Die Liste von Dirigentinnen bietet einen Überblick über international tätige, oder aus anderen Gründen bedeutsame, bekannte Orchesterdirigentinnen in erster Linie des 21. und 20. Jahrhunderts, aber auch voriger Jahrhunderte. Die Liste ist alphabetisch nach Nachnamen sortiert, jeweils mit Kurzbeschreibung: Nationalität, Orchester (feste Positionen und Gastdirigate), Preise, Besonderes. Ergänzend sind Informationen zum geschichtlichen Hintergrund, weiterführende Literatur, Informationen zu Wettbewerben und Förderungen für Dirigentinnen und zu Dokumentarfilmen über Dirigentinnen angefügt. Eine Reihe von Porträtfotos zeigt außerdem exemplarisch Dirigentinnen-Generationen vom Barock bis heute.

Hintergrund Obwohl es seit Jahrhunderten Dirigentinnen gibt, wurden sie lange – ähnlich wie Komponistinnen – nicht entsprechend bekannt, da sie auf Grund gesellschaftlicher Vorbehalte gegenüber Frauen in der Musik nicht oder nur geringfügig in den Kanon von Dirigenten, etwa in Lexika, aufgenommen oder medial wenig oder vorurteilsbeladen besprochen wurden.

Um diesem Missstand zu begegnen, entstand 2003 als erste umfassende musikwissenschaftliche Forschungsarbeit über Dirigentinnen und erste „Liste von Dirigentinnen“ Elke Mascha Blankenburgs Europäischer Dirigentinnenreader, herausgegeben im Namen des von ihr gegründeten Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik e. V. und unter Ausschöpfung des von ihr mitgegründeten Archivs Frau und Musik.Archiv Frau und Musik (Hrsg.): Europäischer Dirigentinnenreader (= Schriftenreihe Frau und Musik. Band 4). Furore, Kassel 2002, ISBN 3-927327-55-7, S. 5 ff. Ihr 2003 publiziertes Nachfolgewerk „Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. Portraits von Marin Alsop bis Simone Young“ vereint fast 80 Dirigentinnen-Biografien und Diskographien.Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. Portraits von Marin Alsop bis Simone Young. In: Digitales Deutsches Frauenarchiv, Monographie, abgerufen am 17. Juli 2020. Diese Pionierarbeit bildete den Auftakt, aktiv arbeitende Dirigentinnen zu sammeln, um ihre Sichtbarkeit, ihre Karrierechancen und auch ihre Vernetzung zu fördern.Annemarie Bernhard/Susanne Wosnitzka: Elke Mascha Blankenburg. In: Digitales Deutsches Frauenarchiv (Hrsg.): Akteurinnen. Online-Aufsatz, abgerufen am 18. Juli 2020. Ergänzend zum Buch entstand damals auch die Internetseite Dirigentinnen.de mit einer Liste von 90 Dirigentinnen, die aber seit 2003 nicht mehr aktualisiert wurde (Stand Juli 2020).Europäische Dirigentinnen.

Die englischsprachige Website der kanadischen Kapralova Society, benannt nach der tschechischen Komponistin und Dirigentin Vítězslava Kaprálová, bietet eine aktuelle Liste von über 600 Dirigentinnen (Women Conductors); darin enthalten sind sowohl Orchester- und – im Gegensatz zu dieser Liste – auch reine Chordirigentinnen sowie (ungefiltert) gleichermaßen renommierte, international tätige wie nur lokal arbeitende Dirigentinnen.

Die vorliegende Liste von Orchesterdirigentinnen gibt primär einen Überblick über international tätige Dirigentinnen, ihre Positionen (Chefdirigentin/Generalmusikdirektorin/Dirigentin/Erste Kapellmeisterin etc.), geleitete Orchester, Preise und Auszeichnungen. Ausnahmen von der Prämisse „international tätig“ sind frühe Vorläuferinnen, etwa Raffaella Aleotti und Francesca Caccini, die zu ihrer Zeit noch nicht international tätig sein konnten, und Dirigentinnen jüngerer Zeit, die aus anderen Gründen für die Geschichte von Dirigentinnen eine dennoch bedeutsame Rolle spielen.

Durch die vorliegende Liste wird auch die zunehmend möglich gewordene erstarkende Teilhabe weiblicher Dirigierender an Karrierechancen erfahrbar: So zieht sich wie ein durchgängiges Motiv die Formulierung „als Erste“ durch die Biographien: Sei es Nadia Boulanger, die als erste Frau als Dirigentin ein vollständiges Konzert der Royal Philharmonic Society dirigierte (1937), Sylvia Caduff als erste Dirigentin, die den Mitropoulos Wettbewerb (1966) gewann, oder Elim Chan als erste weibliche Preisträgerin der Donatella Flick Competition (2014) (siehe Liste).

