Der Schlanke Ameisenspringer (Synageles venator) ist eine Spinne aus der Familie der Springspinnen (Salticidae). Die Art wird auch Jagende Ameisenspringspinne oder wie viele Ameisen imitierende Spinnenarten „Ameisenspinne“ genannt. Der Schlanke Ameisenspringer war ursprünglich nur paläarktisch verbreitet und wurde zusätzlich in Kanada eingeführt. Die Spinne bewohnt eine Vielzahl an Habitaten (Lebensräumen), vorzugsweise jedoch offene oder teilweise offene. Die Trivialnamen der Art deuten neben dem zweckmäßig schmalen Erscheinungsbild auf ihre für Spinnen übliche räuberische Ernährungsweise hin.
Das Nachahmen von Ameisen in Form der Bates’schen Mimikry ist insbesondere beim Schlanken Ameisenspringer gut erforscht und dient dazu, Prädatoren (Fressfeinde) abzuschrecken, da Ameisen aufgrund ihrer Wehrhaftigkeit oftmals eine unbeliebte Beute darstellen. Neben der Erscheinung werden auch die Bewegungen von Ameisen imitiert. So wird während der flinken und somit bereits ameisenähnlichen Fortbewegung das zweite Beinpaar häufig angehoben, sodass dieses dann an die Fühler einer Ameise erinnert.
Der Schlanke Ameisenspringer selber legt unter Steinen ein für Springspinnen übliches Wohngespinst als Rückzugsort an und jagt kleine Insekten, greift dabei jedoch Ameisen, in dessen Gesellschaft er oftmals lebt, nicht an. Der Paarung geht ein Balzverhalten voraus und ein begattetes Weibchen legt seine Eier in für Spinnen sehr geringer Anzahl in seinem Wohngespinst ab. Die geschlüpften Jungtiere überwintern und wachsen dann im Folgejahr über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heran.
Merkmale mini|Frontale Detailansicht eines subadulten Männchens Das Weibchen des Schlanken Ameisenspringers erreicht nach Sven Almquist eine Körperlänge von 3,6 bis 4,8 Millimetern, wobei sich die durchschnittliche Körperlänge hier auf 4,1 ± 0,4 Millimeter beläuft. Das Männchen erreicht laut gleichem Autor eine Körperlänge von 3,0 bis zu 3,1 Millimetern. Dabei hat das Peltidium bzw. der Carapax, das Rückenschild des Prosomas, hier eine Länge von 1,49 bis zu 1,79 Millimetern, die durchschnittlich 1,63 ± 0,10 Millimeter beträgt. Die Breite des Carapax kann sich beim Weibchen innerhalb der schwedischen Bestände auf 0,77 bis 0,95 mit einem Durchschnittswert von 0,88 ± 0,04 Millimetern belaufen. Das Verhältnis zwischen Länge und Breite beträgt 1,69 bis 2,07 und durchschnittlich 1,86 ± 0,08 und Neigung des Carapax beträgt 15° bei diesen Beständen. Der grundsätzliche Körperbau entspricht dem anderer Zwergameisenspringer (Synageles) und somit ähnelt auch diese Art optisch einer Ameise.
Der Carapax verfügt über eine dunkelbraune Grundfarbe. Die Augenregion ist fast schwarz gefärbt. Eine weiße Querlinie verläuft direkt hinter den posterior (hinten) medianen (mittleren) Augen. Die anterioren (vorderen) Augen sind von langen weißen Setae (chitinisierten Haaren) umgeben. Die Cheliceren (Kieferklauen) weisen eine dunkelbraune Farbgebung auf. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) erscheint fast schwarz. Der Petiolus (Dünne Verbindung zwischen Prosoma und Opisthosoma) ist dorsal (oberhalb) immer sichtbar.
Die Beinformel (absteigende Längenformel der Beinpaare) lautet 4-1-2-3. Die Grundfärbung der Beine ist braun, während die Coxen (Hüftglieder) und die Tarsen (Fußglideder) der hinteren drei Beinpaare gelblichweiß gefärbt sind. + Längen der Beine von Weibchen und Männchen in Millimetern nach Engelhardt (1970) Beinpaar Coxa Trochanter (Schenkelring) Femur (Schenkel) Patella (Glied zwischen Femur und Tibia) Tibia (Schiene) Metatarsus (Fersenglied) Tarsus Gesamtlänge 1 0,3/0,25 0,15/0,18 0,7/0,63 0,43/0,38 0,45 0,38 0,35/0,33 2,76/2,6 2 0,25/0,24 0,15/0,18 0,65/0,63 0,35/0,38 0,43/0,45 0,38 0,35/0,33 2,66/2,36 3 0,25/0,18 0,13/0,1 0,63/0,5 0,33/0,26 0,43/0,38 0,35 0,34/0,28 2,46/2,05 4 0,3/0,28 0,15/0,16 0,88/0,76 0,35/0,3 0,83/0,7 0,55/0,5 0,38/0,33 3,44/3,03
Die Dorsalseite des Opisthosomas (Hinterleib) ist braun gefärbt und weist anterior ein blassbraunes Querband sowie einen weißen Streifen median auf. Posterior geht die Färbung des Opisthosomas in einen dunkelbraunen bis schwarzen Farbton über. Ventral (unterhalb) ist das Opisthosoma anterior blass bräunlich und posterior dunkler gefärbt. Die Spinnwarzen weisen eine gelblichbraune Farbgebung auf.
