Corona Fehlalarm? Daten, Fakten, Hintergründe ist ein Sachbuch der Biochemikerin Karina Reiß und ihres Ehemannes, des Facharztes für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie Sucharit Bhakdi, das im Juni 2020 im Goldegg Verlag erschien und zum Bestseller wurde. Die im Buch getroffenen medizinischen Aussagen sind nach Auffassung von Fachwissenschaftlern tendenziös oder nicht belegbar.
Inhalt Einführung
Hier wird zunächst ein Überblick über den Beginn der Covid-19-Pandemie gegeben. Dabei charakterisieren die Autoren Vorgänge um die Pandemie mit „furchtbar“, „drakonisch“, „surreal“ und „unzählige Tote“. Ansonsten werden allgemeine Fakten zu Coronaviren kurz zusammengefasst dargestellt.
Kapitel 1 und 2
In eine rhetorische Frage gekleidet („Startpunkt China – ein neuer Subtyp scheint besonders gefährlich zu sein?“), ziehen die Autoren ihre Schlussfolgerung aus der offiziellen chinesischen Statistik, in der bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen nur 5000 Tote angegeben sind, nämlich, dass das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 bzw. die von ihm verursachte Erkrankung COVID-19 nicht so gefährlich sei, wie dies angenommen werde. Sie beklagen eine „Inkaufnahme“ eines „Zusammenbruch[s] des Soziallebens und der Wirtschaft“ in Deutschland.
Weiterhin sind die Autoren der Meinung, wegen Mängeln in der Datenerhebung sei eine Aussage zur Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 zunächst gar nicht möglich gewesen. Dennoch hätten Politik und Medien darüber ein verzerrtes und irreführendes Bild vermittelt. Es sei nach dem neuen Virus „gezielt“ gesucht worden. Im Fall eines positiven Testergebnisses sei bei der Existenz von Virusmaterial nicht zwischen Infektion und Erkrankung unterschieden worden, wodurch die Gefahr für die Welt überschätzt worden sei. Zudem sei entgegen ärztlichen Leitlinien jeder positiv getestete Tote so erfasst und gezählt worden, als sei er an SARS-CoV-2 verstorben. Die Verstorbenen würden zu wenig obduziert. Eine französische Studie vom 19. März 2020, die bis zum Erscheinen des Buchs nicht widerlegt worden sei, habe die Vergleichbarkeit von SARS-CoV-2 mit bereits bekannten Coronaviren dargelegt und damit ihre relative Harmlosigkeit bewiesen. Des Weiteren wird das von dem Virologen Christian Drosten entwickelte erste Testverfahren für SARS-CoV-2 hinsichtlich seiner unbekannten Sensitivität und Spezifität kritisiert und seine behördliche Validität vermisst. Die Epidemie sei in Europa und insbesondere in Deutschland Mitte April 2020 zu ihrem Ende gekommen. Weitere Tests ergäben hauptsächlich falsch positive Ergebnisse. Spätestens nach der dritten Aprilwoche hätte „die ganze Testerei aufhören“ müssen. Im Übrigen hätten die Tests zeitnah an großen und repräsentativen Bevölkerungsgruppen stattfinden müssen, was nicht geschehen sei, und man hätte die bis dahin geltenden Kriterien für das Angezeigtsein einer Testung nicht ändern sollen. Die Autoren werfen dem Robert Koch-Institut (RKI) und den Gesundheitsämtern „Chaos, Planlosigkeit und wissenschaftliche Unfähigkeit“ vor. Lediglich die Heinsberg-Studie wird positiv gewürdigt. Diese Studie belege eine relativ geringe Sterblichkeitsrate. Wegen eines von den Autoren angenommenen großen Dunkelfeldes in der Ausbreitung von SARS-CoV-2 handele es sich um eine „Laborpandemie“, die mit der Zahl der gezielten Tests wachse (siehe Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie#Antiwissenschaftliche Fehlinformationen). Die Zahl der an SARS-CoV-2 Verstorbenen wird am Beispiel der Alterskohorte der über 80-Jährigen als minimal dargestellt, unmittelbar danach wird die Frage aufgeworfen, ob SARS-CoV-2 im Begriff sei, ein anderes Coronavirus abzulösen. Im Vergleich mit der saisonal auftretenden Influenza wird die Sterblichkeit von SARS-CoV-2 als mit der „einer klassischen mittelschweren Grippewelle“ vergleichbar bezeichnet. SARS-CoV-2 sei demnach nicht übermäßig gefährlich. Im Übrigen seien auch in anderen Ländern wie in Italien, Spanien, Großbritannien und den USA die gleichen Fehler wie in Deutschland gemacht worden. Vor allem im Hinblick auf die Todesraten in Norditalien sehen die Autoren in hoher Feinstaubbelastung einen Faktor, der geprüft werden müsse. Dem RKI wird mangelnde Verantwortung und Kompetenz vorgeworfen.
