Reliant ist ein ehemaliger britischer Automobilhersteller, der von 1935 bis 2001 in Tamworth (Staffordshire) tätig war. Das Unternehmen ist vor allem durch seine Dreiradfahrzeuge der Baureihen Regal und Robin bekannt, baute daneben aber auch Sportwagen der Scimitar-Reihe. Reliant war ein Vorreiter im Bau von Kunststoffkarosserien und unterstützte mehrere Unternehmen in Entwicklungsländern beim Aufbau einer eigenen Automobilproduktion.
Unternehmensgeschichte Vorgeschichte Das Unternehmen Reliant verdankt seine Entstehung einer Besonderheit des britischen Steuerrechts. Mit dem „Motor Taxation Act“ von 1921 wurde im Steuerrecht des Vereinigten Königreichs eine Sonderstellung für motorisierte Dreiradfahrzeuge geschaffen. Bei einem Leergewicht unter 8 cwt (≈ 406 kg) betrug die jährliche Abgabe pauschal vier Pfund Sterling, unabhängig von Hubraum und Leistung. Während Fahrzeuge zur Personenbeförderung zunächst keinen großen Zuspruch fanden, gab es einen Markt für Kurier- und Lieferfahrzeuge.
Vor allem Fahrrad- und Motorradhersteller griffen diese Regelungen mit eigenen Modellen auf. Die Raleigh Cycle Company brachte 1933 den Raleigh Safety Seven heraus, ein dreirädriges Cabriolet, dessen Hinterachse über eine Welle angetrieben wurde. 1934 wurde zwar noch eine geschlossene Version auf den Markt gebracht, aber im gleichen Jahr entschloss sich Raleigh zum Rückzug aus der Produktion motorisierter Fahrzeuge aller Art. Daraufhin verließ Raleighs Chef-Konstrukteur T. L. Williams das Unternehmen und errichtete im Garten seines Hauses in Tamworth, Staffordshire, ein eigenes Konstruktionsbüro. Sein Kollege E. S. Thompson folgte ihm nach und im Herbst 1934 überarbeiteten sie den Safety Seven zum Reliant (englisch für „der Zuverlässige“). Der unterschied sich von seinen Vorgängern durch die geschlossene Fahrerkabine und die Aluminiumverkleidung auf einem Eschenholzrahmen.Unternehmensgeschichte auf der Internetseite des Reliant Motor Club (abgerufen am 30. August 2026).
Reliant in der Nachkriegszeit: Breite Modellpalette und Entwicklungshelfer Im Frühjahr 1935 richteten Williams, Thompson und einige Mitarbeiter ihre Werkstatt in einem ehemaligen Busdepot ein und konnten im Juni des Jahres das erste Fahrzeug an einen Kunden ausliefern. 1936 fertigte die Reliant Engineering Company wöchentlich drei bis fünf Dreiradfahrzeuge, im Folgejahr stieg die Zahl auf acht bis zehn Einheiten. Ab 1938 bezog man von Austin den komplett montierten Vierzylindermotor des Austin Seven. 1940 wurde die Fahrzeugproduktion eingestellt, stattdessen produzierte Reliant verschiedene Rüstungsgüter als Zulieferer für andere Unternehmen. Zu den Rationierungsmaßnahmen der britischen Regierung gehörten auch Fahrverbote für Kraftfahrzeuge. Dreiräder waren allerdings ausgenommen, was das Interesse an Gebrauchtfahrzeugen dieser Bauart aufrechterhielt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Reliant das bisherige Produktkonzept mit dem Regent fort, der 1952 durch den ebenfalls dreirädrigen Regal ersetzt wurde. 1956 begann Reliant mit der serienmäßigen Fertigung von Karosserien aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK). Zehn Jahre später war Reliant Europas größter Hersteller von Kunststoffkarosserien.Michael Burgess: Reliant: The Forgotten Four-Wheelers, Amberley Publishing, 2025, ISBN 978-1-3981-1424-1, S. 8.
In den frühen 1960er-Jahren weitere Reliant seine Modellpalette aus. Neben den Dreirädern begann die Produktion von einfach konstruierten vierrädrigen Kompaktfahrzeugen. Auslöser war die Absicht, Kunden von Reliants Dreirädern für den Fall an die Marke zu binden, dass sie auf vierrädriges Auto umsteigen wollten. Daraus wurde der Reliant Rebel, der 1964 vorgestellt wurde. Zur gleichen Zeit kam eine Reihe größerer und teuerer Sportwagen hinzu, die als Scimitar verkauft wurden. Bis in die 1970er-Jahre hinein blieb das Unternehmen sowohl mit den drei- als auch den vierrädrigen Autos erfolgreich; die sehr wirtschaftlich zu betreibenden Dreiräder waren insbesondere in den Jahren der Ölpreiskrise ab 1973 begehrte Autos. Reliant verdängte im Laufe der Jahre alle anderen Hersteller von Dreirädern vom Markt: Bond Cars, der bis dahin größte Konkurrent, stellte 1970 den Betrieb ein und wurde von Reliant übernommen.
