miniatur|Nell Gwyn, Gemälde von Simon Verelst Nell Gwyn (* 2. Februar 1650Vergl. Peter Cunningham: The Story of Nell Gwyn and the sayings of Charles the Second. Introduction xxi. oder 1651 wahrscheinlich in Hereford oder London; † 14. November 1687 in London als Eleanour [auch: EllenVergl. Peter Cunningham: The Story of Nell Gwyn and the sayings of Charles the Second. Introduction xxxviii. Gwyn, Gwynn, Gwin, Gwynne]) war eine Schauspielerin und die im englischen Volk beliebteste der vielen Mätressen des englischen Königs Charles II. Von Samuel Pepys wurde sie wegen ihres Witzes und ihrer spitzen Zunge auch Pretty Witty Nell genannt.

Leben Kindheit und Jugend Nell war die zweite und jüngste Tochter von Thomas Gwyn und seiner Frau Rose. Ihre ältere Schwester wurde 1648 geboren und trug den Namen der Mutter, Rose. Nach dem Tode oder Verschwinden des Vaters wuchsen die Kinder in sehr ärmlichen Verhältnissen auf dem Gebiet des heutigen London in der Drury Lane auf. Um 1655 lag die Drury Lane noch in Middlesex und war umgeben von Ackerland und Brachland.

Einige Biografien berichten, dass der Vater ein Hauptmann in der englischen Armee gewesenVergl. Peter Cunningham: The Story of Nell Gwyn and the sayings of Charles the Second. Introduction xxii, im Kampf verwundet worden und daran gestorben sei. Andere behaupten, er sei als Royalist nach einem Kampf verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Wiederum andere sprechen von einem fahrenden HändlerVergl. Catchpenny: Life of Eleanor Gwinn. published 1752, mit dem sich ihre Mutter einließ. Genaues lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Sogar die Vaterschaft und Existenz von Thomas Gwyn wird, vor allem von zeitgenössischen Autoren, angezweifelt. Der englische Dramatiker Sir George Etherege schrieb über Nells Mutter folgenden Zweizeiler: No man alive could ever call her daughter For a battalion of Armed men begot herKein lebender Mann könnte sie je Tochter nennen Denn ein Bataillon gerüsteter Männer (=Soldaten) hat sie gezeugt.

In der Drury Lane, wie auch in der Coal Yard Alley oder in Long Acre, standen zu dieser Zeit fast ausschließlich Bordelle und Pubs, zur damaligen Zeit auch bawdy-house (obszönes Haus) genannt, so dass zeitgenössischen Quellen diese Gegend als „Zentrum der Prostitution“ bezeichneten. Aus dieser Straße stammte Rose Gwyn, und dort lebte sie mit ihren beiden kleinen Töchtern. Man kann annehmen, dass Rose neben ihrer Arbeit als Schankfrau in der Rose Tavern in der Russell Street auch als Prostituierte arbeitete. Nells Biograf Derek Parker schreibt, dass Nell vermutlich selbst als Kinder-Prostituierte gearbeitet habe. Laut Cunningham soll Nell über ihre Kindheit gesagt haben, sie sei in einem Bordell (brothel) aufgewachsen und habe starke Getränke an Gentlemen verkauft. Folgende Aussage über ein bawdy-house soll von Nell selbst stammen:

…by Madam Ross exposed to town I mean by those who will give half a crownVergl. Derek Parker: Nell Gwyn. London 2000… von Madame Ross vor der ganzen Stadt entblößt nein, vielmehr von jenen, die eine halbe Krone dafür geben

Ihr Biograf Derek Parker hält es für wahrscheinlich, dass sie durch den Neubau des King’s Theatre wusste, dass die Edelleute des Hofes die Schauspielerinnen nicht nur aus Interesse an ihrem darstellerischen Talent besuchten. Sie soll Schauspielerin geworden sein, um ihr Einkommen aufzubessern und in der Hoffnung, bald einen vermögenden Gönner zu finden. Ihre ersten Eindrücke vom Theater erhielt sie aber als Orange Girl: sie verkaufte während der Vorstellungen Obst und Süßigkeiten. Dazu übermittelte sie auch Nachrichten zwischen den Zuschauern und den Schauspielerinnen und soll sich später auch als Vermittlerin bzw. Zuhälterin Geld verdient haben.

