Transgenerationale Weitergabe (auch Transgenerationalität oder (Trauma-)Transmission, ) bezeichnet die Übertragung von Erfahrungen der Angehörigen einer Generation auf die Mitglieder einer nachfolgenden Generation, wobei es sich in der Regel um ein unbeabsichtigtes, oft unbewusstes und nicht selten auch ungewolltes Geschehen handelt. Die Begriffe haben sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen etabliert. Die damit bezeichneten Phänomene werden bevorzugt in den Sozialwissenschaften untersucht und beschrieben, doch beginnen auch Vertreter der Naturwissenschaften, sich diesem Thema zu widmen. In erster Linie geht es um unverarbeitete seelische Traumata, die in verschiedenen Zusammenhängen erworben wurden. Deren Erlebnisqualitäten können in unterschiedlicher Weise und Ausprägung direkt oder indirekt und mit verschiedenen Auswirkungen an die Nachkommen weitergegeben werden. Besonders häufig wurden diese Phänomene bei Überlebenden des Holocaust und ihren Nachkommen (siehe Holocaust-Nachfolgegeneration) beschrieben. Neben zahlreichen nachteiligen Folgen kann auch die Resilienz genannte psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen auf dem Weg einer transgenerationalen Weitergabe gestärkt werden.
Begriffsgeschichte Vererbte Gefühlseinstellungen wurden oft schon beschrieben. Ob aber bekannte Phänomene aus früher Zeit oder anderen Kulturkreisen als Vorläufer dessen bezeichnet werden können, was heute unter transgenerationaler Weitergabe verstanden wird, ist bisher nicht untersucht. Beispielsweise beschrieb Yanagi Muneyoshi, ein japanischer Kunstkritiker, anhand der nationalen Kunst für Koreaner unter der Bezeichnung Han eine kollektive Depression, die an die Nachfahren weitergegeben werde. Auch liegen für die Residential School in Kanada oder die Gestohlenen Generationen in Australien bisher keine Untersuchungen über die Auswirkungen auf nachfolgende Generationen vor, obwohl für Australien beispielsweise das zugefügte Leid inzwischen anerkannt wurde und sich die australische Regierung bei den Aborigines entschuldigt hat – für die Entfremdung von der eigenen Kultur, „für den Schmerz und das Leid, für die Demütigungen und Erniedrigungen, dafür, dass Familien und Gemeinschaften auseinandergerissen wurden“.
Die Begrifflichkeit der transgenerationalen Weitergabe war noch nicht in der Welt, als sich im 19. Jahrhundert die Erkenntnis durchsetzte, dass in einer Alterskohorte bestimmte Erfahrungen geteilt und an die nächste weitergegeben werden. Von dort spannte Angela Moré, Sozialpsychologin an der Universität Hannover, den historischen Bogen bis in die Gegenwart und sprach von jeweils „zeitspezifischen Vererbungsvorstellungen“.
Karl Mannheim schlug in seiner Schrift Das Problem der Generationen vor, unabhängig vom Lebensalter Menschen einer Kohorte zuzuordnen, wenn sie einschneidende und prägende Erlebnisse miteinander teilten. Für Moré ist die Zuordnung von Generationen zu Kohorten stets ein „gesellschaftliches Konstrukt“, weil es immer der Interpretation und eines Konsens über die Frage bedürfe, welche Ereignisse als prägend angesehen werden.
Mitte der 1960er Jahre begannen Untersuchungen zur transgenerationalen Weitergabe, als die Kinder der Überlebenden des Holocausts vermehrt um therapeutische Hilfe mit einer Symptomatik nachsuchten, die für die unmittelbar Verfolgten bekannt war und sich beispielsweise im Überlebensschuld-Syndrom manifestierte. Allein bis zum Jahr 2011 trug Natan Kellermann, israelischer Psychologe und Mitglied des Stiftungskuratoriums von Amcha Deutschland, über 500 Forschungsarbeiten zu dieser Gruppe zusammen. Dabei stieß er auf eine große Begriffsvielfalt – wie etwa „trans-generational, inter-generational, multi-generational oder cross-generational“ – und schlug selbst „parental transmission“ (deutsch: elterliche Weitergabe) vor, weil damit die Übertragung speziell von den Eltern zu den Kindern betont werde, um die es bevorzugt gehe.
