Gaetano Guadagni (* 16. Februar 1728 in LodiLaut Taufeintrag im Pfarrarchiv von Lodi. Patricia Howard: „The Modern Castrato: Gaetano Guadagni and the coming of a new operatic age“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 16–17, online als Google-Book (Abruf am 3. August 2020)Der MGG gibt fälschlich noch den 11. Dezember 1725 als Geburtsdatum an. .; † 11. Oktober oder November 1792 in Padua) war ein italienischer Opernsänger (Alt-Kastrat) und Komponist. Er wird besonders mit der Titelrolle von Glucks Orfeo ed Euridice identifiziert und arbeitete auch mit Georg Friedrich Händel zusammen.
Leben
Sein Geburtsort und -datum waren lange Zeit nicht bekannt, erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde sein Taufeintrag gefunden, woraus hervorgeht, dass er am Morgen des 16. Februar 1728 in Lodi geboren wurde. Gaetano gehörte zu einer Musikerfamilie, seine Eltern waren Sebastiano Guadagni und Caterina Maura. Sein Bruder Giuseppe Guadagni war ein bekannter Tenor und auch seine drei Schwestern Anna, Angiola und Lavinia waren Opernsängerinnen;Patricia Howard: „The Modern Castrato: Gaetano Guadagni and the coming of a new operatic age“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 19–20, online als Google-Book (Abruf am 3. August 2020) eine besonders enge Beziehung hatte Gaetano zu Angiola.Patricia Howard: „The Modern Castrato: Gaetano Guadagni and the coming of a new operatic age“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 4, online als Google-Book (Abruf am 3. August 2020)
Über seine Ausbildung ist nichts bekannt, wahrscheinlich erhielt er ersten Musikunterricht als Chorknabe in Lodi. Nach Aufenthalten in Cremona und Mantua ging Gaetano 1746 nach Padua und nahm eine Stelle als Altist in der Kapelle der Basilica di Sant’ Antonio an, wo er Schüler von Francesco Antonio Vallotti war.Andrea Pini: Guadagni, Gaetano, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 60, 2003, online auf (italienisch; Abruf am 4. August 2020) Er wurde jedoch bald wegen Vertragsbruch entlassen. Im selben Jahr hatte er am Teatro San Moisè in Venedig erste Opernauftritte in kleinen Rollen in Girolamo Michielis Zenobia und in einer Cesare in Egitto eines unbekannten Komponisten.
Zwei Jahre später reiste er mit der auf Buffa-Opern spezialisierten Truppe von G. F. Crosa nach England und debütierte am Haymarket Theatre in der Rolle des Celindo in Rinaldo di Capuas La commedia in commedia.
mini|links|hochkant|Georg Friedrich Händel Durch die Sopranistin Giulia Frasi lernte er Georg Friedrich Händel und Charles Burney kennen. Händel ließ Guadagni in seinen Oratorien Messiah und Samson die ursprünglich für Susannah Cibber komponierten Partien singen und komponierte für ihn die Rolle des Didymus in Theodora (1750). Burney, der Guadagni während dieser Zeit beim Einstudieren seiner Rollen half (wahrscheinlich vor allem mit der englischen Sprache), schrieb später, dass dieser anfangs ein „wilder und nachlässiger Sänger“ gewesen sei (a wild and careless singer)Charles Burney: „A general history of music, from the earliest ages to the present period (1789)“, Bd. II. Neuausgabe bei Harcourt, Brace and Company, New York, 1935, S. 875. Online im Internet-Archiv (Abruf am 5. August 2020) aber mit einer guten Stimme, die er als einen „vollen und wohl intonierten Countertenor“ (full and well-toned countertenor) bezeichnete, wobei er sich merkwürdigerweise auf das englische Stimmfach von Falsettisten bezog. Mit der Arie des Micah Return, oh God of hosts aus Samson hatte Guadagni besonderen Erfolg beim englischen Publikum.
Daneben trat er auch in der italienischen Opera seria auf, u. a. in Vincenzo Ciampis Adriano in Siria (1750). Guadagnis erster Aufenthalt in der englischen Hauptstadt währte bis zum Jahr 1753, abgesehen von einer erfolgreichen Tournee nach Dublin 1751–1752.
