mini|Der Franziskanerplatz vor dem Umbau (2012): Der Pariser Hof vom Nereidenbrunnen her gesehen
Der Ferenciek tere [IPA: fɛrɛnt͡siɛk tɛrɛ], deutsch Franziskanerplatz, ist ein im V. Bezirk (Belváros-Lipótváros, deutsch Innenstadt-Leopoldstadt) der ungarischen Hauptstadt Budapest liegender repräsentativer Stadtplatz und Verkehrsknotenpunkt. Die Namensgeberin des Platzes ist die hier gelegene barocke Franziskanerkirche. Der Platz verfügt über die U-Bahnhaltestelle Ferenciek tere der Linie M3 (blaue Linie).
Seit 1987 gehört der gesamte Platz zum UNESCO-Welterbe Budapest mit Donau-Ufern, Burgviertel Buda und Andrássy-Straße.
Lage und Charakteristik Der Franziskanerplatz ist einer der repräsentativen Plätzen der Pester Seite der mit seinem weltstädtischen Charakter die Blütezeit der Donaumetropole als Haupt- und Residenzstadt Ungarns innerhalb der Donaumonarchie zur Zeit der Belle Époque widerspiegelt. Der ungewöhnlich L-förmige Platz wird mehrfach von stark frequentierten Straßenzügen der Pester Innenstadt durchquert und ist somit in zwei eindeutig voneinander getrennten Teile gegliedert die erst Ende des 19. Jahrhunderts zusammengelegt wurden.
Der kleinere, längliche, rechteckige Ostteil, der eigentliche, historische Franziskanerplatz dient als Vorplatz der namensgebenden Franziskanerkirche sowie als Verbindung der Nord-Ost-Achse Károlyi Mihály utca - Petőfi Sándor utca zwischen Kálvin tér (Calvinplatz) und Freiheitsplatz. Der von drei Seiten bebaute kleine Stadtplatz erinnert an eine italienische Piazza.
Mit den Zwillingspalästen der Erzherzogin Clotilde (Klotild-paloták) bildet der dreieckige Westteil den symbolischen Eingang zur Elisabethbrücke (ungarisch Erzsébet-híd) und stellt somit die Erweiterung der stadtdurchquerenden Ost-West-Achse Rákóczi út-Kossuth Lajos utca - Elisabethbrücke - Hegyalja út zwischen Ostbahnhof und Buda dar. Die erst im späten 19. Jahrhundert zu einem eigentlichen Platz gewachsene Straßenkreuzung war historisch als Schlangenplatz bekannt.
Mit der Ausnahme der Barockfassade der Franziskanerkirche wird das gesamte Erscheinungsbild des Platzes von in den Neostilen des Historismus errichteten monumentalen Gründerzeitbauten geprägt.
Geschichte Die Entstehung des Franziskanerplatzes Der Platz war ursprünglich eine breite Straßenstrecke nordwest-südöstlicher Richtung die zur Zeit der Árpáden-Dynastie (1000–1301) anstelle eines die damaligen Pester Stadtbefestigung schützenden Wassergrabens errichtet wurde. Am Nordostende dieser Straße wurde 1250–1260 eine dem Märtyrer Petrus von Verona geweihte gotische Kapelle und ein Kloster des Franziskanerordens gebaut. Der Bau dieser Ordensanlage wurde vom König Béla IV. finanziell unterstützt. Die kleine Kapelle wurde ab 1298 zur Kirche erweitert, sie gilt als Vorgängerbau der heutigen Franziskanerkirche. Nach der Eroberung der Stadt durch die Osmanen im Jahr 1541 diente die Kirche nun unter dem Namen Dschami des Sinan Beys als Moschee. Nach der Vertreibung der Osmanen aus Pest wurde im Jahr 1690 das Gebäude erneut als Franziskanerkirche im Barockstil wiederaufgebaut. Diesmal wurde sie dem Petrus von Alcántara geweiht. Der als Herrengasse und später als Mönchengasse bzw. Mönchenplatz bekannte Kirchenvorplatz wurde zu einem der wichtigsten öffentlichen Plätzen der Stadt.
Im 19. Jahrhundert mini|Relief zur Erinnerung an die Überschwemmung 1838 von Barnabas Holló (1895) an der Innerstädtischen Franziskanerkirche, BudapestIm Jahr 1835 wurde vor der Franziskanerkirche der Nereidenbrunnen, der erste bildhauerisch gestaltete Brunnen Pests errichtet. Die Überschwemmung von 1838 verursachte zwischen dem 13. und 18. März schwere Schäden, insbesondere auf der Pester Seite. Die Höchstwasserstände werden an mehreren Gedenktafeln in den heutigen Innenbezirken angezeigt, darunter an der Seitenfassade der Franziskanerkirche zur Kossuth Lajos utca. Das Bronzerelief erinnert an den selbstlosen Einsatz von Baron Miklós Wesselényi, der persönlich viele Menschen aus den Fluten rettete.
