mini|Der Hungerwinter 1947: Tausende protestieren gegen die katastrophale Lebensmittelsituation (31. März 1947) Die Amerikanische Lebensmittelpolitik im besetzten Deutschland befasst sich mit der Lebensmittelpolitik der USA und in begrenztem Umfang auch mit der der anderen Alliierten in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands (der amerikanischen Besatzungszone, der britischen Besatzungszone und der französischen Besatzungszone) in den ersten zwei Jahren der Nachkriegszeit in Deutschland.
Hintergrund
Wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs führte das NS-Regime die Rationierung von Lebensmitteln ein. Gelegentliche Lebensmittelengpässe während des Krieges förderten die Entwicklung eines Schwarzmarktes. Im Allgemeinen war die Versorgung mit Lebensmitteln ausreichend, besonders verglichen mit der Situation in einigen anderen europäischen Ländern, was auch auf die skrupellose Ausbeutung der besetzten Länder durch das NS-Regime zurückzuführen war,Manfred J. Enssle: The Harsh Discipline of Food Scarcity in Postwar Stuttgart, 1945–1948, S. 482. etwa durch die Leningrader Blockade bzw. den Hungerplan, der zum Hungertod von Millionen Menschen in den von Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion führte, als Lebensmittel nach Deutschland sowie zu den deutschen Truppen in der Sowjetunion umgeleitet wurden,Lizzie Collingham: The Taste of War: World War Two and the Battle for Food, S. 216–218. oder die deutsche Blockade, die zur niederländischen Hungersnot 1944/45 (Hongerwinter) führte. Die unzureichenden Nahrungsmittelrationen waren auch im Holocaust eingeplant und verursachten allein im Warschauer Ghetto Zehntausende Todesfälle,Lizzie Collingham: The Taste of War: World War Two and the Battle for Food, S. 207. und im Winter 1941/42 ließ das NS-Regime etwa zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungern.Lizzie Collingham: The Taste of War: World War Two and the Battle for Food, S. 194.
Weit verbreitete Lebensmittelknappheit trat in Deutschland erst nach dem Kriegsende im Mai 1945 auf.Lizzie Collingham: The Taste of War: World War Two and the Battle for Food, S. 467. Die Lebensmittelproduktion litt unter den Kriegsauswirkungen wie der Zerstörung von Anbauflächen, Viehbestand und Maschinen. Zudem kam es nach der Rückkehr der Zwangsarbeiter, die in Deutschland gearbeitet hatten, in ihre Heimat zu einem Arbeitskräftemangel. Durch eine Schlechtwetterperiode spitzte sich die Situation weiter zu.Ian Buruma: Year Zero: A History of 1945, S. 63. Als Folge konnte die deutsche Landwirtschaft für die Stadtbewohner nur Lebensmittel in einem Umfang von 1000 Kilokalorien Nährwert pro Tag und Person produzieren. In dieser Periode war die Versorgung mit Nahrungsmitteln in ganz Europa eingeschränkt, darunter in Großbritannien und Frankreich, was zu einer andauernden Lebensmittelrationierung führte.Ian Buruma: Year Zero: A History of 1945, S. 64. Der Winter 1945/46 war hart und lang und der Hungerwinter 1946/47 noch härter.
Planung für die Besatzung Deutschlands Während der Planung für die Besatzung Deutschlands standen die Alliierten vor dem Problem, ob sie die Lebensmittelzuteilungen für das Land am Minimum bemessen sollten, das nötig war, um Krankheiten und politische Unruhen zu verhindern, oder an einem Niveau, das den Bedürfnissen der Einwohner voll gerecht wurde. Das Prinzip, dass die Deutschen keinen besseren Zugang zu Nahrungsmitteln haben sollten als das am stärksten betroffene Land der Alliierten, wurde eingeführt, aber in der Praxis nicht umgesetzt. Die Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force legte als Maßstab für die Rationen ursprünglich 2600 Kilokalorien pro Tag fest. Dies entsprach dem Niveau der Rationen in Belgien und Frankreich und dem oberen Ende der Skala, die laut der United Nations Relief and Rehabilitation Administration als ausreichend galt.Atina Grossmann: Grams, Calories, and Food: Languages of Victimization, Entitlement, and Human Rights in Occupied Germany, S. 122.
