Unter dem Titel Perversionen der Frau erschien 2003 die Übersetzung des 1988 erschienenen anthropologischen und sexualwissenschaftlichen Sachbuches Mother, Madonna, Whore der britisch-argentinischen Psychoanalytikerin Estela Welldon. Eine frühere Ausgabe auf Deutsch erschien 1992 unter dem Titel Mutter, Madonna, Hure. Verherrlichung und Erniedrigung der Mutter und der Frau.
Welldon ist Gründerin der Internationalen Vereinigung für Forensische Psychotherapie (IAFP), spezialisiert auf die Behandlung von sexuell auffälligen und straffälligen Menschen und war 1988 eine der ersten, die über weibliche Perversionen forschte, lehrte und publizierte. In ihrem Buch konzipierte sie eine Psychopathologie der Frau, die unter anderem mit Kindesmisshandlung, Inzest, Prostitution oder selbstverletzendem Verhalten einhergehen kann. Diese Phänomene wurden lange Zeit nicht als mögliche Symptome einer Perversion verstanden. Zwar liegt bei Frauen einer Perversion dieselbe Psychodynamik wie bei Männern zugrunde, in Erscheinungsbild (Phänomenologie) und Symptomatik unterscheidet sie sich jedoch erheblich von der männlichen Perversion, wie sie beispielsweise Robert Stoller in seinem Buch Perversion – Die erotische Form von Hass beschrieb.
Historische Einordnung Bis in die späten 1980er Jahre war über die Perversion der Frau kaum etwas bekannt. „Erst seit etwa 20 Jahren“, so die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker im Jahr 2002, sei die weibliche Perversion zu einem Thema in Sexualwissenschaft und Psychoanalyse geworden. „In dieser auffälligen Verspätung“ drücke sich „die lange aufrechterhaltene Überzeugung aus, dass es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Perversionen bei der Frau nicht gebe“.
Unter dem Titel Das weibliche Körperselbst und die Perversion teilte Becker im Jahr 2005 mit, Perversionen bei Frauen seien nicht erkannt worden, „weil sie am falschen Ort gesucht wurden“. Inzwischen sei bekannt, dass die Perversion eben „keine Domäne des Mannes“ sei, sie habe nur „ein anderes Gesicht“. Frauen würden sexualisierte Aggression anders externalisieren als Männer. Und weil dem Körper in der Entwicklung von Frauen eine besondere Bedeutung zukomme, müsse diese Besonderheit bei der Erforschung weiblicher Perversionen Berücksichtigung finden.
Aufbau des Buches Das Buch hat sieben Kapitel. Das Vorwort von Sophinette Becker, der ehemaligen Leiterin der Institutsambulanz des inzwischen geschlossenen Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, greift in drei Abschnitten eine Auswahl der zentralen Thesen auf. In ihrer Danksagung, die Welldon ihren wissenschaftlichen Betrachtungen voran stellt, dankt sie nicht nur Menschen, die sie auf ihrem Weg durch dieses Thema fachlich und persönlich begleiteten, sondern auch ihren Patientinnen, denen sie dieses Buch widmete. Einem Epilog schließen sich eine umfangreiche Bibliographie und ein Stichwortverzeichnis an. Unter den zahlreich von Welldon zitierten Autoren finden sich eine Reihe prominenter Frauen, wie die Feministin Simone de Beauvoir, Marie Bonaparte, Janine Chasseguet-Smirgel und Helene Deutsch, die sich als erste Psychoanalytikerin speziell mit der weiblichen Sexualität befasste. Karen Horney war eine der ersten Frauen, die in Deutschland Medizin studierten. Sie stellte Freuds Lehre vom Penisneid ein Konzept von männlichem Neid auf Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft entgegen. Joyce McDougall schlug in ihrem Buch Plädoyer für eine gewisse Anormalität eine Revision der Freud’schen Auffassung von Perversion vor. Sie alle kommen bei Welldon zu Wort.
Inhalt „Die Mütterlichkeit ist das zentrale Thema dieses Buches – die Mütterlichkeit mit all ihrer Macht zum Guten und, zuweilen, zu Perversionen.“ Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Betrachtungen von Welldon ist die Macht, mit der Mütter ausgestattet seien und die aufgrund der hohen gesellschaftlichen Erwartungen einerseits und wegen eigener emotionaler Probleme andererseits zu Überforderung und in der Folge zu Missbrauch der mütterlichen Macht führen könne. „Dieses Buch ist eine Studie über das vernachlässigte Gebiet weiblicher Perversionen“, schreibt Welldon, und es beruhe auf zwanzigjähriger „Erfahrung in der klinischen Arbeit mit Frauen“. Theoretisch orientiere sich Welldon an den Konzepten der Objektbeziehungstheorie von Melanie Klein und anderen. Sie verbinde mit der Veröffentlichung ihres Buches die Hoffnung, es könnte als Anregung für diagnostische Erwägungen nützlich sein und dazu beitragen, dass Frauen ihre große Scham überwinden und zu sprechen beginnen, worüber sie lieber schweigen.