Sexualdimorphismus mini|Männchen Der Schlanke Ameisenspringer weist wie viele Spinnen einen erkennbaren Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) auf, der sich hier neben der Größe auch in den morphologischen (Struktur und Form betreffenden) Merkmalen bemerkbar macht. Insgesamt ist der Sexualdimorphismus jedoch wie bei anderen Zwergameisenspringern (Synageles) auch bei dieser Art verglichen mit dem anderer Spinnen gering ausgeprägt. So ist auch die Färbung bei beiden Geschlechtern gleich. Das Männchen unterscheidet sich ansonsten abgesehen von der geringer ausfallenden Endgröße und den genitalmorphologischen Merkmalen lediglich durch die verdickten Femora, Tibien und Patellae signifikant vom Weibchen.
Genitalmorphologische Merkmale Die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) erscheinen beim Männchen blass bräunlich, wobei deren Tibien und Tarsen gelblich-weiß gefärbt sind. Ein einzelner Pedipalpus besitzt hier eine retrolaterale (seitlich rückliegende), bauchige Apophyse (chitinisierter Fortsatz) an der Tibia, dessen distaler (von der Körpermitte entfernt liegender) Bereich einen stark sklerotisierten (verhärteten) Haken aufweist. Ein einzelner Bulbus wird innerhalb der Gattung der Zwergameisenspringer (Synageles) durch seinen kurzen und leicht gebogenen Embolus (drittes und letztes Sklerit, bzw. Hartteil des Bulbus) charakterisiert.
Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) der Art hat am posterioren Rand median eine tiefe Kerbe. Die Kopulationsöffnungen befinden sich anterolateral (vorne seitlich) an halbkreisförmigen Fissuren (Spalten), während die mit Drüsen versehenen Kopulationskanäle einen kurzen und gebogenen Verlauf aufweisen. Die Spermatheken (Samentaschen) sind von ovaler Form und besitzen Befruchtungskanäle.
Differenzierung vom Kleinen Ameisenspringer Der ebenfalls zu den Zwergameisenspringern (Synageles) zählende Kleine Ameisenspringer (S. hilarulus) bleibt etwas kleiner als der Schlanke Ameisenspringer, ist jedoch ansonsten vom Habitus (Erscheinungsbild) her nicht von der anderen Art zu unterscheiden. Allerdings ist der Kleine Ameisenspringer stark xerotherm und kann demzufolge nur an sehr trockenheißen Orten angetroffen werden. Die Tibialapophyse ist bei dieser Art kurz gebaut und erscheint schräg abgeschnitten und der Embolus eines einzelnen Bulbus besitzt einen geraden und spitz zulaufenden Endpunkt. Die Epigyne des Kleinen Ameisenspringers weist einen großen und nasenförmigem Vorsprung am posterioren Rand auf.
Vorkommen Verbreitungsgebiet Das großflächige Verbreitungsgebiet des Schlanken Ameisenspringers reicht von Europa über die Türkei, Kaukasien, Russland (europäischer bis fernöstlicher Teil), Kasachstan, Zentralasien, China und Japan. Außerdem wurde die Art in Kanada eingeführt.
In Europa selber ist der Schlanke Ameisenspringer ebenfalls flächendeckend verbreitet. Nachweise der Art fehlen lediglich von der Republik Moldau, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, Albanien und Griechenland sowie von den Inseln Nowaja Semlja, Island, Irland, den Balearischen Inseln, Korsika, Sizilien und Zypern. In Vorderasien fehlen Nachweise der Spinne aus Armenien und Aserbaidschan. Auf Großbritannien galt das Vorkommen des Schlanken Ameisenspringers einst auf die Küstenregionen Südenglands sowie den Süden Wales beschränkt. Jedoch erfolgten auch vereinzelt Funde nördlich davon. Bislang ist die Art auf Großbritannien zwischen Höhen von 0 bis 20 Metern über dem Meeresspiegel nachgewiesen worden.
