Shine Louise Houston ist eine US-amerikanische Filmregisseurin und Drehbuchautorin queer-feministischer Pornofilme, die sie mit der von ihr gegründeten Firma Pink & White Productions in San Francisco produziert. Sie ist in manchen ihrer Filme auch als Kamerafrau und Darstellerin aktiv. Ihre Filme sind Unterhaltung für Erwachsene, die die Komplexität von queerem sexuellem Begehren abbildet. Mehrere Filme von Shine Louise Houston wurden mit Preisen ausgezeichnet. Über ihre Video-on-Demand-Website PinkLabel.TV vertreibt Houston die Produkte unabhängiger queerer Pornofilmemacher.
Beruflicher Werdegang Shine Louise Houston schloss ihr Studium in Filmwissenschaften am renommierten San Francisco Art Institute mit einem Bachelor ab. Danach arbeitete sie fünf Jahre lang im Sexshop Good Vibrations in der San Francisco Bay Area, der von Frauen betrieben wurde. In dieser Zeit fiel ihr eine Nachfrage nach authentischen Pornofilmen auf, die von Frauen und queeren Menschen produziert wurden. Dies war für sie der Anlass, selbst solche Filme zu produzieren und hierfür die Firma Pink and White Productions zu gründen. Über Shine Louise Houstons Video-on-Demand-Website PinkLabel.TV, die sich zu fairen Arbeitsbedingungen bekennt, werden nicht nur Houstons eigene Filme, sondern auch die anderer unabhängiger queerer Pornofilmemacher vertrieben.
2005 drehte die Regisseurin mit Jiz Lee in der Hauptrolle ihren ersten Spielfilm Crash Pad. Zentrum dieses Films und der später folgenden gleichnamigen Serie ist eine geheime Wohnung in San Francisco, in der queerer Sex gelebt werden soll. Die Schlüsselgewalt hat eine Schlüsselverwalterin, die von Houston selbst gespielt wird. Die einzige Regel besteht darin, dass der Schlüssel nach siebenmaligem Gebrauch an eine andere Person weitergegeben werden muss.
Nach dem Erfolg von Crash Pad arbeitete die Regisseurin in schneller Folge in diesem Genre weiter: Ihr zweiter Spielfilm, Superfreak, folgte 2007. Darin spielt Shine Louise Houston einen Geist in der Gestalt des Sängers Rick James. Dieser ergreift von Menschen Besitz, um sie in Superfreaks mit großartigem Sexualleben zu verwandeln.
2007 drehte sie In Search of the Wild Kingdom, 2008 Champion.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 192. Aus dieser Zeit stammen auch mehrere Kurzfilme sowie eine auf Crash Pad basierende erfolgreiche Internet-Serie. Außerdem rief sie das digitale Medienforum Heavenlyspire ins Leben, das sich auf männliche Schönheit und Sexualität konzentrierte.
Filmischer Ansatz
Grundzüge Shine Louise Houston hofft, in ihrer Arbeit Dimensionen des Begehrens zu zeigen, die bislang beim Publikum im Unbewussten lagen. Ihre Produktionsfirma Pink & White Productions produziert nach eigenen Angaben Unterhaltung für Erwachsene, die die Komplexität von queerem sexuellem Begehren abbildet. Die Technologie des Internets sieht die Regisseurin als Schlüssel an: Nicht nur der Widerstand gegen Stereotype sei damit möglich, sondern auch die Erfindung neuer, dynamischer repräsentativer Paradigmen von schwarzer Weiblichkeit.Ariane Cruz: The Color of Kink. Black Women, BDSM and Pornography. New York University Press, New York 2016, ISBN 978-1-4798-2746-6, S. 166.
Basis der sexuellen Handlungen in den Filmen ist das ausdrückliche Einverständnis der Beteiligten, das auch während einer Szene noch widerrufen werden kann.
Im Unterschied zu anderen Filmemachern versteht und vermarktet sie ihr Werk ausdrücklich als eine spezielle Form von Pornografie, die die Begriffe Pornografie, schwarzes Kino, queeres Kino und schwarzes queeres Kino zur Diskussion stellt. Für ihre „einzigartige Filmvision“ erhielt Shine Louise Houston großen Zuspruch in der Presse und eine Reihe von Auszeichnungen. Ihre Filme zeigten die „falsche Dichotomie zwischen schwarzem feministischen Denken und Antipornografie und antisexueller Rhetorik“. Auf überzeugende Weise fingen die Filme zum einen den Geist der unabhängigen schwarzen Filmproduktion der 1980er und 1990er Jahre ein. Zum anderen loteten sie Symbole, Mythen und Repräsentationen des frühen lesbischen Filmemachens aus, so etwa das Begehren und sexuelle Handlungen zwischen People of Color und Weißen ebenso wie schwarze Butch- und Transgender-Erscheinungsformen.
Shine Louise Houston würde sich, wie sie in einem Interview mit Ariane Cruz sagte, nicht notwendigerweise als Feministin bezeichnen. Es sei auch nie ihre Absicht gewesen, feministische Pornografie zu produzieren. Dennoch glaube sie, dass Pornografie das Potential oder sogar eine gewisse Verantwortung habe, feministisch zu sein.Shine Louise Houston in einem Interview mit Ariane Cruz, 24. Mai 2012, zitiert nach: Ariane Cruz: The Color of Kink. Black Women, BDSM and Pornography. New York University Press, New York 2016, ISBN 978-1-4798-2746-6, S. 163.
