Servilia (russisch: Сервилия) ist eine Oper in fünf Akten von Nikolai Rimski-Korsakow (Musik) mit einem eigenen Libretto nach der gleichnamigen Tragödie von Lew Mei aus dem Jahr 1854. Die Oper wurde am im Mariinski-Theater in Sankt Petersburg uraufgeführt.
Handlung
Erster Akt
mini|Erster Akt, Forum – Dekorationen nach einer Skizze von Konstantin Iwanow, 1902
Forum Romanum
Im Hintergrund die Argentaria-Basilika, die Emilia-Basilika und der Minerva-Tempel; in der Mitte ein Springbrunnen mit einer Statue der Göttin Diana; rechts das Haus des Senators Soranus Barea.
Szene 1. Römisches Volk versammelt sich auf dem Forum. Ein kleiner Junge verkauft heiße Polenta; ein Mädchen bietet Blumen an. Die Bürger Fulcinius Afer, Caestus, Velox und Mella befürchten, dass Avidius Hyspo den Volkstribun Valerius Arulenus Rusticus und die Senatoren Helvidius Priscus, Curtius Montanus, Paconius Agrippinus, Soranus Barea und Thrasea Paetus verleumden könnte. Sie beschließen, ihren Patron zu warnen.
Szene 2. Afer bietet einem zerlumpten alten Mann etwas Geld an, das dieser zu seinem Erstaunen ablehnt.
Szene 3. Ein als Mercurius gekleideter Ausrufer verkündet im Namen Kaiser Neros die Öffnung von Theater und Zirkus für die Dauer der bevorstehenden Feierlichkeiten zu Ehren der Göttin Minerva. Alle preisen den Kaiser.
Szene 4. Hyspo hetzt die Menge gegen die Christen auf, die sich in den Katakomben verbergen. Man glaubt, diese seien Kindermörder und Brandstifter und hätten Hunger und Seuchen über die Stadt gebracht. Einige erinnern sich mit Wonne daran, wie Nero Christen als menschliche Fackeln verbrennen ließ.
Szene 5. Servilia, die Tochter Soranus’, kommt mit ihrer Amme Antonia und zwei Sklavenmädchen, die Körbe voller Blumen tragen, aus dem Haus des Senators. Hyspo ist sofort von ihrer Schönheit fasziniert. Die Anwesenden teilen ihm zu seiner Enttäuschung mit, dass sie schon bald auf Wunsch ihres Vaters mit dem alten Thrasea vermählt werden soll.
Szene 6. Die feierliche Prozession der Kanephoren zieht vorbei: an der Spitze ehrwürdige alte Männer mit Olivenzweigen, dahinter bewaffnete Kämpfer, dann Jungen und Mädchen mit geweihten Körben sowie Sklaven, anschließend Musiker und Tänzer. Den Abschluss bildet ein von Priestern begleitetes kleines Segelschiff, das Minervas Sieg über die Titanen versinnbildlicht. Alle Anwesenden mit Ausnahme des alten Mannes fallen ehrfürchtig auf die Knie. Vor dem Haus Soranus’ stellen die Tänzer bildhaft Minervas Kampf dar. Servilia und die Sklavinnen werfen Blumen von der Terrasse. Anschließend macht sich die Prozession auf den Weg zum Minerva-Tempel.
Szene 7. Die Bevölkerung fragt sich, weshalb der alte Mann die ganze Zeit über so teilnahmslos blieb. Einige halten ihn für verrückt. Daraufhin erhebt sich der Mann und beschuldigt die Anwesenden, dem Satan zu dienen. Er gibt sich als Christ zu erkennen, geht zum Brunnen und zerschlägt die Diana-Statue mit seinem Stab. Die Menge fordert aufgebracht seine Steinigung.
Szene 8. In diesem Moment erscheint der Tribun Valerius, und Servilia bittet ihn, das Blutvergießen vor ihrem Haus zu verhindern. Der offensichtlich von Servilia faszinierte Valerius lässt den Mann vor das kaiserliche Gericht bringen, wo ihn selbst Jupiter nicht vor einem Todesurteil schützen kann.
Szene 9. Während die Menge die grausamste Strafe für den Christen fordert, sehnt dieser sich geradezu nach einem Tod als Märtyrer.
Zweiter Akt
mini|Zweiter Akt, Haus des Agrippa, Bühnenbild von Peter Lambin nach einer Skizze von Konstantin Iwanow, 1902
Thermen des Agrippa
Prachtvoller Speisesaal aus Marmor; hinten an den Seiten Statuen von Bacchus und Hygieia.
Szene 1. Die durch die Verleumdung bedrohten Senatoren Montanus, Helvidius und Paconius suchen nach Gegenmaßnahmen. Paconius hat bereits versucht, über Neros Schwiegermutter Valeria Messalina mehr über die Hintergründe herauszufinden. Er war höchst beeindruckt vom Kunstgeschmack der Dame, die ihn in einem prächtig ausgestalteten Peristyl empfing.