Nach dem Beginn der Besatzung Deutschlands erwies es sich als unmöglich, Lebensmittel im geplanten Umfang bereitzustellen. Die Planer der Alliierten hatten das Ausmaß der Beschädigungen der deutschen Infrastruktur unterschätzt und die Fähigkeit der deutschen Bevölkerung, ihre eigenen Lebensmittel zu produzieren, überschätzt. Nachdem die von der deutschen Regierung während des Krieges angelegten Lebensmittelvorräte aufgebraucht waren, wurde die Bemessung der Lebensmittelrationen daher auf 1000 bis 1250 Kilokalorien pro Tag abgesenkt. Die meisten deutschen Zivilisten waren jedoch in der Lage, diese Rationen selbst zu ergänzen. Displaced Persons, darunter Holocaust-Überlebende, wurden großzügigere Rationen im Umfang von durchschnittlich 1600 bis 2000 Kilokalorien zugeteilt, einige dieser Personen hatten zudem Zugang zu anderen Quellen der Lebensmittelversorgung.Atina Grossmann: Grams, Calories, and Food: Languages of Victimization, Entitlement, and Human Rights in Occupied Germany, S. 131.
Deutsche Kriegsgefangene Nach der Kapitulation der Wehrmacht beschloss die US-Regierung, das Kabinett Truman, einen Großteil der deutschen Kriegsgefangenen als Disarmed Enemy Forces (DEF) einzustufen und nicht als offizielle Kriegsgefangene, wodurch sie unter dem Schutz der Genfer Konvention gestanden hättenS. P. MacKenzie: The Treatment of Prisoners of War in World War II In: The Journal of Modern History, Band 66, Nr. 3, September 1994, S. 487–520. und somit Anspruch auf die gleichen Nahrungsmittelmengen wie die US-amerikanischen Truppen gehabt hätten.Anmerkung: S. P. MacKenzie: “...(ICRC) requested assurances from the belligerents that they intended to abide by the terms of the 1929 Geneva Convention. For these states to do so, however, would involve maintaining adequate standards regarding food, shelter, labor, and hygiene – all roughly equal to those granted rear-area troops.”
Die Lebensbedingungen dieser Gefangenen waren oft hart. Zahlreiche Kriegsgefangenenlager in Westdeutschland waren riesige, mit Stacheldraht eingezäunte Freiflächen ohne ausreichende Unterkünfte und andere grundlegende Einrichtungen, besonders in der Anfangszeit (s. Rheinwiesenlager). Da keine deutschen Vergeltungsmaßnahmen gegen alliierte Kriegsgefangene mehr zu befürchten waren, „gab es weniger Bemühungen, knappe Lebensmittel und Unterkünfte zu beschaffen, als das sonst der Fall gewesen wäre, und in der Folge starben Zehntausende Gefangene an Hunger und Krankheiten, die möglicherweise gerettet hätten werden können“.Simon MacKenzie: The Treatment of Prisoners of War in World War II In: The Journal of Modern History, Band 66, Nr. 3, September 1994, S. 503.
Dem Internationalen Roten Kreuz wurde niemals gestattet, sich vollständig in den DEF-Lagern und den SEP-Lagern (SEP, „Surrendered Enemy Personnel“, war das britische Äquivalent zu den amerikanischen DEF) zu engagieren, und obwohl sich die Bedingungen allmählich verbesserten, starben 1945 allein in den französischen Lagern selbst nach konservativen Schätzungen über 16.500 Menschen.
Nach der deutschen Kapitulation durfte das Internationale Rote Kreuz keine Lebensmittelhilfen leisten oder Gefangenenlager besuchen. Nach Annäherungsversuchen an die Alliierten im Herbst 1945 wurde ihm aber gestattet, die Lager in der britischen Besatzungszone und in der französischen Besatzungszone zu inspizieren und den dort internierten Gefangenen zu helfen.