Kapitel 3
In diesem Kapitel zur Corona-Situation in Deutschland behaupten die Autoren, die Regierungen von Bund und Ländern hätten mit „Willkür“ und „Planlosigkeit“ sowie mit „Alarmismus“ reagiert. Zudem sind sie der Meinung, es sei wegen des Föderalismus in Deutschland zu Widersprüchlichkeiten bei der Ankündigung und Durchsetzung der Maßnahmen gegen die Epidemie gekommen. Dem Virologen Christian DrostenDrosten wird auch polemisch angegangen: „Der scheint irgendwie Spaß am Warnen zu haben?“ , dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts Lothar H. Wieler, dem Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn und dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder wird im Hinblick auf ihre beruflichen Qualifikationen die Kompetenz zu Beratung bzw. zur Durchsetzung abgesprochen. Der Gesundheitswissenschaftler und Statistiker John Ioannidis wird hingegen aufgrund seiner Standpunkte zur Pandemie gelobt. Die Autoren meinen, Deutschland hätte einen „Sonderweg“ gehen sollen. Erneut wird SARS-CoV-2 in seiner Bedrohlichkeit mit Influenza-Viren verglichen und behauptet, das neuartige Coronavirus sei „nicht wirklich gefährlich“. Unter Bezugnahme auf die Influenza-Pandemie 2009, die sogenannte Schweinegrippe, wird behauptet, diese habe „nur wenige Hundert“ Todesopfer gefordert.Die WHO kam am 6. August 2010 auf mindestens 18449 Tote: WHO: Pandemic (H1N1) 2009 – update 112 vom 6. August 2010, abgerufen am 30. August 2020. Anfang/Mitte März 2020 habe die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus ihren Höhepunkt erreicht. Am 23. März, als der Lockdown kam, sei der Peak schon überschritten gewesen, die Pandemie am 25. Mai schon vorbei gewesen. Nur Maßnahmen Ende Februar, so die Autoren, hätten etwas bewirken können. Die Wirkung der Lockdown-Maßnahmen erinnere an die frühere DDR. Die Krankenhäuser seien weitgehend leergestanden, Behandlungen seien aufgeschoben worden. Eine angekündigte zweite Welle gebe es nicht. Ein exponentieller Anstieg der Infektionszahlen wird verneint. Zur Maskenpflicht äußern die Autoren, dass Alltagsmasken oder Mund-Nasen-Schutz „nichts bringen“, und bezeichnen deren Einführung als „noch schlimmer“ und „dumm“. Das Tragen einer solchen Maske bringe insbesondere für Menschen mit Lungenerkrankungen „ernste gesundheitliche Risiken“ mit sich. Außerdem seien die Viren kleiner als die Maschen von Masken und würden durch diese „hindurchfliegen“.Auf die Größe der Partikel bei Tröpfcheninfektion oder infektiösen Aerosolen wird nicht eingegangen:
Kapitel 4
In Kapitel 4 werden Einzelheiten der Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystems dargestellt. Bezüglich der Kapazitäten von Intensivstationen sei Deutschland in Europa führend, und die Gefahr einer Überlastung habe nicht bestanden, da die überwiegende Mehrheit der Infizierten nicht ernsthaft erkranke. Zu viele Patienten seien invasiv statt nichtinvasiv beatmet worden, womit die Gefahr von dadurch verursachten zusätzlichen Lungenentzündungen (ventilator-associated pneumonia, VAP) in Kauf genommen worden sei. Aerosole spielten nur eine geringe Rolle bei der Übertragung der Krankheit. Die rhetorischen Mittel umfassen erneut einen Angriff auf Lothar Wieler, den Präsidenten des RKI;„Aha, das ist doch mal wieder eine Erklärung. Könnte glatt von einem Tierarzt sein.“ unter der Überschrift „Was hat unsere Regierung richtig gemacht?“ findet sich lediglich ein einzelnes Fragezeichen. Die deutsche Regierung habe, so fassen die Autoren anschließend zusammen, eine Epidemie von nationaler Tragweite ausgerufen, die es nicht gegeben habe, den Bürgern ihre Mündigkeit abgesprochen, willkürliche anstatt evidenzbasierte Entscheidungen getroffen. Die Bundeskanzlerin und die Mitglieder des Bundeskabinetts hätten gegen ihren Amtseid verstoßen.
