mini|Darstellung des Wappens des Kantons Zürich in Schloss Laufen von 1942 mit dem Wahlspruch DOMINE CONSERVA NOS IN PACE (lat. «Herr erhalte uns in Frieden») Die Geschichte des Kantons Zürich umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des schweizerischen Kantons Zürich von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Der Kanton Zürich trägt den Namen der Stadt Zürich, aus deren Herrschaftsgebiet er 1803 entstanden ist. Die Stadtrepublik Zürich übte bis 1798 die Landeshoheit über den grössten Teil des heutigen Kantonsgebiets aus, das sie durch Kauf, Verpfändung oder militärische Eroberung erworben hatte. Obschon die Stadt die Regierung und Verwaltung der verschiedenen territorialen Einheiten übernahm, gab es keine einheitliche Staatsgewalt im modernen staatsrechtlichen Sinn. Die Stadt hatte zwar seit 1336 mit der Brunschen Zunftverfassung eine Art schriftliches Grundgesetz, das in so genannten geschworenen Briefen niedergelegt war, für die Landschaft hatte diese aber keine Gültigkeit. Dort galten in den Land- und Obervogteien bis 1798 unterschiedliche Satzungen, Privilegien und mittelalterliche Sonderrechte, die einzelnen Körperschaften, Landschaften, Privatpersonen usw. im Lauf der Zeit von den Inhabern der Herrschaftsgewalt wie den deutschen Königen, den Grafen von Kyburg, Habsburg, Toggenburg etc. gewährt worden waren. Von einem Kanton Zürich im modernen Sinn kann also erst seit der Mediationsverfassung von 1803 die Rede sein.
Altertum und Frühmittelalter mini|links|Luftaufnahme der Grundmauern des römischen Kastells Irgenhausen mini|Silexklinge aus den Ausgrabungen im Umfeld des sogenannten Kleinen Hafners auf der Baustelle für das Parkhaus Opéra in Zürich mini|Villa Rustica bei Seeb, Bülach-Winkel Erste Besiedlungsspuren im Gebiet des heutigen Kantons Zürich stammen aus dem 5. Jahrtausend v. Chr.: Im Bereich der heutigen Stadt Zürich sind dies die Reste von Feuchtbodensiedlungen der Egolzwiler Kultur (4430–4230 v. Chr.), die sich im Gebiet des westlichen Seebecken des Zürichsees nachweisen lassen sowie die der Horgener Kultur zugeordneten Siedlungsplätze.Ulrich Ruoff: «Die Ufersiedlungen an Zürich- und Greifensee». In: Helvetia Archaeologica, 12/1981 –45/48, S. 19–70; S. 21–23. Der grösste Teil dieser Ufersiedlungen versank in der Spätbronzezeit im See, als der Pegel von ca. 404 auf ca. 407 m ü. M. anstieg, wahrscheinlich weil der Schuttkegel der Sihl im Bereich des Hauptbahnhofs den See aufstaute.Conrad Schindler: «Geologische Unterlagen zur Beurteilung archäologischer Probleme in den Seeufergebieten». In: Helvetia Archaeologica, 12/1981 – 45/48, S. 71–88; S. 84. Die prähistorischen Fundstätten Zürich-Enge-Alpenquai und Kleiner Hafner in Zürich, Meilen-Rorenhaab, Erlenbach-Winkel und Wädenswil Vorder Au sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen.
Das Gebiet wurde im Altertum von den Kelten (Helvetiern) besiedelt: Auf dem Lindenhof und auf dem Uetliberg bestanden wahrscheinlich keltische Oppida.Dölf Wild et al.: Stadtmauern. Ein neues Bild der Stadtbefestigung Zürich. Schrift zur Ausstellung im Haus zum Rech, Zürich 6. Februar bis 30. April 2004. (Stadtgeschichte und Städtebau in Zürich. Schriften zur Archäologie, Denkmalpflege und Stadtplanung, 5). Zürich 2004, S. 10. Die strategisch und handelstechnisch günstige Lage sowie Münzfunde lassen auf die Existenz eines Handelsplatzes schliessen. Die keltische Siedlung von ca. sieben Hektaren lag um den Lindenhofhügel.Baukultur in Zürich. Schutzwürdige Bauten, Stadtgeschichte und Projekte für die Zukunft. Stadtzentrum, Altstadt / City. Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hg.) NZZ, Zürich 2008, S. 15f.
