mini|Bevölkerungspyramide Brasiliens (2017)

Die Demografie Brasiliens betrachtet die Bevölkerungsanzahl und -zusammensetzung in Brasilien. Mitte des Jahres 2020 hatte Brasilien 211,8 Millionen Einwohner und belegte damit den sechsten Platz in der Rangliste der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Brasilien ist außerdem das bevölkerungsreichste Land Südamerikas und das bevölkerungsreichste portugiesischsprachige Land. Mit einer Bevölkerungsdichte von 25 Einwohnern pro Quadratkilometern ist das Land relativ dünn besiedelt, da es eine kontinentale Ausdehnung hat und einer der weltgrößten Flächenstaaten ist. Seit der europäischen Kolonisation Amerikas ist die Bevölkerung des Landes stark gewachsen, zuerst durch Einwanderung und später vorwiegend durch natürliches Wachstum. Allein zwischen 1950 und 2020 vervierfachte sich die Bevölkerung von 51 Millionen auf über 200 Millionen. Inzwischen befindet sich Brasilien allerdings im demografischen Übergang. Wie auch in anderen Ländern steigen die allgemeine Lebenserwartung, das Bildungsniveau und die Urbanisierung; die zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffer pro Frau ist dagegen von 6,1 Kindern im Jahr 1960 auf 1,7 Kinder im Jahr 2018 gesunken und liegt damit unter dem Niveau, das zur langfristigen Bestandserhaltung notwendig ist. In derselben Zeit ging das jährliche Bevölkerungswachstum von 2,9 auf 0,8 Prozent zurück. Für die Zukunft wird deshalb mit einer abflachenden und dann sinkenden Bevölkerungskurve gerechnet. Zugleich wird mit einer starken Alterung der Bevölkerung gerechnet: bis 2050 soll die Zahl der Einwohner über 60 Jahre von 24 auf 66 Millionen steigen.

Die Bevölkerung Brasiliens ist sehr vielfältig und umfasst viele verschiedene Abstammungen und ethnische Gruppen. In den letzten Jahrhunderten entstand die Bevölkerung Brasiliens aus verschiedenen Einwanderungswellen, welche sich mit afrikanischen Sklaven und der indigenen Urbevölkerung vermischten. Die brasilianische Bevölkerung gilt als eine der am stärksten vermischten der Welt. Gleichzeitig ist sie linguistisch und religiös relativ homogen, da die große Mehrheit portugiesischsprachig und christlich ist. Auch der Anteil der Einwanderer ist, trotz der einst hohen Bedeutung der Einwanderung, nur noch sehr niedrig und über 99 % der Einwohner sind heute im eigenen Land geboren.

Die Erfassung der Bevölkerung und die Erhebung demografischer Indikatoren wird in Brasilien von dem Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE) durchgeführt. Brasilien führt seit 1872 eine periodische Volkszählung durch. Seit 1940 wird diese Volkszählung alle zehn Jahre durchgeführt.

Historische Entwicklung

Vor der Besiedelung Brasiliens durch die portugiesischen Kolonialherren liegen keine validen Zählungen für die Bevölkerung des heutigen Brasiliens vor. Schätzungen reichen von einer bis fünf Millionen Einwohnern. Die Küstengebiete Brasiliens waren bereits vor 10.000 Jahren besiedelt. Diese vorkoloniale Bevölkerung bestand aus verschiedenen indianischen Stämmen. Die Bevölkerungsdichte war wahrscheinlich sehr dünn, da der dichte Dschungel keine großflächigen Siedlungen zuließ. Der portugiesische Seefahrer Pedro Álvares Cabral, der 1500 im Nordosten Brasiliens landete, gilt gemeinhin als europäischer Entdecker Brasiliens. Von diesem Zeitpunkt an wurde Brasilien von Europäern besiedelt, welche Landwirtschaft betrieben, Rohstoffe abbauten und Städte gründeten, während die indigene Bevölkerung durch eingeschleppte Krankheiten, Versklavung und Kriege einen Niedergang erlebte. Nachdem die meisten Indianer gestorben waren, herrschte ein Arbeitskräftemangel auf den von Europäern betriebenen Plantagen und es wurden massenhaft afrikanische Sklaven eingeführt. Während der Ära des atlantischen Sklavenhandels importierte Brasilien mehr afrikanische Sklaven als jedes andere Land. Im Zeitraum von 1501 bis 1888 wurden schätzungsweise vier Millionen Sklaven aus Afrika nach Brasilien gebracht. Viele wurden aus dem Königreich Kongo und dem heutigen Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, Benin und Nigeria verschleppt. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten hatten Sklaven in Brasilien eine höhere Sterblichkeit und es kam zu einer stärkeren Vermischung mit der ansässigen Bevölkerung. 1872 waren bereits über ein Drittel der Bevölkerung gemischter Abstammung. Am 13. Mai 1888 wurde die Sklaverei von Kaiser Pedro II. abgeschafft.

