Das Kraftwerk Vogelsang ist ein gegen Ende des Zweiten Weltkriegs errichtetes Einheitskraftwerk. Es ist nie regulär in Betrieb gegangen und wurde nach dem Krieg als Reparationsleistung demontiert. Die Gebäudehülle mit den beiden je 100 m hohen Schornsteinen ist erhalten.

Das Kraftwerk ist das einzige Denkmal für den industriellen Aufschwung in Fürstenberg (Oder). Fast alle anderen Zeugnisse sind verschwunden. Vom Industriegebiet der Degussa haben nur einige Wohngebäude überdauert.

Vorgeschichte Ab dem Jahr 1937 gab es Planungen, in der Kleinstadt Fürstenberg (Oder) kriegswichtige Industrie anzusiedeln. Die Planung einer IG-Farben-Fabrik zerschlug sich, aber ab 1940 wurde mit dem Bau einer Chemiefabrik der Degussa begonnen. Weitere Ansiedlungen folgten; Rüstungsfabriken von Rheinmetall-Borsig und Focke-Wulf gesellten sich zu den bereits vorhandenen Glasfabriken. Alle diese Werke benötigten für das tägliche Funktionieren große Energiemengen, so dass der Bau eines Kraftwerks vor Ort geplant wurde. Die Lage war für ein Kraftwerk günstig: In der Umgebung befanden sich mehrere Braunkohleschächte, und aus der Oder konnte Kühlwasser entnommen werden. Obwohl sich in der Nähe mit dem Kraftwerk Finkenheerd ein leistungsstarkes Kraftwerk befand, reichte die zur Verfügung stehende elektrische Energie für eine weitere industrielle Entwicklung nicht aus. Deshalb beschloss das Rüstungsministerium, im Rahmen des Wärmekraft-Sofortprogramms bei Fürstenberg (Oder) ein Einheitskraftwerk zu errichten.

Bau Am 1. April 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, starteten die Märkischen Elektrizitätswerke die Bauarbeiten. Für den Bau wurden jüdische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus dem Mannschaftsstammlager Stalag III B eingesetzt. Die Bauunterlagen sahen ein Halbwerk mit zwei Maschinengruppen zu je 75 MW vor; der Gebäudekomplex hieß ab 1944 Kraftwerk Vogelsang, was auch dem Schutz durch Fliegerangriffe dienen sollte. Das Kraftwerk war mit vier anderen neu zu errichtenden Kraftwerken identisch. Die geplante Ausrüstung entsprach dem damaligen Stand der Technik und die Gebäude entstanden unter dem Mangel an Baumaterial, die Anlagen wurde in Schwer- und Leichtbauten getrennt. (Das zeigen auch die noch vorhandenen Kraftwerksruinen). Die beiden Schwerbauten aus Stahlbeton sind als Rohbauten erhalten; das Kesselhaus dazwischen wurde einschließlich dessen Stahlbau demontiert. Im Januar 1945, als die Kriegsfront sich bereits der Oder näherte, wurde an einer Maschine der Probelauf durchgeführt, das Kraftwerk stand also kurz vor der Inbetriebnahme.

Kriegsende Am 31. Januar 1945 wurde der Bau gestoppt. Am 6. Februar überquerte die Rote Armee die zugefrorene Oder und errichtete um das Kraftwerk herum einen Brückenkopf. Um diesen wurde bis Ende April 1945 gekämpft, dabei gab es sehr viele Gefallene auf beiden Seiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Rote Armee bereits Berlin erreicht. Als die Reste der Wehrmacht besiegt waren, besetzten die sowjetischen Soldaten die Gebäude und nutzten ihre hohe Lage gegenüber der Umgebung als Beobachtungsposten.