Die Römerzeit beginnt im Kanton Zürich später als in der Westschweiz, da das Gebiet erst im Rahmen der Augusteischen Alpenfeldzüge um 15 v. Chr. besetzt wurde. In dieser Zeit entstand ein Militärstützpunkt auf dem Lindenhof in Zürich (Turicum) sowie auf dem Kirchhügel in Oberwinterthur (Vitodurum). Bei diesen Stützpunkten entstanden später auch zivile Siedlungen. Das Kantonsgebiet wurde zuerst Teil der Provinz Gallia Belgica, dann 85 n. Chr. der Provinz Germania Superior und war wirtschaftlich auf die Versorgung des Legionslagers bei Windisch im Aargau (Vindonissa) ausgerichtet. Von dort wurde eine Römerstrasse über Baden (Aquae Helveticae) nach Winterthur zum Bodensee sowie über Zürich nach Chur angelegt. Wahrscheinlich bestand auch eine Verbindung zwischen Winterthur und Kempraten über Irgenhausen. Wirtschaftlich gehörte Zürich zum gallischen Zollbezirk, während das östlich gelegene Rätien bereits zu Illyrien zählte, was durch den auf dem Lindenhof gefundenen römischen Grabstein des Lucius Aelius Urbicus bestätigt wird. In Zürich befand sich offenbar eine Station des gallischen Zolls, was dem Ort eine gewisse regionale Bedeutung verschaffte. 212 verlieh Kaiser Caracalla der gesamten freien Bevölkerung der Region das römische Bürgerrecht. Auf dem Boden des Kantons entstanden in der Kaiserzeit rund 40 heute bekannte römische Gutshöfe.Regula Frei-Stolba, Jürg E. Schmeider, Andreas Zürcher, Jürg Rychener: «Römische Zeit». In: Geschichte des Kantons Zürich, Bd. 1, Frühzeit bis Spätmittelalter, S. 78–108, S. 100f. Diese besassen teilweise sogar eigene Tempelanlagen wie in Dietikon oder waren als ausgedehnte Villen angelegt wie in Winkel.«Dietikons römischer Gutshof», in: NZZ, 19.08.2009 Katrin Brunner: Römische Gutshöfe in Helvetien, in: Blog Schweizerisches Nationalmuseum, 16.03.2022
Ab 260 n. Chr. begannen die Einfälle der Alamannen in das Gebiet der heutigen Schweiz. Nach der Reichsreform von Kaiser Diokletian ab 286 kam das Kantonsgebiet zur Provinz Maxima Sequanorum in der Diözese Gallia. Nach der Räumung der Gebiete nördlich des Rheins wurde das Gebiet des Kantons Zürich wieder wichtiger für die Verteidigung der römischen Grenze. Zahlreiche zivile Siedlungen wurden befestigt, so etwa der Kirchhügel in Oberwinterthur und der Lindenhof in Zürich. Zuletzt liess Kaiser Valentinian im 4. Jahrhundert die Rheingrenze durch Wachtürme sichern. In Kloten und Irgenhausen entstanden rückwärtige Kastelle. Im Jahr 401 wurden die Kastelle wie das ganze Gebiet nördlich der Alpen von den römischen Truppen geräumt und die Sicherung der Grenze germanischen Verbündeten (foederati) überlassen, wobei Zürich zumindest zeitweise in den Einflussbereich des Reiches der Burgunder geriet. Über das weitere Schicksal der gallo-römischen Bevölkerung und der Siedlungen gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, allerdings kam es ab dem 3. Jahrhundert zu einem starken Bevölkerungsrückgang. Die geschrumpfte ansässige Bevölkerung vermischte sich mit den ab dem 4./5. Jahrhundert einwandernden Alamannen. Es bestanden wohl noch bis ins 5. Jahrhundert Reste romanischer Sprache und Kultur in Siedlungszentren wie Zürich. Verschiedene Orts- und Flurnamen romanischen Ursprungs blieben erhalten.Regula Frei-Stolba, Jürg E. Schneider, Andreas Zürcher, Jürg Rychener: «Römische Zeit». In: Geschichte des Kantons Zürich, Bd. 1, Frühzeit bis Spätmittelalter. Zürich 1995, S. 78–108, S. 86–88 und Renata Windler: «Von der Spätantike zum Frühmittelalter». In: Geschichte des Kantons Zürich, Bd. 1, Frühzeit bis Spätmittelalter. Zürich 1995, S. 109–129, S. 109f.