Szene 2. Egnatius, ein Freigelassener des Soranus, zeigt den Senatoren ein Schreiben Hyspos an den Präfekten Ofonius Tigellinus, in dem sie selbst, die Senatoren Thrasea und Soranus, der Volkstribun und die Bürger Velox, Caestus, Mella und Afer des Verrats bezichtigt werden. Caestus hatte Hyspo abgefangen, ihm den Brief entrissen und ihn getötet. Für den Moment ist die Gefahr daher gebannt, doch es ist klar, dass der Präfekt weiterhin zu fürchten ist. Die Senatoren beschließen, Nero über dessen Machenschaften zu unterrichten. Egnatius soll eine entsprechende Erklärung aufsetzen, die sie anschließend unterschreiben wollen.
Szene 3. Die Senatoren beginnen ihr üppiges Mahl mit einem Trankopfer an die Göttin Diana. Musiker treten auf, und Mänaden tanzen.
Szene 4. Plötzlich laufen Sklaven auf die Bühne und unterbrechen die Tänze. Die Bibliothek ist in Flammen aufgegangen, und die Türen wurden offenbar auf Befehl Tigellinus’ verschlossen. Glücklicherweise hat Egnatius einen Schlüssel, und alle können sich retten. Wenig später kehrt Egnatius zurück und klopft zwei Mal an das Podest der Hygieia-Statue. Eine Geheimtür öffnet sich.
Szene 5. Tigellinus tritt ein. Er konnte das Gespräch der Senatoren belauschen und fragt Egnatius nun nach dem Grund für seine Hingabe ihm gegenüber – Rache, Machtgelüste oder Eifersucht? Egnatius entgegnet, es sei die Liebe.
Dritter Akt
Peristyl in Soranus’ Haus
Sechzehn durch Bögen verbundene Säulen bilden ein Quadrat auf einer Marmorplattform; darüber ein Baldachin aus blühendem Efeu; Brunnen, Vasen und Statuen.
Szene 1. Servilia sitzt unverschleiert in ihrer hellblauen ärmellosen Tunika am Spinnrad. Antonia und die Sklavenmädchen spinnen und nähen ebenfalls und singen dazu.
Szene 2. Ihr Vater Soranus tritt ein und erinnert sie an die Gefahr, in der sie alle wegen der Verleumdungen stecken. Um sie zu schützen, hat er die Werbung Thraseas angenommen. Die Hochzeit soll möglichst bald stattfinden. Außerdem teilt er Servilia mit, dass der alte Christ zusammen mit Caestus geflohen sei. Servilia fleht ihren Vater an, die Hochzeitspläne noch einmal zu überdenken, denn sie liebe einen anderen. Soranus hält die Liebe jedoch für eine „ansteckende Krankheit der Seele“ und will nichts davon hören. Ein Sklave meldet die Ankunft Thraseas.
Szene 3. Thrasea und Egnatius haben die vorbereitete Schriftrolle mitgebracht, die Thrasea und Soranus sogleich unterschreiben. Egnatius versichert ihnen, dass ganz Rom auf ihrer Seite stehe, und macht sich mit der Schrift auf den Weg zu den anderen Senatoren.
Szene 4. Thrasea teilt Egnatius mit, dass er auf die Heirat mit Servilia verzichte, da sein eigenes Schicksal ungewiss sei, sein Alter nicht zur jugendlichen Schönheit Servilias passe und er wisse, wie sehr Valerius sie liebe. Er habe den Tribun überredet, hierher zu kommen. Die beiden begeben sich in die Bibliothek.
Szene 5. Servilia tritt ein, um die Blumen zu gießen. Kurz darauf erscheint auch Valerius, der sie einen Moment ungesehen beobachtet, bevor er sie grüßt. Die beiden erklären einander ihre Liebe.
Szene 6. Thrasea kehrt zurück, bittet Servilia und Valerius um Entschuldigung für seine Voreiligkeit und versichert ihnen, dass er und Soranus mit ihrer Verbindung einverstanden seien. Soranus und Antonia kommen hinzu, und Soranus gibt dem Paar seinen Segen.
Szene 7. Der Sklave meldet die Ankunft eines Centurios. Dieser verkündet den Anwesenden im Auftrag des Senats, dass Soranus und seine Freunde des Verrats gegen Rom beschuldigt werden.
Vierter Akt
mini|Vierter Akt, Haus der Zauberin Locusta, Bühnenbild von Peter Lambin, 1902
Empfangszimmer im Haus der Zauberin Locusta
Ein schwarzer Vorhang verdeckt die hintere Wand; an der Seite schwarz gestrichene Säulen; rechts eine Tür zum Atrium, links eine kleine von einer Säule verdeckte Tür.
