Als Gesichtsversehrter wird ein Mensch bezeichnet, der im Ersten oder Zweiten Weltkrieg schwerwiegende Verletzungen des Gesichtes erlitt. Gesichtsversehrte wurden auch „Gesichtsverletzte“, „Kriegszermalmte“ beziehungsweise „Menschen ohne Gesicht“ genannt. „Die Verwundeten litten an schwerster Entstellung, folgender psychischer Traumatisierung und waren oft nicht fähig, sich selbst zu ernähren.“
In Frankreich werden Gesichtsversehrte als Gueules cassées (französisch, Plural von ; deutsch zerhauene Visagen, zerfetzte Gesichter; wörtlich zerschlagene Fressen) bezeichnet. So werden diejenigen Soldaten des Ersten Weltkrieges genannt, die mit (sichtbaren) Gesichtsverletzungen in die Gesellschaft zurückkehrten. Sie litten ihr Leben lang unter physischen, psychischen und sozio-kulturellen Folgen. Der Historiker Gerd Krumeich nennt sie „die größten Verlierer des Ersten Weltkriegs“.
mini|Gesichtsversehrter Soldat mini|Gesichtsversehrter Soldat mit Epithese Etymologie mini|Albert Jugon, André Cavalier, Pierre Richard, Henri Agogué und Eugène Hébert (v.l.n.r), bekannt als „les cinq gueules cassées“ (später als Postkartenmotiv verwendet worden) Der derbe Begriff Gueules cassées wird Colonel Yves Picot (1862–1938) zugeschrieben, dem, als er mit einem Verband um den Kopf, bei einer patriotischen Feier an der Pariser Sorbonne der Zutritt wegen fehlendem Einladungsschreiben versagt wurde. Er ging daraufhin spazieren und beobachtete, wie sich jemand schnellen Schrittes und mit kurzem Zeigen einer Karte aus der Tasche an der Wache vorbeidrängte – nach der Wachablösung am Eingang machte er es ihm gleich und ergänzt beim Vorbeigehen: Heutzutage wird der Ausdruck Gueules cassées auch für verwundete Soldaten aus anderen Kriegen verwendet, auch mit dem Hintergedanken, an die Schrecklichkeit des Krieges (an der Menschheit im Gesamten) zu erinnern und davor zu warnen.
Während der Unterzeichnung des Friedensvertrag von Versailles am 28. Juni 1919 nahmen fünfAlbert Jugon, Eugène Hébert, Henri Agogué, Pierre Richard und André Cavalier, aus L'Histoire par L'Image (französisch) Gueules cassées [siehe Foto] im Spiegelsaal Aufstellung, was auf die Initiative von Premierminister Georges Clemenceau zurückging, der sie durch den Pariser Militärgouverneur beim Chefarzt Hippolyte Morestin (1869–1919) vom Val-de-Grâce-Krankenhauses anfragen ließ; zu diesem Zeitpunkt wurden noch zweihundert Patienten mit Gesichtsverletzungen allein in diesem Krankenhaus behandelt. Albert Jugon, Wortführer der fünf Gueules Cassées, unterzog sich 38 Eingriffen, oft ohne Narkose.
Ihre Narben sollten der deutschen Delegation nochmals das Ausmaß und das Leid der deutschen Kriegsschäden an Frankreich vor Augen führen, so Premierminister Georges Clemenceau, weshalb er sie in der mittleren Fensternische, in der Nähe des Tisches der deutschen Delegation platzierte und ihnen vor der Vertragsunterzeichnung wortlos die Hände schüttelte; ob die deutsche Delegation von den fünf Gueules cassées, im Gegenlicht und ob der Überfülle des Spiegelsaal von Versailles, überhaupt Notiz nahm, ist „freilich zweifelhaft“.Vgl. Andreas Platthaus, Der Krieg nach dem Kriege. Deutschland zwischen Revolution und Versailles 1918/19, Berlin 2018, S. 21–38. Die Anwesenheit der Fünf während der Unterzeichnung des Friedensvertrages wurde auch kritisiert, weil sie „nur den Zweck hatten“, die deutschen Delegierten zu schockieren und zu beschämen: . Der Vertrag sollte vielmehr der Schlussstrich unter vier Jahre Krieg und Leid sein, ohne den Groll zwischen den beiden Ländern wieder anzuheizen, so wurde gemahnt.