Mittelalter mini|links|Das 1244 vom Freiherren Lütold V. von Regensberg gegründete Neu-Regensberg ist eine der mittelalterlichen Stadtgründungen im heutigen Kanton Zürich Nach dem Sieg der Franken über die Alamannen 496/97 kamen diese unter fränkische Vorherrschaft, wodurch schliesslich Mitte des 6. Jahrhunderts auch das Gebiet um Zürich in das fränkische Teilreich Austrasien integriert und von fränkisch-alemannischen Herzögen verwaltet wurde. Die Franken verbreiteten bzw. festigten das Christentum im Kantonsgebiet. So soll z. B. König Dagobert die Kirche in Oberwinterthur gegründet haben. Sicher entstanden im 7. Jahrhundert erste Kirchenbauten in Bülach und Meilen. Aus der römischen Zeit sind im Kanton Zürich bisher keine archäologischen Funde von Kirchen bekannt. Es gibt lediglich einzelne Funde mit christlicher Symbolik aus der Zeit. In der Organisation der christlichen Kirche unterstand Zürich wohl zuerst dem Bistum Vindonissa, wo ab 517 ein Bischof bezeugt ist. Im 6. Jahrhundert kam dann die ganze heutige Ostschweiz zum Bistum Konstanz.
Im Frühmittelalter wurde das Gebiet des Herzogtums Alemannien, später Herzogtum Schwaben genannt, in Grafschaften unterteilt. Für das Gebiet südlich des Rheins und des Bodensees ist ab dem 6. Jahrhundert eine Grafschaft Thurgau, und ab 743 ein «Zürichgau» um den Kastellort Zürich urkundlich nachgewiesen. Ab 819/20 gibt es mit Ruadker einen eigenen Grafen für den Zürichgau. Die Grafen des Zürichgaus verwalteten das umfangreiche fränkische Königsgut um den Zürichsee, im Zürcher Oberland bis Winterthur, in Uri, um den Albis und bis in die Linthebene bei Uznach. Im 13. Jahrhundert verschwand die Bezeichnung «Zürichgau» für die Region wieder, nachdem die Grafschaft an die Habsburger gegangen war und erneut mit dem Thurgau vereint wurde.Peter Erhart: «Zürichgau», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 28.02.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008573/2014-02-28/, konsultiert am 3. Februar 2024
Bei der Teilung des Frankenreiches kam Zürich zum ostfränkischen Teilreich Ludwigs des Deutschen. Das von ihm reich beschenkte Fraumünster-Stift in Zürich, gegründet 853, wurde zu einem Mittelpunkt eines ausgedehnten Komplexes von Königsgut. Am Rhein entstand schon 778 das Benediktinerkloster Rheinau, bei dem im 12. Jahrhundert das befestigte Städtchen gleichen Namens entstand. Als König Rudolf II. von Hochburgund seine Herrschaft um 912 auch über Zürich ausdehnte, wurde er 919 in der Schlacht bei Winterthur von Herzog Burchard II. von Schwaben geschlagen, womit die Grenze zwischen Burgund und Schwaben westliche von Zürich an der Aare gefestigt wurde. Zürich wurde zu einem der Vororte der Herzöge von Schwaben.Reinhold Kaiser: «Vom Früh- zum Hochmittelalter». In: Geschichte des Kantons Zürich, Bd. 1, Frühzeit und Spätmittelalter. Zürich 1995, S. 130–171, S. 133f. Die karolingische Pfalz auf dem Lindenhof bauten die später die ostfränkisch-deutschen Könige im 10. und 11. Jahrhundert aus. Zürich war als Pfalzstadt wichtiges Herrschaftszentrum, wurde mehrfach von Herrschern besucht und war Schauplatz von Reichstagen.