mini|Jude mit Geldbörse als Symbol des Geizes, romanisch, Kloster Marmoutier (Elsass) mini|Leon Barrit 1851–1938: The commercial vampire ( für: „der kommerzielle Vampir“). Poster (1898), antisemitische Darstellung des habgierigen („greed“) Kaufhausbesitzers, der auf einem Nest sitzt, das von menschlichen Schädeln umgeben ist, die verschiedene kommerzielle Branchen darstellen. Zu den Stereotypen über Juden gehört das von den Geldjuden, den Wucherjuden, beziehungsweise den jüdischen Geldverleihern, allesamt Ethnophaulismen. Aus dem damit verbundenen Vorurteil von einer besonderen jüdischen Affinität zum Geld entwickelte sich der Mythos von der „jüdischen Finanzherrschaft“. Das Stereotyp wurde zum „Kapital der amerikanischen Ostküste“ sowie Beherrschung der Medien, der Weltwirtschaft und der Weltpolitik.Editorial (PDF; 0,4 MB) Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Rhein-Neckar, März 2019; abgerufen am 15. Aust 2020. Dies alles wurzelt in der Vorstellung vom mittelalterlichen Geldverleiher als Wucherer, der der christlichen Bevölkerung geschadet haben soll und aus dem dann der einflussreiche Bankier der Neuzeit wurde, der die Finanzgeschäfte an der Börse manipuliere.Geld. JüdischeGeschichte.de; abgerufen am 9. August 2020.Wolfgang Geiger: „Geldverleiher“ gegen „Bankiers“ – Entstehung des Geldverkehrs und dessen Träger. Klischee und Wirklichkeit des Mittelalters. JüdischeGeschichte.de, AG Deutsch-Jüdische Geschichte im Verband der Geschichtslehrer Deutschlands; abgerufen am 15. August 2020. Lange war die Annahme verbreitet, dass Juden im Mittelalter aus anderen Berufen in den Geldhandel abgedrängt worden seien, worin sie dann ein Monopol besessen hätten; dies sei die Wurzel des Stereotyps gewesen. Diese Annahme gilt in der Geschichtswissenschaft als falsifiziert.
Etymologie Die Wahrnehmung von Juden als „Geldjuden“ ist durch das verbreitete Klischee des „Wuchers“ geprägt, welches ursprünglich nur das deutsche Wort für den vom lateinischen census (= Abschätzung) abgeleiteten Zins war. Der Begriff des Wuchers stammt von mittelhochdeutsch wuocher, althochdeutsch wuochar (für Nachwuchs, (Zins)gewinn, Vermehrung beziehungsweise Zunahme); beide Formen gehen auf den germanischen Wortstamm *wōkra- = „Ertrag, Zins“ zurück. Viel später entwickelte sich daraus die Bedeutung der Forderung eines weit überhöhten Zinses beim Verleihen von Geld oder der Erzielung eines unverhältnismäßig hohen Gewinns beim Verkauf von Waren.Wucher. Duden.de; abgerufen am 9. August 2020. Auch in Martin Luthers Bibelübersetzung (Lutherbibel) vom September 1522 sind die Begriffe „Zins“ und „Wucher“ noch gleichgestellt. Der „Judenzins“ wurde im 18. und 19. Jahrhundert ein antijudaistischer Begriff für „Wucherzins“. Der „Geldjude“ wurde zum Synonym für „Wucherer“, die „Geldjuderei“ zum Synonym für „jüdische Wucherei“. Begriffsvarianten finden sich im „Bankjuden“, „Münzjuden“, „Schacherjuden“, „Handelsjuden“ oder „Finanzjuden“, bis hin zum „Kornjuden“.Manfred Gailus: Die Erfindung des „Korn-Juden“. Zur Geschichte eines antijüdischen Feindbildes des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. In: Historische Zeitschrift, 2001, 272, 3, S. 597–622.
Die früheste Verwendung der Bezeichnung „Wucherjude“ findet sich bei dem Publizisten der Aufklärungszeit Christian Fürchtegott Gellert in seinem Lustspiel Das Los in der Lotterie (1746).Andreas Rentz: Der „Geldjude“. Antijüdische ökonomische Stereotype im mittelalterlichen Deutschland bis zur Großen Pest. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2024, ISBN 978-3-11-120522-9, S. 1 f.