Im Jahr 1841 gründete der deutsche Buchhändler Gustav Emich die Buchhandlung Athenaeum die innerhalb von wenigen Jahren zum größten Zeitungs- und Buchverlag des damaligen Ungarns wurde. Das ab 1868 im einstöckigen, barocken Palais Grassalkovich am Franziskanerplatz angesiedelte Verlagshaus und Druckerei trug maßgeblich zur Literaturproduktion des ungarischen kulturellen Erwachens bei. Das Palais stand bis zu seinem Abriss 1897 anstelle des heutigen Königsbazars.
Der Brückenbau mini|Der alte Schlangenplatz (Kígyó-tér) vor dem Bau der Elisabethbrücke. Die kleinteilige Bebauung und engen Gassen waren typische Merkmale der alten Pester Innerstadt. Aufnahme von György Klösz.
1893 wurde das Gesetz über den Bau der vierten Donaubrücke (der späteren Elisabethbrücke) vom Budapester Stadtrat beschlossen. Mit dem Brückenbau am damaligen Schwurplatz (Eskü tér, heute Március 15. tér) wurde die Pester Innenstadt radikal umstrukturiert. Ein Großteil des mittelalterlichen Stadtgewebes und der barock-klassizistischen Bausubstanz einschließlich des alten Pester Rathauses in der Schlangengasse (Kígyó utca) musste abgerissen werden und neuen Verkehrskorridoren weichen. Dabei wurde auch die Häuserreihe an der Westseite des kleinen Franziskanerplatzes beseitigt und der Platz mit dem neuentstandenen dreieckigen Schlangenplatz (Kígyó-tér) und der nun Kossuth Lajos utca getauften alten Hatvaner Landstraße (Hatvani út) zusammengeschlossen. Ab 1914 durchquerte eine Straßenbahnlinie die neue Brücke und somit den mittlerweile großstädtisch bebauten Schlangenplatz. Der nun vornehme Stadtplatz wurde nach der Jahrhundertwende mit den Statuen vom Rechtsgelehrten Stephan Werbőcy und vom Primas Péter Pázmány geschmückt. Die vom Kaiser und König Franz Joseph gestifteten Denkmäler wurden nach dem Zweiten Weltkrieg, wie viele andere Statuen und Denkmäler der Stadt, aus politischen Gründen beseitigt.
Im 20. Jahrhundert mini|Das provisorische Siegestor am Schlangenplatz zur Zeit der Räterepublik. Im Hintergrund ist der Pariser Hof mini|Der nördliche Klothilden-Palast 1949 Die Ausrufung der ungarischen Räterepublik im Jahr 1919 brachte schwerwiegende Veränderungen für das Leben des Hauses mit sich. Mit dem Zerfall der Monarchie verließ ein Großteil der ehemaligen Bewohnerschaft das Haus, die Hausverwaltung selbst wurde auch beseitigt. Vor dem Haus und den Klothilden-Palästen wurde ein provisorisches, mit rotem Tuch bedecktes Siegestor errichtet, das an die Entthronung der Habsburger erinnerte.
Der 1921 nach dem Grafen Albert Apponyi umbenannte Platz wurde während der Schlacht um Budapest im Zweiten Weltkrieg Schauplatz heftiger Kämpfen, der Großteil seiner Bauten blieb jedoch unzerstört. Der Wiederaufbau der am 18. Januar 1945 beim Rückzug von den deutschen Truppen gesprengte Elisabethbrücke verzögerte sich allerdings bis 1963, bis dahin blieb der nun in Befreiungsplatz umgetaufte Platz Endstation mehrerer in der Vorkriegszeit über die Donau geführten Straßenbahnlinien. Erst mit dem Wiederaufbau der Elisabethbrücke gewann der Platz wieder als Verkehrsknotenpunkt an Bedeutung. Parallel zum in den 1970er Jahren begonnenen U-Bahnbau wurde der Straßenbahnverkehr entlang der Ost-West-Achse Rákóczi út – Kossuth Lajos utca eingestellt und die Strecke zwischen Ostbahnhof und Budaer Seite im Sinne der „autogerechten Stadt“ als 2x3-spurige Stadtautobahn ausgebaut. Der Befreiungsplatz selbst wurde beinah komplett dem Autoverkehr übergeben, das Überqueren des Platzes zu Fuß war nunmehr ausschließlich durch Fußgängerunterführungen möglich. Der Fußgängerverkehr wurde durch die Rampen eines Y-förmigen Autotunnels vor der Universitätsbibliothek, dem Pariser Hof und in der Petőfi Sándor utca weiter eingeengt.
