Die Krankengeschichten Sigmund Freuds sind historisch bedeutsame Dokumente für die Entwicklung der Psychoanalyse. Als Schnittstelle von Theoriebildung und Praxis sind sie seit ihrer Aufzeichnung Anlass für vielfältige Auseinandersetzungen mit der Psychoanalyse und Sigmund Freud. Während Freud selbst durchgängig von Krankengeschichten spricht, werden sie in den späteren Auseinandersetzungen häufig als Fälle, Fallgeschichten oder Fallstudien bezeichnet.
Gemäß dem besonderen Register der Krankengeschichten im Gesamtregister der Gesammelten WerkeSigmund Freud: GW, Registerband 1999, S. 819–826. werden zu ihnen die hier in der Liste aufgeführten Krankengeschichten gezählt, zu denen auch zwei nicht von Freud selbst behandelte Patienten gehören, sowie drei Krankengeschichten, bei denen Freud sich auf Texte bezieht.
Liste der Krankengeschichten Die Namen der Patientinnen und Patienten in der nachfolgenden, alphabetisch sortierten Liste entsprechen den von Freud verwendeten Pseudonymen. Die Bezeichnungen Frau, Frl. oder Miss, die Freud manchmal vor die Angabe des Pseudonyms stellte, sind in Klammern beigefügt. Das Jahr ist das Jahr der Ersterwähnung bei Freud bzw. der hauptsächlichen Veröffentlichung der Krankengeschichte. Die Diagnose folgt der Hauptdiagnosestellung bei Freud. Sie sind also historisch zu verstehen, da eine Übertragung in die heutige Nomenklatur nach ICD-10 oder DSM IV zugleich immer eine Interpretation beinhalten würde. Die Quellenangaben in der fünften Spalte beziehen sich auf die Gesammelten Werke, da diese systematisch aufgearbeitet und zuverlässig sind. Ergänzend finden sich, soweit vorhanden, in der darauf folgenden Spalte leicht verfügbare Quellen, wie kostenfreie Online-Angebote oder Einzelausgaben im Taschenbuchformat aufgeführt. In der letzten Spalte finden sich die Namen der Personen, die hinter den Krankengeschichten stehen, soweit diese später bekannt wurden.
Nicht aufgenommen wurden die Fragmente von Krankengeschichten, die Freud nicht namentlich aufführt. Sie finden sich über das Werk Freuds verteilt und sind im Register der Krankengeschichten, teilweise mit einer Benennung der Diagnosen aufgeführt. Darunter finden sich Beispiele von Agoraphobie, Angstneurose, Hebephrenie, Paranoia, Tic convulsif, Tussis nervosa, Zwangsneurose sowie nicht-diagnostische Benennungen wie Kaufmann, Knabe oder Schlafzeremoniell.
+BenennungJahrBehandlerDiagnoseGesammelte WerkeWeitere QuellePersonAnna O. (Frl.)1895BreuerHysterieI 76, 257, 263, 288–290, 432; VIII,4–6Studien über Hysterie in WikisourceBertha PappenheimCäcilie M. (Frau)1890FreudHysterieI 123, 129 f., 244, 248–251Sigmund Freud + Josef Breuer: Studien über Hysterie. Fischer, Frankfurt am Main 1991Anna von LiebenDora1905FreudHysterieV 163–315, X 47 f., 61Bruchstück einer Hysterie-Analyse bei La Psychoanalyse au LuxembourgIda BauerElisabeth v. R. (Frl.)1895FreudHysterieI 196–251, 248Studien über Hysterie in WikisourceIlona WeissEmmy v. N. (Frau)1895FreudHysterieI 99–162, 241, 287 f., 292Studien über Hysterie in WikisourceFanny MoserGradiva1907Novelle von Wilhelm JensenVII 29–125Katharina1895FreudHysterieI 184–195Studien über Hysterie in WikisourceAurélie Oehm-Kronich frGerhard Fichtner, Albrecht Hirschmüller: Freuds »Katharina« Psyche, 1985, 39(3), 220–240.Kleiner Hans1908FreudPhobie, kindlicheII/III 136, 255, 257, 259; V 171; VII 23, 180, 243–377; VII 44 f.; IX 157;XIV 129–139;Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben bei La Psychoanalyse au LuxembourgHerbert GrafKleiner Hahnemann(1913)FerencziPhobie, kindlicheIX 157–160Lucy R. (Miss)1895FreudHysterieI 163–183Studien über Hysterie in WikisourceMathilde H. (Frl.)1895FreudVerstimmungI 230Studien über Hysterie in Wikisource, Anmerkung 5Nina R.1891Breuer/FreudNeurasthenieNachtragsband, 313–321P. (Frau)1896FreudParanoiaI 392–403 (Weitere Bemerkungen über