Entstehungsgeschichte mini|Mittelalterliche Illustration von jüdischen Geldverleihern in Frankreich. In der christlichen Bildkunst war der Judenhut das Kennzeichen für Juden. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts und verstärkt im 14. Jahrhundert kam eine physiognomische Markierung – mittels Zerrbild vom hässlichen Juden u. a. mit Hakennase und wulstigen Lippen – hinzu.Sara Lipton: Dark Mirror. The Medieval Origins of Anti-Jewish Iconography. Metropolitan Books, 2014, ISBN 978-0-8050-7910-4, S. 171–199. Dies wurde bis ins Spätmittelalter und in die Jetztzeit fortgeführt. Von Judas Iskariot, der für dreißig Silberlinge Jesus Christus verriet, über die Figur des Shylock bis zu den Rothschilds ist kaum ein Stereotyp in der Geschichte des christlichen Abendlandes derart virulent wie das des geldgierigen Juden. Dieses Stereotyp lässt sich bereits in der Spätantike nachweisen, etwa bei den Kirchenvätern Ambrosius (De Tobia) und Augustinus. Dabei stand allerdings nicht der Vorwurf unredlicher ökonomischer Betätigung im Vordergrund, sondern die jüdische Verstocktheit, also die Weigerung, sich zum Christentum zu bekehren, die in Metaphern von Habgier oder der Unfähigkeit, angemessen mit Reichtum umzugehen, ausgedrückt wurde.Giacomo Todeschini: Christian Perceptions of Jewish Economic Activity in the Middle Ages. In: Michael Toch, Elisabeth Müller-Luckner (Hrsg.): Wirtschaftsgeschichte der mittelalterlichen Juden. Fragen und Einschätzungen. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58670-1, S. 1–16, hier S. 7 f.
Lange herrschte in der Antisemitismusforschung die Ansicht vor, im Mittelalter hätten Juden den Geldverleih dominiert, weil es Christen verboten gewesen wäre, Zinsen zu nehmen. Beschwerden oder gar Empörung über jüdische Geldverleiher wären üblich gewesen. Diese Ansicht trifft indes nicht zu. Tatsächlich zielte das Zinsverbot auf Erscheinungsformen innerhalb des Christentums. Bernhard von Clairvaux (1090–1153) etwa bezeichnete in einem an die Geistlichkeit und das Volk in Ostfranken und Bayern gerichteten Schreiben die christlichen Geldverleiher als noch ärger als die jüdischen. Dafür gebrauchte er für Geldverleih gegen Zinsen den lateinischen Neologismus judaizare, also einen pejorativen Begriff, der ein „üblich jüdisches Verhalten“ bezeichnen sollte. Mit diesem Vorwurf wollte er den damals durchaus gängigen Geldverleih durch Christen kritisieren.Maria Dorninger: „Von dem grossen vberschlag deß Judischen Wuchers“? Notizen zum Bild des (Wucher-)Juden im (Spät-)Mittelalter. In: Aschkenas, 2010, 20, Heft 2, S. 479–504, hier S. 481 f.
1139 wurde im Zweiten Laterankonzil im Canon 13 Erzbischöfen, Bischöfen und Äbten jedweden Ordens das Zinsnehmen untersagt. 1179 wurde im Dritten Laterankonzil im Canon 25 das sich immer mehr ausbreitende Verbrechen des Zinsnehmens („als würden sie es erlaubtermaßen ausüben“) bei Strafe der Exkommunikation verboten. Geistliche, die Wucherei zuließen, hatten sofort suspendiert zu werden. 1215 wurde im Vierten Laterankonzil im Canon 67 Juden „schwerer und unmäßiger Wucher, […] mit dem sie das Vermögen von Christen in kurzer Zeit erschöpfen“, verboten.
Es war demnach der „schwere und unmäßige Wucher“ – somit der „schwere und unmäßige Zins“ – verboten, nicht der „übliche Wucher“ – der „übliche Zins“.
Die These, Juden hätten im Mittelalter ein Monopol für den Geldverleih gehabt, wie sie etwa Clemens Escher im Handbuch des Antisemitismus (2008) vertritt,Clemens Escher: Wucherjude. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 348–349. wird in der Geschichtswissenschaft heute bestritten.
