Cancel Culture (englisch etwa „Absagekultur“, „Löschkultur“ oder „Zensurkultur“), im Deutschen orthographisch korrekt Cancel-Culture oder Cancelculture, ist ein politisches Schlagwort, das systematische Bestrebungen zum partiellen sozialen Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen unliebsame Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden.
Wortbedeutung und Wirkungsweise Das Schlagwort Cancel Culture stammt aus dem englischen Sprachraum. Es wird vereinzelt als Absage-, Lösch- oder Zensurkultur übersetzt, ist in deutschsprachige Debatten aber überwiegend als Anglizismus eingegangen. Es steht in der Tradition der Auseinandersetzungen um Political Correctness (politische Korrektheit). In den USA der frühen 1990er Jahre etablierte Debattenmuster werden dabei unter einem neuen Schlagwort wiederholt und reanimiert. Ein mit Cancel Culture verwandter Begriff ist Deplatforming, was bedeutet, Betroffenen die öffentlichen Plattformen zu entziehen.
Ursprung Den Ursprung der Verwendung des Begriffs Canceln in Bezug auf Personen sehen manche Autoren in einer Szene des Films New Jack City (1991), die laut Drehbuchautor Barry Michael Cooper auf den Song Your Love Is Cancelled (1981) der Band Chic zurückgeht:
Im Jahr 2014 verbreitete sich der Ausspruch „You’re canceled“ in Anlehnung an die Textzeile in New Jack City durch eine Reality-Show im US-amerikanischen Sender VH1 und fand weite Verbreitung in sozialen Netzwerken wie Twitter und besonders in queeren, schwarzen Communitys, die häufig als Black Twitter bezeichnet werden. Dort wurde der Begriff zuerst primär im Sinne eines demonstrativen Verzichts auf ein bestimmtes Kulturprodukt verwendet, teilweise noch ironisch. Parallel entwickelte sich das eng damit verwandte Konzept des „Call-Outs“ („zur Rede stellen“), also das Herausstellen von als problematisch empfundenem Verhalten oder Medienprodukten. Eine besondere Rolle für die Verbreitung kam Fankulturen zu.
Die Wortkombination Cancel Culture tauchte vermehrt ab 2016 v. a. auf Twitter auf.Malikia Johnson: . In: Grassroots Economic Organizing. 18. November 2017, abgerufen am 18. Juni 2021 (dieser Artikel wurde am 25. September 2017 publiziert; bis Ende November 2017 wurde er rund 1700 Mal aufgerufen). Die afroamerikanische Autorin Shanita Hubbard verwendete den Begriff im November 2017, um die Turnerin Gabby Douglas zu verteidigen, die nach einer Aussage, dass Frauen durch ihre Kleidung eine Mitverantwortung für sexuellen Missbrauch hätten, massiver öffentlicher Kritik ausgesetzt war:Douglas hat ihre Äußerung via Instagram jedoch widerrufen ().
Im Oktober 2017 wurden Vorwürfe von sexuellen Übergriffen gegen Harvey Weinstein laut, die zur Kündigung (Cancellation) seiner Projekte, dem Ausschluss aus der Academy of Motion Picture Arts and Sciences und juristischen Konsequenzen inklusive einer Verurteilung wegen sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung führten. Durch diese Ereignisse wurde die MeToo-Bewegung bekannt, und viele Betroffene teilten ihre eigenen Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens, die zum Karriereende einiger Beschuldigter führten.
In den weiteren Monaten fand der Begriff weite Verbreitung auf Twitter, überwiegend im Sinne einer Kritik an der Praxis des Cancelns. Als im Zuge der #MeToo- und Black-Lives-Matter-Bewegungen das Benennen von vermeintlichem Fehlverhalten häufiger zu Auswirkungen für die Betroffenen führten, setzte sich der Begriff der Cancel Culture für Personen durch, deren beleidigende, diskriminierende, rassistische, antisemitische, verschwörungsideologische, bellizistische, misogyne, homophobe oder transphobe Aussagen beziehungsweise Handlungen zu Absagen von Auftritten und ähnlichen Konsequenzen führten.