die Abwehrpsychosen.)Rattenmann1909FreudZwangsneuroseVII 381–463, VIII 291, XIII 189, Nachtragsband 509–569Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose bei La Psychoanalyse au LuxembourgErnst LanzerRosalie H. (Frl.)1895FreudHysterische StimmstörungI 237–242Studien über Hysterie in Wikisource, Anmerkung 5Schreber1911FreudParanoiaI 569, V 171, VIII 240–320, X 145–147, XIII 198, 337–339Sigmund Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) Im Projekt GutenbergSigmund Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) In: Projekt Gutenberg.Daniel Paul SchreberTeufelsneuroseHandschrift TrophaeumMariano-Cellense 18. Jh.Christoph HaitzmannWolfsmann1918FreudInfantile Neurose (Depression)X 5–9, 119–121, XII 29–157, XIII 313, XIV 56, 133, 137, XVI 60Aus der Geschichte einer infantilen Neurose bei La Psychoanalyse au LuxembourgSergej Konstantinowitsch Pankejeff (1887 bis 1979)
Entstehung und Rezeption der Krankengeschichten Die Krankengeschichten Freuds waren zunächst die Weiterführung einer ärztlichen Tradition, die in der Psychiatrie des ausgehenden 19. Jahrhunderts einen besonderen Stellenwert hatten, wie sich anhand Freuds Aufzeichnungen als Assistenzarzt 1883 aufzeigen lässt. Die Berücksichtigung des Unbewussten und der Phänomene von Übertragung und Gegenübertragung führten dazu, dass die Krankengeschichten nicht mehr nur sachliche Berichte waren, sondern zunehmend persönlichere Anteile des Schreibenden enthielten sowie einen hermeneutischen Charakter bekamen. Hinzu kam die fehlende Überprüfbarkeit der Berichte der Patienten, durch die unklar bleiben musste, was äußere Realität und was innere Verarbeitung war, wie auch der notwendigerweise damit verbundene Charakter des Lücken- und Bruchstückhaften. Damit verließen sie den naturwissenschaftlichen Impetus und wurden durch ihre hermeneutische Dimension und ihre doppelte Subjektivität angreifbarer als übliche Krankengeschichten.Mai Wegener: Fälle, Ausfälle, Sündenfälle – Zu den Krankengeschichten Freuds. In: Düwell, Susanne; Pethes, Nicolas (Hrsg.): Fall - Fallgeschichte – Fallstudie. Theorie und Geschichte einer Wissensform. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2014, S. 169–194.
Die Bedeutung der Krankengeschichten für die Theoriebildung der Psychoanalyse und für die Psychoanalyse als Behandlungsmethode wird unterschiedlich eingeschätzt. So bezeichnet Kurt R. Eissler sie als die Säulen, auf denen die Theorie sicher ruhe.Kurt Eissler: Medical orthodoxy and the future of psychoanalysis. International University Press, New York, 1965. In den Krankengeschichten Freuds spiegele sich historisch ein Umbruch im Umgang mit den psychisch verursachten Erkrankungen und ihrer Behandlung, was sich vor allem am Beispiel der Hysterie zeige: „Sicher ist jedenfalls, daß sich Freud von da an dem Sprechen der Hysterikerinnen zuwandte, etwas, was er nicht bei Charcot gelernt haben konnte, der seine Kranken kaum sprechen ließ.“ Indem Freud lernte, seinen Patientinnen zuzuhören, entdeckte er das heute vor allem im Zusammenhang der Psychosomatik bedeutsame Wechselspiel zwischen dem bewussten und unbewussten Diskurs des Seelischen.Lucien Israël: Die unerhörte Botschaft der Hysterie. Ernst Reinhardt-Verlag, München/Basel 1993, S. 19.Christa Rohde-Dachser: Einführung in die Psychoanalyse Vorlesungen an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität Frankfurt a. M., Wintersemester 1998/99, Mitschnitt verfügbar als CD und MP3, online kostenlos verfügbarer Mitschnitt aus dem Wintersemester 1993/94. Die Prinzipien bzw. Ideale der Unvoreingenommenheit und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit beim Zuhören wurden zu einem wichtigen behandlungstechnischen Instrument der Psychoanalyse wie auch später entwickelter Psychotherapieverfahren, die sich in Folge oder in Abgrenzung zur Psychoanalyse entwickelten.
