Die Operation Schienenkrieg () war eine Operation der sowjetischen Partisanen im Deutsch-Sowjetischen Krieg vom 3. August bis 15. September 1943 speziell gegen das Schienennetz im Hinterland der deutschen Wehrmacht zur Unterstützung der Gegenoffensive bei Kursk (Orjoler Operation und Belgorod-Charkower Operation).
Plan und Durchführung Ziel war ein Schlag gegen das feindliche Schienennetz. Man wollte mittels einer neuen Kampfweise, durch den Masseneinsatz von kleinen Minen, möglichst viele Gleise gleichzeitig sprengen, um damit eine schnelle Wiederinstandsetzung zu verhindern.P.N. Pospelow (Vors. d. Red.): Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion. Berlin 1964, Band 3, S. 553. und Hermann Teske: Die silbernen Spiegel. Heidelberg 1952, S. 194. Am 9. Juli 1943 schrieb der Chef des Zentralen Partisanenstabes Panteleimon K. Ponomarenko in einer Denkschrift:
Normalerweise verursacht ein entgleister Zug eine Störung von 7 bis 14 Stunden, und eine Gleissprengung lediglich 3 bis 6 Stunden.Erkundungsbericht Nr. 95 des Oreler Stabes der Partisanenbewegung vom 2.9.1943. Zit. n. Sebastian Stopper: „Die Straße ist deutsch.“ Der sowjetische Partisanenkrieg und seine militärische Effizienz. In: VfZ Heft 3/2011, S. 410. Der Plan sah vor, auf Bahnstrecken von insgesamt 7069 km zeitgleich 126.400 Schienen zu zerstören. Dazu sollten die Partisanen mit insgesamt 161 t Sprengstoff, Munition, Medikamenten und Propagandamaterial beliefert werden. Darüber hinaus wurden Verbindungsoffiziere und Sprengexperten zu den Partisanen entsandt.Musial, S. 223. Flankierend dazu wurde schwere Bombenangriffe auf Spitzen- und Knotenbahnhöfe geflogen.Teske, S. 194.
Am 14. Juli ordnete der Zentrale Stab der sowjetischen Partisanenbewegung die Operation an.Befehl auszugsweise gedruckt in: Alexander Hill: The Great Patriotic War of the Soviet Union, 1941–45. A documentary reader. Abingdon 2009, Dokument 132. Zur Vorbereitung hielten die Parteisekretäre von den im Untergrund arbeitenden Parteikomitees Versammlungen mit Kommandeuren und Kommissaren der Partisanenverbände ab.Leonid Grenkevich: The Soviet Partisan Movement 1941–1944. London 1999, S. 245. Die Operation begann in der Nacht zum 3. August. Sehr oft wurden die Schienen auch abmontiert und in Sümpfen oder Gewässern versenkt, oder durch Brände und andere Techniken verbogen.Grenkevich: Soviet Partisan Movement. S. 249 ff.
Deutsche Gegenmaßnahmen Als Reaktion legte der „Führerbefehl Nr. 9“ an die Heeresgruppe Mitte fest, dass zur heranzuziehen sind.Percy Ernst Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. Bonn o. J. Band 3/II, S. 905. Der Kommandant des rückwärtigen Gebietes der 4. Armee erließ am 5. August den Befehl, die Zivilbevölkerung als Spalier an der Bahnlinie aufzustellen, mit einem Abstand von höchstens 200 m, geordnet nach Dorfgemeinschaft. Falls dennoch Partisanen durchkämen, seien . Außerdem befahl er, dass die Stützpunktsbesatzungen in der Nacht nicht mehr schlafen dürften.Norbert Müller: Deutsche Besatzungspolitik in der UdSSR. Köln 1980, 153 f. Der Transportchef der Heeresgruppe Mitte Hermann Teske berichtet, dass an der Strecke Shlobin–Gomel alle 5 Meter ein Mann zur Streckenbewachung eingesetzt wurde, aber trotzdem noch Sprengungen erfolgten.Teske, S. 197. In verschiedenen Fällen liefen zur Bewachung der Bahnlinien eingesetzte Osteinheiten vollständig zu den Partisanen über.Teske, S. 195. Das Kriegstagebuch der 3. Panzerarmee hielt am 3. August 1943 fest und notierte: Kurt Mehner (Hrsg.): Die geheimen Tagesberichte der deutschen Wehrmachtführung im Zweiten Weltkrieg. Osnabrück 1988, Band 7, S. 205.