Schauspielerin Ob Nell jemals richtigen Schauspielunterricht erhielt, ist zweifelhaft, zumal sie weder schreiben noch lesen konnte und ihre Texte durch Vorsprecher lernen musste. Sie wird anhand des Schicksals ihrer Schwester, die inzwischen eine bekannte Prostituierte war, einen Wegelagerer geheiratet hatte und wegen Hehlerei in Haft saß, geahnt haben, dass sie sich den reicheren Herren in den Logen am vorteilhaftesten und eindrücklichsten präsentieren konnte, indem sie auf der Bühne stand.

miniatur|links|Sir Peter Lely: Porträt von Nell Gwyn, Öl auf Leinwand, um 1680 Ihre ersten „Protektoren“ waren die Schauspieler John Lacy und Charles Hart. John Lacy startete seine Bühnenkarriere als Tänzer und Komödiant. Er war so erfolgreich, dass Charles II. drei Porträts für sich von ihm anfertigen ließ. Ein anonymer Biograf von Nell Gwyn (das Buch erschien 1752) berichtete, dass John Lacy in der gleichen Truppe wie Nells Vater gedient hätte (John Lacy diente wirklich als Soldat) und er sich deshalb der Tochter seines Freundes angenommen und sie gefördert habe. John Lacy unterrichtete Nell in Tanz und brachte ihr die Grundzüge der Schauspielerei bei. Sie wurde die Geliebte beider Männer, John Lacy und Charles Hart. Zusammen mit Charles Hart spielte Nell als erstes ein „gay couple“, eine Art komödiantisches Paar, am Restauration Theatre. Nell debütierte mit nur fünfzehn Jahren in dem Stück The Indian Emperor. 1664 spielte sie die Hauptrolle in John Drydens Stück Indian Queen. Nell hatte schnell Erfolg, und John Dryden widmete ihr vier weitere Stücke, in denen sie die Hauptrollen spielte: The Wild Gallant (1663), The Rival Ladies (1664), The Indian Emperor (1665) und Tyrannic Love (1669). Hart und Gwyn waren als Paar auf der Bühne vom ersten Tag an eine Sensation und sehr erfolgreich. In dem Stück All Mistaken von James Howard spielte er die Rolle des Philidor, Nell die der Mirida. Kurz darauf waren beide in The Gay Monsieur und The Chances zu sehen. Am bekanntesten wurden beide in dem Stück Secret Love, dessen Handlung sich stark an William Shakespeares Much Ado about Nothing anlehnte.

John Dryden soll Nells Schlagfertigkeit und ihr Talent für leichte, komödiantische Rollen schnell erkannt haben. Er schrieb ihr in seinen Stücken die Rollen förmlich auf den Leib. Durch ihren Erfolg mit dem Stück Secret Love wurden auch andere Autoren auf Nell aufmerksam und schrieben Stücke oder Rollen für sie. Obwohl die Komödie ihr Hauptfach war, spielte sie 1664/5 eine Rolle in William Killigrews Tragödie The Siege of Urbino. Nell kam mit ihren Schauspielkolleginnen, sogar mit den Ehefrauen ihrer Bewunderer, sehr gut aus und wurde für ihre Schönheit und ihr Talent auch von Samuel Pepys gerühmt. An excellent play, and so well done by Nell, her merry parts, as cannot be better done in nature, I think Samuel Pepys, Tagebuch, 25. März 1667Ein exzellentes Stück und so gutes Spiel von Nell in ihrer erheiternden Rolle, wie es, so glaube ich, von der Natur nicht besser gemacht werden könnte.

Mätresse des Königs mini|Karl II., Gemälde von John Michael Wright (zwischen 1660 und 1665) mini|Nell Gwyn als Venus, Gemälde von Peter Lely (zwischen 1665 und 1670). Im Juli 1667 wurde Nell zunächst die Mätresse von Lord Buckhurst, der sie in seinem Haus in Epsom unterbrachte. Pepys berichtet über diese Beziehung folgendermaßenVergl. Peter Cunningham: The Story of Nell Gwyn and the sayings of Charles the Second. Introduction xxviii: My Lord Buckhurst hath got Nell away from the King’s house and gives her 100 (engl. Pfund) a year, so as she hath sent her parts to the house and will act no more. Samuel Pepys Tagebuch, 13. Juli 1667Lord Buckhurst brachte Nell vom King’s House (weg) und bietet ihr 100 Pfund pro Jahr, damit sie ihre Stücke nachhause geschickt bekommt und nie wieder auftritt.

Die Beziehung beider hielt kaum einen Monat. Bereits im August war Nell wieder am Theater in dem Stück The Indian Emperor beschäftigt.