Vorwort Das Vorwort der Ausgaben unter dem neuen Titel Perversionen der Frau verfasste Sophinette Becker. Sie bringt die zunächst geringe Rezeption von Welldons Buch u. a. mit dem Titel der deutschen Erstausgabe in Verbindung – Mutter, Madonna, Hure. Verherrlichung und Erniedrigung der Mutter und der Frau –, der keinen unmittelbaren Rückschluss auf das Thema Perversion nahelegte und mit der Auflage 2003 geändert wurde. Auf die 1975 von Stoller vorgelegten Erwägungen greife Welldon ebenso zurück wie auf das Bild von der „Plombe“ im seelischen Gleichgewicht, das Fritz Morgenthaler für ein Verständnis der Perversionen 1974 zur Verfügung gestellt hatte. Für Stoller bringe die Perversion des Mannes erotisierten Hass zum Ausdruck und dieses deutende Verständnis teile Welldon für die Psychodynamik der weiblichen Perversion.
Sexuelle Perversion der Frau Welldon beginnt ihr erstes Kapitel mit Betrachtungen über die frühe Zeit der Psychoanalyse und deren Verständnis der weiblichen Sexualität. Freud sei, so Welldon, „zwar ein Genie“ gewesen, doch nicht in der Lage, „in die Komplexität der Libidoentwicklung der beiden Geschlechter eine zureichende Einsicht zu geben.“ Die frühen psychoanalytischen Annahmen über die Sexualität des Menschen hätten sich auf den Phallus „als das Geschlechtsorgan schlechthin“ bezogen und auf die „Situation des Kindes in einer Dreiecksbeziehung“. Die Frau war gleichsam als Nicht-Mann konzipiert. Als Freud einräumte, die weibliche Sexualität sei ihm ein „Rätsel“, hätten einige Analytikerinnen durchaus fruchtbare und auch originelle Ideen beigesteuert, jedoch seien sie stets auf „Mißbilligung“ gestoßen. Nicht anders sei es Karen Horney ergangen, die sich gegen die implizite Annahme stellte, eine Hälfte des Menschengeschlechts müsse unzufrieden mit ihrer Geschlechtsrolle sein. Für sie und ihre Kolleginnen war ein Mädchen eben nicht ein Wesen, dem ein Penis fehle. Deshalb hätten sie über vaginale Empfindungen von Mädchen schreiben und bei ihm „von Anfang an ein Gefühl der Weiblichkeit“ anerkennen können. Horney und ihre Kolleginnen hätten ein „alternatives theoretisches Gebäude“ errichtet, bewirken „konnten sie damit jedoch nichts“ – „die Herrschaft des Phallus war uneingeschränkt akzeptiert worden und galt fortan als unbestreitbar und unwiderlegbar“. Der Sozialpsychologe Rolf Pohl sprach davon, dass „die gesamte männliche Sexualität […] gewissermaßen penifiziert und phallokratisiert“ worden sei.
Später wurden die frühen theoretischen Ansätze wieder aufgegriffen, „wobei diese Initiative in erster Linie von der Frauenbewegung und nicht von der psychoanalytischen Welt ausging“. Erst in den 1980er Jahren wurden u. a. von Chasseguet-Smirgel oder McDougall Theorien über weibliche Sexualität und weibliche Perversionen veröffentlicht, die in psychoanalytischen Fachkreisen dann auch ernst genommen wurden. Sie lösten die bis dahin „gängige Ansicht“ ab, bei der Frau könne es keine Perversion geben, weil sie keinen Penis habe.
Als wichtigsten Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Perversion benennt Welldon das „Ziel“ des perversen Verhaltens. Beim Mann richte es sich auf ein äußeres Objekt – Partialobjekt genannt –, bei der Frau auf ein inneres, also gegen sich selbst, den eigenen Körper oder „gegen ein Objekt, das sie als von sich selbst erschaffen betrachtet: ihr Kind“.
