mini|hochkant=2|Die Goldbleche von Pyrgi Die Goldbleche von Pyrgi ( oder kurz Lamine di Pyrgi) stammen etwa aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. und sind von grundlegender Bedeutung für die Kenntnis der Geschichte und Sprache der Etrusker. Die Artefakte wurden 1964 im etruskischen Heiligtum von Pyrgi entdeckt und befinden sich heute im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia in Rom.
Entdeckung mini|Etruskisches Siedlungs- und Einflussgebiet mit Caisra im Süden mini|Das Heiligtum von Pyrgi mit Tempel A, Tempel B und Area C Die Goldbleche wurden am 8. Juli 1964Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia: Lamine d’oro da Pyrgi. von Giovanni Colonna während einer von Massimo Pallottino geleiteten Ausgrabung in der Nähe von Santa Severa in der archäologischen Stätte von Pyrgi gefunden.Nancy Thompson de Grummond, Lisa Pieraccini (Hrsg.): Caere. S. 45. Dort befand sich einer der Häfen des antiken Caere (etruskisch Caisra oder Cisra).Nancy Thompson de Grummond, Lisa Pieraccini (Hrsg.): Caere. S. 5. Pyrgi war zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. eine bedeutende Handelsniederlassung (Emporion) im Mittelmeerraum. In Pyrgi gab es mindestens zwei Heiligtümer von internationaler Bedeutung: einen älteren Tempel aus dem Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr., der der etruskischen Göttin Uni und der phönizischen Astarte gewidmet war und heute als Tempel B bezeichnet wird, und einen jüngeren Tempel aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., der Eileithyia und Leukothea gewidmet war und Tempel A genannt wird.Sybille Haynes: Etruscan Civilization: A Cultural History. S. 175–176.
mini|Modell von Tempel B und dem Area C Die drei Goldbleche wurden zusammen mit einer beschrifteten Bronzetafel und Architektur-Terrakotten in einer Einfriedung (Area C) in der Nähe von Tempel B gefundenPaolo Agostini, Adolfo Zavaroni: The bilingual Phoenician-Etruscan text of the golden plates of Pyrgi. S. 4. und enthalten einen Text in phönizisch-punischer Sprache und zwei in etruskischer Sprache. Die Goldbleche werden heute im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia in Rom aufbewahrt. Gelegentlich wird vermutet, dass sich die Originale aufgrund ihres Werts in einem Bankschließfach befinden und im Museum nur Replikate zu sehen sind.James Thomas Hooker (Hrsg.): Reading the Past: Ancient Writing from Cuneiform to the Alphabet. S. 346.
Beschreibung mini|Eine Aufnahme der Goldbleche mit anderer Farbgebung Das Goldblech mit der phönizischen Inschrift ist 19,4 cm lang und 9,3 cm breit, das mit der längeren etruskischen Inschrift (Goldblech A) 19,2 cm lang und 8,1 cm breit und das mit der kürzeren Inschrift (Goldblech B) besitzt die Maße 19,5 cm und 9,6 cm. Das Gewicht der Goldbleche beträgt in genannter Reihenfolge 44,2 g, 41,4 g und 46,2 g. Das phönizische Goldblech und Goldblech B weisen die gleiche rötliche Färbung und die gleiche Art der Bearbeitung auf. Die Dicke dieser beiden Goldbleche liegt zwischen 0,4 und 0,5 mm. Goldblech A ist augenscheinlich aus einer anderen Folie geschnitten, wie die wesentlich geringere Dicke, die Farbe und die Oberflächenstruktur nahelegen.
Goldblech A weist auf beiden Langseiten eine Krümmung nach hinten von 1 bis 2 mm auf, die nicht zu erklären ist. Eine deutliche Läsur in der Mitte des oberen Teiles hat die Zeilen 2 und 3 in Mitleidenschaft gezogen, was die Lesung einiger Schriftzeichen schwierig macht. Diese Beschädigung ist zweifellos antiken Ursprungs, also nicht auf moderne Einwirkungen bei der Auffindung der drei Bleche zurückzuführen. Auf Goldblech B ist unmittelbar oberhalb der letzten Zeile ebenfalls eine leichte Abschürfung der Oberfläche erkennbar.
Die Nagellöcher zur einstigen Befestigung sind beim phönizischen Goldblech und dem Goldblech A relativ groß. Die Nägel dürften relativ lang gewesen sein, was auf eine massive Holzunterlage, also eine Tür, schließen lässt. Vor allem bei Goldblech A sind Randstücke um die Nagellöcher verlorengegangen. Goldblech B mit der kürzeren etruskischen Inschrift weist dagegen deutlich kleine Nagellöcher auf, ein Hinweis auf die Verwendung dünner Nägel mit großen Köpfen. Auf allen drei Goldblechen sind an den Rändern deutliche Anzeichen von Schmelzungen erkennbar. Auf Goldblech B sind diese Folgeerscheinungen von Schmelzungen besonders evident.Alessandro Morandi: Die Goldbleche von Pyrgi. Indizien für eine neue Lesung. S. 120.