Trotz der bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts stetig wachsenden Anzahl von Orchesterdirigentinnen – darunter viele Preisträgerinnen internationaler Dirigierwettbewerbe (siehe Liste) – traten auch 2020 noch Dirigentinnen diverse Positionen als „erste Frau in der Geschichte“ an: So wurde der Dirigentin Joana Mallwitz (damals Generalmusikdirektorin des Staatstheater Nürnberg, „Operndirigentin des Jahres“) 2020 als erster Frau in der Geschichte der Salzburger Festspiele eine gesamte Aufführungsserie anvertraut. Im September 2020 wurde zudem die Berufung von Oksana Lyniv (ehemalige Chefdirigentin Oper Graz) als erster Dirigentin bei den nächsten Bayreuther Festspielen öffentlich bekanntgegeben, und 2022 wurde Lyniv Generalmusikdirektion des Teatro Comunale in Bologna, und damit die erste Musikdirektorin eines italienischen Opernhauses.

Im Januar 2024 verkündeten die Bayreuther Festspiele, dass erstmals in ihrer Geschichte in der kommenden Saison mehr Dirigentinnen als Dirigenten am Pult stehen werden; nämlich Oksana Lyniv, Nathalie Stutzmann, Simone Young, Semyon Bychkov und Pablo Heras-Casado.

Trotz solcher positiver Entwicklungen sind aktuell nur 4 von 129 öffentlich geförderten Berufsorchestern in Deutschland von einer Chefdirigentin geleitet (Zahlen 2023). Der Geschäftsführer der Deutschen Musik- und Orchestervereinigung Gerald Mertens fordert daher mehr Förderung von Dirigentinnen, zumal der Anteil der ausgebildeten Dirigentinnen inzwischen 20 bis 25 Prozent betrage, und ihr Anteil im Studium auf fast 37 Prozent angewachsen sei.

Liste von international tätigen Orchesterdirigentinnen

A Dilbar Abdurahmonova (1936–2018), russisch-usbekische Geigerin und Dirigentin Nazanin Aghakhani (* 1980), Österreich, erste Dirigentin des Tehran Symphony Orchestra, Dirigentin bei Wien Modern Vittoria Raffaella Aleotti (1575–1646), IT Leiterin, Dirigentin des Orchesters des Klosters San Vito. Komponistin, Organistin. Marin Alsop (* 1956), USA, Chefdirigentin des Baltimore Symphony Orchestra, des ORF Radio-Symphonieorchester Wien, und des São Paulo Symphony Orchestra. Preisträgerin des Leopold-Stokowski- und Koussevitzky-Wettbewerbs. Ligia Amadio (* 1964), Chefdirigentin Montevideo Philharmonic Orchestra, und zuvor u. a. des National Symphony Orchestra, Bogota Philharmonic Orchestra, São Paulo Symphony Orchestra. Als erste Frau 1997 1. Preis am Tokyo International Conducting Competition, 2001 „Best Conductor“ in Brasilien Katarina Andreasson Nvart Andreassian (* 1952), TR, Chefdirigentin Ensemble Polychromie, Turkey Youth Symphony Orchestra, Chamber Orchestra Paris Alexandra Arrieche (* 1981), BRA, Chefdirigentin Henderson Symphony Orchestra und von Night of the Proms Elisabeth Attl (* 1968), A, Dirigentin Volksoper Wien und eh. Gran Teatre del Liceu. Gastdirigate Deutsche Oper Berlin, Orchestre Philharmonique du Luxembourg. Wieder-Aufführung von Barock-Oper Talestri von Maria Antonia Walpurgis 2013. Bar Avni (* 1989), israelische Dirigentin