Die Gueules cassées galten nach dem Ersten Weltkrieg als die wahren Helden, als die wirklich großen Heroen dieses Krieges, die das größtmögliche Opfer für den Sieg haben bringen müssen: ihr Gesicht und somit ihre Identität (ihr „Ich“). Sie wurden nicht ins Abseits gedrängt, sondern zum Beispiel mit staatlich gedruckten Postkarten geehrt (wie z. B. mit dem Motiv der vom Friedensvertrag von Versailles). Am 21. Juni 1921 gründeten Albert Jugon und Bienaimé Jourdain den Verein , kurz UBFT, der noch heute besteht. Die Polizeipräfektur von Paris verweigerte dem Verein zunächst das Tragen des eigentlich vorgesehenen Namens „Gueules cassées“. Yves Picot wurde erster Vereinspräsident, Jourdain sein Vize und zum Motto des Vereins wurde (dt. Trotzdem lachen).
In der Weimarer Republik war es hingegen genau andersherum: Wer dort mit diesem unübersehbaren Makel einer Gesichtsverwundung im öffentlichen Leben auftrat, der erinnerte jeden Betrachter an den verlorenen Krieg und seine Opfer, weshalb sie „zum Tabu gerieten“. Das Kaiserreich existierte nicht mehr, der Krieg wurde verloren und mit der Weimarer Republik lebte man nun sogar in einem neuen Staat bzw. einer neuen Staatsform, so dass über die Gesichtsversehrten im Allgemeinen nicht gesprochen und berichtet wurde. Jedoch galten sie für die Antikriegsbewegung als lebendes Mahnmal gegen den Krieg und wurden von Schriftstellern und Künstlern durch Fotografien, Ausstellungen und Literatur in Szene gesetzt, zum Beispiel im pazifistischen Buch Krieg dem Kriege von Ernst Friedrich, in dem er sie zum Mahnmal gegen die Krieg machte – als Schreckensbild und gegen die Heroisierung des Krieges und des (preußischen) Militärs.
Geschichte Der Erste Weltkrieg mit seinem schnell eingesetzten und beide Seiten zermürbenden Stellungskrieg an der Westfront (Grabenkampf) führte zu neuartiger Kriegsführung, die mit neuartigen Waffenwirkungen (wesentlich höhere Schussfrequenz, ArtillerieIm Ersten Weltkrieg verursachten Artillerie und Maschinengewehre zwei Drittel der Verletzungen., Maschinengewehre und Splittergeschosse) zu einer Art von Verletzungen und einer Anzahl von Verwundeten in einem bis dahin noch nie da gewesenen Ausmaß führte, vor allem bedingt durch den Grabenkampf im Kopfbereich. Es waren vor allem die Splittergeschosse der Artillerie und der Granaten, die die typischen Entstellungen der Gueules cassées verursachten, da diese Geschosse keine glatten Wunden, sondern Zerreißungen des Gewebes mit zerfetzten Wundrändern, oft mit Substanzverlust einhergehend, verursachten, die naturgemäß schwerer zu versorgen waren.
Die im Gesicht verwundeten Soldaten wurden weder zurück an die Front geschickt noch in der Kriegsindustrie eingesetzt: Sie wurden in Lazaretten behandelt, operiert oder in den schwersten Fällen in Heimen vor der Öffentlichkeit abgeschirmt. Das Militär und die französische Regierung betrachtete es als notwendig, dieses Schrecken des Krieges bestmöglich zu verstecken, um den Durchhaltewillen in der Bevölkerung und unter den Soldaten nicht zu untergraben; der Schrecken des Krieges sollte bestenfalls nicht in der Öffentlichkeit sichtbar sein. Kriegsfürsorge, Lazarettschulen- und werkstätten sowie Vorführungen von „Vorzeigeinvaliden“ waren Elemente dieses Narrativs zur nationalen Beruhigung der Bevölkerung. Die zur Schau gestellte Leistungsfähigkeit von Medizinern und Ingenieuren, mit immer neuen Fortschritten in deren Disziplinen, sollte versichern, dass jeder Versehrte mit den entsprechenden „bestmöglichen“ Hilfsmitteln und durch Mobilisierung seiner eigenen Willenskraft wieder vollwertige Arbeitskraft erlangen und später in die Nachkriegsgesellschaft integriert werden könne.