Nachdem sich in Deutschland die Kriegskinder zu Wort gemeldet hatten, fanden sich auch bei deren Nachkommen Spuren einer transgenerationalen Weitergabe der „kriegsbelasteten Kindheiten“ ihrer Vorfahren, wie es u. a. Hartmut Radebold nannte. Sabine Bode sprach vom „Erbe der Kriegsenkel“. Angela Moré nahm die Folgen in den Blick, die sich bei den Nachfahren von Opfern, Tätern und Mitläufern des NS-Regimes einstellten. Inzwischen gibt es „eine Flut von Veröffentlichungen zum Thema (trans-)generationaler Weitergabe früher Traumatisierung“, wie die Psychosomatikerin Christiane Waller schrieb, als sie sich speziell mit den Folgen für das kardiovaskuläre System befasste.
Im Jahr 2017 berichtete der Wissenschaftsjournalist Michael Lange im Deutschlandfunk über die Neuroepigenetik, die bemüht sei zu klären, ob und wenn ja, wie sich traumatische Erlebnisse jenseits evolutionärer Prozesse, in denen Mutation und Selektion bestimmend sind, im Erbgut verankern und auf nachfolgende Generationen übertragen. Insofern wird inzwischen von „transgenerationaler Vererbung“ gesprochen.
Konzepte Epigenetische Einflussgrößen
Die Neurowissenschaftlerin Rachel Yehuda veröffentlichte mit ihrer Co-Autorin Amy Lehrner im Jahr 2018 in der Fachzeitschrift World Psychiatry, dem offiziellen Organ der World Psychiatric Association, einen Artikel über die mutmaßliche Rolle epigenetischer Mechanismen bei der transgenerationalen Weitergabe traumatischen Erlebens. Yehuda – Mitglied in der National Academy of Medicine − ist Stiftungsprofessorin für Psychiatrie und Neurowissenschaften des Traumas an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York City und Direktorin für psychische Gesundheit am James J. Peters Veterans Affairs Medical Center. Sie ist langjährig mit Stressforschung im Zusammenhang mit psychischen Traumata und möglichen Folgeerkrankungen befasst und hat etwa 500 Publikationen unter anderem zu generationsübergreifenden Traumata vorgelegt. Überdies hält sie Fachvorträge wie beispielsweise im Februar 2025 zum Thema Intergenerational Trauma and Resilience, der auf dem YouTube-Kanal vom UCSF Department of Psychiatry and Behavioral Sciences der University of California, San Francisco hinterlegt ist.
In ihrer 2018 veröffentlichten Metaanalyse über mögliche epigenetische Einflussgrößen werten die Autorinnen die vorliegenden wissenschaftlichen Studien aus. Diese würden neuerdings in rascher Folge publiziert und entsprechende Mechanismen identifizieren, die zu erklären versuchen, wie Umwelteinflüsse zu einer dauerhaften Veränderung der DNA führen könnten, die an künftige Generationen weitergegeben werde. Der Aufsatz befasst sich mit der Einführung biologischer Forschung in die Untersuchung generationsübergreifender Spätfolgen von Traumata, mit den möglichen Mechanismen für biologische Auswirkungen bei den Nachkommen von Traumaüberlebenden, mit der Relevanz epigenetischer Mechanismen für generationsübergreifende Effekte und mit dem Unterschied bei der Übertragung von durch Mütter oder Väter erlittenen Traumata. Dabei haben Yehuda und Lehrner auf der einen Seite entwicklungsbedingte Effekte durch frühe Umwelteinflüsse auf die Nachkommen im Auge, aber auch den Einfluss von pränatalem Stress der Mutter und die Qualität ihrer postnatalen Fürsorge. Auf der anderen Seite stehen epigenetische Veränderungen im Fokus, die mit einem Trauma der Eltern einhergehen, das sie vor Zeugung und Empfängnis erlitten, und das sowohl die Keimbahn beeinträchtigen als auch die Interaktion zwischen Fötus und Plazenta beeinflussen könne. Bisher hätten die Studien zwar noch keine schlüssigen Beweise für die epigenetische Übertragung von Traumaeffekten beim Menschen erbracht, doch weckten Befunde aus der Stressforschung bei Tieren entsprechende Hoffnung für die Möglichkeit, ähnliche Mechanismen könnten auch beim Menschen wirken. Sie zu belegen stellen sich jedoch neben den konzeptionellen