Sanierung mini|Die Stadtautobahn Der nach dem Zerfall des Sozialismus nun einheitlich in Ferenciek tere umbenannte Franziskanerplatz wurde, wie schon in den letzten Jahrzehnten des untergegangenen Regimes, von einem allmählich verwahrlosten Bild geprägt: die vom starken Autoverkehr schwarzgefärbten Steinfassaden, die uneinheitliche und abgenutzte Straßenpflasterung, sowie die beinah leerstehende Pariser Passage trugen dazu bei. Eine umfassende Umgestaltung und Rehabilitierung des Platzes erfolgte erst 2012–2014 im Rahmen des Budapest Szíve Program (das Herz Budapests Programm) mit dem Ziel der Verkehrsberuhigung beider Achsen, der Beseitigung des Y-Tunnels, der Ausweitung der Fußgängerflächen, der Begrünung, der Sanierung und Erweiterung der Fußgängerunterführung, sowie der Errichtung mehrerer oberirdischen Fußgängerübergänge. Die Fläche des ehemaligen Schlangenplatzes erhielt eine an Schlangenschuppen erinnernde Steinpflasterung. Unabhängig von diesem Projekt wurden die meisten Anrainergebäude aus Privatkapitel erneuert, viele fanden neue Funktionen (z. B. der Pariser Hof oder die Klothilden-Paläste als Luxushotel).
Historische Namen Dank seiner exponierten Lage und unregelmäßiger Form wurde der zweiteilige Platz während seiner Geschichte unter einer hohen Anzahl an verschiedenen Namen bekannt. Bis ins 19. Jahrhundert wurde im damaligen Pest mehrheitlich deutsch gesprochen, das sich auch in der historischen Namensgebung widerspiegelt. +Ostteil (Nord-Süd-Achse)Westteil (Ost-West-Achse)16. JhdPlatea Dominorum
(ung. Urak utcája, dt. Herrengasse)
Petrigasse (Szent Péter utca)ab 1700Getreyde Marktplatz (ung. Búzapiac tér)1690Herrengasse
(Úri utca)1703Mönchengasse (Barátok utcája)1727Mönchenplatz (Barátok tere)ab 1730Weiße Rosen Platz (Vörös Rózsa tér) Sebastien Platz (Sebestyén tér)18. Jhd.Franziskanerplatz (Ferenciek tere)
Universitätsplatz (Egyetem tér)ab 1788Schlangenplatz (Kígyó tér)ab 1874Ferenciek tere (Franziskanerplatz)ab 1874Kígyó tér (Schlangenplatz)ab 1921Apponyi tér (Graf-Apponyi-Platz)ab 1962Károlyi Mihály utca (Mihály-Károlyi-Gasse)ab 1951Felszabadulás tér (Befreiungsplatz) umgangssprachlich ‘Felszab tér‘ab 1991Ferenciek tere (Franziskanerplatz) - einheitlich beide Teile
Markante Gebäude Klothilden-Paläste
mini|Die Klothilden-Paläste mini|Der nördliche Palast als Hotel Klotild paloták (Ferenciek tere 1. & 12.), geb. 1899–1902, Neobarock-Jugendstil
Der monumentale Zwillingsbau der Klothilden-Paläste (Klotild paloták) bildet das symbolische Tor zur Elisabethbrücke. Die im Zuge des Brückenbaus freigewordenen Grundstücke am neugestalteten Schlangenplatz wurden von der Gemahlin des Erzherzogs Joseph Karl Ludwig von Österreich, der Erzherzogin Clotilde von Sachsen-Coburg-Gotha erworben und nach den Plänen des Architektenduos Flóris Korb und Kálmán Giergl 1899–1902 bebaut. Die Stahlstruktur der spiegelsymmetrischen Zwillingsgebäude ist mit einer geschnitzten Stein- und Zierziegelverkleidung bedeckt, die Glasfenster wurden im Werkstatt Miksa Róths hergestellt, die Kachelöfen kommen aus der Fünfkirchner Zsolnay-Manufaktur, die 48 Meter hohen Türme sind mit den Nachbildungen der erzherzoglichen Krone geschmückt. Hier wurde erste Aufzug Budapests von der Firma OTIS installiert. In einer der herrschaftlichen Mietwohnungen des Südpalast wohnte der Architekt Flóris Korb. Die offiziell einfach nur 'nördlicher' und 'südlicher' Klothilden-Palast genannten Gebäudeteile sind unter den Budapestern liebevoll als Klotilde und Mathilde (Klotild és Matild) bekannt. Der urbanen Legende nach handelt es sich bei der Letzteren um die vermeintliche Zwillingsschwester der Bauherrin. Bereits während des Ersten Weltkriegs verkaufte die Erzherzogin aus finanziellen Gründen das Gebäudekomplex. Im Südpalast funktionierte jahrzehntelang das Literatencafé Belvárosi Kávéház (dt. Innenstädtisches Kaffeehaus), welches als erstes Etablissement der Hauptstadt nach der Belagerung Budapests bereits am 18. Februar 1945 wiedergeöffnet hat. Die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten und nach dem Krieg der Ungarischen Post zugewiesenen Gebäude wurden in den letzten Jahren saniert. Heute beherbergen sie Luxushotels sowie eine Buddha Bar.