Das Stereotyp des jüdischen Wuchers findet sich kaum in deutschen Volkspredigten oder anderen deutschen Texten nach dem 12. Jahrhundert. Die einzigen Quellen für diesen Zusammenhang sind die Chroniken der deutschen Städte. Das Ziel der Agitation der kirchlichen Prediger gegen Wucher war hauptsächlich der christliche Wucherer. Die Kombination des Geldverleihs durch Juden mit der angeblichen Hostienschändung wurde hingegen zur Strategie gegen eine verschwörerische Verwirklichung des jüdischen Machtstrebens und zu einer religiösen Diffamierung.Johannes Heil: Verschwörung, Wucher und Judenfeindschaft oder: die Rechnung des Antichristen – Eine Skizze. Wolfgang Benz zum siebzigsten Geburtstag gewidmet. In: Aschkenas, 2010, 20, Heft 2, S. 395–413. Die Minoriten beklagten in ihren Predigten den angeblichen Wucher der Juden und provozierten damit immer wieder Ausschreitungen. Die brisanten antijüdischen Themen wie der „Wucher der Juden“, der „Hostienfrevel“ und der „Ritualmord“ machte vor allem der Minorit Johannes Capistranus (1386–1456) zu Zentralpunkten seiner Predigten, was 1453 in Breslau zu einem der schlimmsten Autodafés dieser Zeit führte. S. 63
Im 14. Jahrhundert konnten in den deutschen Städten nur Geldhändler (und Ärzte) eine Aufenthaltserlaubnis erwerben, andere Berufe wurden nur noch sekundär zum Kreditgeschäft betrieben. Als typisch für die Organisationsformen der Geldleihe erscheint der auf eigene Rechnung, mit eigenem Kapital und auf eigenes Risiko wirkende einzelne Geldhändler. Dieser hat sich jedoch oft zur Erledigung größerer Geschäfte wie auch zur Absicherung von bedenklichen Risiken – besonders bei auswärtigen Kunden – mit anderen Juden vergesellschaftet. „Der Topos vom Juden als Wucherer, der das Volk in seine „Zinsknechtschaft“ bringe, erschien schon früh und gehörte zu den wichtigsten Bestandteilen des antijüdischen Stereotyps. Er sprach der Minderheit in den Augen der Mehrheit eine geradezu unheimliche Macht zu. Im Spätmittelalter haben sich dann auch die Obrigkeiten solche Vorstellungen zu eigen gemacht und wurden zunehmend unwillig, den gerichtlichen Apparat zu Gunsten jüdischer Gläubiger einzusetzen“, so der Historiker Michael Toch.
Ein kolorierter Holzschnitt aus der Zeit um 1484 mit der Bezeichnung „Der Judenwucher“ ist ein Pamphlet gegen Zinsgeschäfte. Dargestellt ist eine Szene bei einem jüdischen Pfandleiher. „Der deutsche Text warnt den Leser mit einem Rechenbeispiel vor dem Wucher des Pfandleihers, der lateinische fordert die Obrigkeit auf, Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Das Flugblatt ist ein Beleg für die judenfeindlichen Bewegungen im späten Mittelalter.“Der Judenwucher. Deutsches Historisches Museum; abgerufen am 10. September 2020.
Kreuzfahrer, die Kredite aufgenommen hatten, wurden von ihrem Eid zur Zahlung des Wuchers losgesprochen, ihren Gläubigern wurde die Rückerstattung der Zinsen auferlegt. Juden sollten durch die weltliche Macht zum Erlass der Zinsen gezwungen werden und bis dahin von der Gemeinschaft mit Christen gebannt sein. Für die Tilgung der eigentlichen Schuld sollten den Kreuzfahrern vergünstigte Bedingungen gewährt werden.
Bis ins 19. Jahrhundert gehörte es zur Politik vieler Landesherren, die Juden als nützliche Geldeintreiber zu sehen. Sie waren Beauftragte der Obrigkeit, kassierten vom Volk zwar die Steuern, mussten jedoch ihrerseits enorme Summen an die Landesherren und den Kaiser abführen. So blieb das für die Steuereintreiber verwendete Klischee des geldgierigen Zinsnehmers und Wucherers nicht an den wirklichen Empfängern des Geldes hängen, den Landesfürsten, sondern an deren Mittelsmännern, den Juden.
Verfestigung des Vorurteils mini|Auf dem Pultdach des Vierungsturms der Kirche St. Peter und Paul in Rosheim im Elsass sitzt ein Jude („jedenfalls ein Wucherer“) mit dem Beutel in der Hand.Paul Assall: Juden im Elsass. Elster Verlag, Moos 1984, ISBN 3-89151-000-4, S. 88. Bekannte historische Persönlichkeiten verfestigten das antisemitische Vorurteil, das Geldwesen läge in der Hand von Juden. 1858 schrieb etwa der französische Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon den Juden einen „merkantilen und wucherischen Parasitismus“ zu und deklarierte den jüdischen Parasiten.Alexander Bein: Der jüdische Parasit. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1965, 13, Heft 2, S. 128; ifz-muenchen.de (PDF; 1,4 MB); abgerufen am 12. August 2020.