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Das DP-Lager Dieburg, bekannt auch als Lager 560, war eines von etwa 450 DP-Lagern, die 1946 in der Amerikanischen Besatzungszone eingerichtet worden waren, um ehemalige Insassen der Konzentrationslager, NS-Zwangsarbeiter oder Menschen, die aufgrund des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren hatten, zu betreuen. Das Lager in Dieburg bestand zwischen Oktober 1946 und August 1949 und entwickelte sich in dieser Zeit vom DP-Lager für polnische und lettische DPS zu einem rein jüdischen DP-Lager.

Die Geschichte des DP-Lagers Dieburg DP-Lager wurden von den Alliierten nach ihrem Sieg über Nazi-Deutschland meistens in großflächigen Einrichtungen eingerichtet, die während der NS-Zeit als Wehrmachts- oder SS-Kasernen genutzt worden waren, nicht selten aber auch in den ehemaligen Kriegsgefangenenlagern, Konzentrationslagern und Unterkünften für Zwangsarbeiter. Der Lagercharakter blieb schon aufgrund dieser Gegebenheiten auch für die Menschen erhalten, die diese Einrichtungen überlebt hatten und nun als DPs nach einer neuen Perspektive ohne Lagerzwänge suchten. Insoweit war das DP-Lager Dieburg, abgesehen von seinen Anfängen im Muna-Lager, eine Besonderheit. Es verfügte zwar über zwei Sammelunterkünfte, doch war die Mehrzahl der DPs in beschlagnahmten Wohnungen und Häusern untergebracht, die sich über weite Teile der Kleinstadt Dieburg erstreckten.Holger Köhn: Die Lage der Lager

Das Muna-Lager Am 25. März 1945 wurde Dieburg von der US-Army besetzt, und damit begannen auch die Bemühungen um die Versorgung und Unterbringung der Displaced Persons. In Dieburg spielte sich das zunächst noch außerhalb der Stadt ab, denn das erste Lager für polnische Zwangsarbeiter (DP-Camp 559) entstand auf dem Muna-Gelände in einem zur Gemeinde Münster gehörenden Wald.

In Dieburg selbst entstand ab Oktober 1945 im Bischöflichen Konvikt ein SammellagerLothar Lammer, Maria Porzenheim, Tina Rosenfeld: Displaced Persons im Lager 560 Dieburg, in dem vermutlich lettische DPs untergebracht worden waren.

Nach dem Winter 1945/46 hatten UNRRA und die US-amerikanische Militärverwaltung beschlossen, das Muna-Lager wegen der dort herrschenden schlechten Unterkunftsbedingungen aufzulösen und dessen Bewohner nach Dieburg umzusiedeln. Die Geschichte des DP-Lagers auf dem Muna-Gelände endete im Juli 1946, doch wurden auch danach noch DPs in vier großen Häusern ehemaliger Mitglieder der NSDAP untergebracht. Administrativ handelte es sich hierbei um eine Außenstelle des DP-Lagers Dieburg.

The new Colony und die weitere Ausweitung des DP-Lagers In Dieburg stand im Gegensatz zum Muna-Gelände keine großflächiges Areal für die Einrichtung eines Lagers zur Verfügung, weshalb vierzehn Häuser in der Nähe des Konvikts (im nördlichen Bereich der Kettler- und Gabelsbergerstraße) für die DPs requiriert wurden. Die einheimischen Bewohner mussten diese innerhalb von 24 Stunden verlassen und ihre Wohnungseinrichtungen zurücklassen. In dem beschlagnahmten Wohnraum fanden knapp 300 lettische DPs Unterkunft, weitere 200 lebten im Konvikt. Zusammen bildeten sie bis Oktober 1946 die von der UNRRA so benannte new colony. mini|Teilansicht des Konvikt-Gebäudes mini|Schloss Fechenbach Parallel zu den zuvor skizzierten Maßnahmen wurden weitere Räumlichkeiten für DPs benötigt. So wurden im Mai 1946 Schloss Fechenbach und 25 Häuser in der sogenannten SA-SiedlungInformationen über die SA-Siedlungen (Bebauungsform, Bewohner, Gründung) liegen nicht vor und sind auch im Internet kaum zu finden. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass auch in anderen Städten solche Siedlungen während der NS-Zeit entstanden, doch mehr darüber ist kaum in Erfahrung zu bringen. In der Wikipedia findet der Begriff SA-Siedlung einzig im Zusammenhang mit der SA-Siedlung Birken (Bayreuth) etwas ausführlicher Erwähnung, der liefert aber auch keine weitergehenden Informationen. beschlagnahmt. Beide Standorte wurden für Unterkünfte herangezogen. Eine weitere Beschlagnahmung von privatem Wohnraum für DPs scheiterte am Einspruch der Militärregierung in Darmstadt, da diese auch noch mit dem Problem konfrontiert war, für deutsche Flüchtlinge in der Stadt Unterkünfte zu finden.