Szene 1. Locusta liest in einer Schriftrolle mit Zauberformeln, als Egnatius eintrifft, um sich zu vergewissern, dass ihre Vorhersagen seinen Plänen entsprechen. Er versteckt sich hinter dem schwarzen Vorhang.
Szene 2. Servilia hofft, dass Locusta ihr Aufklärung über das Schicksal ihres Vaters geben kann. Als Bezahlung bietet sie der Zauberin ihren Brautschmuck an. Locusta zieht sich für einen Moment zurück, um die Geisterbeschwörung vorzubereiten.
Szene 3. Unterdessen bittet Servilia die Götter um Stärke.
Szene 4. Locusta zieht den Vorhang zurück, und ihr mit Schädeln, Knochen und Schriftrollen übersätes Laboratorium wird sichtbar. Dann beschreibt sie mit ihrem Zauberstab einen Kreis und zieht Servilia hinein. Sie wirft Zaubermittel ins Feuer und beschwört die Göttin Hekate. Geisterhafte Stimmen sind zu hören, und im Rauch wird die Erscheinung einer alten Frau sichtbar. Servilia fragt sie nach dem Aufenthaltsort Valerius’ und dem Schicksal ihres von Verrätern und Heuchlern fälschlich angeklagten Vaters. Die Erscheinung entgegnet, dass ihre Frage von demjenigen beantwortet würde, den sie selbst falsch beschuldigt habe, und verschwindet.
Szene 5. Während Servilia über den Sinn dieser Antwort grübelt, tritt Egnatius hervor und behauptet, er selbst sei derjenige, den sie beschuldigt habe. Er sei aber kein Feind, sondern ein Freund. Er erzählt ihr von seiner Vergangenheit: Das germanische Dorf seiner Eltern wurde von Barbaren überfallen und er selbst als Kind nach Rom verschleppt und in die Sklaverei verkauft. So kam er ins Haus ihres Vaters, dem er zwar für seine Güte dankbar sei, den er als Römer aber dennoch zutiefst hasse. Als er nach seiner Freilassung von der Verschwörung erfuhr, beschloss er, diese für seine Rachepläne zu nutzen. Jetzt sei er in einer Position, in der ein Wort an Tigellinus reichen würde, um die Freiheit ihres Vaters zu erreichen – sofern sie bereit ist, ihn zu heiraten. Dieses Angebot weist Servilia voller Abscheu zurück. Mit einer letzten Drohung verschwindet Egnatius hinter dem Vorhang.
Szene 6. Servilia ist allein zurückgeblieben, und alle Türen sind verschlossen. Verzweifelt und ohne Hoffnung fleht sie die Götter um Beistand an.
Szene 7. Locustas Sklavin Nevolia, eine Christin, rettet Servilia und flieht mit ihr durch die Geheimtür. Diese legt ihr Schicksal in die Hände des christlichen Gottes.
Fünfter Akt
mini|Fünfter Akt, Venustempel, Ausstattung von Orestes Allegri, 1902
Venustempel mit Statue und Altar sowie einer Plattform für den Kaiser und die Würdenträger
Szene 1. Ein Prätor eröffnet das Tribunal „zur Ausrottung des Stoizimus“ gegen die des Verrats angeklagten Senatoren.
Szene 2. Soranus und Thrasea weisen die Beschuldigungen vehement zurück.
Szene 3. Egnatius beschuldigt Servilia der Zauberei. Sie gesteht, dass sie eine Wahrsagerin um Rat gefragt habe. Ihr Vater habe nichts davon gewusst.
Szene 4. Afer und seiner Freunde haben unterdessen vor dem Gebäude einen Volksaufstand angezettelt und unterbrechen die Sitzung. Afer schwört öffentlich, dass Servilia vollkommen unschuldig sei. Servilia, Soranus und Thrasea danken ihm für seine Rede. Anschließend verkündet der Prätor das Urteil: Thrasea und Soranus werden für immer aus Rom verbannt. Servilia dagegen wird Egnatius übergeben und muss sich in der Ehe mit ihm bewähren. Da erscheint Valerius in der Tür und legt sein Veto ein.
Szene 5. Gefolgt von einer gemischten Volksmenge einschließlich Caestus, Nevolia und Antonia dringt Valerius in den Tempel ein. Servilia stößt einen Schrei aus und fällt in Ohnmacht. Auch Tigellinus kommt hinzu, und Valerius überreicht dem Prätor ein Schreiben Kaiser Neros, in dem dieser seine Ankunft am folgenden Tag ankündigt. Damit ist die Sitzung beendet. Egnatius fordert Tigellinus vergeblich auf, einzugreifen und Valerius zu töten.