Unabhängig vom Geschlecht ist Menschen mit einer Perversion gemeinsam die mehr oder weniger bewusste Überzeugung, man habe ihnen „die Freude an der Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit mit einer eigenen Identität verwehrt“. Sie hätten die „Freiheit, sie selbst zu sein, nicht erlebt“. Das Gefühl, nicht erwünscht zu sein, keinen Schutz zu haben und keine Beachtung zu erlangen, habe sich schon früh in ihrem Leben eingestellt und einen großen Hass gegen die Mutter heraufbeschworen.
Mit zunehmendem Verständnis sei den Müttern Schuld zugesprochen worden. Dabei werde jedoch übersehen, dass diese Mütter einst selbst Opfer waren. „Durch ihr Verhalten machen sie andere zu Opfern und erniedrigen sie, genau wie man es früher mit ihnen getan hatte.“
Um die weibliche Perversion zu verstehen, gelte es, sich von einer Reihe von Annahmen frei zu machen, die aufzugeben offenbar schwer falle. Die Gesellschaft verherrliche Mütterlichkeit und noch immer werde die Möglichkeit eines mütterlichen Inzests selten eingestanden, während der väterliche Inzest nicht in Zweifel stehe.
Welldon versteht die weibliche Perversion gleichsam als einen Mehrgenerationenprozeß und hält es für erforderlich, bei der Untersuchung des Phänomens stets drei Generationen im Blick zu haben. In der Regel müssen Frauen, wenn sie Mütter werden, ihr Muttersein bewältigen, ohne hinreichend darauf vorbereitet worden zu sein und oft genug ohne die eigenen Nöte als Kind verarbeitet zu haben. Die Gesellschaft erwarte von der Mutter, so Welldon, „daß sie sich so verhält, als verfüge sie über einen Zauberstab, der sie [...] in die Lage versetzt, mit unfehlbarem Geschick mit den neuen Nöten der Mutterschaft fertig zu werden“. Doch die „Grausamkeit der Verzweiflung, der Mutlosigkeit und der Unzulänglichkeit kann nur allzu leicht in Haß und Rache gegen das neugeborene Kind umschlagen“, so Welldon.
Sie schließt ihr erstes Kapitel mit einem Blick auf Brücken, die erst noch gebaut werden müssen:
Sexualität und weiblicher Körper Im Verhältnis der Menschen zu ihren Geschlechtsorganen unterscheiden sich Männer und Frauen fundamental. Die Frau sei, so Welldon, „in einer völlig anderen Situation“ als der Mann, denn sie wisse seit Herausbildung der Geschlechtsidentität, dass ihr Fortpflanzungsorgan beim Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft verursachen könne, die ihren Körper „drastisch, wenn auch nur vorübergehend“ verändern und „ihr ganzes Leben nachhaltig beeinflussen“ würde. Für die Frau habe der Geschlechtsakt eine „andere Dimension“ als für den Mann, und deshalb stehe sie „eindeutiger auf dem Boden des Realitätsprinzips“, während der Mann in diesen Zusammenhängen eher zum Lustprinzip neige.
Weiblichkeit werde gemeinhin bevorzugt mit der Verwendung des Körpers und Männlichkeit eher mit intellektuellen Leistungen assoziiert. Groß sei im Verhältnis zum Intellekt „die bittere Macht, die dem weiblichen Körper und der Feminität zugewiesen“ werde. Der Körper der Frau sei „dafür vorgesehen, einen anderen lebenden Körper in sich zu bergen“, deshalb sei Weiblichkeit nur schwer von der Mutterfunktion zu trennen.
Welldon zitiert Luce Irigaray, die den „Reichtum der weiblichen Sexualität“ mit der Fähigkeit von Frauen in Zusammenhang bringe, „an fast jeder Stelle“ ihres Körpers Lust empfinden zu können, womit „die Landschaft ihrer Lust“ abwechslungsreicher und vielfältiger sei, komplexer und subtiler als es allgemeiner Vorstellung entspreche. Bei perversen Frauen könnten diese „vielfältigen Lustquellen“ dann im Rahmen des sich entwickelnden Krankheitsprozesses zum „Zentrum selbst zugefügter Schmerzen“ werden.
„Durch die Macht der Gebärmutter“ unterscheide sich die Frau vom Mann, so Welldon und ebenso, wie diese Macht im besten Fall „Liebe, Erfüllung und Sicherheit hervorbringen“ könne, sei im schlimmsten Fall auch das Gegenteil möglich.
Die Macht der Gebärmutter