Es wird geschätzt, dass mindestens 40 % oder bis zu über der Hälfte der rund 8,4 Millionen mobilisierten französischen Soldaten verwundet wurden. Im Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs waren Kopf- bzw. Gesichtsverletzungen eine Regelverletzung, sie machten 11 bis 14 % der Verletzungen aus. Von den insgesamt 388.000 Schwerverletzten hatten zwischen 10.000 und 15.000 schwerste Gesichtsverletzungen erlitten und waren meist in einem Alter zwischen 19 und 40 Jahren. Insgesamt starben rund 1,37 Millionen Soldaten. Deutsche Zahlen variieren erheblich: zwischen knapp 50.000 und rund 100.000, bei 2–2,04Heeres-Sanitätsinspektion im Reichswehrministerium (Hrsg.): Sanitätsbericht über das Deutsche Heer im Weltkriege 1914/1918 (deutsches Feld- und Besatzungsheer; deutscher Kriegssanitätsbericht 1914/1918). Band 3, Verlag Mittler, Berlin 1934. Millionen toten Soldaten. In Großbritannien lag die Zahl der Gesichtsverletzten bei ungefähr 20.000 bei 750.000 Gefallenen. Die Vereinigten Staaten zählten 200–300 Soldaten, die eine Gesichtsmaske benötigten, ein Zehntel im Vergleich zur Zahl in Frankreich, bei 117.000 Gefallen. Für das Zarenreich ist das Schicksal von Gueules cassées unbekannt, auch weil der dortige Krieg anders ausgetragen wurde.
Medizinische Versorgung Im Gefolge des Ersten Weltkrieges sind Gesichtsversehrte „[…] zu einem riesigen Experimentierfeld für die sich neu entwickelnde Gesichtschirurgie“ geworden.Madeleine Bernstorff: Einführung zum Film Pour la paix du monde (PDF), abgerufen am 28. Juli 2020. Medizinisch versorgt wurden Gesichtsversehrte in Deutschland beispielsweise in der Charité und im Universitätskrankenhaus in Leipzig.Geschichte der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde in Leipzig, abgerufen am 28. Juli 2020. Der Kieferchirurg Christian Bruhn behandelte in Düsseldorf Gesichtsversehrte.Die Geschichte der Mund-, Kiefer- und Plastischen Gesichtschirurgie. Düsseldorfer Lazarett für Kieferverletzte 1914–1918: die Geburtsstätte der Kiefer- und Gesichtschirurgie, abgerufen am 28. Juli 2020. Zur Abdeckung der kriegsbedingten Gesichtsverletzungen dienten Epithesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1951, entstand die Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie als Fachgesellschaft.
mini|Gesichtsprothese bzw. Epithese, hergestellt von Johannes Esser mini|Französischer Soldat ohne (links) und mit Unterkiefermaske, hergestellt von Anna Coleman Ladd mini|Gipsmodell eines tragbaren post-operativen Schienenapparates im Rahmen einer Gesichtsrekonstruktionoperation (Nase, Mundhöhle, Kiefer). Der durch die Klammern ständig offene Mund führte zu erhöhtem Speichelfluss. Der Erste Weltkrieg war eine Zäsur: In den Kriegen zuvor sind Schwerstverwundete in der Regel auf dem Schlachtfeld verstorben, wurden dem Tod überlassen oder „vom Leid erlöst“, wenige überlebten ihre Verletzung. Die großen Fortschritte der Medizin vor und im Ersten Weltkrieg und die Professionalisierung und Ausstattung eines straff durchorganisierten Sanitätswesen ermöglichten vielen Soldaten das Überleben. Schlimmste (Gesichts-)Verletzungen konnten behandelt werden, eine Kriegsfürsorge bemühte sich um die Rückführung der Versehrten ins Arbeitsleben, wofür es guter Medizin und Prothesen bedurfte. Die Medizin versuchte, den im Gesicht gezeichneten Soldaten mit Masken und/oder Prothesen bzw. Epithesen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu erleichtern. Verletzungen des Unterkiefers waren dabei die häufigste behandelte Gesichtsverletzung, wobei zu erwähnen ist, dass je höher die Verletzung im Gesicht war, desto wahrscheinlich diese Verletzung mit der Verletzung des Gehirns einherging und zum Tode auf dem Schlachtfeld führte. Ab der Einführung des Adrian-Helms auf französischer, dem Stahlhelm auf deutscher und dem Brodie-Helm auf britischer sowie US-amerikanischer Seite stieg die Zahl der behandelten Gesichtsverletzten (v. a. Mund, Kiefer, Zahn) signifikant an, weil es durch die neuen Stahlhelme zu weniger durch Splitter hervorgerufenen (oftmals mittelbar oder unmittelbar tödlichen) Kopfverletzungen kam.