Die von Freud geäußerte Hoffnung, die Psychoanalyse könne ähnlich wie eine Naturwissenschaft belegt werden, dämpfte der Physiker, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Adolf Grünbaum mit seinem Hinweis, die Glaubwürdigkeit psychoanalytischer Hypothesen sei aus den klinischen Daten der Falldarstellungen nur ungenügend zu rechtfertigen, wenn die Maßstäbe naturwissenschaftlicher Methodik und Beweisnormen zugrunde gelegt würden.Adolf Grünbaum: Die Grundlagen der Psychoanalyse: Eine philosophische Kritik. Reclam-Verlag, Stuttgart, 1988. Unter Vernachlässigung der historischen Dimension kritisierte auch R. P. Greenberg aus späterer klinischer Forschungsperspektive, dass es fragwürdig sei, die Gültigkeit der psychoanalytischen Theorie auf der Grundlage des Fallstudienmaterials zu beurteilen, weil es einer Vielzahl von Fehlerquellen und Verzerrungen unterläge. Außerdem habe Freud keine Übersicht über seine Praxis gegeben, anhand derer eine objektive Einschätzung im Sinne einer Kontrollgruppe mit alternativen anderen Verfahren oder keiner Behandlung möglich sei.R. P. Greenberg: Argumente gegen Freuds Fallstudien. In: Adolf Grünbaum (Hrsg.) Kritische Betrachtungen zur Psychoanalyse. Adolf Grünbaums „Grundlagen“ in der Diskussion. Springer-Verlag, Heidelberg 1991, S. 80–82. Auch dieser Kritiker übersieht, dass es vor Freud keine Psychotherapie gab und ein Vergleich mit anderen psychotherapeutischen Verfahren insofern gar nicht möglich gewesen wäre. Der Psychoanalytiker Marshall Edelson machte allerdings darauf aufmerksam, dass die Kritik Grünbaums nicht gleichzusetzen sei mit der häufig anzutreffenden und logisch unrichtigen Schlussfolgerung, die psychoanalytischen Hypothesen seien falsch oder wissenschaftlich bedeutungslos.Marshall Edelson: Die Beweiskraft der klinischen Daten des Psychoanalytikers. In: Adolf Grünbaum (Hrsg.): Kritische Betrachtungen zur Psychoanalyse. Adolf Grünbaums „Grundlagen“ in der Diskussion. Springer-Verlag. Heidelberg 1991, S. 51–56. Schon Jürgen Habermas hatte in seinem Werk Erkenntnis und Interesse von 1968 diesen Blickwinkel auf den Zusammenhang zwischen den Krankengeschichten und der psychoanalytischen Theorie als szientistisches Selbstmissverständnis der Psychoanalyse bezeichnet.Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 300–332.
Aus literaturwissenschaftlicher Sicht hebt Stefan Goldmann den Kontext der Krankengeschichten Freuds zur gattungsgeschichtlichen Tradition der Novelle des 19. Jahrhunderts hervor. Er erschließt literarische und fachwissenschaftliche Quellen, mit denen sich Freud bei der Niederschrift der frühen Krankengeschichten methodisch auseinandersetzte und hebt ihre literarisch vollendete Form hervor. Ebenfalls aus dem Blickwinkel eines Literaturwissenschaftlers vertritt Günter Rebing demgegenüber die Auffassung, Freuds „Fallberichte“ seien komplizierte Versuche, die bereits feststehende Theorie zu bestätigen und seine Beobachtungen durch Manipulation zurechtzustutzen. Sie seien nicht induktiv, sondern deduktiv. Während Goldmann die Krankengeschichten aus literaturwissenschaftlicher Sicht als formvollendet bezeichnet, nennt Rebing sie „literarische Bastarde“.Stefan Goldmann: »Alles Wissen ist Stückwerk«: Studien zu Sigmund Freuds Krankengeschichten und zur Traumdeutung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019.Günter Rebing: Freuds Phantasiestücke. Athena Verlag, Oberhausen 2019, S. 7–9.
Schweigepflicht und Bekanntwerdung der Klarnamen