Stummer Handel, auch Depothandel (englisch silent trade), ist eine besondere Form des Güteraustauschs, bei dem die Tauschpartner nicht miteinander sprechen und nicht anderweitig in direkten Kontakt zueinander treten. Der stumme Handel, dessen Beschreibungen häufig legendäre Züge tragen, ist nach älterer Ansicht von Forschungsreisenden, Ethnographen und Wirtschaftshistorikern eine an den Beginn des Handelsverkehrs zurückreichende Abmachung, die eine erste Kontaktaufnahme zwischen fremden oder sich feindselig gegenüberstehenden Gruppen ermöglicht. Typischerweise legt eine Gruppe an einem bestimmten Ort ihre zu tauschenden Güter ab und zieht sich zurück. Die andere Gruppe, die unter Umständen durch ein Signal benachrichtigt wurde, legt ihr Gegenangebot ab, das die erste Gruppe mitnimmt, falls es bei ihr auf Zustimmung stößt. Ansonsten werden die Angebote soweit verändert, bis der Austausch für beide Seiten zufriedenstellend abgeschlossen ist.
Diese Institution soll früher in vielen Regionen der Welt verbreitet gewesen sein. Herodot beschrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. den stummen Handel der Karthager in Westafrika; seine Darstellung wurde zu einem Topos in den arabischen und europäischen Reiseberichten über den Goldhandel mit dem mittelalterlichen Reich von Ghana. Der stumme Handel ist auch ein Motiv in manchen Mythen wie den europäischen Schmiedesagen, bei denen in Berghöhlen lebende Zwerge veranlasst werden, für die Menschen Schmiedearbeiten auszuführen. In allen historischen Berichten und mythischen Erzählungen zeigen sich die Wesensmerkmale des stummen Handels, der eine Reaktion auf Verständigungsschwierigkeiten oder auf unüberbrückbare kulturelle Unterschiede zwischen fremden und häufig verfeindeten Völkern darstellt. Volksgruppen unterschiedlicher sozialer Ebenen stehen durch den stummen Handel in einer symbiotischen Beziehung.
Ab etwa 1900 wurde der stumme Handel auch in Monografien behandelt und bildete ein Faktum in ethnologischen und wirtschaftshistorischen Theorien. Erste Zweifel an der Historizität des Phänomens kamen in den 1970er Jahren auf. Heute betrachtet die Forschung mehrheitlich den stummen Handel als historisches Phänomen skeptisch oder als wahrscheinlich legendär.Michael Bonner: The Arabian Silent Trade, 2011, S. 35 In diesem Fall bleibt die Frage, wie die vielen Berichte von Handelsbeziehungen zwischen Jägern und Sammlern und ihren Ackerbau treibenden Nachbarn von einer literarischen Überlieferung abgeleitet werden sollen.
Ursprung des Handels Beim Handel wechseln Waren den Besitzer. Der ursprünglichste Handel ist der direkte Tausch von Waren gegen Waren oder Dienstleistungen. Handel erfolgt im allgemeinen Sinn als wechselseitiger, ausgeglichener Austausch in einem friedlichen Umfeld. Zum Austausch vorzugsweise geeignete Waren kommen entweder nur in einem bestimmten Gebiet vor oder werden nur in einem Gebiet in einer besonderen Qualität angefertigt. Durch Handel gelangen die Waren in Gebiete, in denen sie ansonsten nicht verfügbar wären. Handel ist nur eine Möglichkeit, um materielle Güter mitsamt den hinter ihnen stehenden ideellen Grundlagen über den Bereich einzelner Gemeinschaften hinaus zu verbreiten. Güter können auch durch Plünderungen im Krieg, durch Raub, Hochzeitsgaben oder andere Formen des Geschenkaustauschs den Besitzer wechseln. Handel ist ein grundlegendes Element zwischenmenschlichen Agierens und hat einen wesentlichen Anteil am Prozess der kulturellen Entwicklung.Vgl. Rahul Oka, Chapurukha M. Kusimba: The Archaeology of Trading Systems, Part 1: Towards a New Trade Synthesis. In: Journal of Archaeological Research, Band 16, Nr. 4, Dezember 2008, S. 339–395