Im 17. Jahrhundert lag die Bevölkerung bei ca. 300.000 Menschen und begann durch die zunehmende Erschließung des Landes schnell zu wachsen. Im 18. Jahrhundert kamen 600.000 Portugiesen (6.000 pro Jahr). Im Jahr 1800 hatte sich die Bevölkerung auf mehr als 3 Millionen gesteigert und damit verzehnfacht. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens 1822 suchte die politische Führung die wenig erschlossenen, gemäßigten Zonen vor allem im Süden des Landes durch die Ansiedlung von europäischen Bauernfamilien zu entwickeln. Gleichzeitig sollte dadurch der Süden Brasiliens militärisch gegen eine eventuelle Bedrohung durch Argentinien geschützt werden. Der größte Zustrom europäischer Einwanderer nach Brasilien fand schließlich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert statt. Ein großer Teil von ihnen ging nach Südbrasilien, um dort als Kleinbauern zu arbeiten. Der größte Teil der Einwanderer ging jedoch in den Südosten Brasiliens, um auf den Kaffeeplantagen zu arbeiten. Die nach Südbrasilien entsandten Einwanderer waren hauptsächlich Deutsche (ab 1824 hauptsächlich aus der Pfalz, Pommern, Hamburg, Westfalen usw.), Italiener (ab 1875 hauptsächlich aus Venetien und der Lombardei), Österreicher, Polen, Ukrainer, Niederländer und Russen. Im Süden gründeten die Einwanderer ländliche Gemeinschaften, die auch heute noch eine starke kulturelle Verbindung zu ihren angestammten Heimatländern haben. Im Südosten Brasiliens waren die meisten Einwanderer Italiener, Portugiesen, Niederländer, Spanier, Litauer, Franzosen, Ungarn und aschkenasische Juden. Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts migrierten Menschen aus dem damaligen Osmanischen Reich (vorwiegend heutiges Syrien und Libanon) und Japan in Brasiliens Städte. In dem Zeitraum von ungefähr 100 Jahren von 1872 bis 1975 empfing Brasilien mindestens 5,5 Millionen Einwanderer aus Europa und anderen Teilen der Welt. Dies waren in absteigender Reihenfolge zu 34 % Italiener, 29 % Portugiesen, 14 % Spanier, 5 % Japaner, 4 % Deutsche, 2 % Libanesen und Syrer und 12 % andere. Dem Trend mehrerer anderer Länder Amerikas folgend, der die Einwanderung aus vielen Ländern förderte, wurde Brasilien schnell zu einem Schmelztiegel von ethnischen Gruppen und Nationalitäten. Einwanderer fanden eine starke soziale und kulturelle Toleranz gegenüber Mischehen, woraus eine große Zahl von Mulatten (Europäer und Afrikaner), Caboclos (Indianer und Europäer) und Menschen europäischer, afrikanischer und indianischer Abstammung entstanden, obwohl dies nicht von einer völligen Abwesenheit von Rassismus begleitet war. Je nach Einwanderung können Bundesstaaten, Regionen, Städte, Kleinstädte und sogar Dörfer in Brasilien bis heute eine starke eigene kulturelle Prägung haben.

