mini|Die wahrscheinliche Emblemglyphe von Xunantunich (als Katyaatz Witz)

Xunantunich ist der moderne Name der Ruinenstätte eines ehemaligen Stadtstaats der historischen Maya-Zivilisation, ca. 13 Kilometer südwestlich von San Ignacio in Belize auf einer Anhöhe über dem Mopan-Fluss.

Das Areal wurde das erste Mal um 1100 v. u. Z. besiedelt, wurde um das Jahr 200 aufgegeben und blieb über mehrere Jahrhunderte weitgehend unbewohnt. Ab dem frühen 7. Jahrhundert wuchs der zeitgenössisch wohl Katyaatz Witz genannte Ort durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Königreich Naranjo zu relativer Größe und regionaler Bedeutung heran. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts verlor Katyaatz Witz im Zuge des Niedergangs der klassischen Maya-Zentren seine Funktion als regionales Zentrum und wurde erneut verlassen.

Die heutige Ruinenstätte stellte das Zentrum eines größeren Siedlungsraumes dar, der sich über viele Quadratkilometer insbesondere am Ufer des Flusses hinzog. Sein Kern umfasst über 50 Bauten, die seit den 1990er Jahren kontinuierlich erforscht, gesichert und erschlossen werden. Insbesondere durch die 39 Meter hohe Pyramide El Castillo ist die Anlage heute eine Sehenswürdigkeit und zieht zahlreiche Touristen an.

Quellenlage mini|Der Altar 1 aus Xunantunich von 849, gemeinsam mit Stela 1 die letzte kalendarisch datierte Inschrift aus Xunantunich, fotografiert von Teobert Maler 1905. Der Altar wurde 1924 zur Verschiffung nach London durch Thomas Gann „zurechtgestutzt“ und dabei weite Teile des Textes zerstört.

Kenntnisse über Xunantunich stammen aus archäologischen Befunden und einigen Inschriften. Aufschlussreiche, teils noch lesbare Inschriften gibt es in drei Stelen, einem Altar und vier Panelen, die Mehrheit dieser Textzeugnisse stammt aus der Schlussperiode des Ortes zwischen 780 und 900. Zwei der Panele sind Kriegsbeute und enthalten keine ortsbezogenen Informationen. Zur Stützung der Textzeugnisse herangezogen werden auch epigraphische Deutungen zweier Friese an der östlichen und westlichen Seite des Castillo.

Lage Xunantunich liegt ca. 13 Kilometer südwestlich von San Ignacio und 1 Kilometer östlich der Grenze zu Guatemala. Es liegt in 180 Meter Höhe auf einem Hügel westlich über dem Mopan. Unmittelbar am anderen Ufer des Mopans befinden sich die kleinen Ortschaften Benque Viejo del Carmen und San Jose Succotz.

In unmittelbarer nördlicher Nachbarschaft befinden sich zwei weitere, ähnlich große Ruinenstätten der Maya, Actuncan (2 km) und Buenavista del Cayo (6 km). 13 Kilometer nach Westen liegt die bedeutende Maya-Stadt Naranjo.

Geschichte Der mayanische Name Xunantunich bedeutet so viel wie „steinerne Jungfrau“, ist aber modern. Der zeitgenössische Name war vermutlich Katyaatz Witz (der Mayanist Simon Martin liest es als Katuutzwitz), was „Lehmberg“ bedeutet und wohl gleichermaßen die Lage des Ortes auf einem Hügel wie auch das höchste Gebäude El Castillo meint. Dabei gilt es zu beachten, dass solche Namen weniger auf den Ort selbst, sondern die ortsansässige königliche Lineage verweisen.

Wie in der Mayaistik üblich, ist auch für Xunantunich eine lokale Periodisierung der Geschichte anhand von Keramikfunden etabliert, da diese als einziger Fundtyp zeitlich wie räumlich omnipräsent ist. Da diese Keramik-Phasen der allgemeinen Chronologie der Maya-Zivilisation (Präkeramik, Präklassik, Klassik, Postklassik) gegenübergestellt werden können, kann damit dann auch eine kalendarische Datierung von Funden erfolgen. Für Xunantunich sieht diese Gliederung aus wie folgt: +Zeitraum (ca.)EpochePhase780 – 900Terminale KlassikTsak'670 – 780SpätklassikHats' Chaak600 – 670SpätklassikSamal280 – 600Frühe KlassikAk'ab120 v. u. Z. – 280ProtoklassikPek'kat300 – 120 v. u. Z.Späte PräklassikOk'inal800 – 300 v. u. Z.Mittlere PräklassikNohol1100 – 800 v. u. Z.Frühe bis mittlere PräklassikMuyal Vorgeschichte: Early Xunantunich (1100 v. u. Z. – 280) mini|Die Pyramide El Castillo von Norden.Die ältesten Spuren menschlicher Aktivität stammen aus dem Areal Early Xunantunich rund 800 Meter östlich des heutigen Zentrums. Sie reichen zurück bis in die präkeramische Zeit um ungefähr 3000 v. u. Z., wenngleich nicht nachweisbar ist, dass der Ort zu dieser Zeit dauerhaft besiedelt war.