1753 hatte er ein Engagement in Lissabon, wo er Gesangsunterricht bei seinem berühmten Kollegen Gioacchino Conti, gen. Gizziello, nahm. Burney meinte, dass Guadagni wahrscheinlich erst dadurch zu dem großen Sänger wurde, als welcher er dann bewundert wurde.Charles Burney: „A general history of music, from the earliest ages to the present period (1789)“, Bd. II. Neuausgabe bei Harcourt, Brace and Company, New York, 1935, S. 875–876. Online im Internet-Archiv (Abruf am 5. August 2020) Im Jahr darauf sang er in Paris im Concert spirituel und vor dem königlichen Hof in Versailles, danach trat er in Brüssel in einem dramma giocoso Don Calascione auf.
Wieder in London, wirkte Guadagni 1755 am Drury Lane Theatre in John Christopher Smiths The Fairies mit, in der Rolle des Lysander. Dabei lernte er den berühmten Schauspieler David Garrick kennen, der Guadagnis schauspielerische Fähigkeiten weiter ausbildete.
Die Zeitgenossen waren sich darüber einig, dass Gaetano Guadagni ein gutaussehender Mann war: von einem Kollegen wurde er 1748 in einem Brief als „schöner junger Sopran“ (un Soprano bello, giovane) bezeichnet; auch später wurde er für seine „schöne Figur“ (bella figura) gepriesen;Patricia Howard: „The Modern Castrato: Gaetano Guadagni and the coming of a new operatic age“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 3 Fußnote 4), online als Google-Book (Abruf am 3. August 2020) und für den englischen Tenor Michael Kelly war Guadagni „der bestaussehende Mann seiner Art, den ich je gesehen habe“, und „ohne jene körperlichen Defekte, die man sonst gewöhnlich bei Kastraten sieht“ (...senza que’ difetti nel corpo che ne’ castrati ordinariamente si vedono). Das bedeutet wahrscheinlich, dass er weder unter Riesenwuchs litt, noch fettleibig war.
mini|Das Teatro San Benedetto in Venedig (1782), wo Guadagni in seinem Leben häufiger auftrat Im Karneval 1757 war der mittlerweile berühmte Guadagni zurück in Italien, mit Auftritten im Teatro San Benedetto in Venedig, u. a. in Ciampis Catone in Utica. Im selben Jahr sang er auch in Reggio Emilia in Tommaso Traettas La Nitteti und in Lucca im Artaserse von Baldassare Galuppi.
Zwischen 1756 und 1760 führte ihn seine Karriere an Opernhäuser in Parma, Venedig, Verona, Lucca, Turin und Neapel. Der Sopranistin Caterina Gabrielli soll er Ratschläge gegeben haben, um ihren Geschmack zu bilden, obwohl sie ihn mit ihrem Bravourgesang beinahe „an die Wand“ gesungen hätte;François-Joseph Fétis: „Gabrielli (Catherine)“, in: Biographie universelle des musiciens, Bd. 4, 2. Aufl., Paris 1860–1868, S. 230–232. Online auf: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France (französisch; abgerufen am 29. August 2019) es heißt auch, dass sie in ihn verliebt gewesen sei.
Während der Feierlichkeiten zur Hochzeit von Erzherzog Joseph von Österreich mit Isabella von Bourbon in Parma sang Guadagni in Traettas Opern Le feste d’Imeneo (September 1760) und Enea e Lavinia (Frühling 1761).
Nach Auftritten in Turin in Piccinnis Tigrane und in Artaserse von Johann Christian Bach, ging er 1761 an den württembergischen Hof nach Ludwigsburg und Stuttgart und dann ins kaiserliche Wien.
mini|hochkant|Christoph Willibald Gluck Dort debütierte er 1762 als Orazio in Johann Adolph Hasses Oper Il trionfo di Clelia. Am 5. Oktober desselben Jahres folgte der entscheidende Auftritt seines Lebens, als er den Orfeo in der Uraufführung von Christoph Willibald Glucks erster Reformoper Orfeo ed Euridice verkörperte. Der Erfolg dieser Oper wurde vom Librettisten Calzabigi ausschließlich Gaetano Guadagni zugeschrieben,Patricia Howard: „The Modern Castrato: Gaetano Guadagni and the coming of a new operatic age“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 2, online als Google-Book (Abruf am 3. August 2020) der den Orfeo später auch in Italien, London und München sang und so sehr mit dieser Rolle identifiziert wurde, dass er auch in mehreren anderen Vertonungen des Stoffes mitwirkte und im letzten Jahrzehnt seiner Karriere nur wenige andere Rollen gesungen hat.