Das DP-Lager Dieburg verteilte sich also im Sommer 1946 auf fünf Standorte und bot Raum für maximal 1000 Personen: Wohnhäuser auf dem Muna-Gelände ( (außerhalb der Karte)) Sammellager Bischöfliches Konvikt (Karte = 1) beschlagnahmte Wohnungen im Bereich Kettler- und Gabelsbergerstraße (the new colony, Karte = 2) beschlagnahmte 25 Häuser in der SA-Siedlung (Karte = 3) Sammellager Schloss Fechenbach (Karte = 4) Hinzu kam das UNRRA-Büro im Rathaus und ein Schulhaus an der Groß-Umstädter Straße, in dem bis zu 200 Kindergarten- und Schulkinder betreut werden konnten. Ein Klassenraum diente religiösen Zwecken der überwiegend protestantischen DPs.

Diese Phase des DP-Lagers endete im Oktober 1946.

Das jüdische DP-Lager In der Folge des Pogroms von Kielce kam es von August bis Oktober 1946 zur massenhaften Zuwanderung polnischer Juden in die amerikanische Besatzungszone, die meist von den Transitlagern Landshut oder Cham (Oberpfalz) aus auf andere Standorte verteilt wurden, darunter auch in das DP-Lager Babenhausen. Für die Menge der ankommenden Menschen fehlte im Lager Babenhausen, einem ehemaligen Kasernengelände, die notwendige Infrastruktur. Die UNRRA und andere jüdische Hilfsorganisationen verlangten deshalb die Verlegung der Camp-Insassen in Privatwohnungen außerhalb des Camps, was dazu führte, dass Ende Oktober/Anfang November 1946 mehrere Hundert DPs, vor allem Familien, nach Dieburg verlegt wurden. Das hatte Folgen für die bisher hier untergebrachten lettischen DPs: Sie wurden in das DP-Lager Marienhöhe verlegt, das sich auf dem Gelände des Schulzentrums Marienhöhe (Marienhöhe firmierte als DP-Camp No. 2 / Baltic DP-Camp und bestand vom 6. Oktober 1945 bis zum 18. Oktober 1948. Die Kapazität betrug 1.200 Plätze.) befand. Das Schulzentrum Marienhöhe war 1941 für die Wehrmacht beschlagnahmt worden und befand sich bis zum Sommer 1948 in der Verwaltung der Besatzungsmacht und der Internationalen Flüchtlingsorganisation (IRO).Marienhöher Zeitreise, S. 4–5. Nach Köhn war die Marienhöhe zuvor ein polnisches DP-Lager. Wohin dessen Bewohner verbracht worden waren, ist nicht erwähnt.

Nach Köhn kamen etwa 1000 jüdische DPs aus Babenhausen nach Dieburg. Für deren Unterbringung reichten die bisherigen Räumlichkeiten nicht aus, weshalb weitere Wohnungen beschlagnahmt werden mussten. Der Dieburger Bürgermeister wurde angewiesen, Anwesen, die früher Dieburger Juden gehört hatten, für die DPs zur Verfügung zu stellen. Das betraf vier Gebäude; 17 weitere, die beschlagnahmt wurden, gehörten Nazis. Aufgegeben wurden die Häuser in der new colony. Den DPs standen somit – neben den Sammelunterkünften im Konvikt und im Schloss Fechenbach – etwa in 50 Einzelhäusern Platz für rund 700 Personen zur Verfügung. Größtes zusammenhängendes Lagergebiet war nach wie vor die ehemalige SA-Siedlung mit 25 beschlagnahmten Häusern.

Von zentraler Bedeutung für das Zusammenleben der jüdischen DPs war das Konvikt, das neben weiteren Wohnmöglichkeiten für etwa 200 Menschen (Stand März 1947) vor allem die Gemeinschaftseinrichtungen enthielt.

Außerdem soll sich in einer ehemaligen Kokosmattenfabrik auf dem Gelände von Schloss Stockau (Dieburg) auch ein Kaufhaus für die DPs befunden haben.