Inwiefern Menschen ab dem Jungpaläolithikum Handel trieben, lassen Rohmaterialien (Naturprodukte, Mineralien) erahnen, die an Orten ausgegraben werden, die vom Gebiet ihres natürlichen Vorkommens weit entfernt liegen. Ein bekanntes Beispiel sind Siedlungen ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. mit dekorierten Straußeneiern, die in Nordafrika, dem Lebensraum von Straußen zur Kultur des Capsien gehörten. Diese Straußeneier belegen einen Handel rund ums Mittelmeer, denn sie wurden auch in Südeuropa gefunden, wo Strauße nicht natürlich vorkommen.Mysteries of decorated ostrich eggs in British Museum revealed. BBC News, 9. April 2020 Eine Aussage über die Art der Handelsbeziehungen ist damit jedoch kaum möglich. Häufig werden diese lediglich im Zusammenhang mit der Invasion einer höher stehenden Zivilisation gesehen oder die Auswirkungen des Fernhandels auf die gesellschaftlichen Veränderungen werden überbewertet – etwa im Fall des stark im Forschungsinteresse stehenden archaischen Handels mit Bernstein vom Baltikum in die Ägäis entlang der Bernsteinstraße ab dem 3. Jahrtausend v. Chr.Janusz Czebreszuk: Amber Between the Baltic and the Aegean in the Third and Second Millennia BC (an Outline of Major Issues). In: I. Galanaki, H. Tomas, R. Laffineur (Hrsg.): Between the Aegean and Baltic Seas. Prehistory across Borders. (Proceedings of the International Conference Bronze and Early Iron Age Interconnections and Contemporary Developments between the Aegean and the Regions of the Balkan Peninsula, Central and Northern Europe University of Zagreb, 11–14 April 2005). Aegaeum 27, Universite de Liege, 2007, S. 363–370 Abgesehen von solchen nachgewiesenen professionellen Handelsbeziehungen trieben dem Archäologen Colin Renfrew (1969) zufolge die meisten prähistorischen Kulturen vermutlich keinen Handel untereinander.Colin Renfrew: Trade and Culture Process in European Prehistory. In: Current Anthropology, Band 10, Nr. 2/3, April–Juni 1969, S. 151–169, hier S. 152
Einer überholten These des Wirtschaftswissenschaftler Josef Kulischer (1899) zufolge standen am Beginn der kulturgeschichtlichen Entwicklung Menschen, die Handel nicht kannten. Darauf seien Menschen gefolgt, die neu entwickelte Bedürfnisse durch Raub befriedigten und erst danach allmählich zu friedlichen Formen des Handelsverkehrs fanden. Als Beleg für diese Entwicklung sah Kulischer den noch unpersönlichen stummen Handel, den er als die früheste Form des Handels auffasste.Josef Kulischer: Zur Entwickelungsgeschichte des Kapitalzinses. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik / Journal of Economics and Statistics, Dritte Folge, Band 18 (73), Nr. 3, 1899, S. 305–371, hier S. 319, 321 Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler George W. Robbins (1947) stellt sechs zu seiner Zeit diskutierte Hypothesen zum Ursprung des Handels zusammen: (1) Der Handel ist angeboren und geschieht instinktiv. (2) Der Handel hat sich aus dem Krieg entwickelt, nachdem sich herausstellte, dass dessen Zweck, Beute zu machen, durch friedlichen Warentausch einfacher umsetzbar ist. (3) Ein wesentliches Element der Wirtschaft war zunächst Raub. (4) Am Anfang stand der freundliche Austausch von Geschenken. (5) Am Anfang war der stumme Handel, den Robbins ungeachtet seiner praktischen Einschränkungen für einen bedeutenden Entwicklungsschritt bei der frühen Kommunikation hält. (6) Handel erwuchs aus der Überschussproduktion.George W. Robbins: Notions about the Origins of Trading. In: Journal of Marketing, Band 11, Nr. 3, Januar 1947, S. 228–236, hier S. 231–234