B Renée Baker (* 1957), USA, Chefdirigentin Chicago Sinfonietta Chamber Ensemble. Frieda Belinfante (1904–1995) Ljubka Biagioni (* 1968), IT, Chefdirigentin Sofia Symphonics, 2002 Gewinnerin des internat. Dirigenten-Wettbewerb Franco Capuana. Anja Bihlmaier (* 1978), D, Chefdirigentin Residentie Orkest Den Haag, Principal Guest Conductor Sinfonia Lahti. Gastdirigentin u. a. bei Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Wiener Volksoper, Toledo Symphony Orchestra. Gewinnerin (3. Preis) internat. Dirigierwettbewerb Dimitri Mitroupoulos 2006. Elke Mascha Blankenburg (1943–2013), D, Gründerin und Dirigentin des Clara Schumann-Orchesters, Autorin des ersten umfassenden Werks über Dirigentinnen Europäischer Dirigentinnenreader, Gründerin des Internationalen Dirigentinnenarchivs und von Archiv Frau und Musik, Wiederaufführung von Francesca-Caccini-Oper. Susanne Blumenthal (* 1975) Victoria Bond (* 1945), USA, Dirigentin des Pittsburgh Symphony Orchestra, Pittsburgh Youth Symphony und New Amsterdam Symphony. Gastdirigentin u. a. bei Orchestra Sinfonica Guido d’Arezzo, Beijing Central Opera, Houston Symphony. Preisträgerin u. a. des Victor Herbert Award und Miriam Gideon Prize. Laut Eigenaussage „first woman awarded a doctorate in orchestral conducting from the Juilliard School“. Nadia Boulanger (1887–1979), F, Gastdirigentin u. a. des Boston Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, New York Philharmonic. Uraufführungen von Stravinsky und Copland. 1937 erste Dirigentin, die ein vollständiges Konzert in der Royal Philharmonic Society London dirigierte. Antonia Brico (1902–1989), USA, Gründerin und Dirigentin des New York Women’s Symphony. Gastdirigentin u. a. bei Berliner Philharmoniker (1930), Los Angeles Philharmonic Orchestra, San Francisco Symphony Orchestra, London Philharmonic Orchestra, Metropolitan Opera. Iona Brown (1941–2004), GB, Chefdirigentin von Academy of St. Martin in the Fields, Norwegisches Kammerorchester, Los Angeles Chamber Orchestra. Gastdirigentin u. a. des City of Birmingham Symphony Orchestra. Trägerin des Order of the British Empire. Anna-Sophie Brüning (* 1972), D, Dirigentin / Künstlerische Leitung des Orchesters der Barenboim-Said Foundation Palästina und des Palestine Youth Orchestra. Gastdirigentin u. a. bei Düsseldorfer Symphoniker, Nordwestdeutsche Philharmonie, Stuttgarter Kammerorchester, Polnisches Kammerorchester, National Youth Orchestra of Kenya, Komische Oper Berlin. Erste Kapellmeisterin Landestheater Coburg.

C Francesca Caccini (1587–1640) Sylvia Caduff (* 1937), CH, 1977–86 Generalmusikdirektorin des Städtischen Orchester Solingen. Gastdirigentin u. a. bei Berliner Philharmoniker, Tonhalle-Orchester Zürich, Orchestra della Svizzera italiana. 1966 als erste Dirigentin Gewinnerin der Dimitri Mitropoulos International Music Competition. Sarah Caldwell (1924–2006), USA, Gründerin und Dirigentin der Opera Company of Boston. Gastdirigentin u. a. bei New York Philharmonic Orchestra, Boston Symphony Orchestra, Metropolitan Opera. Preisträgerin National Medal of Arts. Karina Canellakis (* 1981), USA, Chefdirigentin des niederländischen Radio Filharmonisch Orkest. „Erste Gastdirigentin“ des London Philharmonic Orchestra (als erste Dirigentin in dieser Funktion bei LPO) und des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Gastdirigentin u. a. bei Wiener Symphoniker, Orchestre de Paris, Opernhaus Zürich. 2016 Gewinnerin des Georg Solti Conducting Award. Gabriella Carli (* 1953), IT, Gründerin und Dirigentin des Kammerensemble Berlin. Ab 1986 Assistentin von Herbert von Karajan. Gastdirigate u. a. bei Philharmonisches Orchester Danzig, Radio Filharmonisch Orkest Hilversum, Orquesta Sinfonica Municipal de Caracas. Preisträgerin u. a. des Verdienstorden der Italienischen Republik Chang Han-na/Han-Na Chang (* 1982), KOR, Chefdirigentin Trondheim Symphony Orchestra. Gastdirigentin u. a. bei Concertgebouworkest, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Toronto Symphony Orchestra. Preisträgerin Echo (Musikpreis) 1997, Classical Music Award 2004. Elim Chan (* 1986), CHN, Chefdirigentin des Antwerp Symphony Orchestra. „Erste Gastdirigentin“ des Royal Scottish National Orchestra. Gastdirigentin Hong Kong Philharmonic Orchestra, Mariinsky Theater, London Symphony Orchestra. 2014 Gewinnerin der Donatella Flick Conducting Competition, als erste Dirigentin. Pei-Yu Chang (* 1959), A, Chefdirigentin des Orientalischen Symphonieorchesters. Gastdirigate u. a. bei Münchner Rundfunkorchester, Beijing Symphony Orchestra, Oper Halle. Preisträgerin Médaille de la Ville de Paris. Tong Cheng (* 20. Jh.) Sophie Charlotte von Hannover (1668–1705) Jennifer Condon (* 1983) Graziella Contratto (* 1966)

D Karen Lynne Deal (* 1957) Camille Delaforge (* 1986)