Inschriften Die Inschriften sind entsprechend den Schreibgewohnheiten der Phönizier und Etrusker in linksläufiger Schreibrichtung, also von rechts nach links verfasst. Die phönizische Schrift ist eine reine Konsonantenschrift. In der etruskischen Schrift werden dagegen die Buchstaben A, E, I und U für die entsprechenden Vokale verwendet. In der phönizischen Inschrift werden die Wörter gelegentlich durch einen Punkt voneinander abgegrenzt. In den beiden etruskischen Inschriften erfolgt die Setzung eines Punkts nach einem Wort fast durchgehend. In allen Inschriften werden regelmäßig Wörter durch einen Zeilenumbruch getrennt. Die phönizische Inschrift umfasst 39 Wörter in 11 Zeilen, die Inschrift auf Goldblech A 36 Wörter in 16 Zeilen und die wesentlich kürzere Inschrift auf Goldblech B besteht aus 15 Wörtern in 9 Zeilen. Die Buchstaben sind alle etwa 1 cm groß.
Bei einer Untersuchung 1980 wurden auf allen Goldblechen Vorzeichnungen einzelner Buchstaben festgestellt. Goldblech A enthält darüber hinaus auch einige überarbeitete und gestrichene Buchstaben. Die Vorzeichnungen und Korrekturen scheinen aus derselben Hand zu stammen wie die Inschrift. Die Vor- und Nachbearbeitung von Oberflächen, die eine Inschrift oder Bemalung tragen sollten, war in der Antike nicht ungewöhnlich.
In der phönizischen Inschrift fallen die Zeilen vor allem zu Beginn des Textes nach links ab. Dies scheint bedingt durch die Besorgnis des Schreibers, keine Fehler zu machen und den zur Verfügung stehenden Raum richtig einzuteilen. Die etruskischen Inschriften verlaufen dagegen nahezu waagrecht. Die Buchstabenformen sind in beiden Inschriften nahezu identisch, was sich als Resultat eines damals allgemein verbreiteten Schreibstiles erklären lässt. Es könnte sich aber auch um denselben Schreiber gehandelt haben, der auch den phönizischen Text geschrieben haben könnte. Völlig identisch in den etruskischen Inschriften sind z. B. die Buchstabenformen von A, F, TH, M, R, S und generell die Höhe der Buchstaben. Differenzen in der Strichführung sind durch die Verschiedenheit der beiden verwendeten Goldfolien bedingt. Die Dicke von Goldblech B veranlasste den Schreiber zur Verwendung eines stärker zugespitzten Griffels für die Ritzung. Die Kürze des Textes auf Goldblech B bedingte zudem deutlich größere Abstände zwischen den Buchstaben und eine größere Breite der Buchstaben im Vergleich zu Goldblech A.Alessandro Morandi: Die Goldbleche von Pyrgi. Indizien für eine neue Lesung. S. 123.
Goldblech mit phönizischer Inschrift 180px 180px|klasse=skin-invertLRBT L'ŠTRT 'ŠR QDŠ 'Z 'Š P'L W'Š YTN TBRY. WLNŠ MLK 'L KYŠRY. BYRH. ZBH ŠMŠ BMTN' BBT WBN TW. K'ŠTRT. 'RŠ BDY LMLKY ŠNT ŠLŠ III BY RH KRR BYM QBR 'LM WŠNT LM'Š 'LM BBTY ŠNT KM HKKBM 'LCorpus Inscriptionum Etruscarum CIE 6316. Da die phönizische Sprache deutlich besser erforscht ist, kann die phönizische Inschrift einigermaßen wörtlich übersetzt werden. Sie gliedert sich allem Anschein nach in drei Abschnitte: LRBT L'ŠTRT 'ŠR QDŠ 'Z 'Š P'L W'Š YTN TBRY WLNŠ MLK 'L KYŠRY BYRH ZBH ŠMŠ BMTN' BBT Für die Herrin Astarte dieser heilige Ort, den Thefarie Velianas, König über Kaysrye, machte und gab im Tempel im MNT, dem Monat der Sonnenopfer. WBN TW K'ŠTRT 'RŠ BDY LMLKY ŠNT ŠLŠ III BY RH KRR BYM QBR 'LM Und er erbaute eine Kammer, wie Astarte von ihm wünschte, im Jahr drei seiner Regierung im Monat KRR am Tag der Bestattung der Gottheit. WŠNT LM'Š 'LM BBTY ŠNT KM HKKBM 'L Und die Jahre dessen, der der Gottheit in ihrem Tempel ein Geschenk macht, mögen Jahre sein wie die Sterne.Giuliano Bonfante, Larissa Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 67. Die Inschrift nimmt offensichtlich Bezug zu historischen Begebenheiten: Thefarie Velianas (TBRY WLNŠ) war zu dieser Zeit der Herrscher über Kaysrye (KYŠRY). Die Phönizier bezeichneten Thefarie Velianas als König (MLK). Das phönizische KYŠRY lässt sich auch mit Caešarie, Caešaria oder auch Cišria transkribieren.Paolo Agostini, Adolfo Zavaroni: The bilingual Phoenician-Etruscan text of the golden plates of Pyrgi. S. 9–10. In etruskischen Inschriften findet man neben Caisra und Cisra auch Chaisrie und Chaire als Ortsname.Giuliano Bonfante, Larissa Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 222. Es lässt sich rekonstruieren, dass die Etrusker ihre Stadt in der Frühzeit Kaiserie nannten.Nancy Thompson de Grummond, Lisa Pieraccini (Hrsg.): Caere. S. 41.
