mini|hochkant|Friedrich Liebling, Zürich 1974 Friedrich Liebling (* 25. Oktober 1893Gemäss Martin Prinz wurde in den Geburtsmatriken das Geburtsdatum Lieblings mit dem 13. August 1893 angegeben. Erstes bekanntes Dokument mit dem Geburtsdatum 25. Oktober 1893, das Liebling selbst stets angab, stammt aus dem Jahr 1923 beim Erwerb des Heimatrechts in Wien. (Martin Prinz: Friedrich Liebling. Sein Leben vor der Flucht rekonstruiert aus unabhängigen Dokumenten. Unveröffentlichter Vortrag, 2018, Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, AfZ: NL Marianne Schuler/22; siehe dazu auch Einzelnachweis 2). in Augustowka, Galizien, Österreich-Ungarn, heute Awhustiwka (russisch: Awgustowka), Rajon Kosowa, Oblast Ternopil, Ukraine als Salomon Liebling; † 28. Februar 1982 in Zürich, Schweiz) war ein Psychologe aus der Schule der Individualpsychologie Alfred Adlers.
Biografie
Salomon Liebling war der älteste Sohn einer jüdischen Familie in Augustowka, Westgalizien. Seine Mutter hieß Sara (genannt Salie) Apter, sein Vater (oder Stiefvater) war der Gastwirt Leib Liebling. Er hatte neun Geschwister, von denen vier schon als Kleinkinder starben. Die fünf anderen Geschwister waren: Antonia (Toni oder Taube, geb. 1891), Rifka (geb. 1896), Chaje (Klara, geb. 1897), Nuchim (Wilhelm, geb. 1900) und Julja (geb. 1908).Martin Prinz: Friedrich Liebling. Sein Leben vor der Flucht rekonstruiert aus unabhängigen Dokumenten. Unveröffentlichter Vortrag, 2018, Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, AfZ: NL Marianne Schuler/22. Prinz sichtete Meldeunterlagen in Wien und im Historischen Zentralarchiv Warschau. Frühere Nachforschungen von Mario König von 1990, der die Dokumente in Warschau noch nicht einbeziehen konnte, wurden dadurch teilweise bestätigt (Mario König: Nachforschungen über Friedrich Liebling. Mit Anhang I: Gespräch vom 09. Juni 1990 mit Paul Harnisch. Anhang II: Gespräch mit Lilian Rattner, 18. November 1997. Unveröffentlicht. 1990 bzw. 1997. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, AfZ: NL Marianne Schuler/23. Teilweise wiedergegeben in: Eugen Sorg, Lieblings-Geschichten. Die ‚Zürcher Schule‘ oder Innenansichten eines Psycho-Unternehmens. Zürich, 1990, S. 120 ff., ISBN 3-85504-130-X). Josef Rattner hatte in früheren Darstellungen angegeben, Lieblings Vater sei Gutsverwalter in Augustowka gewesen; dieser sei gestorben, als Liebling fünf Jahre alt gewesen sei. (Josef Rattner, in: miteinander leben lernen. Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik u. Gruppentherapie, 4/1986, S. 25 und spätere Schriften). Aus einem Gesprächsprotokoll von Mario König mit Lillian Rattner-Liebling geht hervor, dass jener Gutsverwalter ein Onkel mütterlicherseits, hingegen der Vater Lieblings Gastwirt gewesen sei und Josef Rattner wohl die beiden Personen verwechselt habe (Mario König: 1997, Anhang II: Gespräch mit Lilian Rattner, 18. November 1997. Unveröffentlicht. 1990 bzw. 1997. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, AfZ: NL Marianne Schuler/23). Seine erste Schulbildung erhielt Liebling zusammen mit den Kindern des Gutsbesitzers des großen Guts in Augustowka.Mario König: Anhang II zu: Nachforschungen über Friedrich Liebling. Gespräch mit Lilian Rattner, 18. November 1997. Unveröffentlicht. 1990. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, NL Marianne Schuler/23. Als ältester Sohn trug er früh Verantwortung und kümmerte sich um seine Geschwister.Josef Rattner: in: miteinander leben lernen. Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik u. Gruppentherapie, 4/1986, S. 27 und 2/1992, S. 35. Josef Rattner: Friedrich Liebling und die Großgruppentherapie. in Alfred Lévy, Gerald Mackenthun, Gestalten um Alfred Adler. Würzburg 2002, S. 182. Ob Liebling die Matura absolvierte, ist ungewiss. Dies wäre in dem Bezirkshauptort Brzezany, wo es ein Gymnasium gab, möglich gewesen, doch machte der frühe Tod des Vaters möglicherweise seine Ausbildungspläne zunichte.Mario König: Nachforschungen über Friedrich Liebling. Unveröffentlicht. 1990. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 6, NL Marianne Schuler/23 Dieser starb 1911 und hinterließ sechs Kinder im Alter von 3 bis 20 Jahren.Martin Prinz: Friedrich Liebling. Sein Leben vor der Flucht rekonstruiert aus unabhängigen Dokumenten. Unveröffentlichter Vortrag, 2018, S. 3. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, AfZ: NL Marianne Schuler/22.
Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit in Wien Im Februar 1913 kam Liebling nach Wien, vermutlich, um Medizin zu studieren.Josef Rattner: in: miteinander leben lernen. Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik u. Gruppentherapie, 4/1986, S. 25. Die Akten der Universität Wien enthalten jedoch keine Unterlagen über eine Immatrikulation. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anfang September 1914 meldete er sich als FreiwilligerMartin Prinz: Friedrich Liebling. Sein Leben vor der Flucht rekonstruiert aus unabhängigen Dokumenten. Unveröffentlichter Vortrag, 2018. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 5, AfZ: NL Marianne Schuler/22. und war die nächsten vier Jahre lang Soldat, vor allem an der polnisch-russischen Grenze.Josef Rattner: Friedrich Liebling und die Großgruppentherapie. In: Alfred Lévy, Gerald Mackenthun, Gestalten um Alfred Adler. Würzburg 2002, S. 176. Die Kriegserlebnisse machten ihn zum lebenslangen Pazifisten. Ebenso: Josef Rattner: Friedrich Liebling und die Großgruppentherapie. In: Alfred Lévy, Gerald Mackenthun, Gestalten um Alfred Adler. Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2156-8, S. 176., und weitere Autoren.
Nach Kriegsende kehrte Liebling 1919 nach Wien zurück. In seinen Meldeunterlagen gab er als Religion jetzt «konfessionslos» statt zuvor «mosaisch» an. Seine Mutter Salie, seine Schwestern Antonia und Julia sowie der Bruder Wilhelm kamen zwischen 1918 und 1923 nach Wien; die Familie lebte in einer gemeinsamen Wohnung in der Fröbelgasse 19 in Ottakring.Mario König: Nachforschungen über Friedrich Liebling. Unveröffentlicht. 1990. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 8, NL Marianne Schuler/23. Die Schwestern Antonia und Klara waren bereits 1914 in die USA emigriert; Antonia wurde jedoch von den amerikanischen Einwanderungsbehörden abgewiesen und musste nach Europa zurückkehren. Über das Schicksal von Rifka ist nichts bekannt. 1923 erlangte Liebling das Heimatrecht in Wien, wurde also Österreicher, und 1927 änderte er durch die altkatholische Taufe seinen Vornamen «Salomon» offiziell zu «Friedrich». 1929 heiratete er die ebenfalls konfessionslose Maria Ulbl (geb. 23.11.1894 in Graz, gest. 03.02.1972 in Zürich), die 1921 aus der katholischen Kirche ausgetreten war. Das Paar hatte bereits zwei Töchter: Erna (Erna Grob-Liebling, geb. 8. August 1921, gest. 13. März 2011 in Philadelphia, USA) und Lillian (Lillian Rattner-Liebling, geb. 3. April 1924, gest. 30. März 2001 in New York, USA). Beide wurden in Graz geboren und lebten dort mehrere Jahre bei ihrer Mutter, die im Gemüseladen ihrer Eltern arbeitete. Ab 1929 waren Lieblings Ehefrau und Töchter ebenfalls in der Fröbelgasse 19 in Wien gemeldet.Martin Prinz: Friedrich Liebling. Sein Leben vor der Flucht rekonstruiert aus unabhängigen Dokumenten. Unveröffentlichter Vortrag, 2018. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 4, 7 f., NL Marianne Schuler/23. Friedrich Liebling, gemeldet als Kaufmann, und sein jüngerer Bruder Wilhelm, gelernter Gold- und Silberarbeiter, führten in den 1920er und frühen 1930er Jahren verschiedene Handelsfirmen, teils als Gemischtwarenhandel, später für Textilien und Schuhe. Vermutlich war die ganze Familie am Geschäft beteiligt, dessen Sitz sich ebenfalls in der Fröbelgasse 19 befand.
