mini|Hans Böckler und Walter Damm bei der Grundsteinlegung des ERP-Programms in Neumünster am 5. März 1950
mini|Hans Böckler bei der Rede zur Grundsteinlegung des ERP-Programms in Neumünster am 5. März 1950 Das ERP-(Sonder-)Programm 10.000 Flüchtlingswohnungen in Schleswig-Holstein war das erste und in seiner Art und Durchführung größte systematische und einheitliche Wohnungsbauprogramm der unmittelbaren Nachkriegszeit in Westdeutschland mit Planungsstart im September 1949. Es wurde bereits zwei Jahre vor den folgenden Programmen, z. b. dem sogenannten ECA-Wettbewerb gestartet und erfolgreich durchgeführt.
Die Grundsteinlegung des Sonderprogramms fand am 5. März 1950 in der dann später nach Hans Böckler, der am 16. Februar 1951 schon verstarb, benannten Siedlung („Böcklersiedlung“) in Neumünster statt. Das Erste Deutsche Wohnungsbaugesetz, das die Wohnungsbauförderung organisierte, wurde erst einen Monat später im April in Bonn verabschiedet, so dass die Grundsteinlegung des ersten Projektes des Sonderprogramms auf der Großbaustelle in Neumünster als baulicher Beginn der systematischen Sozialen Wohnraumförderung in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gilt. Zum 31. Dezember 1951 waren fast alle (99,7 %) der neugeschaffenen Wohnungen an 84 Standorten in 50 Städten und Gemeinden Schleswig-Holsteins bezogen.
Vorgeschichte des Sonderprogramms mini|Verteilung der errichteten Wohnungen im ERP-Sonderprogramm „10.000 Flüchtlingswohnungen“ über Schleswig-Holstein 1950/51Die Vertretung der ECA (= Economic Cooperation Administration = Verwaltung für wirtschaftliche Zusammenarbeit) in Europa, die für das von dem US-amerikanischen Außenminister George C. Marshall 1947 initiierte ERP (= European Recovery Program = Europäisches Wiederaufbau-Programm, den sogenannten „Marshall Plan“) zuständig war, hatte im Sommer 1949 die verschiedenen deutschen Organisationen und Verbände, darunter auch den Gewerkschaftsrat in Frankfurt a.M. aufgefordert, geeignete Vorschläge zu machen, wie man unter Einsatz von Marshall-Plan-Geldern den Flüchtlingen in Deutschland helfen könnte.
Kurz zuvor hatte bereits Hans Böckler der spätere Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes seine guten Kontakte zu den amerikanischen Gewerkschaften und Gewerkschaftsvertretern genutzt, um die Chancen eines größeren Wohnungsbauprojektes für Flüchtlinge auszuloten. Insbesondere sein enger Kontakt zu Harvey Winfield Brown, einem Gewerkschaftsfunktionär aus den USA, der vom amerikanischen Hochkommissar in Deutschland, John J. McCloy, erst als Berater in sein „Kabinett“ und später zum Direktor des Amtes für Arbeitsfragen im US-Hochkommissariat für Deutschland berufen wurde, war hilfreich. Brown trat sein Amt zwar erst im September 1949 an, Böckler konsultierte ihn aber bereits im Sommer 1949, da im September bereits die ersten konkreten Projektbesprechungen im Sozialministerium in Kiel begannen.Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. (Hrsg.): Johannes Scharre, Ulrich Haake: „Der Bau von 10.000 Flüchtlingswohnungen in Schleswig-Holstein (ERP-Sonderprogramm 1950) – Ergebnis, Methode, Erfahrungen und Folgerungen“, / Arbeitsgemeinschaft für produktive Flüchtlingshilfe e.V.; (Forschungsbericht im Auftrag des Bundesministeriums für den Wohnungsbau Nr. 148 (2404/05)); Bauforschungsbericht der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. Nr. 2, Kiel 1952, S. 10
Böckler vereinbarte über diesen Kontakt, dass mit massiver Unterstützung aus Marshallplan-Geldern ein Pilot-Projekt gestartet werden konnte, was beweisen sollte, ob mit zentraler Organisation, Typisierung und gelenktem Materialeinkauf auf rationelle Weise in großer Anzahl Gebäude und (ca. 10.000) Wohnungen kostengünstiger (Zielmarke: ca. 15 %) und schneller (in maximal 2 Jahren) als sonst für Flüchtlinge errichtet werden konnten. Die amerikanische Militäradministration stimmte dem zu, wenn ein geeigneter Ort gefunden werden konnte, der gleichzeitig gewährleistete, dass bestehende oder zu schaffende Arbeitsplätze und die neuen Wohnungen räumlich nah beieinander liegen.
