verlag C. H. Beck. Das Buch schildert aus MacGregors britischer Sicht Epochen der deutschen Geschichte vom Heiligen Römischen Reich bis zur Wiedervereinigung im Jahr 1990 und berücksichtigt dabei neben der Politik auch ausgiebig Kunst und Kultur. Das Buch ist der dritte Teil des Projekts Germany: Memories of a Nation, das 2014 mit einer Ausstellung im British Museum begann und mit einer Sendereihe im BBC Radio 4 fortgeführt wurde.

Struktur und Inhalt Das Buch mit etwa 640 Seiten ist in sechs Teile gegliedert. Vorangestellt ist eine Widmung für MacGregors Kollegen Barrie Cook vom British Museum. Es folgen Landkarten, die die Entwicklung Deutschlands durch die Jahrhunderte zeigen, und eine Einleitung mit dem Titel Denkmale und Erinnerungen. Am Schluss folgen ein Envoi (eine Art Botschaft), ein Abbildungsverzeichnis, Literaturhinweise, ein Dank an Sponsoren, an die Organisatoren der Ausstellung im British Museum 2014/15Peter Aspden: Germany: Memories of a Nation, British Museum, London – review. In: Financial Times. 15. Oktober 2014 (ft.com). und an den Sender BBC Radio 4. Das Buch endet mit einem Register für Namen, Orte und Ereignisse.

Einleitung: Denkmale und Erinnerungen

MacGregor vergleicht und bewertet bezüglich ihrer historischen Bedeutung in der Einleitung seines Buches verschiedene Denkmale, so das Münchner Siegestor mit dem Arc de Triomphe in Paris und dem Wellington Arch am Londoner Hyde Park Corner. Alle diese Bögen überall in Europa erinnern an Siege, nur das Münchner Siegestor nicht. Dessen ursprüngliche Bedeutung wurde nach 1945 grundlegend verändert. Zwar erinnert es noch immer an der Nordseite an die Heldentaten des bayrischen Heeres in den Revolutions- und Befreiungskriegen (wobei die Bayern die meiste Zeit auf Napoleons Seite kämpften, was das Tor verschweigt), doch die Südseite ziert nun der Spruch:

Das findet MacGregor bemerkenswert; dieses Tor zeige, dass die deutsche Geschichte in die Zukunft geführt wird. Das ist für ihn einmalig, denn andere europäische Staaten mit ihrer traditionell zentralisierten Macht errichten ganz andere Denkmale und überliefern in erster Linie das Vergangene. Deutschlands Zersplitterung in zahlreiche Staaten, die auch gegeneinander Krieg führten, und die damit verbundenen fragmentierten Machtverhältnisse führten auch zu einer zersplitterten Geschichte, die Nichtdeutsche nur schwer verstehen können. Die Aufgabe dieses Buches sieht der Autor daher darin, nicht eine deutsche Geschichte zu schreiben, sondern den Erinnerungen nachzugehen, die zu der heutigen nationalen Identität führten. Dazu wählt er bestimmte Objekte, Bauwerke, Menschen und Orte aus. Neben den Orten befasst er sich auch mit dem vergeblichen Versuch deutscher Historiker, die großen intellektuellen Leistungen des 18. und 19. Jahrhunderts mit dem moralischen Absturz Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus überzeugend zusammenzuführen. Er ist der Ansicht, dass die deutsche Geschichte so stark beschädigt sei, dass sie sich „nicht mehr reparieren lässt“ und daher immer wieder neu betrachtet werden muss. Das Bild Adler von Georg Baselitz zeigt einen kopfstehenden abstrahierten Adler in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Für MacGregor ist dies ein passendes Bild für diesen Zustand der deutschen Geschichte.

Erster Teil: Wo liegt Deutschland? Wo liegt Deutschland? MacGregor zitiert mit dieser Frage Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller aus dem Jahr 1796. In diesem Teil seines Buches geht es um die veränderliche Geografie, Geschichte und die wandernden Grenzen Deutschlands.