Die erste Volkszählung in Brasilien im Jahre 1872 ergab eine Einwohnerzahl von 9,9 Millionen Einwohnern. In der darauffolgenden Zeit erlebte das Land einen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung. Dies sorgte dafür, dass Brasilien zu den am schnellsten wachsenden Ländern der Welt wurde, obwohl die relative Bedeutung der Einwanderung langsam abnahm. Die Kindersterblichkeit lag 1900 bei ca. 42 Prozent und sank bis 1950 auf ca. 23 Prozent. Bis 1940 war die Bevölkerung auf 41 Millionen Einwohner angewachsen. Das Wachstum begann sich schließlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verlangsamen, da aufgrund von höherer Bildung und steigender Urbanisierung die Geburtenrate sank. Sie lag 2003 erstmals unter der Grenze von 2,1 Kindern pro Frau, nachdem sie historisch immer sehr hoch gelegen hatte. Aufgrund des noch jungen Durchschnittsalters der Bevölkerung stieg die Einwohnerzahl allerdings weiter an und überschritt 2013 die Marke von 200 Millionen. Im Laufe des 21. Jahrhunderts wird eine Alterung und Stagnation der Bevölkerungszahl erwartet. Für das Jahr 2060 wird mit 228 Millionen Einwohnern gerechnet. Eine Studie von The Lancet rechnet bei anhaltend niedriger Fertilität noch mit 164 Millionen Einwohnern im Jahr 2100. JahrEinwohnerzahl18003.640.00018507.250.00018729.930.478189014.333.915190017.438.434192030.635.605194041.236.315195051.944.397196070.119.071197093.139.0371980119.070.8651991146.917.4592000169.544.4432010192.755.7992020211.809.000

Demografie

Geburten und Sterbefälle Brasilien hat nach wie vor einen natürlichen Geburtenüberschuss. Gleichwohl ist die Gesamtzahl der Geburten seit Mitte der 1990er Jahre gesunken, was an einer rasant fallenden Fertilitätsrate pro Frau liegt. Obwohl diese unter dem Bestandsniveau von 2,1 Kindern liegt, gibt es weiterhin einen natürlichen Überschuss, da das Durchschnittsalter in Brasilien noch relativ niedrig liegt. Wenn bestehende Trends anhalten, könnte Brasiliens Bevölkerung bis Mitte des Jahrhunderts anfangen zu schrumpfen. Die Kindersterblichkeit (der Anteil der Kinder, welche die ersten fünf Jahre ihres Lebens nicht überlebt) konnte dank besserer gesundheitlicher Versorgung der Bevölkerung von 19 % auf 1,5 % gesenkt werden. PeriodeAnzahl GeburtenAnzahl Geburtenje 1000 PersonenAnzahl TodesfälleAnzahl Todesfälleje 1000 PersonenFertilität pro FrauKindersterblichkeitje 1000 Geburten1950–195512.780.00043,94.519.00015,56,101901955–196014.391.00042,74.745.00014,16,061731960–196516.085.00041,44.891.00012,65,971541965–197016.599.00037,24.860.00010,95,341351970–197516.938.00033,54.836.0009,64,631181975–198018.476.00032,44.999.0008,84,241041980–198519.745.00030,95.164.0008,13,80871985–199018.899.00026,65.170.0007,33,14671990–199518.217.00023,45.200.0006,72,72511995–200018.089.00021,55.318.0006,32,47412000–200516.848.00018,75.511.0006,12,13342005–201015.331.00016,15.744.0006,01,86242010–201514.877.00014,96.135.0006,11,77182015–202014.672.00014,16.691.0006,41,7415 Quelle: UN World Population Prospects

Ethnische Gruppen

mini|Ethnische Vielfalt in Brasilien mini|Gemeinde nach größter ethnischer Gruppe (2010) Blau= Weiße Rot = Farbige Grün = Indigene Gelb = Schwarze mini|Genetische Abstammung nach Region