Die Wahl fiel auf Schleswig-Holstein, denn nur dort waren zwei wesentliche VoraussetzungenBrintzinger, Dr. Ottobert: „Aus den Anfängen der Wohnungspolitik“, in: „50 Jahre Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. Kiel“:, Kiel 1996; S. 41ff gegeben:
1. Wegen der großen Flüchtlingszahl und besonders hohen Arbeitslosigkeit in Schleswig-Holstein, aber auch weil hier die Vorbereitungen für den Wohnungsbau besonders weit vorangetrieben waren, Reinhold Nimptsch: „Produktive Flüchtlingshilfe der Gewerkschaften: Neue Organisationsmethoden für den Bau von 10.000 Wohnungen“; Köln 1950; S. 38 ff wurde das ERP-Wohnungsbauprogramm in Schleswig-Holstein begonnen. Schleswig-Holstein war über die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. (ARGE//eV) bereits so organisiert, dass eine planmäßige Typisierung von Gebäuden und GrundrissenArbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. (Hrsg.): „Mustergrundrisse für den Wohnungsbau“; Mitteilungsblatt Nr. 10; Kiel, März 1949 angelegt war und schon durchgeführt wurde und die entscheidenden Kräfte und Institutionen bereits über die ARGE//eV organisiert waren. Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe Bauen in Schleswig-Holstein, Heft 9: „Grundlagen für den Wohnungsbau“; Kiel, Januar 1949
2. Der Wunsch der ECA und der Gewerkschaften, dass die Wohnungen direkt in der Nähe der Arbeitsstätten errichtet werden sollten in Schleswig-Holstein am besten realisiert werden konnte.Arbeitsgemeinschaft für produktive Flüchtlingshilfe e. V., Betrifft: Antrag auf Bewilligung eines Kredits aus ERP-Counterpart Funds zwecks Einschaltung von Flüchtlingen in den regelmäßigen Arbeitsprozeß im Lande Schleswig-Holstein; Köln-Braunsfeld, den 3. Oktober 1949 und Anlage 1 zum Kreditantrag: „Produktive Flüchtlingshilfe für Schleswig-Holstein“; Betrifft: "Nachweis über den Wohnungsbedarf der Flüchtlinge, die 1950 produktiv in den Arbeitsprozeß eingeliefert werden können."
So wurde dieses Projekt gestartet, das als sogenanntes ERP-Programm in die Geschichte einging.
Ausgangslage in Deutschland und Rationalisierung des Wohnungsbaus
Der Wohnungsbau war nach den Kriegszerstörungen in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Baustoffe waren durch die Vernichtung der Produktionsstätten und kaum vorhandenen Transportmöglichkeiten nicht verfügbar. In Westdeutschland und West-Berlin waren ca. 2,34 Millionen Wohnungen zerstört, was ca. 22 % des Wohnungsbestandes des Jahres 1939 ausmachte. Der Bedarf an zu schaffendem Wohnraum wurde auf ca. 5 Millionen, ab Anfang der fünfziger Jahre auf 6,5 Millionen Wohnungen geschätzt.Rabeler, Gerhard: „Wiederaufbau und Expansion westdeutscher Städte 1945 – 1960 im Spannungsfeld von Reformidee und Wirklichkeit“, in: Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 39, Bonn, 1997
Im Jahre 1949 beschloss die „Arbeitsgemeinschaft der für das Bau-, Wohnungs- und Siedlungswesen zuständige Ministerien der Länder des vereinigten Wirtschaftsgebietes“ auf einer Tagung Maßnahmen zur Rationalisierung und Preissenkung im Wohnungsbau. Die Sachverständigen der verschiedenen Länder erarbeiteten einen Forderungskatalog, der den Rationalisierungsgedanken und Typisierungsansatz im Wohnungsbau festschrieb: „Die Durchführung eines langfristigen Wohnungsbauprogramms setzt eine planmäßige Vorbereitung der bauwirtschaftlichen Programmgrundlagen voraus. Der Erfolg aller Wohnungsbauprogramme ist in weitem Maße abhängig von der Sorgfalt dieser Vorbereitungsarbeit. Schlüsselproblem aller Überlegungen ist die Senkung der Baukosten durch eine systematische Rationalisierung des Wohnungsbaus. . . . Die Rationalisierung des Wohnungsbaus muss mit der Vereinheitlichung des Bedarfs beginnen, wobei die Normung von Konstruktionselementen im Vordergrund stehen sollte. Im Rahmen einer solchen Vereinheitlichung ist der Übergang von der Einzelfertigung zur Massenfertigung zu fördern, sofern hierdurch wesentliche Verbilligungen zu erzielen sind. . . .“Arbeitsgemeinschaft der für das Bau-, Wohnungs- und Siedlungswesen zuständigen Ministerien der Länder des vereinigten Wirtschaftsgebietes (Hrsg.): „Maßnahmen zu Rationalisierung und Preissenkung im Wohnungsbau“, Frankfurt am Main 1949