Der Blick vom Tor mini|Einzug Napoleons 1806 (Charles Meynier)

Beginnend mit Napoleons Einzug nach Berlin durch das Brandenburger Tor 1806, nach der Niederlage Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt, widmet sich der Autor dem Brandenburger Tor mit seiner wechselvollen Geschichte und historischen Bedeutung. Auf dem Tor steht die die Quadriga, ein antiker Streitwagen mit der Siegesgöttin Viktoria, der hier von vier Pferden gezogen wird (die Quadriga auf dem Münchner Siegestor ziehen vier Löwen). Napoleon nahm den Berliner Torschmuck als Trophäe mit nach Paris, wo sie acht Jahre blieb. Der Blick nach Westen richtet sich auf die Siegessäule und MacGregor vergleicht beide Monumente mit der Halle des Volkes, mit der die Nationalsozialisten alle historischen Dimensionen Berlins zerstören wollten. Ein Abschnitt über die Geschichte Preußens, seiner Politik und repräsentativen Bauten nach dem Dreißigjährigen Krieg schließt sich an, führt bis zum Palast der Republik und dem Fernsehturm am Alexanderplatz. Der Autor meint, dass sich vom Brandenburger Tor aus die „Schlüsselereignisse der deutschen Geschichte betrachten“ lassen.

Geteilter Himmel mini|Peter Fechter wurde am 17. August 1962 erschossen

In diesem Kapitel befasst sich der Autor zunächst mit dem Reichstagsgebäude und den in unmittelbarer Nähe am Spreeufer vorhandenen weißen Kreuzen, die an die Maueropfer erinnern. Sein Thema ist jetzt die Deutsche Teilung, die in der Berliner Mauer ihre massive Präsenz zeigte. Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel erwähnt MacGregor, um die Schicksale der getrennten Familien und Liebesbeziehungen in der Zeit der Teilung zu beschreiben. Er schildert Fluchtversuche und lässt dafür Regine Falkenberg, Kuratorin am Deutschen Historischen Museum, zu Wort kommen, die einen geplanten, aber dann verratenen Fluchtversuch über die Ostsee beschreibt. Ein weiterer Punkt ist der Bahnhof Friedrichstraße mit dem sogenannten Tränenpalast, dessen labyrinthischer Grundriss die totale Kontrolle über den Grenzverkehr seitens der Staatssicherheit ermöglichte. Auch Christa Wolf hatte sich mit dem Überwachungssystem der DDR beschäftigt, ihre 1979 (veröffentlicht allerdings erst nach 1990) entstandene Erzählung Was bleibt berichtet von ihrer Überwachung durch die Stasi. MacGregor mutmaßt, dass durch dieses Überwachungssystem die Deutschen, gleichgültig ob aus Ost oder West, im Gegensatz zu anderen Europäern, bis heute sehr kritisch auf das Sammeln von Daten durch den Staat reagieren. Er untermauert dies mit dem Fall Edward Snowden. Als dieser 2013 mit seinen Enthüllungen der NSA-Überwachungsmethoden an die Öffentlichkeit ging, wurde er in Großbritannien feindselig betrachtet und abgelehnt, in Deutschland hingegen erfuhr er Zustimmung und gilt als Held. Im Rosenmontagszug des Mainzer Karnevals 2014 gab es einen Motivwagen, der Edward Snowden als große Pappfigur zeigte, wie er mehrere Fässer öffnet, aus denen krakenartig Augen und Ohren hervorquellen. MacGregor geht zurück zu Christa Wolf, die völlig verdrängt hatte, dass sie selbst von 1959 bis 1961 Informantin der Stasi war. In ihrem Buch Stadt der Engel versucht sie eine Selbsterkundung und kommt zu dem Schluss, dass ihr Verdrängen und Vergessen unentschuldbar sei. Ihre Kindheit und Jugend im NS-Staat, mit entsprechender Erziehung, habe demnach dazu geführt, dass bei ihr immer der Wunsch existierte, dem Staat zu dienen. MacGregor sieht hierin stellvertretend ein Hauptproblem der neueren deutschen Geschichte: Das erklärt auch, warum bis in die 1990er Jahre viele Fragen, beispielsweise zum Holocaust und seinen Tätern, nie gestellt wurden.