Gesichert ist dies ab der Muyal-Phase seit 1100 v. u. Z. In der Zeit zwischen 700 und 300 v. u. Z. wuchs die Bevölkerung Early Xunantunichs wie die anderer Orte der Region deutlich an. Die Lage direkt am Fluss war nicht nur günstig für den Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Fisch und fruchtbaren Ackerböden, sondern ermöglichte auch die Teilnahme am Handelsnetz zwischen der Karibik, dem Peten und den Maya Mountains. Der Ort war bis zur Samal-Phase relativ klein und ohne überregionale Bedeutung, zwischen 400 v. u. Z. und 250 war das nur 2 Kilometer nördlich gelegene Actuncan das wesentliche Machtzentrum der Gegend.

Es wird davon ausgegangen, dass Xunantunich, ebenso wie andere Orte des Upper Belize River Valley, in seiner Frühzeit eine egalitäre Gesellschaft war, die ihre Gemeinschaft in rituellen Festessen zelebrierte und stabilisierte. Da von den Teilnehmenden an diesen Festen Gegeneinladungen erwartet wurden, dürfte dies allmählich zu sozialen Unterschieden geführt haben. Zwischen 800 und 700 v. u. Z. entstand eine E-Gruppe in Early Xunantunich, zu dieser Zeit zwar noch Ausdruck eines gemeinschaftlich und öffentlich zelebrierten Ritus, zugleich aber erstes Anzeichen sozialer Differenzierung und beginnender Hierarchie in Gestalt von Personen, die um die rituellen und astronomischen Grundlagen der damit zusammenhängenden Rituale wussten. Dies setzte sich fort durch die zunehmende Betonung der Verehrung hierarchisch herausgehobener Ahnen und mündete dann in der Etablierung eines Königtums. Ab der späten Präklassik entstand in Early Xunantunich nun ein solches Königtum und im Zuge dessen wurde Early Xunantunich ausgebaut.

In der Präklassik begannen auch Aktivitäten im Bereich des späteren Zentrums. Einzelne Funde wie Scherben von Savana Orange oder Spuren unterhalb des Castillo weisen zwar schon auf die frühe bis mittlere Präklassik hin, Architekturen aus der Zeit lassen sich jedoch nicht sicher nachweisen. Als gesichert gilt nur die Datierung der ältesten Schicht der Struktur A-7 in die späte Präklassik. Unklar ist, ob A-7 tatsächlich aus Early Xunantunich heraus entstand, ein unabhängiger regionaler Ritualort war oder zu einer eigenständigen Siedlung auf dem Höhenrücken gehörte. Ab dem Ende der Präklassik, vermutlich um das Jahr 200, wurde das gesamte Areal dann wohl aufgegeben, in Early Xunantunich wie auf dem Höhenrücken lassen sich danach kaum noch Bau- oder Siedlungsaktivitäten nachweisen.

Aufstieg mit Naranjo (600 – 780) mini|Die Pyramidengruppe im Osten der Plaza A, A-4, A-3 und A-2 (von vorne nach hinten) Nach mehreren Jahrhunderten wurde der Ort erneut besiedelt, diesmal jedoch auf dem Höhenrücken selbst. Mit Beginn der Samal-Phase Anfang des 7. Jahrhunderts begann der Ort rapide zu wachsen, eine Entwicklung, die sich bis in die erste Hälfte der nachfolgenden Hats' Chaak-Phase weiter beschleunigte. Durch sein Wachstum in der Spätklassik wurde Xunantunich nun neben erheblich älteren Siedlungen wie Cahal Pech, Buenavista del Cayo oder Baking Pot zu einem der großen Regionalzentren unter den zahlreichen dicht beieinander liegenden Orten im Tal des Belize River.

Höchstwahrscheinlich lässt sich dieses Wachstum auf das Königreich Naranjo zurückführen, mit dem Xunantunich sich in dieser Zeit verband. Die genaue Natur der Beziehung beider Staaten war lange unklar, inzwischen wird davon ausgegangen, dass Naranjo sich in der Samal-Phase, möglicherweise unter Anwendung von Druck, um die Etablierung einer Zusammenarbeit mit Xunantunich bemühte und so entweder eine Patron-Klient-Beziehung oder eine Allianz bei bleibender Autonomie etablierte. Trotz der Ungleichheit beider Seiten verstärkte sich die Abhängigkeit Xunantunichs während der Hats' Chaak-Phase nicht weiter und wandelte sich mit dem Verfall von Naranjos Bedeutung ab 744 zunehmend zu einer Beziehung auf Augenhöhe. In der Spätklassik etablierte Xunantunich auch starke politische und wirtschaftliche Beziehungen zu anderen Stadtstaaten im Westen, so zum benachbarten Ucanal im heutigen Guatemala, ebenfalls ein Alliierter Naranjos.