Der König und Nell trafen einander wahrscheinlich nicht vor 1668, dem Jahr, in dem der Einfluss seiner Hauptmätresse Barbara Villiers langsam schwand. Schon früher hatte Charles II. sie in einigen ihrer Rollen im Theater gesehen, aber keinen näheren Kontakt mit ihr aufgenommen. Als sein Jugendfreund George Villiers, 2. Herzog von Buckingham begann, ihm neue Damen zuzuführen, um seine Cousine und Langzeit-Mätresse Barbara Villiers zu entmachten, waren neben Nell auch ihre Schauspielkolleginnen Mall Davis und Jane Roberts Kandidatinnen, mit denen sich der König gerne verabredete. Wann die beiden einander kennenlernten, ist nicht bekannt. Samuel Pepys notierte am 2. Januar 1668 in sein Tagebuch: The King did send several times for Nelly, and she was with him (Der König schickte einige Male nach Nelly und sie war bei ihm.).Vergl. Peter Cunningham: The Story of Nell Gwyn and the sayings of Charles the Second. Introduction xxxix Bereits im Frühling 1668 schienen sie einander so gut zu kennen, dass sie miteinander ausgingen. Auch hier zeigte sie ihren frechen Witz, indem sie ihn, in Anspielung auf zwei frühere Liebhaber mit dem Namen Charles, als „mein Charles der Dritte“ bezeichnete.

Zwischen September 1668 und dem Frühling 1669 verbrachten Charles und Nell sehr viel Zeit miteinander. Als 1670 Henrietta Anne Stuart, die Schwester des englischen Königs und Herzogin von Orléans, zu einem Besuch nach London kam, lernte sie Nell sogar persönlich kennen, und Nell erhielt Geschenke von Minette, wie Henrietta Anne von ihrem Bruder genannt wurde. Obwohl kurz danach Louise de Kérouaille, eine junge Hofdame im Gefolge von Henrietta Anne Stuart, ebenfalls eine Mätresse von Charles II. wurde, führte Nell keinerlei Eifersuchtsszenen auf. Im Gegensatz zu Barbara Villiers oder Louise bestand Nell auch nicht auf einer Wohnung in Whitehall.

Die Häufigkeit ihres Umgangs mit den anderen Mätressen des Königs war gering, und Nell ließ sich höchstens zu spöttischen Bemerkungen oder Späßen herab. Vor allem dann, wenn das Verhalten der Herzogin von Cleveland, Barbara Villiers, wieder einmal zu protzig und anmaßend wurde, machte sich Nell einen Spaß daraus, genau dieses Verhalten der Lächerlichkeit preiszugeben. So soll Barbara einmal in einer sechsspännigen Kutsche durch London gefahren sein. Nell mietete daraufhin einen großen Wagen mit einem Ochsen-Sechsgespann, zog sich ein schlampig aussehendes Kleid an und fuhr an dem Haus von Barbara vorbei. Genau vor dem Haus ließ sie die Peitsche knallen und schrie laut „Whores to market“ (Huren feilzubieten).

Nell war auch dem König gegenüber sehr direkt und unverblümt in ihrer Rede. So soll Nell, als der König sie bat, die Gräfin von Shrewsbury zu einer Party einzuladen, welche Nell zu seinen Ehren gab, geantwortet haben: “One whore at a time is enough for you, Sir.”„Eine Hure auf einmal sollte genug für Euch sein, mein Herr.“ In aller Öffentlichkeit soll Nell den König des Öfteren und sehr direkt gefragt haben, ob er abends zu ihr kommen würde oder nicht. “I hope I shall have your company at night, shall I?”„Ich hoffe, dass ich heute Nacht Ihre Gesellschaft haben werde, nicht?“ Wie zu erwarten hoffte Nell nie vergebens, den König nachts zu sehen.

Nell hatte offensichtlich mit der Bezeichnung „Hure“ oder „Nutte“ kein Problem. Sie benutzte diese Bezeichnung oft und gerne, auch, um zu verdeutlichen, dass ihr Standesunterschiede unwichtig waren. Bei einer Gelegenheit, bei der sie mit James Scott, 1. Herzog von Monmouth, einem illegitimen Sohn des Königs, zu Abend aß und er sie als „ill-bred“ (von minderer Herkunft und schlechter Erziehung) bezeichnete, soll sie ihn sehr selbstbewusst, in Anspielung auf die Herkunft und das Leben seiner Mutter Lucy Walter, die sich als Geliebte von Robert Sidney auch Mrs. Barlow nannte, gefragt haben: “Was Mrs. Barlow better bred than I?”„War Mrs. Barlow besserer Herkunft (und Erziehung) als ich?“