Bis 1765 wirkte Guadagni in Wien als primo uomo in verschiedenen Werken von Gluck, Traetta, Hasse und Florian Leopold Gassmann, insbesondere 1764 zur Krönung Josephs II. zum Römischen König in Hasses festa teatrale Egeria, und 1765 zur Hochzeit Josephs mit seiner zweiten Frau Maria Josepha von Bayern in Gassmanns Il trionfo d’Amore. Danach sang er auch in Innsbruck bei der Hochzeit von Erzherzog Leopold von Österreich mit Maria Ludovica de Borbon in Hasses Oper Romolo ed Ersilia.
Von 1765 bis 1769 hatte er vor allem Engagements an den venezianischen Theatern San Benedetto und San Salvatore, sowie in Padua, wo er im Jahr 1768 in der Basilica di Sant’Antonio (die ihn früher entlassen hatten) wieder als Solist aufgenommen wurde, für ein jährliches Gehalt von 400 Dukaten, wofür er aber nur an den vier Hauptfesten zu singen hatte.Charles Burney: Tagebuch einer musikalischen Reise, Bd. 1 (übers. v. C. D. Ebeling), Hamburg, 1772. Facsimile-Ausgabe bei Bärenreiter, Kassel et al., 2003, Spalte 94 Seinen Wohnsitz wählte er nun ebenfalls in Padua. Im Karneval 1768 in Rom sang er am Teatro Argentina in Antonio Sacchinis Artaserse und in Piccinnis Vertonung der Olimpiade; im Karneval 1769 war er wieder in Venedig, mit Auftritten in Galuppis Arianna e Teseo und in Demofoonte von Josef Mysliveček. Er sang während dieser Jahre außerdem in Opern von Ferdinando Bertoni, Giovanni Battista Borghi und Pietro Alessandro Guglielmi.
mini|hochkant=0.8|Das Haymarket-Theatre in London (1783) Von 1769 bis 1771 war Guadagni noch einmal in London, mit Auftritten in Guglielmis Oper Ezio und einem Pasticcio Olimpiade mit Musik von Piccinni und Johann Christian Bach, sowie in einem Oratorium des letzteren.Charles Burney: „A general history of music, from the earliest ages to the present period (1789)“, Bd. II. Neuausgabe bei Harcourt, Brace and Company, New York, 1935, S. 876 und 877. Online im Internet-Archiv (Abruf am 5. August 2020) Im April 1770 sang Guadagni seine Rolle des Orfeo in einem Pasticcio mit Musik von Gluck, Joh. Chr. Bach und Guglielmi, in der er auch eine selbstkomponierte Arie „Men tiranne, ah, voi sareste“ vortrug, die nach diesen Aufführungen in der Sammlung The favourite songs in the opera Orfeo publiziert wurde (London 1770).
Aber Guadagni scheint sich so völlig mit der von ihm dargestellten Figur identifiziert zu haben, dass er sich weigerte, eine Vorstellung des Orfeo zu unterbrechen, sich nach einer Arie zu verbeugen oder mitten in der Oper Zugaben zu geben – was ganz und gar nicht den Gepflogenheiten der Zeit entsprach und ihm vom englischen Publikum teilweise übel ausgelegt wurde (laut Charles Burney).Patricia Howard: „The Modern Castrato: Gaetano Guadagni and the coming of a new operatic age“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 8, online als Google-Book (Abruf am 3. August 2020) Dies zusammen mit einem Streit des Sängers mit einem Mr. Hobart, welcher seine Schwester Lavinia Guadagni beleidigt hatte (die als Sängerin der Opera buffa zur selben Zeit in London weilte), führte dazu, dass Gaetano bei jedem seiner folgenden Auftritte in London ausgepfiffen wurde. Auch mit seinem alten Bekannten Burney scheint er sich zu dieser Zeit überworfen zu haben, denn dieser bewunderte den Sänger zwar und fand, dass Guadagni „in Ansehung des Geschmacks, des Ausdrucks, der Gestalt und der Aktion in seiner Profession oben an steht“,Charles Burney: Tagebuch einer musikalischen Reise, Bd. 1 (übers. v. C. D. Ebeling), Hamburg, 1772. Facsimile-Ausgabe bei Bärenreiter, Kassel et al., 2003, Spalte 94 schrieb aber später teilweise sehr negativ über ihn.Patricia Howard: „The Modern Castrato: Gaetano Guadagni and the coming of a new operatic age“, Oxford University Press, New York, 2014, S. 8–9, online als Google-Book (Abruf am 3. August 2020)