Die Braune Jägerspinne (Olios argelasius) ist eine Spinne aus der Familie der Riesenkrabbenspinnen (Sparassidae). Die vorwiegend mediterran verbreitete Art zählt zu den kleineren bis mittelgroßen Vertretern dieser Familie und ist wenig erforscht. Ihre Farbgebung besteht entsprechend ihrem Trivialnamen überwiegend aus verschiedenen Brauntönen. Es kam in der Vergangenheit vereinzelt zu Sichtungen von Exemplaren der Art in Mitteleuropa, die dorthin verschleppt wurden.
Die nachtaktive Braune Jägerspinne ist xerothermophil (trockene warme Lebensräume bevorzugend) und bewohnt besonders Steine, Felsen und Mauern. Sie jagt wie alle Riesenkrabbenspinnen ohne ein Spinnennetz, sondern freilaufend als Lauerjäger. Das Beutespektrum der Art besteht aus anderen Gliederfüßern und schließt auch reaktionsschnelle Vertreter dieses Stammes, etwa Zweiflügler mit ein. Ein verpaartes Weibchen betreibt eine für Riesenkrabbenspinnen unübliche und intensive Brutpflege und legt ein Brutgespinst an, in dem es sowohl den Eikokon als auch die geschlüpften Jungtiere bis zu deren Selbstständigkeit bewacht.
Merkmale mini|Männchen Das Weibchen der Braunen Jägerspinne erreicht eine Körperlänge von 10,6 bis 15,9 Millimetern und das Männchen eine Länge von 7,4 bis 9,8 Millimetern, womit es sich um eine kleine bis mittelgroße Riesenkrabbenspinne handelt. Die Art hat eine gelbbräunliche Grundfärbung. Der Körperbau ist mit dem anderer Jägerspinnen (Olios) identisch.
Das Prosoma (Vorderkörper) erscheint rotbraun bis gelblich, während die Cheliceren (Kieferklauen) rotbraun und distal (vom Zentrum entfernt gelegen) dunkler gefärbt sind. Die Färbung der Beine ist gelblich bis bräunlich. Sie sind außerdem dunkel gefleckt und erscheinen distal ebenfalls etwas dunkler. An den Coxen (Hüftglieder) sind die Beine leicht seitlich eingedreht.
Das Opisthosoma (Hinterleib) weist eine gelbbraune bis graubraune Grundfärbung auf. Hier befindet sich im vorderen Bereich ein grauer Spießfleck und dahinter anliegend dunkle Winkelflecken. Auf dem Rest des Opisthosomas können dunkle Linien auftreten, diese Zeichnung ist jedoch zumeist schwach ausgeprägt.
Sexualdimorphismus Die Braune Jägerspinne weist wie viele andere Spinnen einen ausgeprägten Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) auf, der bei dieser Art neben den Dimensionen vor allem anhand der Bestachelung und Bezahnung erkennbar wird. Die Cheliceren des Männchens haben 2 promarginale (innen vorderseitige) und 3 retromarginale (innen rückseitige) Zähne sowie jeweils 4 Setae (chitinisierte Haare) an den Basalgliedern der Cheliceren. Die Klauen der Tarsen (Fußglieder) vom ersten Beinpaar des Männchens besitzen je 16 prolaterale (vorne seitliche) und 19 retrolateral (hinten seitliche) Zähne. Beim Weibchen haben die Cheliceren je 2 promarginale & 4 retromarginale Zähnen sowie 6 Setae an den Basalgliedern der Cheliceren.
Einzelnes Männchen mini|Männchen im Größenvergleich Ein 2020 von Peter Jäger im Rahmen einer Revision der Jägerspinnen (Olios) untersuchtes und in den östlichen Pyrenäen gefundenes Männchen der Braunen Jägerspinne wies eine Prosomalänge von 3,8 und eine Opisthosomalänge von 4,2 Millimetern auf. Dieses Männchen hatte eine gelbbraune Grundfarbe mit undeutlicher Zeichnung. Die Femora waren undeutlich gepunktet. Das Opisthosoma zeigte dorsal (oben) Punkte, ventral (unten) einen dunkleren medianen (mittleren) Bereich. Die Cheliceren verfügten bei dem Exemplar über 2 promarginale und 3 retromarginale Zähne und 4 Setae an den Basalgliedern der Cheliceren. Die Tarsalklauen des ersten Beinpaars verfügten hier wie üblich über 16 prolaterale und 19 retrolaterale Zähne.