Kapitel 5
Hier wird behauptet, durch die Entscheidungen der Regierung zur Pandemiebekämpfung seien Kollateralschäden entstanden. Bei der Abwägung „Menschenleben versus Menschenwürde“ sei beides geopfert worden. Die von ihnen als sinnlos und überbordend bezeichneten Entscheidungen der Regierung hätten allenfalls zwei bis maximal 15 Menschenleben pro 10.000 Menschen in der Gruppe der über Achtzigjährigen gerettet. Demgegenüber sei zu befürchten, dass diese Entscheidungen sogar Menschenleben gekostet hätten. Zu ihren Folgen gehörten unter anderem eine Nichtbehandlung und eine Verschiebung der Behandlung anderer, auch bedrohlicher Erkrankungen sowie wirtschaftliche Folgen bis hin zur Zerstörung von Existenzen, seelische Belastungen, Suizide, Bildungsrückstand bei Kindern insbesondere aus ärmeren Familien oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen und schließlich auch „Hunger-Pandemien“ und die „brutale“ Durchsetzung der Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona in afrikanischen Ländern. Sie begründen die genannten Folgen im Wesentlichen mit gesundheitlichen Folgeerscheinungen von Arbeitslosigkeit, mit anzunehmender Häufung von häuslicher Gewalt und mit den Konsequenzen für ältere Menschen, die unter Isolation, Mangel an Bewegung und Einsamkeit leiden müssten, was ihnen nicht nur ihre Lebensqualität raube, sondern ihnen auch ihre Lebenszeit verkürze. Durch Besuchsverbote werde eine Begleitung Sterbender durch ihre Angehörigen unmöglich gemacht.
Kapitel 6
In diesem Kapitel wird die Frage Schweden als Vorbild? bejaht: Im Gegensatz zur Deutschen Regierung habe die schwedische Regierung „gute Berater“ und „gute Politiker“, die den Mut hätten, ihre Entscheidungen auf „Faktenbasis“ zu treffen. In Schweden habe man auf Aufklärung und Eigenverantwortung der Bürger gesetzt, ohne Grundrechte stark zu beschränken, während die deutsche Presse sowie deutsche Politiker wie Karl Lauterbach und Markus Söder den schwedischen Sonderweg schlechtgeredet hätten. Die Autoren suchen dies durch Beispiele anderer Länder zu untermauern und nennen in diesem Zusammenhang Hongkong, Island, Südkorea und Japan. Unter Bezugnahme auf den Nobelpreisträger für Chemie Michael Levitt bestreiten sie generell den Nutzen von Lockdown-Maßnahmen. Da die „Epidemien“ vorbei seien, könne man den Nutzen der Lockdown-Maßnahmen anhand der Todeszahlen widerlegen, wenngleich die Definition der Todeszahlen von den Autoren als falsch angesehen wird. Einer eingefügten Grafik ist allerdings zu entnehmen, dass die Rate der durch COVID-19 bedingten Todesfälle pro Million Einwohner in Schweden damals etwa fünfmal so hoch war wie in Deutschland. Trotz eines Lockdowns seien in vielen Ländern die Risikogruppen offenbar nicht besser geschützt worden als die übrige Bevölkerung, denn etwa die Hälfte der Opfer sei in Alten- und Pflegeheimen gestorben: „Pflegeheime erfordern einen gezielten speziellen Schutz, allgemeine Lockdown-Maßnahmen tragen in keiner Weise dazu bei.“
Kapitel 7