Verlorene Kapitale Ein weiteres Kapitel trägt die Überschrift Verlorene Kapitale. MacGregor beschäftigt sich hier mit der deutschen Geistesgeschichte anhand der ehemals durch deutsche Kultur und Geisteswissenschaft geprägten Städte Prag und Königsberg, heute Kaliningrad. Sein Gang durch die Geschichte führt ihn von der ersten deutschsprachigen Universität in Prag (der Karls-Universität) zu Franz Kafka, dann nach Königsberg und zu Immanuel Kant, den er mit den Worten zitiert: Dieser Satz auf Deutsch und Russisch an Kants Grab stammt aus seinem zweiten Hauptwerk Kritik der praktischen Vernunft. MacGregor hat offenbar Humor, denn ihm sind in der Stadt immerhin die gusseisernen Kanaldeckel von 1937 mit deutscher Beschriftung im Straßenpflaster aufgefallen, doch gibt es seiner Ansicht nach sonst nichts Deutsches mehr im heutigen Kaliningrad. Er geht auch auf die allgemeine Geschichte der Stadt ein, ihren Reichtum seit der Zeit der Hanse, die Bedeutung dieser Stadt für die Gründung Preußens, die Selbstkrönung Friedrichs I., Preußens Niederlage 1806, dem Exil des Königshauses in den Napoleonischen Kriegen und schließlich die vernunftorientierte Reorganisation des Staates im 19. Jahrhundert. Dabei befand sich Königsberg als östlicher Vorposten immer außerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Der Autor kehrt zurück nach Prag und damit zu Franz Kafka. Jenes Prag war aber nicht wie Königsberg durch und durch deutsch, sondern für lange Zeit eine friedliche Koexistenz zweier Kulturen. Ostpreußen und Königsberg wurden mit Waffengewalt von den Deutschen erobert, nach Prag kamen sie jedoch auf Einladung durch Böhmens Könige Ende des 13. Jahrhunderts. Erst im späten 19. Jahrhundert, mit dem Erwachen eines neuen tschechischen Nationalbewusstseins, ging der deutsche Einfluss zurück, bis er schließlich mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ganz verschwand. Kafka lebte bereits in einer Stadt, die mehrheitlich tschechisch sprach. Der Schriftsteller sprach auch tschechisch, schrieb aber auf Deutsch. Als er 1901 die Karls-Universität besuchte, war diese bereits geteilt mit unterschiedlichen Eingängen für deutsche und tschechische Studenten. Kafka war nach Ansicht MacGregors ein Außenseiter in vielerlei Hinsicht. Als Jude in einem Land, das seit 300 Jahren tief katholisch war und dann als deutschsprachiger Mensch, der in einer Stadt lebte, die eben diese deutschen Einflüsse loswerden wollte. Seine Werke zeugen von Unterdrückung und Entfremdung durch die politischen Umwälzungen nach 1919, als das Kosmopolitische des alten Habsburgerreiches keine Zukunft mehr hatte. Nach 1945 wurden nach 700 Jahren dann alle verbliebenen Spuren deutscher Kultur aus Königsberg und Prag getilgt. Der Process war damit zu Ende, doch bleiben sowohl die Stadt der preußischen Monarchie, als auch das Prag des Franz Kafka in deutscher kulturgeschichtlicher Erinnerung.

Stadt an der fließenden Grenze mini|hochkant|Straßburger Münster, Westfassade mini|hochkant=0.6|Astronomische Uhr