+ Bestachelung der Extremitäten des von Jäger untersuchten Männchens Beinpaar Stacheln Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) Fe1-3-0, 0-0-0, 1-0-1-1, Ti2-1-2-4, Mt2-0-2-4 Erstes Beinpaar Fe2-(4)-2-3, Ti2-1-2-4, Mt2-0-2-4 Zweites Beinpaar Fe3-2-3, Ti2-1-2-4, Mt2-0-2-4 Drittes Beinpaar Fe3-2-3, Ti2-1-2-4, Mt2-0-2-4 Viertes Beinpaar Fe3-2-1, Ti2-1-2-4, Mt3-0-3-6 Legende: Fe = Femur (Schenkel) Ti = Tibia (Schiene) Mt = Metatarsus (Fersenglied)
Einzelnes Weibchen mini|Frontale Detailansicht eines Weibchens mit gut erkennbaren Augen, Cheliceren und Pedipalpen. Bei einem ebenfalls im Rahmen der Revision der Gattung unter Jäger von ihm untersuchten Weibchen, das er zur gleichen Zeit in der archäologischen Stätte Lakkos auf der Insel Kreta fand, war das Prosoma 5,3 Millimeter lang sowie 5,1 Millimeter breit, während das Opisthosoma eine Länge von 10,6 und eine Breite von 7,6 Millimetern aufwies. Die Färbung ähnelte sehr der des untersuchten Männchens, fiel aber generell dunkler aus. Das Opisthosoma dieses Weibchens war ventral gepunktet, lateral (seitlich) hatte es ein dunkles Medianband.
+ Bestachelung der Extremitäten des von Jäger untersuchten Männchens Beinpaar Stacheln Pedipalpen 1-3-0, 0-0-0, 0-0-1, 2-0-2-0 Erstes Beinpaar Fe2-2-3, Ti-2-0-2-4, Mt2-0-2-4 Zweites Beinpaar Fe3-2-3, Ti-2-0-2-4, Mt2-0-2-4 Drittes Beinpaar Fe3-2-2, Ti-2-0-2-4, Mt2-0-2-4 Viertes Beinpaar Fe3-2-1, Ti-2-0-2-4, Mt3-0-3-6
Genitalmorphologische Merkmale mini|Frontale Detailansicht eines Männchens mit den gut sichtbaren Bulbi Die Bulbi (männliche Geschlechtsorgane) der Braunen Jägerspinne werden u. a. durch die in 5- bis 6-Uhr-Position anliegenden Emboli (letzte Sklerite, bzw. Hartteile der Bulbi) gekennzeichnet. Diese sind schleifenförmig aufgebaut und haben einen runden bis ovalen Verlauf. Es gibt eine gut ausgebildete Tibiaapophyse (chitinisierter Fortsatz), sowie eine weitere retrolaterale (seitlich dem Körper abgewandte) Tibiaapophyse, die zumeist einfacher gebaut ist. Letztere hat eine breite Basis und verjüngt sich apikal (nach oben gerichtet) zu einer Spitze, während diese Apophyse subapikal wenige undeutlich hervorgehobene Zähne aufweist. Eine dritte, eher kurze Apophyse befindet sich jeweils am Embolus und ist am besten aus retrolateraler Sicht erkennbar.
Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) verfügt über einen schmalen Längsschlitz, der fast die gesamte Epigyne trennt. Von der Fläche her ist die Epigyne annähernd quadratisch. Durch die durchscheinende Cuticula (Außenhaut des Exoskeletts) kann man die Kopulationskanäle in anterolateraler (frontal-seitlicher) Position erkennen. Das innere Kanalsystem der Epigyne wird durch eine seitliche Verbreiterung bei der ersten Windung charakterisiert. Die eigentlichen Befruchtungsschläuche sind eher schmal und vergleichsweise weit voneinander entfernt.
Ähnliche Arten Es gibt innerhalb der Gattung der Jägerspinnen (Olios) vier weitere der Braunen Jägerspinne sehr ähnliche Arten, mit denen sie eine Artengruppe bildet. Bei den Arten handelt es sich um O. canariensis, O. fasciculatus, O. kunzi und O. pictus. Die fünf Arten lassen sich nur durch ihre genitalmorphologischen Merkmale sicher voneinander unterscheiden, wobei sie sich auch in dieser Hinsicht stark ähneln.
Die auf den Kanarischen Inseln endemische Art O. canariensis verfügt bei den Bulbi über kürzere Tibiaaophysen, die die Teguli lateral betrachtet nicht erreichen. Außerdem ist hier die Epigyne der Weibchen nur bis zum Zentrum getrennt. Bei O. fasciculatus ist die erste Tibiaapophyse kürzer und erreicht ventral nicht den Embolus. Überdies ist die Epigyne der Art lediglich bis zum Zentrum geteilt und das innere Kanalsystem verfügt hier über keinerlei gepaarte Strukturen.
Die afrikanische Art O. fasciculatus hat bei den Bulbi lange Tibiaapophysen, die ventral betrachtet den Basal- bzw. Basisteil der Emboli erreichen. Bei der Epigyne ist der Teilungsschlitz besonders posterior (nach hinten zu) auseinanderstrebend, wobei eine breite Vertiefung mit medianem Septum (Trennwand) sichtbar wird.