Begriffliche Differenzierungen Die Medienwissenschaftlerin Eve Ng differenziert begrifflich zwischen Praktiken des Cancelns, Cancel-Diskursen und Cancel Culture: Zu den Cancel-Praktiken gehört insbesondere der Entzug von Aufmerksamkeit in den sozialen Medien, aber auch der öffentliche Entzug von Unterstützung. Cancel-Praktiken können von Individuen, Gruppen oder Institutionen durchgeführt werden und u. a. Individuen, Marken, Firmen oder Medieninhalte zum Ziel haben. Typischerweise geht es um Fragen sozialer Gerechtigkeit, dabei vor allem um Sexismus, Heterosexismus, Homophobie und Rassismus. Canceln richtet sich vor allem gegen diejenigen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe (englisch Race) als privilegiert angesehen werden. Damit gehen in der Regel Beschuldigungen einher, die den Ruf der betroffenen Person schädigen können. Entsprechende Vorfälle haben vereinzelt auch zu Entlassungen sowie zur Absetzung von Filmen und Fernsehserien geführt. Cancel-Diskurse bezeichnen Diskussionen und Kommentare zu Cancel-Praktiken und deren Folgen. Ng unterscheidet zwischen Cancel-Diskursen 1. Ordnung, die auf den gleichen Plattformen wie Cancel-Praktiken stattfinden, und Diskursen 2. Ordnung, wie sie beispielsweise in Zeitungsberichten geführt werden. Cancel Culture fasst Ng als analytischen Begriff, der sowohl Cancel-Praktiken als auch Cancel-Diskurse beinhaltet.
Ähnlich wie Ng unterscheidet der Literaturwissenschaftler Adrian Daub drei miteinander verzahnte Bedeutungsebenen von Cancel Culture: Sie beschreibt erstens moralische Überreaktionen in den sozialen Medien, die von diesen begünstigt werden. Zweitens werden sozialmediale Dynamiken als Teil einer allgemeinen Verschiebung aufgefasst, die auch die übrige Kultur und Öffentlichkeit betrifft. Drittens wird die Kultur des Cancelns insbesondere im deutschsprachigen Raum mit einer Spaltung der Gesellschaft verbunden.
Verwendung
Verwendung nach politischen Gruppierungen Im Laufe der Zeit hat der Begriff eine stärker abwertende Konnotation angenommen. Der Ausdruck wird auf diese Weise hauptsächlich von Rechtsextremen, Konservativen, Rechtslibertären und Neoliberalen gegenüber (nur vage und jeweils unterschiedlich definierten) Linken verwendet. Aber auch Linke verwenden mitunter den Begriff in diesem Sinne.
Cancel Culture werde jedoch teilweise zu Unrecht meist linken oder identitätspolitischen Initiativen vorgeworfen. Konservative Kritiker der Cancel Culture sowie rechte, ausländerfeindliche Akteure verfolgten entsprechende Strategien der Aufkündigung des Dialogs und der Denunziation einzelner Personen, Organisationen, Medien und Publikationen mitunter selbst viel exzessiver. Donald Trump beispielsweise habe durch teilweise ungerechtfertigte Vorwürfe versucht, politische Gegner, kritische Journalisten und sogar Sportler aus ihren Anstellungen zu drängen. In der Washington Post kritisierte der Journalist Clyde McGrady, dass ein ursprünglich von jungen, schwarzen Menschen verwendeter Terminus durch weiße Nutzer des Begriffs appropriiert und kommodifiziert worden sei und inzwischen sogar häufig gegen sie und die Werte, für die sie stünden, instrumentalisiert werde.
Die Methode der Cancel Culture wird von rechts außen auch gegen Politiker angewendet. So haben zum Beispiel rechte Republikaner in Wyoming 2022 sogar eine Liste von Politikern angelegt, die vom rechten Weg abgekommen sein sollen, um sie bei Vorwahlen abzustrafen, und Liz Cheney ist bisher nur das prominenteste Beispiel. Stephanie Muravchik und Jon A. Shields berichten in der New York Times, dass rechte Tugendwächter beispielsweise auf der Plattform WyoRINO (RINO steht für „Republican In Name Only“, also: nur dem Namen nach republikanisch) Abgeordnete bloßstellen, „die sich zu Unrecht als Republikaner“ bezeichnen, das heißt deren Abstimmungsverhalten kleinste Anzeichen für eine abtrünnige Haltung aufweisen.