Die Reichsbahn reagierte mit Umleitungen, Befahren des falschen Gleises auf zweigleisigen Strecken und Fahren auf Sicht. So wurden auf zweigleisigen Strecken das eine Gleis wieder hergestellt und Züge aus beiden Richtungen in Bündeln zusammengefasst, und dann mit ‚Fahren auf Sicht’ abwechselnd über die eingleisige Strecke geschleust.Hans Pottgiesser: Die Deutsche Reichsbahn im Ostfeldzug 1939–1944. Neckargemünd 1975, S. 95 ff.
Wirkung In weiten Teilen des rückwärtigen Gebietes wurden die Bahnverbindungen für 48 Stunden stillgelegt.Alfred Philippi, Ferdinand Heim: Der Feldzug gegen Sowjetrussland 1941 bis 1945. Ein operativer Überblick. Stuttgart 1962, S. 213. Das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht stellte am 6. August 1943 fest, dass der durch den Schlag wurde.Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. Band 3/II, S. 905. Am 3. Oktober 1943 hielt Kriegstagebuch des OKW dazu fest:
Bei der 9. Armee führte das Ausbleiben dringend benötigter Betriebsstoffe Mitte August zur Stilllegung zahlreicher Panzer und Kraftfahrzeuge, so dass große Teile der Armee unbeweglich wurden.Tages- und Zahlenmeldungen vom 4. bis 16.8.1943. KTB des AOK 9, Anlagenband 4. Zit. n. Stopper, S. 410 Die Sprengungen führten, neben falschen Berechnungen zum Munitionsverbrauch, zu einem .Philippi, Heim, S. 214 f.
Laut Teske wurden im August 20.505 Sprengstellen und 4.528 verhinderte Sprengungen festgestellt.Teske, S. 195. Reihensprengungen wurden von den Deutschen als jeweils eine gezählt.Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944. Hamburg 1999, S. 868. Der deutsch-polnische Historiker Bogdan Musiał stellt diese Zahlen den sowjetischen Angaben gegenüber, die von 94.477 zerstörten Schienen allein bis zum 15. August berichten, und hält diese daher für weit übertrieben.Musial, S. 223 f.
Bernd Bonwetsch weist auf das schwer lösbare Problem hin, die Gleisanlagen und Brücken so zu zerstören, dass sie zwar die Wehrmacht behindern, aber nicht die vorrückende Rote Armee.Bernd Bonwetsch: Sowjetische Partisanen 1941–1944. Legende und Wirklichkeit des «allgemeinen Volkskrieges». In: Gerhard Schulz (Hrsg.): Partisanen und Volkskrieg. Göttingen 1985, S. 113.
Vom 19. September bis zum 1. November 1943 erfolgte die größere „Operation Konzert“ und im Juni 1944 eine noch größere solche Aktion zur Unterstützung der Operation Bagration.
Bewertung Für Leonid Grenkevich war die Operation einer der größten Erfolge der sowjetischen Partisanenbewegung und trug maßgeblich zum Sieg in der Kursker Schlacht bei.Grenkevich: Soviet Partisan Movement. S. 250. Chris Bellamy stimmt der Einschätzung von Grenkevich zu.Chris Bellamy: Absolute War. Soviet Russia in the Second World War: a modern history. London 2007, S. 591. Bernd Bonwetsch urteilt hingegen, die deutschen Eisenbahnbewegungen wären worden, und angesichts der Menge der eingesetzten Partisanen sei der Erfolg gewesen.Bonwetsch: Sowjetische Partisanen. S. 112. Für Bogdan Musiał schafften es die Partisanen nicht, die deutschen Nachschubwege Musial, S. 230.
Sonstiges Das „Belarussische Staatliche Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“ stellt Schienen aus, die mit nur 75 Gramm schweren Sprengladungen gesprengt wurden.Grenkevich: Soviet Partisan Movement. S. 253.
Literatur Abrascha Arluk-Lawit: Sprengmeister bei den weißrussischen Partisanen, in: Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod! Das Buch vom Widerstand der Juden 1933–1945. Köln : Kiepenheuer & Witsch, 1994, ISBN 3-462-02292-X, S. 337–344. (für den Artikel nicht verwendet)
Einzelnachweise
Kategorie:Militärische Operation des Deutsch-Sowjetischen Krieges Kategorie:Sowjetische Partisanen Kategorie:Schienenverkehr (Sowjetunion) Kategorie:Konflikt 1943 Kategorie:Deutsche Besetzung Russlands 1941–1944