Im Februar 1934 kam der Austrofaschismus gewaltsam an die Macht; der sozialdemokratische «Schutzbund» wurde blutig unterdrückt und in unmittelbarer Nachbarschaft der Familie wurde ein Arbeiterheim beschossen. In dieser Zeit löste sich die Familiengemeinschaft auf.Mario König: Nachforschungen über Friedrich Liebling. Unveröffentlicht. 1990. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 9, NL Marianne Schuler/23. Ab Mai 1934 war Friedrich Liebling im Eckhaus Spitalgasse 17/Rummelhardstraße 2 im Stadtteil Alsergrund gemeldet, Ehefrau und Töchter wohnten separat in einer Wohnung im 16. Bezirk. Liebling war im Adressbuch als «Handelsvertreter» eingetragen.Mario König. Nachforschungen über Friedrich Liebling. Unveröffentlicht. 1990. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 10, NL Marianne Schuler/23.
Vermutlich bereits 1919 hatte Liebling Pierre Ramus kennengelernt, der sein politisches Denken stark beeinflusste.Moritz Grasenack (Hrsg.): Die libertäre Psychotherapie von Friedrich Liebling. Edition AV, Lich/Hessen, 2005, ISBN 3-936049-51-3, S. 15 ff. Pierre Ramus, mit bürgerlichem Namen Rudolf Grossmann, war ein Vertreter des gewaltlosen Anarchismus und Pazifismus. Ramus hatte sozial-libertäre Gruppen initiiert, die sich u. a. mit den Schriften von Kropotkin und Tolstoi befassten. Neben seiner publizistischen Tätigkeit hielt er Vorträge und veranstaltete in seinem Haus in Klosterneuburg wöchentlich stattfindende Diskussionsgruppen, zu denen sich Studenten, Arbeiter, Künstler, Ärzte, Juristen und Psychologen versammelten, um über gewaltlose, freiheitliche Formen des Zusammenlebens zu diskutieren. Auch Alfred Adler nahm an diesen Gesprächen zeitweise teil.
Im Kreis um Alfred Adler fanden ebenfalls wöchentlich Diskussionsrunden statt, teilweise im Haus der Familie Adler, oft auch im Kaffeehaus. Liebling wurde Schüler von Alfred Adler. Es war die Zeit des Roten Wien, in der Adlers Individualpsychologie, neben Freuds Psychoanalyse, weite Verbreitung fand, nicht zuletzt im Rahmen der Wiener Schulreform. Durch zahlreiche Erziehungsberatungsstellen, die von Individualpsychologen geführt und den öffentlichen Schulen angegliedert waren, sowie durch Vorträge und Publikationen wurde die Individualpsychologie bekannt. Liebling wurde Teil der kultur- und gesellschaftskritischen tiefenpsychologischen Bewegung, die vom Roten Wien ausging. Er war vor allem in der Jugendarbeit tätig und arbeitete mit Adlers Mitarbeitern Arthur Holub und Alexander Neuer zusammen. Zu Arthur Holub und Alexander Neuer siehe: Clara Kenner: Der zerrissene Himmel. Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-45320-9, S. 129 f., 156 ff.
Flucht in die Schweiz Der Anschluss Österreichs an Nazideutschland veranlasste Liebling und seine Familie 1938 zur Flucht in die Schweiz.Mario König. Nachforschungen über Friedrich Liebling. Unveröffentlicht. 1990. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 11 ff., NL Marianne Schuler/23 Seine Mutter und die Geschwister Antonia und Wilhelm blieben in Wien und wurden 1942 Opfer der Schoa: Seine Mutter starb im Ghetto Theresienstadt, Antonia wurde ins Ghetto Izbica bei Lublin und von dort weiter in ein Vernichtungslager deportiert, Wilhelm wurde nach Maly Trostinez bei Minsk verschleppt und dort ermordet.Martin Prinz. Friedrich Liebling. Sein Leben vor der Flucht rekonstruiert aus unabhängigen Dokumenten. Unveröffentlichter Vortrag, 2018. Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, S. 4, AfZ: NL Marianne Schuler/22.