Auf dem Friedhof in Vogelsang liegen über 400 Rotarmisten begraben. Die deutsche Seite hatte alle verfügbaren Soldaten herangezogen. Unter anderem hatte die SS 135 Jugendliche rekrutiert; den zweiten Angriff überlebten lediglich 27 auf deutscher Seite. Das Dorf Vogelsang wurde durch die Kämpfe fast vollständig zerstört.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Das Kraftwerk ging auch nach dem Krieg nie in Betrieb. Maschinen, Elektroausrüstung und Stahlbauten wurden als Reparationsleistung demontiert und per Schiff über die Oder stromabwärts abtransportiert. Ob und wo die Einrichtungen wieder installiert worden sind, ist nicht bekannt.

Die meisten anderen Fabriken in Fürstenberg, die überwiegend für die Rüstungsindustrie tätig gewesen waren, wurden ebenfalls demontiert. Eine Sprengung des Kraftwerkstorsos unterblieb, weil Experten Schäden am nahegelegenen Oderdeich befürchteten. So siedelten sich Flüchtlinge aus der Neumark und anderen heute polnischen Gebieten an. – Mit dem Bau des Eisenhüttenkombinats Ost (EKO) zu DDR-Zeiten im Jahr 1951 setzte sich die industrielle Entwicklung von Fürstenberg fort. Nachdem für die Flüchtlinge neue Wohnmöglichkeiten geschaffen worden waren, blieben die Kraftwerksbauten unbenutzt, sie dienten gelegentlich als Übungsgebiet der Zivilverteidigung und der Kampfgruppen.

Zustand und Nutzung seit Ende der 1990er Jahre mini|links|Luftbild des Kraftwerks Vogelsang (Wernerwerk) im Jahr 2017 Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde aus dem EKO das Stahlwerk ArcelorMittal Eisenhüttenstadt. Im Jahr 1998 wurde mit 2,5 Mio. DM Fördermitteln der Abriss begonnen. Von Naturschützern wurde jedoch der Abriss mit juristischen Mitteln gestoppt, da sich das Kraftwerksareal mittlerweile als Lebensraum für bedrohte Vogelarten und Fledermäuse entwickelt hat. In den leer stehenden Räumen und Gebäuden hatten sich seltene Tiere wie Fledermäuse und Turmfalken angesiedelt. Der BUND beauftragte einen Naturschützer mit der Betreuung der Tiere, Fledermauskästen wurden in den Kellerräumen installiert und regelmäßige Kontrollgänge durchgeführt. Diese Situation war der Grund, weswegen auch später kein Abriss der Bauten stattfand. Die zwei rund 120 Meter hohen Kraftwerksschornsteine sind noch weithin zu sehen. Die komplette Ruine war jedoch Kulisse des Filmes Tod im Kraftwerk.

Das Kraftwerksgelände wurde im Jahr 2010 für 8500 € an einen niederländischen Immobilienverwerter versteigert. Dessen Absichten sind nicht bekannt geworden. Das Areal ist nur notdürftig abgesperrt und dient häufig Jugendlichen als Objekt für Mutproben.

Drieschner und Schulz schlagen in ihrem Aufsatz vor, das Kraftwerk als Denkmal zu erhalten: „Das Bauwerk dokumentiert den auf Kosten vieler Menschenleben vorgenommenen Ausbau der deutschen Wirtschaft im Totalen Krieg.“, insbesondere da alle anderen Zeugnisse, einschließlich des Kriegsgefangenenlagers, nicht erhalten sind. Bisher gibt es aber keine finanzierbaren Konzepte, die den Funktionen als Denkmal und Biotop gerecht werden.

Der Oder-Neiße-Radweg führt direkt am Kraftwerk vorbei.

Weblinks

Das Wernerwerk (Einheitskraftwerk) Vogelsang auf Verlassenes.de. Kraftwerk Vogelsang Wernerwerk auf youtube.com, Dauer 8:47 Minuten. Kraftwerk Vogelsang mit Bildergalerie, www.untergrund-brandenburg.de.

Einzelnachweise

Kategorie:Stillgelegtes Kohlekraftwerk in Deutschland Vogelsang Kategorie:Braunkohlekraftwerk im Lausitzer Revier Kategorie:Bauwerk in Eisenhüttenstadt Kategorie:Wirtschaft (Deutsches Reich, 1933–1945) Kategorie:Kohlekraftwerk in Europa