Fragen hinsichtlich einer Interpretation der Ergebnisse zahlreiche wissenschaftliche und methodologische Schwierigkeiten in den Weg. In den Schlussfolgerungen wird empfohlen, in künftigen Studien sowohl die genetischen als auch die umweltbedingten Faktoren zu berücksichtigen, welche die Auswirkungen auf die Nachkommen verstärken oder abschwächen können. Alter und Entwicklungsstadium der elterlichen Traumaexposition sollten bei weiteren Forschungen ebenfalls Berücksichtigung im Hinblick auf ihre Auswirkung auf die Nachkommen finden. Das Geschlecht aller Beteiligten dürfte ebenso eine Rolle spielen wie die Resilienz und das Umfeld der Nachkommen. Auch das sollte in Zukunft in die Forschung einbezogen werden. Die Autorinnen vermuten, weitere Forschungen könnten zeigen, dass epigenetisch induzierte Veränderungen ein Spiegelbild der Umwelteinflüsse sind und deshalb, wie diese, veränderbar sind. Das Prinzip epigenetischer Plastizität impliziere eine mögliche Veränderung des Epigenoms, sofern sich die Umweltbelastungen hinreichend änderten, wobei Änderungen des Epigenoms zu Veränderungen der Struktur des Chromatins und zu Veränderungen der Funktion des Genoms führen können. Die Fähigkeit des Menschen, auf Umweltreize flexibel zu reagieren und sich anzupassen bilde die Grundlage seiner psychischen Widerstandsfähigkeit. So könne die Weitergabe einerseits auf eine erhöhte Verletzlichkeit hindeuten, andererseits aber auch die Anpassungsfähigkeit der Nachkommen durch eine biologische Vorbereitung auf widrige Umstände, wie sie die Eltern erlebt haben, verbessern – je in Abhängigkeit vom Umweltkontext der Nachkommen. Studienergebnisse, die zu überzeugen vermochten, wurden bisher an Tiermodellen gewonnen, die durch kontrollierbare Versuchsanordnungen eindeutige Interpretationen übertragbarer Effekte zulassen. Demgegenüber sei es laut Yehuda und Lehrner derzeit nicht möglich, generationsübergreifende Effekte beim Menschen auf einen einzigen Satz biologischer oder anderer Determinanten zurückzuführen.
Weitere Einflüsse Jenseits naturwissenschaftlicher Konzepte, die einen epigenetischen Niederschlag im Erbgut für möglich halten, wurden von Vertretern der Sozialwissenschaften viele verschiedene, teils integrierende und ergänzende Konzepte, aber auch einander widersprechende Erklärungsmodelle vorgestellt. Viele dieser Konzepte beruhen auf dem psychoanalytischen Modell von Übertragung und Gegenübertragung. Es hat sich gezeigt, dass es nur dann zu einer Übermittlung traumatischer Erfahrungen an die nachfolgende Generation kommt, wenn das Erlebte von der traumatisierten Person nicht verarbeitet und „nicht in die Konstruktion eines lebensgeschichtlichen Sinnzusammenhangs eingebettet“ werden konnte.
Während viele Autoren lineare Konzepte der Weitergabe von der vorausgehenden an die nachfolgende Generation entwickeln, geben andere dem Modell eines „zirkulären Prozesses“ den Vorzug, in dessen Rahmen der nachfolgenden Generation eine größere und nicht nur perzeptive Bedeutung, sondern auch eine gestaltende Rolle in diesem Geschehen beigemessen wird.
Bei aller Vielfalt einig sind sich die Autoren, dass es sich bei der Weitergabe nicht um einen deterministischen Vorgang handelt, und in der Regel wird als gemeinsame Voraussetzung das Schweigen über das Erlebte benannt. Der israelische Psychologe und Friedensforscher Dan Bar-On nannte es bei den Kindern der NS-Täter die Last des Schweigens, Ilany Kogan sprach unter Verwendung der rhetorischen Figur eines Oxymorons für die Opfer vom stummen Schrei der Kinder.
Geschwiegen werde über die Erlebnisse „aus Scham, aus Angst, oder weil sie von dem herrschenden politischen System für tabu erklärt worden waren“, so die Soziologin Uta Rüchel im Deutschlandfunk anlässlich einer Sendung, die „Opfer politischer Verfolgung in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR“ und deren Traumavererbung thematisierte.