Zum Ende des Jahrzehnts war die Produktion aber kontinuierlich rückläufig: Wurden 1977 noch 2377 Automobile hergestellt, waren es 1978 nur noch 820 Stück.
Bereits in den 1950er-Jahren hatte Reliant mit Konstruktionsdienstleistungen für Hersteller in Entwicklungsländern begonnen. Der erste Kunde war der israelische Hersteller Autocars Company, später kamen Otosan in der Türkei und Sipani in Indien hinzu. Daraus wurde ein wesentliches Geschäftsfeld für Reliant.Leichtbau-Pick-up. In: Kraftfahrzeugtechnik 9/1980, S. 282.
Wechselnde Eigentümer 1962 verkaufte Williams einen Mehrheitsanteil an den Investor Hodge Group, der die täglichen Geschäfte von dem Produktionsmanager Ray Wiggin leiten ließ. In Wiggins Ära fiel die Ausweitung der Produktpalette auf vierrädrige Autos und die Aufnahme von Dienstleistungsgeschäften für türkische und andere Automobilhersteller. 1977 übernahm J.F. Nash Securities Ltd. die Anteile der Hodge-Gruppe. 1988 wurde ein Teil des Unternehmens an Bean Industries verkauft, der verbleibende Teil ging 1990 an einen Immobilienentwickler. Nach dessen Insolvenz übernahm Bean Industries auch die übrigen Teile an Reliant Motors. 1994 war auch Bean insolvent. Zum Jahresende verkaufte der Insolvenzverwalter Reliant Motors an Avonex Engineering Ltd. Das neue Management versuchte, Kapital durch neue Lizenzverträge mit anderen Herstellern zu gewinnen, darunter einem Unternehmen in Pakistan, scheiterte aber mit dieser Strategie, sodass Reliant im Dezember 1995 ein weiteres Mal zahlungsunfähig war.
Im Jahr 2001 wurden der Firmensitz nach Cannock verlegt und die Automobilproduktion aufgegeben. Danach konzentrierte sich Reliant auf den Import spezieller Fahrzeuge.
Modelle
Übersicht: Reliant-Modelle der Nachkriegszeit Reliants Modellpalette der Nachkriegszeit gliedert sich in dreirädrige Kleinwagen, deren interne Werkcodes mit TW (für Three Wheeler) beginnen, vierrädrige Kleinwagen (FW; Four Wheeler) und größere Sportwagen (SE; Sport Executive).Übersicht über die Reliant-Modelle der Nachkriegszeit auf der Internetseite des Reliant Motor Club (abgerufen am 3. September 2026). Interne Bezeichnung Verkaufsbezeichnung Zeitraum Bemerkungen Dreirädrige Kleinwagen TW 1 Regal Mark I 1953–1954 Erstes Reliant-Modell, das unmittelbar zur Förderung von Personen ausgelegt war und nicht als Lieferwagen oder sonstiges Nutzfahrzeug. Antrieb durch einen seitengesteuerten Reliant-Motor, der auf eine Austin-Konstruktion zurückging. In den folgenden 20 Jahren in mehreren kleinen Schritten weiterentwickelt. TW 2 Regal Mark II 1954–1956 TW 3 Regal Mark III 1956–1958 Erster Reliant mit einer komplett aus Kunststoff gefertigten Karosserie. TW 4 Regal Mark IV 1958–1959 TW 5 Regal Mark V 1959–1960 TW 6 Regal Mark VI 1960–1962 TW 7 Regal 3/25 5 ctw Van Supervan 1962–1968 Neue Karosserie im Stil des Ford Anglia 105E, neu konstruierter Motor von Reliant. Die Nutzfahrzeugvariante war vom Regal abgeleitet, aber formal kein Bestandteil der Regal-Reihe. TW 7a Regal 3/25 Super Supervan 1965–1969 Besser ausgestattete Version des Regal 3/25. TW 7b Regal 3/30 Supervan 1969–1973 Weiterentwicklung des Regal 3/25 mit größerem und leistungsstärkerem Motor. TW 8 Robin 1973–1981 Nachfolger des Regal mit neu gestalteter Karosserie von Ogle Design; größerer Motor. TW 8a Rialto 1982–1996 Nachfolger des Robin. TW 8b Robin Mark II 1989–2001 TW 9 Ant 1967–1987 Nutzfahrzeug auf der Basis des Regal bzw. Robin. TW 10 TW 11 Bond Bug 1970–1974 Vierrädrige Kleinwagen FW 1 Regal Four Sabra Sussita Zweitüriger Lieferwagen auf Regal-Basis, konstruiert für Autocars in Haifa (Israel). FW 2 Sabra Sussita Mk. II FW 3 Sabra Carmel Zweitürige Stufenhecklimousine auf Regal-Basis, konstruiert für Autocars. FW 4 Rebel 1964–1974 Vierrädrige Version des Regal; eigenständige Karosserie als