Für eine gesellschaftliche Gruppe ist Handel zunächst eine nach außen gerichtete Tätigkeit, vergleichbar mit der Jagd, einer Expedition oder einem Raubzug, bei dem ebenfalls Gegenstände über weite Entfernungen befördert werden, von dem sich der Handel jedoch durch seinen friedlichen und auf Gegenseitigkeit basierenden Charakter unterscheidet. Bei der Institutionalisierung des Handels wird ein – zentral gelegener – Marktort eingerichtet, über den die Handelsgüter ausgetauscht werden. Hinzu kommt ein Steuerungsmechanismus, der den Wert einer Ware nach dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage bemisst. Am Beginn der Entwicklung von Handelsbeziehung etablierten sich Händler, die als professionelle Mittelsmänner fungieren und so ihren Lebensunterhalt bestreiten.Malcolm C. Webb: Exchange Networks: Prehistory. In: Annual Review of Anthropology, Band 3, 1974, S. 357–383, hier S. 360 Dadurch konnten die Mitglieder einer Gemeinschaft, die ihren lokalen Aktionsbereich selten und ungern verlassen, auf Reisen verzichten. Wenn beim ursprünglichen Handel die zu tauschende Ware nicht direkt vorhanden war, musste ein Tauschvermittler eingeführt werden. Dies war ein gut transportabler Gegenstand mit einem allgemein akzeptierten, möglichst hohen Wert von festzulegender Größe. Solche traditionellen oder vormünzlichen Zahlungsmittel waren häufig Metalle (Kupfer, Bronze, Eisenbarren), in Afrika beispielsweise Manillen, Kaurigeld und Salzbarren. In vormonetären Gesellschaften war manchmal der soziale Aspekt der Handelszusammenkünfte wichtiger als der ökonomische.
In indigenen Gemeinschaften hängt Handel mit dem Grad an Verwandtschaft und Vertrautheit zwischen den Handelspartnern zusammen. Während bei engen Verwandten ein nicht auf Ausgeglichenheit gerichtetes Geben und Nehmen üblich ist, werden auf der anderen Seite außerhalb der Gruppe lebende Personen als Fremde oder Feinde betrachtet, mit denen Handel auf der Basis des auf den eigenen Vorteil bedachten Geschäftemachens stattfindet.Banu Doǧan: Trade And Exchange In Prehistory. A Theoretical Evaluation. In: Ertekin Doksanalt, Erdoǧan Aslan (Hrsg.): Proceedings of the International Symposium “Trade and Production Through the Ages”. Konya, 25–28 November 2008. Selçuk University, Konya 2008, S. 33–50, hier S. 37f
Stummer Handel in der Kulturgeschichte Stummer Handel fand in der Realität oder findet in der Fiktion in mehrfacher Hinsicht an einem Grenzbereich statt: an einer geographischen Grenze oder an der Grenze zweier Kulturen, das heißt an den Rändern zweier nach innen orientierter Gruppen, zwischen denen ein sozialer Abstand besteht. In den Beschreibungen der Geschichtsquellen sind häufig mythische Elemente überzeugend mit historischen Fakten verbunden. Dessen ungeachtet hat allein die Idee des stummen Handels eine kulturgeschichtliche Bedeutung. Ein faszinierendes Moment an dieser Idee eines Warentauschs ist das vorausgesetzte und tatsächlich erforderliche Vertrauen, das mit der Fremdheit oder Feindseligkeit der Partner kontrastiert. Das Wort „Tausch“ steht nicht ohne praktischen Grund mit „Täuschung“ in einem etymologischen Zusammenhang. Jede Tauschhandlung birgt die Gefahr, von der erhaltenen, mehr oder weniger unbekannten Ware „enttäuscht“ zu werden.Vgl. Ivo Bayer, Holger Bonus: Tausch und Täuschung. In: Dirk Loerwald, Maik Wiesweg, Andreas Zoerner (Hrsg.): Ökonomik und Gesellschaft. Festschrift für Gerd-Jan Krol. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 100 Dazu schwingt nach, was Josef Kulischer 1878 mit Blick auf den stummen Handel pauschal behauptete: „Der Handelsverkehr ist ursprünglich ein Verkehr von feindlich gesinnten.“Josef Kulischer: Der Handel auf den primitiven Culturstufen. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft und Völkerpsychologie, Band 10, Heft 4, 1878, S. 378–389, hier S. 380