Thefarie Velianas widmete der phönizischen Astarte (ŠTRT) einen heiligen Ort (ŠR QDŠ). Astarte war eine ursprünglich levantinische Himmelskönigin und Liebesgöttin, deren Kult sich durch die Phönizier auch im westlichen Mittelmeerraum ausgebreitet hatte. Als Zeitpunkt dieser Widmung wird ein bestimmter Monat (MNT) angegeben. Anscheinend aufgrund eines Gelübdes stiftete Thefarie Velianas im dritten Regierungsjahr oder nach drei Regierungsjahren (ŠNT ŠLŠ III) der Astarte noch ein Sacellum (TW). Hier wird neben dem Monat (KRR) auch der genaue Stiftungstag angegeben, der Tag, an dem die Gottheit bestattet wird.Alessandro Morandi: Die Goldbleche von Pyrgi. Indizien für eine neue Lesung. S. 126. Die „Bestattung der Gottheit“ scheint mit Mythen und religiösen Praktiken des Astartekults in Verbindung zu stehen. In einem phönizischen Mythos steigt Astarte im Jahresrhythmus in die Unterwelt hinab und kehrt dann wieder.Paolo Agostini, Adolfo Zavaroni: The bilingual Phoenician-Etruscan text of the golden plates of Pyrgi. S. 14–16.
Das Ende der Weihinschrift ist allerdings unklar. Fraglich ist, um welche und wie viele Sterne (HKKBM) es sich handelt. Vielleicht waren an den Türen des Tempels (BBTY) Metallsterne im Sinne einer Jahreszählung befestigt, wie es bei den Römern üblich war. Eine weitere Übersetzungsvariante lautet: „Und die Jahre der Statue der Gottheit in ihrem Tempel mögen ebenso viele Jahre sein wie diese Sterne.“ Wenn sich die Jahre auf die Gottheit ('LM) beziehen und nicht auf den Spender, dann müssten es allerdings sehr viele Sterne gewesen sein, die an den Türen des Tempels angebracht waren.
Goldblech A mit etruskischer Inschrift 180px 180px|klasse=skin-invertITA. TMIA. ICAC. HE RAMAŚVA[.] VATIECHE UNIALASTRES. THEMIA SA. MECH. THUTA. THEFA RIEI. VELIANAS. SAL. CLUVENIAS. TURU CE. MUNISTAS. THUVAS TAMERESCA. ILACVE TULERASE. NAC. CI. AVI L. CHURVAR. TEŚIAMEIT ALE. ILACVE. ALŚASE NAC. ATRANES. ZILAC AL. SELEITALA. ACNAŚV ERS. ITANIM. HERAM VE. AVIL. ENIACA. PUL UMCHVACorpus Inscriptionum Etruscarum CIE 6314, Testimonia Linguae Etruscae TLE 874.
Der erste etruskische Text auf Goldblech A stellt keine wörtliche Übersetzung des phönizischen Texts dar, wie die Entdecker zunächst angenommen hatten. Es wird nur im Wesentlichen derselbe Sachverhalt beschrieben. Ohne Worttrennungen durch Zeilenumbrüche lautet der Text folgendermaßen: ITA TMIA ICAC HERAMAŚVA VATIECHE UNIALASTRES THEMIASA MECH THUTA THEFARIEI VELIANAS SAL CLUVENIAS TURUCE MUNISTAS THUVAS TAMERESCA ILACVE TULERASE NAC CI AVIL CHURVAR TEŚIAMEITALE ILACVE ALŚASE NAC ATRANES ZILACAL SELEITALA ACNAŚVERS ITANIM HERAMVE AVIL ENIACA PULUMCHVAIgnasi-Xavier Adiego: The Etruscan Texts of the Pyrgi Golden Tablets. Certainties and Uncertainties. S. 138.