Mit dem Aufstieg gewann Xunantunich auch Kontrolle über sein Umfeld. Das benachbarte Actuncan fiel nun unter die Herrschaft Xunantunichs und wurde durch eine Verbindungsstraße mit ihm verknüpft. Wahrscheinlich wurde durch Xunantunich in Actuncan ein Vasall oder Statthalter eingesetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Actuncan, in der Präklassik noch regionales Machtzentrum, seit ca. 250 unter der Herrschaft des noch weiter nördlich gelegenen Buenavista del Cayo gestanden, der Machtwechsel markiert den Übergang von Buenavista zu Xunantunich als vorherrschender Macht im Tal des Mopan. Buenavista blieb aber wohl die größte regionale Konkurrenz für Xunantunich, es wird davon ausgegangen, dass beide Orte seit der Samal-Phase bis zu ihrem Ende als politische, wirtschaftliche und ggf. militärische Rivalen im Konflikt miteinander standen. Soweit Xunantunich in der Nachfolge von Actuncan und Buenavista del Cayo als Herrschaftszentrum in der Region fungierte, ist unklar, wie weit in diesem Fall sich sein Territorium ausdehnte.

Xunantunich übte aber nicht nur Kontrolle über sein Umfeld aus, sondern stimulierte auch sein Wachstum. Das führte weniger zu urbaner Verdichtung nahe des Kerns, sondern zu einer teils sogar höheren Siedlungsdichte im weiteren Umfeld, insbesondere am Ufer des Mopan. Hierbei spielten besonders die fruchtbaren Böden am Fluss eine entscheidende Rolle, auf denen wertvolle Waren wie Kakao angebaut werden konnten, und welche die Grundlage für zahlreiche Bauernhöfe waren. Anfangs verlief das Siedlungswachstum seit der Ok'inal-Phase gleichmäßig, stieg aber in der Samal-Phase enorm an, bis es in der Hats' Chaak-Phase seinen Höhepunkt erreichte. Die zunehmende Siedlungsdichte illustrieren Testgrabungen in einem Areal nördlich des Kerns, dort wurde zur Ak'ab-Phase noch eine Besiedlung in nur 16 % der Tests festgestellt, zur Samal-Phase bereits in 39 % und in der Hats' Chaak-Phase in 72 %.

2016 wurden in und an A-9, einer Pyramide im Zentrum von Plaza A, die zwei Panele 3 und 4 sowie ein Grab gefunden. Die Funde gaben Einblicke in militärische Ereignisse insbesondere des späten 7. Jahrhunderts zwischen Naranjo und Caracol und die Rolle Xunantunichs als Verbündeter Naranjos. Die 642 als Teile einer Hieroglyphentreppe fertiggestellten Panele stammten aus Caracol und schilderten den Sieg des dortigen Königs K'an II. als Alliierter von Calakmul über Naranjo im Jahr 631. 680 wurde Caracol wiederum in einem besonders heftigen, sogenannten Sternenkrieg durch Naranjo in Allianz mit Xunantunich besiegt und die Panele als Teil der Kriegsbeute verschleppt. Während die meisten der Panele nach Naranjo verbracht und Teil einer dortigen Hieroglyphentreppe wurden und eines nach Ucanal gelangte, kamen zwei besonders wertvolle nach Xunantunich. Sie wurden im Zuge einer Bestattung wohl zu Füßen der Grabpyramide vergraben. Der Leichnam in der Grabkammer war der einer zwischen 670 und 740 gestorbenen, 30 bis 40 Jahre alten Frau. Der prominente Bestattungsort und zahlreiche Grabbeigaben unterstrichen den Rang der Frau als Teil der höchsten Elite Xunantunichs. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie am siegreichen Feldzug gegen Caracol beteiligt war und die Panele einen Anteil ihrer Kriegsbeute bildeten.

Die erste Hälfte der 670 beginnenden Hats' Chaak-Phase gilt als Höhepunkt Xunantunichs. Sie war von raschem Wachstum geprägt, insbesondere in den Jahren zwischen 670 und 680. Zu dieser Zeit wurde die königliche Residenz am Nordende der Plaza errichtet, rege Bautätigkeit führte zur Anlage neuer Gruppen (C) oder revitalisierte verlassene (E).

Verfall und Untergang (780 – 900) mini|Die vorübergehende königliche Residenz, Struktur A-11