Exemplarisches Beispiel: In Search of the Wild Kingdom In Search of the Wild Kingdom ist Shine Louise Houstons dritter Spielfilm, ein Mockumentary, also eine Parodie auf das Genre Dokumentarfilm. Darin macht sich die fiktionale Filmemacherin Georgia Mann mit einem Filmteam auf, um authentischen lesbischen Sex in San Francisco zu beobachten, aufzunehmen, zu analysieren und daraus den Film Real Lesbians of San Francisco zu machen.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 195. In der Einleitung zu In Search of the Wild Kingdom wird dem Publikum mitgeteilt, dass der gleich gezeigte Film den Produktionsprozess des Filmes von Georgia Mann filmisch begleitet habe, um daraus den Dokumentarfilm In Search of the Wild Kingdom zu machen. Vor dem Beginn der Handlung erscheint ein Zitat aus Ecce Homo von Friedrich Nietzsche auf der Leinwand: Um zu werden, wer man sei, müsse man nicht wissen, wer man sei.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 196. Damit gibt Shine Louise Houston einen Hinweis darauf, dass sie sich, anders als bei Pornofilmen üblich, an ein aktives und bewusstes Publikum wendet.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 197. Georgia Mann wird von Shine Louise Houston als feministische Filmemacherin gezeichnet, die lesbische Frauen und ihre Sexualität mit einer fragwürdigen Einstellung nähert. Sowohl die Suche Manns nach Authentizität als auch deren Darstellung werden von Shine Louise Houston ironisch gebrochen.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 198. Georgia Mann übernimmt hier die ethnozentrische und vom Westen geprägte Stimme der Sozialwissenschaft, spielt aber auch mit den Themen Identität, Voyeurismus und sexuelle Bestätigung.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 199. Georgia Mann ersetzt in diesem Film den weißen männlichen Zuschauer und repräsentiert den Typ Zuschauerin, die sich zwar der Hierarchien bewusst ist und keinen rein maskulin und patriarchalisch geprägten Blick hat, aber von beiden beeinflusst ist.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 200. Lesbische Sexualität wird von ihr ausschließlich durch den voyeuristischen, heteronormativen Blick gezeigt, für den Georgia Mann steht.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 202. Shine Louise Houston baut in In Search of the Wild Kingdom ein angebliches Making-of eines weiteren Dokumentarfilms ein, der in Wirklichkeit nur fiktional ist. Darin werden als High Femmes konnotierte Frauen mit rasierten Unterarmen und Schambereichen bei vermeintlich authentischem lesbischen Sex gezeigt; die Kamera ist jedoch so positioniert, dass das Publikum einen ungehinderten Blick auf die Geschlechtsteile der Frauen hat, was auf einen männlichen Zuschauer abstellt.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 201. Es gibt Unterschiede zwischen der Eröffnungsszene dieses Making-of-Films und der ersten Szene des Films von Georgia Mann. Dort werden Safe-Sex-Maßnahmen hervorgehoben, die Frauen gehören verschiedenen Ethnien an und ihre Körper entsprechen keinen gängigen Schönheitsidealen. Auch wird ein weiterer Mythos des lesbischen Sexuallebens, die Monogamie, ausgehebelt. Auf diese Weise benutzt Houston In Search of the Wild Kingdom, um Kategorien und Etiketten – etwa weibliche Sexualität und lesbischer Sex – aufzuweichen und die Filmgenres Dokumentarfilm und Making-of in Bezug auf die Authentizität des Dargestellten zu hinterfragen.L. H. Stallings: Shine Louise Houston. An Interstice of Her Own Making. In: Yvonne Welbon, Alexandra Juhasz (Hrsg.): Sisters in the life: a history of out African American lesbian mediamaking. Duke University Press, Durham und London 2018, ISBN 978-0-8223-7071-0, S. 191–204, S. 203.
Filmografie (Auswahl) 2005 The Crash Pad (Spielfilm); Regie 2007 Superfreak (Spielfilm); Regie und Schauspiel (Rick James’ Geist) 2007 In Search of the Wild Kingdom; Regie 2007 Matt and Khym: Better Than Ever (Dokumentarfilm); Produktion 2008 Bill and Desiree: Love Is Timeless (Dokumentarfilm); Produktion 2009 Champion: Love Hurts (Spielfilm), Regie 2014 Bed Party: Eden Alexander and Sebastian Keys (Kurzfilm); Regie und Schauspiel (Shine Louise Houston) 2014 Put the Needle on the Record (Kurzfilm); Regie, Drehbuch, Produktion 2016 Snapshot (Spielfilm); Regie, Drehbuch 2018 Birthday (Kurzfilm); Regie 2020 Chemistry Eases the Pain (Spielfilm); Regie 2020 Camera and I (Kurzfilm); Regie Fortlaufend: Vierzehntägige Folgen der Serie Crash Pad (Stand September 2020: Über 300 Folgen)
Auszeichnungen (Auswahl) 2007 Gewinn eines Feminist Porn Award, Toronto, Kanada: The Wild Search 2009 Gewinn eines Feminist Porn Award Toronto, Kanada: The Crash Pad Series #1 2009 Official Selection Frameline San Francisco International LGBTQ Film Festival: Champion:Love Hurts 2009 Gewinn eines Feminist Porn Award Toronto, Kanada: Champion:Love Hurts und The Crash Pad Series #2 Unlocked 2010 Nominierung beim AVN Award für Champion: Love Hurts als bester Videospielfilm 2014 Gewinn eines Feminist Porn Award: Bed Party