Aus den Reihen der DPs bildete sich auch eine Fußballmannschaft, die Hapoel Dieburg, die gegen andere hessische Lagermannschaften spielte, und es gab ein schulisches und berufliches Ausbildungsangebot, das auf die Auswanderung vorbereiten sollte. Die berufskundliche Ausbildung wurde von der Organisation ORT angeleitet.

Auf der Webseite After the Shoah: Dieburg – Jüdisches DP-Lager wird außerdem die Existenz eines Cheders und einer Jeschiwa erwähnt. Dort werden auch die folgenden Belegungszahlen genannt: 866 November 1946 917 Januar 1947 843 Mai 1947 832 September 1947 918 Januar 1948 815 Mai 1948 641 Oktober 1948 421 März 1949 Geschlossen wurde das Lager im Mai 1949.

Begegnungen mit der jüdischen Geschichte Dieburgs Den DPs dürfte kaum bewusst gewesen sein, dass das überwiegend katholische Dieburg vor 1933 über einen sehr hohen jüdischen Bevölkerungsanteil verfügt hatte und alles andere gewesen war, als eine NS-Hochburg.Dietrich Kohlmannslehner, Thomas Lange: ...wohnen auf der verfluchten deutschen Erde (Beiheft) Gleichwohl war auch hier die erst 1929 erbaute Synagoge während der Novemberpogrome 1938 geschändet worden, blieb aber äußerlich unzerstört. In der Folgezeit wurde sie, nun in städtischem Besitz, als Magazin und für Werkstätten benutzt.

Die US-amerikanische Militärregierung entschied dann, den vorwiegend provisorische Beträume (unter anderem im Schloss Fechenbacher) nutzenden DPs die zweckentfremdete Synagoge wieder für religiöse Zwecke zur Verfügung zu stellen. Nach im Frühjahr 1947 begonnenen Renovierungsarbeiten konnte am 29. Juli 1947 die Einweihung gefeiert werden.

Obwohl in den folgenden Monaten täglich zwei Gottesdienste in der Synagoge stattfanden, endete deren Nutzung 1948, nachdem viele DPs in den neu gegründeten Staat Israel oder in die USA ausgewandert waren. Nach einem Rückerstattungsverfahren kam die Synagoge 1950 in den Besitz der IRSO, die sie 1952 an einen örtlichen Möbelhändler verkaufte. Die Synagoge wurde zu einem Möbelgeschäft umgebaut und nach weiteren Besitzerwechseln 1986 abgerissen.

In Dieburg hatte es außerdem seit etwa 1550 auch einen jüdischen Friedhof gegeben. Über dessen Schicksal berichtete am 9. Mai 1946 Bürgermeister Steinmetz:

Was Steinmetz nicht berichtete: Schloss Fechenbach, zum Zeitpunkt des Schreibens bereits Bestandteil des DP-Lagers, war während des Zweiten Weltkriegs von der NSDAP-Ortsgruppe als Gemeinschaftshaus und Partei-Zentrale benutzt worden. Sie erweiterte das Gebäude um eine große Terrasse mit einer Freitreppe. Das Baumaterial dafür fanden die Nazis auf dem jüdischen Friedhof: rund 200 Grabsteine. Ob Steinmetz das nicht wusste oder nicht wissen wollte, ist unklar.Nach Köhn war die Zweckentfremdung der Grabsteine erst Mitte 1947 festgestellt worden. (Holger Köhn: Zweierlei Raum, zweierlei Wirkung, S. 48) Erst 1948 wurde dieser Akt der Schändung wieder rückgängig gemacht. Auf Initiative und mit großer Anteilnahme der DPs wurden die geschändeten Grabstein am 8. Januar 1948 „feierlich zum Friedhof zurücktransportiert und wieder aufgestellt. Es gab eine ergreifende Rede durch Rabbi Bluth, ehe weitere Verantwortliche des Lagers sprachen.“Dietrich Kohlmannslehner, Thomas Lange: Nach 1945 – ein neuer Anfang? Da aber der ursprüngliche Standort der Grabsteine nicht mehr bekannt war, wurden die zurückgeführten Grabsteine entlang der östlichen Friedhofsmauer aufgestellt, und jene Steine, deren Inschriften herausgehauen worden waren, wurden zu einem Haufen aufgeschichtet.Hartmut Heinemann: Die jüdischen Friedhöfe im Landkreis Darmstadt-Dieburg, in: Thomas Lange im Auftrag des Landkreises Darmstadt-Dieburg (Hrsg.): L'chajim, S. 119

Das DP-Lager als antisemitische Zielscheibe