Lebensräume mini|Männchen an einem Zaun, gefunden in der russischen Stadt Tula. Der Lebensraum vom Schlanken Ameisenspringer ist schwer zu definieren und wird in der Literatur teils sehr variabel angegeben. Die Art scheint offene bis halbschattige Habitate (Lebensräume) zu bevorzugen, die etwas feuchter ausfallen können. Geläufige Fundorte der Spinne sind Gewässerufer, Zäune sowie das Äußere von Gebäuden. Daneben ist die Spinne auch in trockenen und warmen Arealen mit niedriger Vegetation anzutreffen. Weiteres gilt für sandige bis steinige Bodenflächen sowie die Halme von Schilfrohren (Phragmites). Weitere Fundorte sind überdies Dünenheiden, Birkenwälder, Moore und Sümpfe. An Gewässerufern wurde der Schlanke Ameisenspringer überdies gemeinsam mit der Ameisenspringspinne (Myrmarachne formicaria) nachgewiesen. Ein weiteres Habitat der Art sind an Küsten gelegene Dünen.
Des Weiteren ist bei dem Schlanke Ameisenspringer eine Synanthropie (Bevorzugung menschlicher Siedlungsbereiche) nachgewiesen worden. Dabei kann die Art neben dem Äußeren von Gebäuden auch in deren Innenbereich angetroffen werden. Daneben sind Vorkommen der Art in Verlandungszonen überliefert. Auch bezüglich der Synanthropie unterscheidet sich der Schlanke Ameisenspringer vom gattungsverwandten Kleinen Ameisenspringer (S. hilarulus), da bei letzterer Art diese Eigenschaft fehlt.
Gefährdung Die Gefährdungssituation der Populationen des Schlanken Ameisenspringers werden je nach Land unterschiedlich gewertet. In Deutschland gilt die Art als häufig und ist dort außerdem die häufigste ameisenähnliche Springspinne. Hier wird sie in der Roten Liste gefährdeter Arten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands als „ungefährdet“ eingestuft. Ihre Bestände gelten dort sowohl lang- als auch kurzfristig gleich bleibend und auch sind diesbezüglich seit vorherigen Version dieser Roten Liste (1996) keine Änderungen bemerkbar. Ebenso wird die Spinne in der Roten Liste der Spinnen Kärntens (1999) in selbiger Kategorie erfasst.
Ähnlich wie in Deutschland und Kärnten ist der Schlanke Ameisenspringer in der Roten Liste Großbritanniens (2017) nach IUCN-Maßstab in der Kategorie LC („Least Concern“, bzw. nicht gefährdet) gelistet. Als mögliche Gefahren der Bestände der Spinne auf der Insel werden mitunter die Gefährdung von Sanddünen, die Entwässerung von Niedermooren oder das Bilden von Gestrüpp in diesen gesehen. Ferner besteht die Planung, das Gebiet von einer der ehemaligen Ziegelgruben und die Flugaschenlagune für den Wohnungsbau zu nutzen. Ähnliches gilt auch für die Brachflächen. Die Rote Liste der Spinnen Tschechiens (2015) wertet die Art in Anbetracht der dortigen Bestandssituation in der Kategorie ES („Ecologically Sustainable“, bzw. ökologisch anpassbar).
Lebensweise mini|Weibchen mit erbeuteter Mücke Der Schlanke Ameisenspringer lebt wie alle Spinnen räuberisch und erbeutet kleine Insekten. Die Art legt ein für Springspinnen (Salticidae) typisches Wohngespinst für den Rückzug an – das hier flach und taschenförmig erscheint – in Spalten zwischen Steinen, in den Vergabelungspunkten von Zweigen oder anderen verwinkelten Bereichen angelegt wird. Ein solches Gespinst ist gut 12 Millimeter lang, vier Millimeter breit und drei Millimeter hoch. Beidseitig ist an den Enden des Gespinstes eine Öffnung vorhanden, die der Spinne gerade so das Durchschlüpfen erlaubt. Die Spinne verbringt den Großteil des Tages in dem Wohngespinst und verlässt es nur zwecks der Nahrungssuche und der Fortpflanzung. Anscheinend wird das Gespinst nur bei Temperaturen von über 20 °C verlassen. Laut Wolfgang Engelhardt bevorzugt der Schlanke Ameisenspringer bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 bis 56 % Temperaturen von mindestens 23 bis maximal 40,2 und durchschnittlich 33,3 °C.
mini|links|Weibchen in seinem Wohngespinst