Jean Terrasson (auch: Abbé Terrasson; * 31. Januar 1670 in Lyon; † 15. September 1750 in Paris) war ein französischer Priester, Altphilologe und Kulturphilosoph. Als Professor für griechische und lateinische Philosophie am Collège Royal wurde er 1707 zum Mitglied der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres und 1732 zur Académie Française gewählt.

Terrasson veröffentlichte 1731 den pseudohistorischen Roman Sethos.

Leben und Werk Terrasson entstammte einer angesehenen Familie aus Lyon. Zwei seiner Brüder wurden als Oratorianer berühmte Prediger. Er selbst wurde ebenfalls in Paris Oratorianer und verlegte sich auf Mathematik und Naturwissenschaft. 1713 übernahm er eine Erzieheraufgabe, die ihn mehr mit dem klassischen Altertum in Verbindung brachte. Mit seiner 1715 veröffentlichten Dissertation über Homers Ilias ergriff Abbé Terrasson im „Streit zwischen den Alten und den Modernen“ (Querelle des Anciens et des Modernes) Partei für die „Modernen“.

1720 übernahm er am Collège Royal den Lehrstuhl für griechische und römische Philosophie.

1731 veröffentlichte er den pseudohistorischen Roman Sethos (Séthos, histoire, ou Vie tirée des monumens, anecdotes de l'ancienne Égypte, traduite d'un manuscrit grec), der im Antiken Ägypten spielt. Zu einer Zeit vor der Entzifferung der Hieroglyphen durch Champollion erfand er die fiktive Lebens- und Einweihungsgeschichte eines Prinzen. Da altägyptische Mysteriensysteme nicht bekannt waren, imaginierte Abbé Terrasson die Einweihungsriten weitgehend – basierend auf antiken griechischen Texten, inklusive unterirdischer Prüfungen durch die vier Elemente Feuer, Wasser und Luft in Pyramiden. Der Roman wurde ins Englische und zweimal ins Deutsche übersetzt (von Christoph Gottlieb Wend und Matthias Claudius). Der Roman brachte das Antike Ägypten in Mode und war eine der Quellen für das Libretto von Emanuel Schikaneder für Mozarts Oper Die Zauberflöte von 1791. Die Freimaurerei missverstand Terrassons fiktive ägyptische Rituale als historische Wahrheit. Viele Logen bauten diese erfundenen ägyptischen Prüfungen direkt in ihre eigenen Aufnahmerituale ein. Abbé Terrassons Fantasy-Roman Sethos, der maßgeblich zur Popularisierung des Begriffs „Ägyptische Mysterien“ beitrug, wurde ein realer Erfolg. Ein ägyptisches Mysteriensystem existierte nie.Mary Lefkowitz: Stolen Legacy (or Mythical History?) Did the Greeks Steal Philosophy from the Egyptians? The message of the book is sensational and revolutionary: “The Greeks were not the authors of Greek philosophy, but the Black people of North Africa, the Egyptians”, Skeptic magazine, Vol. 2, No. 4, 1994, S. 98–103

Die Académie française wählte Abbé Terrasson 1732 auf den Sitz Nr. 12. Zum Dank machte er sich an die Übersetzung der Weltgeschichte Diodors. Er legte sein Amt 1773 zugunsten von Abbé Aubert nieder – der zum Professor für französische Literatur ernannt wurde –, woraufhin der zweite Lehrstuhl für griechische und lateinische Philosophie wegfiel; der Lehrstuhl für Syrisch wurde hingegen in einen Lehrstuhl für Mechanik umgewandelt, aus dem 1786 unter Louis Lefèvre-Gineau der Lehrstuhl für Experimentalphysik hervorging.

Er starb 1750 im Alter von 80 Jahren. Weitere Werke erschienen postum.

Werke Autor Dissertation critique sur l’Iliade d’Homère, où, à l’occasion de ce poème, on cherche les règles d’une poétique fondée sur la raison et sur les exemples des anciens et des modernes. 2 Bde. Paris 1715. Addition 1716. Genf 1971. (englisch) A critical dissertation upon Homer’s Iliad. London 1722–1725. Mémoire pour servir à justifier la Compagnie des Indes, contre la censure des casuistes qui la condamnent. 1720. Sethos. Histoire ou vie tirée des monuments anecdotes de l’ancienne Egypte. 3 Bde. Paris 1731, 1767, 1794, 1813. (englisch) The life of Sethos. London 1732. (italienisch) Setosi, storia. Venedig 1734. (deutsch) Abriß der wahren Helden-Tugend, oder Lebens-Geschichte des Sethos, Königes in Egypten. Hamburg 1732–1737. (übersetzt von Christoph Gottlieb Wend) (deutsch) Geschichte des egyptischen Königs Sethos. Breslau 1777–1778. (übersetzt von Matthias Claudius) La philosophie applicable à tous les objets de l’esprit et de la raison. Ouvrage en refléxions détachées. Paris 1754. (deutsch) Des Abtes Terrassons Philosophie nach ihrem Einflusse auf alle Gegenstände des Geistes und der Sitten. Berlin 1756–1762. (übersetzt von Luise Adelgunde Victorie Gottsched) (postum) Traité de l’infini créé. Hrsg. Antonella Del Prete. Champion, Paris 2007. Übersetzer (Übersetzer) Histoire universelle de Diodore de Sicile. 7 Bde. Paris 1737–1744. (Diodor) (Übersetzer, postum) Nicolas Chorier: Nouvelle traduction du Mursius, connu sous le nom d’Aloïsia ou de l’Académie des dames. 1775.

Literatur Michael Bernsen: Ägypten im französischen 18. Jahrhundert. Der Roman Sethos des Abbé Terrasson. In: Barbara Kuhn (Hrsg.): Peripher oder polyzentrisch? Alternative Romanwelten im 18. Jahrhundert. Berlin 2009, S. 31–44. Hans-Diether Grohmann: Matthias Claudius als Übersetzer französischsprachiger Schriftsteller. Neumünster 1995, S. 24–27, 51–63, 240–298. Maryse Marchal: La morale de l’Abbé Jean Terrasson (1670–1750). Thèse de 3e cycle Littérature française. Nancy 2. 1981. Friedrich Wolfzettel: Der französische Roman der Aufklärung. Tübingen 2009, S. 59 ff.

Weblinks

Kurzbiographie, französisch

Einzelnachweise

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