Am 4. Februar 1946 wurde dem Roten Kreuz auch gestattet, Gefangene in der amerikanischen Besatzungszone zu besuchen und ihnen zu helfen, oft allerdings nur mit sehr kleinen Mengen Lebensmitteln. Bei ihren Besuchen stellten die Delegierten fest, dass die deutschen Kriegsgefangenen oft unter entsetzlichen Bedingungen interniert waren. Sie machten die Behörden auf diesen Fakt aufmerksam und es gelang ihnen allmählich, einige Verbesserungen zu bewirken.
Deutsche Zivilbevölkerung Das Deutsche Rote Kreuz, das während des Krieges durch und durch nazifiziert worden war und dessen Leiter Ernst-Robert Grawitz eine bedeutende Rolle bei den medizinischen Experimenten an Juden und „Staatsfeinden“ spielte,David P. Forsythe: The humanitarians: the International Committee of the Red Cross, Cambridge University Press, S. 45. wurde aufgelöst, und das Internationale Rote Kreuz sowie einige andere zugelassene internationale Hilfsorganisationen wurden durch die strengen Kontrollen von Warenlieferungen und Reisen an der Arbeit gehindert.Richard Dominic Wiggers: The United States and the Refusal to Feed German Civilians after World War II, S. 281–82.
Schätzungen zufolge erhielt ein durchschnittlicher deutscher Zivilist in der amerikanischen und in der britischen Besatzungszone 1200 Kilokalorien pro Tag.Richard Dominic Wiggers: The United States and the Refusal to Feed German Civilians after World War II, S. 280. Nichtdeutsche Displaced Persons erhielten dagegen durch Lebensmittelimporte und durch die Hilfe des Roten Kreuzes 2300 Kilokalorien.Richard Dominic Wiggers: The United States and the Refusal to Feed German Civilians after World War II, S. 279.
Aus Angst vor einem Nazi-Aufstand erhielten die amerikanischen Besatzungskräfte den strengen Befehl, ihre Nahrungsmittel nicht mit der deutschen Bevölkerung zu teilen. Dieser Befehl galt auch für ihre Ehefrauen, die später während der Besatzungszeit nach Deutschland kamen. Die Frauen hatten den Befehl, ihren deutschen Dienstmädchen den Zugang zu jeglichen Lebensmittelresten zu verwehren, „das Essen musste vernichtet oder ungenießbar gemacht werden“, wenngleich viele Hausfrauen diese offiziellen Befehle angesichts der hungernden deutschen Bevölkerung missachteten.Eugene Davidson: The Death and Life of Germany, S. 85 Einer amerikanischen Geheimdienstuntersuchung zufolge soll ein deutscher Universitätsprofessor jedoch gesagt haben: „Ihre Soldaten sind freundliche, gute Botschafter, doch sie sorgen für unnötigen Groll, wenn sie übriggebliebenen Kakao, der in unseren Krankenhäusern dringend benötigt wird, in den Ausguss schütten. Das macht es mir schwer, die amerikanische Demokratie unter meinen Landsleuten zu verteidigen“.Eugene Davidson: The Death and Life of Germany, S. 86
Anfang 1946 gestattete der amerikanische Präsident Harry S. Truman ausländischen Hilfsorganisationen, nach Deutschland zu reisen, um sich ein Bild von der Ernährungssituation zu machen. Mitte 1946 wurde es nichtdeutschen Hilfsorganisationen erlaubt, hungernden deutschen Kindern zu helfen.Richard Dominic Wiggers: The United States and the Refusal to Feed German Civilians after World War II, S. 282. Am schlimmsten wurde die Ernährungslage im sehr kalten Winter 1946/47, als die Deutschen pro Tag nur 1000 bis 1500 Kilokalorien aufnahmen, eine Situation, die durch den schweren Mangel an Heizmaterial noch erschwert wurde.Richard Dominic Wiggers: The United States and the Refusal to Feed German Civilians after World War II, S. 244. Ein Erwachsener in den USA nahm durchschnittlich 3200 bis 3300 Kilokalorien, in Großbritannien 2900 Kilokalorien und in der amerikanischen Armee 4000 Kilokalorien zu sich.Richard Dominic Wiggers: The United States and the Refusal to Feed German Civilians after World War II, S. 285.