Kombilimousine, Kombi und Van.Der Reliant Rebel auf der Internetseite des Reliant Motor Club (abgerufen am 3. September 2026). FW 5 Anadol A1 Anadol A2 1965–1981 Konstruiert für Otosan in Istanbul (Türkei). Zweitürige Stufenhecklimousine A1 von 1966 bis 1975 (ca. 20.000 Autos insgesamt), Viertürer A2 von 1971 bis 1981 (35.000 Autos). FW 6 Rebel 1600 GT ca. 1969 Prototyp eines stärker motorisierten Rebel mit einem 1,6-Liter-Motor von Ford of Britain; keine Serienproduktion. FW 7 – 1969 zweisitziger geschlossener Mittelmotorsportwagen; keine Serienproduktion. FW 8 – 1970 Prototyp eines Nachfolgers für den Bond Equipe; keine Serienproduktion. FW 9 – ca. 1970 Prototyp einer vierrädigen Version des Bond Bug; keine Serienproduktion. FW 10 Kitten 1975–1982 Vierrädrige Version des Robin, Nachfolger des Rebel. Erhältlich als Kombilimousine, Kombi und Van. Produktionsumfang in Großbritannien insgesamt etwa 4500 Autos. Ab 1983 in Indien als Sipani Dolphin weiterproduziert. FW 10a Fox 1983–1990 Reliant-Version des in Griechenland von MEBEA entwickelten Freizeitfahrzeugs Fox, das auf dem Fahrwerk des Kitten basiert und in Griechenland von 1979 bis 1983 etwa 3000 mal gebaut wurde. In Großbritannien entstanden ab 1983 etwa 600 weitere Fahrzeuge. FW 11 – 1979 Prototyp eines Anadol-Nachfolgers mit Bertone-Karosserie. Drei Exemplare hergestellt; keine Serienproduktion Sportwagen SE 1 Sabre Four 1961–1965 Zweisitziger Sportwagen auf der Basis des israelischen Sabra Sport mit Vierzylindermotor und Roadster- sowie Coupékarosserie. SE 2 Sabre Six 1962–1965 Weiterentwicklung des Sabre Four mit Sechszylindermotor; mit veränderter Karosserie und nur als Coupé. SE 3 Prototyp eines Gran Turismo mit Achtzylinder-V-Motor; keine Serienproduktion. SE 4 Scimitar GT 1965–1970 Zweitüriges Stufenheckcoupé. Nachfolger des Sabre Six mit Reihensechszylinder- oder V6-Motor; stilistisch abgeleitet vom Ogle SX 250. Gebaut in vier Versionen (SE 4, SE 4a, SE 4b und SE 4c). SE 5 Scimitar GTE (SE 5) 1968–1975 Kombicoupé auf der technischen Basis des Scimitar GT. Gebaut in zwei Versionen (SE 5, SE 5a). SE 6 Scimitar GTE (SE 6) 1975–1986 Weiterentwicklung des Scimitar GTE SE5. SE 7 ca. 1979 Für den britischen Markt bestimmte Version des für Anadol entwickelten FW 11; keine Serienfertigung. SE 8b Scimitar GTC 1980–1986 Targacoupé auf der Basis des Scimitar GTE S6. SS 1 Scimitar SS 1 1984–1990 zweisitziger Roadster mit Karosserie von Giovanni Michelotti. SS 2 1988 Prototyp für einen Nachfolger des Scimitar SS 1; keine Serienproduktion. SST Scimitar SST 1992–1995 Nachfolger des Scimitar SS 1.
Dreiradfahrzeuge Dreiradfahrzeuge waren in der Nachkriegszeit jahrzehntelang der Kernmarkt für Reliant. Das erste Nachkriegsprodukt, der Regent, hatte vorn noch eine unverkleidete Motorradgabel. Als Nachfolger des Regent brachte Reliant 1952 den Regal auf den Markt, dessen Aufbau das Auto erstmals in der Reliant-Geschichte komplett verkleidete. Während der Regent ausschließlich als Lieferwagen ausgelegt war, gab es den Regal zusätzlich in einer Version für den privaten Personenverkehr. Der Regal stand als zweitürige Hardtop-Limousine und bis 1960 auch als Cabriolet erhältlich; bis 1965 gab es außerdem eine Van-Version der Regal-Reihe. Der Regal wurde bis 1973 in neun aufeinanderfolgenden Generationen produziert, die sich jeweils durch Detailverbesserungen voneinander unterschieden. Er war ein Erfolgsmodell: In 22 Jahren baute Reliant mehr als 110.000 Fahrzeuge dieser Baureihe.Modellgeschichte des Reliant Regal 3/25 und 3/30 auf der Internetseite des Reliant Motor Club (abgerufen am 30. August 2026). Die ebenfalls erfolgreichen Lieferwagenversionen des Regal waren ab 1963 in formal eigenen Modellreihen erhältlich, die als 5 cwt Van (1963–1966) bzw. als Supervan (1966–1973) bezeichnet wurden.