Schleswig-Holstein mit Vorreiterfunktion
Schleswig-Holstein musste nach dem Zweiten Weltkrieg in Relation zur vorhandenen Wohnbevölkerung deutlich mehr Flüchtlinge und Heimatvertriebene aufnehmen als jedes andere westdeutsche Bundesland.Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein (Hrsg.): "Flüchtlingsgeschehen in Schleswig-Holstein infolge des 2. Weltkriegs im Spiegel der amtlichen Statistik, Kiel 1974 Der Bedarf an neuen Wohnungen wurde im Jahr 1946 für das Land Schleswig-Holstein auf ca. 340.000 Wohnungen geschätzt. Der Vorkriegsbestand aus dem Jahr 1939 von ehemals 440.000 Wohnungen war durch Kriegszerstörungen auf 400.000 geschrumpft. Die Belegungsdichte betrug vor dem Krieg 3,7 Personen je Wohnung, durch den Flüchtlingsstrom wurde die Belegungsdichte auf bis zu 6,7 Personen je Wohnung erhöht. Ziel der ersten Wohnungsbauprogramme des Landes war mit Wiederaufbau und Neubau von mindestens 300.000 Wohnungen die Belegungsdichte der Wohnungen auf 3,7 bis maximal 4 Personen je Wohnung zu verringern.Haake, Ulrich; Ministerium für Arbeit, Soziales und Vertriebene des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.): "Ein Rückblick auf 10 Jahre Wohnungsbau", in: „10 Jahre Wohnungsbau in Schleswig-Holstein 1946 – 1956“, Kiel 1956; S. 7 ff
In Schleswig-Holstein wurde der Rationalisierungsansatz und Typisierungsgedanke für den Wohnungsbau schon schnell nach dem Krieg verfolgt und sehr konsequent aufgegriffen. Bereits am 21. Februar 1946 wurde deshalb die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. in Kiel gegründet und mit einem entsprechenden ArbeitsauftragArbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. (Hrsg.): „Was wir wollen“; Mitteilungsblatt Nr. 1, Kiel Januar 1948 ausgestattet. Schon früh wurden daher die Ansätze zu einer Typisierung der Gebäude und der Konstruktionen eingeleitet. Es musste versucht werden mit möglichst einfachen Mitteln, vereinfachten Planungsprozessen und typisierten Bauteilen und Mustergrundrissen die Bauabläufe zu rationalisieren und zu beschleunigen und die Baukosten zu verringern. Brintzinger, Dr. Ottobert: „Gründung und allgemeine Entwicklung“, in: „50 Jahre Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. Kiel“:, Kiel 1996; S. 25 ff
Das erste nennenswerte Wohnungsbauprogramm ist das des Jahres 1949, als mit der Bewilligung öffentlicher Mittel durch die Landesregierung Schleswig-Holstein für den Bau von 13.863 Wohnungen erstmals ein großes Förderungsvolumen aufgestellt wurde. Das entscheidende Jahr jedoch für die Entwicklung des Wohnungsbaus war das Jahr 1950. Am 24. April 1950 trat das erste Wohnungsbaugesetz der Bundesregierung Deutschland in Kraft und schuf damit die Grundlage für das schleswig-holsteinische Gesetz zur Förderung der Bewohnung von Kleinsiedlungswesen vom 31. März 1950 für die Wohnungsbauförderung. Gleichzeitig war das Sonderprogramm („ERP-Programm“) für den Bau von 10.000 Wohnungen für Flüchtlinge bereits angelaufen. Insgesamt wurden im Jahr 1950 19.411 Wohnungen mit einer Bewilligung öffentlicher Mittel in Höhe von rund 81 Mio. DM in Schleswig-Holstein gebaut.Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. (Hrsg.): „Lage der Bauwirtschaft“ (1949–1951) Mitteilungsblätter: Hefte Nr. 12, Nr. 14, Nr. 20, Nr. 22, Nr. 24, Nr. 30, Heft Nr. 44; Die Bautätigkeit in Schleswig-Holstein (1953–1958) Mitteilungsblätter: Hefte Nr. 47, Nr. 50, Nr. 57, Nr. 61; Heft Nr. 67; Kiel, 1949–1959
Arbeitsgemeinschaft produktive Flüchtlingshilfe e.V.
Zur Vorbereitung, Organisation und Lenkung des ERP-Sonderprogramms und Beantragung der notwendigen Finanzierungsmittel wurde am 29. September 1949 in Köln ein weiterer Verein, die Arbeitsgemeinschaft für produktive Flüchtlingshilfe gegründet.