Verwendung in der Tagespresse
Im englischsprachigen Raum Gegen Kulturerzeugnisse gerichtete Aktionen wurden medial als Cancel Culture eingeordnet: Der Film Vom Winde verweht wurde zeitweise aus dem Programm des Streamingdienstes HBO Max genommen, weil er die Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten verharmlose.Katharina Wilhelm: . In: NDR Info. 6. September 2020.
Die Washington Post stellte im Januar 2020 statistisch fest, dass der konservative Fernsehsender Fox News das Schlagwort Cancel Culture seit 2017 fünfmal so oft verwendete wie CNN und siebenmal so oft wie MSNBC. Der Begriff wird auch in Zusammenhang mit der Revision von als rassistisch wahrgenommenem kulturellen Erbe, wie zum Beispiel Denkmälern von Kolonialisten oder Blackfacing, gebraucht.
Auch ein Boykottaufruf gegen Joanne K. Rowling im Jahr 2020, nachdem sie ihre Meinung bezüglich des Themas Geschlechtsidentität geäußert hatte und dabei der Transphobie beschuldigt worden war, wurde von Beobachtern als Beispiel für Cancel Culture gedeutet.
Der New York Times wurde im Jahr 2021 ein Fall von Cancel Culture zugeschrieben, als Chefredakteur Dean Baquet den Journalisten Donald McNeil Jr. zur Kündigung trieb, nachdem dieser nach einer Diskussion über Rassismus, in der er das Wort „Nigger“ als Zitat verwendet hatte, Ziel medialer Berichterstattung und interner Auseinandersetzungen geworden war, in deren Folge ein Teil der Mitarbeiter ihren Unmut durch ein Schreiben an den Herausgeber Arthur Gregg Sulzberger zum Ausdruck brachten. Der Vorfall spaltete die Redaktion über die Frage, ob es sich um unlauteres Stummstellen missliebiger Meinungen oder um Konsequenzen für unsoziales Verhalten gehandelt habe. Der US-Korrespondent Peter Mücke ordnete den Vorfall in die tief gespaltene amerikanische Gesellschaft ein, in der teilweise auf religiöse Weise über Sprache gestritten werde, und betont zudem, dass McNeil auch deshalb Feinde in der New York Times gehabt habe, da er sich gewerkschaftlich engagierte und eine bessere Bezahlung erreichen wollte.
In der New York Times wurde der Begriff 2022 in einem gewendeten Sinn benutzt. Die beiden Autoren des Buchs Trump’s Democrats, Stephanie Muravchik und Jon A. Shields, verwendeten ihn dafür, dass Liz Cheney, republikanische Abgeordnete Wyomings im US-Repräsentantenhaus, bei den Vorwahlen 2022 nicht wieder dafür nominiert wurde, weil sie sich nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington 2021 gegen Trump gestellt hatte.
Ab 2025 wurde der Begriff im englischsprachigen Raum auch auf politischen Druck gegen US-amerikanische Late-Night-Shows bezogen. Nachdem CBS im Juli 2025 die Absetzung der The Late Show with Stephen Colbert angekündigt hatte und ABC im September 2025 Jimmy Kimmel Live! nach Äußerungen Kimmels zum Attentat auf Charlie Kirk vorübergehend aus dem Programm nahm, stellten Medienberichte beide Vorgänge in den Kontext einer Debatte über staatlichen oder politischen Druck auf regierungskritische Satire. Barack Obama warf der Regierung Trump in diesem Zusammenhang vor, nach Jahren der Klage über cancel culture nun selbst Medienunternehmen mit regulatorischen Maßnahmen zu bedrohen, wenn diese unliebsame Reporter und Kommentatoren nicht mundtot machten oder entließen.
In Deutschland Anfang August 2019 veröffentlichten Max Tholl im Tagesspiegel und Hannah Lühmann in Die Welt Artikel über Cancel Culture und führten als Beispiel aus Deutschland die Ausladung des AfD-nahen Malers Axel Krause von der Leipziger Jahresausstellung im Frühjahr 2019 an.