Die ebenfalls in Afrika, dort aber nur in den Ländern Namibia, Sambia und Südafrika verbreitete Art O. kunzi verfügt über breite Tibiaapophysn an den Bulbi. Außerdem sind die retrolateralen Tibiaapophysen mit einem konkaven Rückenrand versehen, die insbesondere in seitlicher Draufsicht gut zu erkennen sind. Der Schlitz der Epigyne erreicht hier den vorderen Rand des inneren Kanalsystems, der ein Paar vorderer Hakenstrukturen aufweist.
O. pictus ist in Nordafrika und im Nahen Osten präsent. Hier ist die Tibiaapophyse der Bulbi massiv gebaut und bedeckt die Basis des jeweiligen Embolus vollständig. Die Epigyne der Art ist durch eine gut ausgeprägte, ungefähr dreieckige Grube gekennzeichnet.
Verbreitung und Lebensräume mini|Nachweiskarte der Braunen Jägerspinne nach Peter Jäger (2020) Die Braune Jägerspinne ist vorwiegend im Mittelmeerraum verbreitet und kommt dort in Europa auf der Iberischen Halbinsel sowie in Frankreich, Kroatien, Montenegro, Albanien und Griechenland vor. Sie ist sowohl im europäischen als auch im asiatischen Teil der Türkei vertreten. Darüber hinaus bewohnt die Art die südosteuropäischen Länder Serbien, Bulgarien und Nordmazedonien. Eine angebliche Sichtung der Spinne in Ungarn aus dem Jahr 1991 erwies sich bei Nachprüfungen 2011 als fehlerhaft.
In Nordafrika erfolgten Nachweise der Braunen Jägerspinne bisher aus Libyen und den Maghreb-Ländern. Außerdem ist die Spinne auf allen Mittelmeerinseln mit Ausnahme von Zypern gesichtet worden. Ferner bewohnt die Art die Kanarischen Inseln.
Als Habitate (Lebensräume) der Braunen Jägerspinne dienen wenig bewachsene und heiße Flächen. Somit gilt diese Art als xerothermophil (trockene warme Lebensräume bevorzugend).
Lebensweise mini|Angestrahltes Weibchen bei Nacht Die Braune Jägerspinne ist wie alle Jägerspinnen (Olios) und somit wie der Großteil der Riesenkrabbenspinnen (Sparassidae) nachtaktiv. Die Art hält sich am Tag zumeist unter Steinen und insbesondere nachts an Wänden und Felsen auf.
Jagdverhalten und Beutefang Die wie alle Spinnen räuberisch lebende Braune Jägerspinne ist ein Lauerjäger. Sie benötigt wie alle Riesenkrabbenspinnen kein Spinnennetz, sondern erlegt Beutetiere freilaufend. Das Beutespektrum setzt sich aus anderen Gliederfüßern zusammen. In Gefangenschaft konnte das Erbeuten von Schmeißfliegen und Mehlwürmern dokumentiert werden.
Bei Beobachtungen sprangen jüngere Individuen dieser Spinnenart vorbeifliegende Insekten an. Ausgewachsene Spinnen blieben eher am Boden und griffen Beute mit ihren langen Beinen aus der Luft oder packten diese blitzartig, sobald sie mit ihnen in Berührung kamen. Die Reaktionszeit der Exemplare der Braunen Jägerspinne betrug dabei ein Sechstel von dem der Schmeißfliegen.
Die nach dem Fang mittels der Cheliceren durch einen Giftbiss außer Gefecht gesetzten Beutetiere werden bevorzugt nur von jüngeren Individuen der Braunen Jägerspinne eingesponnen. Bereits halbausgewachsene Spinnen der Art verzehren vergleichsweise große Beutetiere zumeist, ohne sie einzuspinnen.
Lebenszyklus und Brutpflege mini|Weibchen mit Eikokon in seinem Brutgespinst mini|links|Jungtier mini|Verschiedene Ansichten eines juvenilen Exemplars mit fehlendem Bein Der Lebenszyklus der Braunen Jägerspinne ist bisher nur in Gefangenschaft untersucht worden. Über die Phänologie (Aktivitätszeit) und das Fortpflanzungsverhalten der Art existieren keine Angaben.
Wie aus einer einmaligen Beobachtung hervorging, legte ein verpaartes Weibchen ein Brutgespinst in einer Größe von etwa fünf Zentimetern an, in dem es etwa zwei Tage später einen weißen, kugeligen Eikokon anfertigte. Bei dem Gespinst handelte es sich um ein sackförmiges Konstrukt mit einem stabilen und kugelförmigen Hohlraum. In diesem Gespinst bewachte das Weibchen seinen Kokon und hielt ihn mithilfe der Cheliceren fest.
Bei dieser Beobachtung konnte nach etwa einem Monat der Schlupf von gut 100 Jungtieren festgestellt werden. Diese rotteten sich dann zu einem Haufen zusammen und verblieben darin für einige Zeit. Bei Störungen jedoch verteilten sie sich in verschiedene Bereiche des Hohlraumes. Das Muttertier ließ den Kokonüberrest nach 14 Tagen fallen und widmete sich ab da wieder der Nahrungsaufnahme, verblieb jedoch bei seinen Nachkommen.