mini|Dom und Severikirche (2007). 1944/45: Dächer aufgerissen/abgedeckt, verbliebene Fenster zerstört (gotische Fenster waren ausgelagert), Maßwerk und Domtürme beschädigt

Die einzigartige mittelalterliche Baugruppe von Mariendom und Severikirche auf dem Domberg ist das Wahrzeichen von Erfurt. Der Dom besteht aus einem gotischen Hohen Chor, einem spätgotischen Langhaus, dazwischen ein romanischer Teil. Sankt Severi ist eine gotische Hallenkirche. Der Schutz der Kunstwerke an und in diesen beiden sakral und kulturell hochwertigen Bauten musste angesichts der Luftangriffe auf Erfurt im Zweiten Weltkrieg ein vorrangiges Anliegen der kirchlich und denkmalpflegerisch Verantwortlichen sein. Besonders verdient gemacht hat sich hierbei der Dompropst Joseph Freusberg, beraten durch den Provinzialkonservator Hermann Giesau. Das meiste der Kirchenausstattung konnte durch Verlagerung innerhalb der Kirchen, bevorzugt in Kellergewölbe, sowie durch starke Vermauerungen und Stahlbeton-Abdeckungen gesichert werden. Die Bauten selber wurden durch Detonationen von Minenbomben in der Umgebung und einige Granateneinschläge erheblich beschädigt. Das betraf besonders die Dachbereiche und Maßwerkfenster. Gerettet werden konnten die spätmittelalterlichen Farbglasfenster des Hohen Chores durch frühzeitige Auslagerung bereits 1940/41. Die nicht ausgebaute neugotische Glasmalerei im Langhaus des Domes wurde bei den Luftangriffen zertrümmert. Die Wiederherstellung/Wiedereinrichtung des Domes dauerte bis 1951.

Luftschutz in Kirchen Eine „Anweisung für die Durchführung des Luftschutzes in Kirchen“ wurde am 15. April 1940 in Berlin durch das Reichsministerium der Luftfahrt und den Oberbefehlshaber der Luftwaffe im Einvernehmen mit dem Reichsministerium für die Kirchlichen Angelegenheiten erlassen. Danach oblag den Kirchen und Klöstern selber der „Erweiterte Selbstschutz im Zivilen Luftschutz“, mit einem Betriebs-Luftschutzleiter, mit Bildung von Einsatzgruppen und vorgeschriebenen Schutzräumen für Gottesdienstteilnehmer. „Um das Kulturgut nicht der Vernichtung anheimfallen zu lassen“, wurden Bestimmungen für den Luftschutz in Museen, Büchereien, Archiven und ähnlichen Kulturstätten, darunter Kirchen, erlassen. Diese sahen Sicherungsmaßnahmen vor Ort, aber auch die umfangreiche Auslagerung „beweglicher Kulturgüter“ vor.Anweisung für Luftschutz in Kirchen (1940) Angesichts der zunehmenden Verwüstung der deutschen Städte im Luftkrieg folgte Anfang 1943 noch ein Führererlass zur systematischen Fotodokumentation nicht zu bergender architektonischer, plastischer und bildlicher Kulturgüter – vor deren möglicher oder zu erwartender Zerstörung.

Schutzmaßnahmen für den Dom und sein Kulturgut mini|Hoher Chor des Erfurter Doms. Alle mittelalterlichen Farbglasfenster durch Auslagerung 1940/41 gerettet mini|Mittelalterliches Dom-Gestühl im Hohen Chor, im Krieg durch Verlagerung und Einhausung geschützt mini|Mittelalterliche Figuren vom Triangelportal, Jungfrauen und Apostel, im Krieg in Kellern unter der Krypta gesichert

Die folgende Schilderung beruht überwiegend auf einer Veröffentlichung von Martin Fischer Der Erfurter Domberg im Schatten des Zweiten Weltkrieges (2016) und Unterlagen und Auskünften von Falko Bornschein, dem Kunstgutbeauftragten des Bistums Erfurt (2020). Über die im Krieg ergriffenen Schutzmaßnahmen für den Dom und die aufgetretenen Zerstörungen wurde laufend und zeitnah vom Dompropst Joseph Freusberg an das Bischöfliche Generalvikariat Fulda berichtet.

Verdunkelung: Da sich eine Verdunkelung der hohen Domfenster nicht durchführen ließ, wurden die Gottesdienste bereits ab 1939 – wie in anderen Kirchen – auf die Tageszeiten eingeschränkt (Ausnahmen: Advent und Weihnachtsfeiertage). Flammschutzmittel-Aktion: Unter dem Eindruck der schon ab März/April 1942 erfolgenden Luftangriffe mit Brandbomben auf Lübeck, Rostock und weitere Städte wurde am 13. Mai 1943 durch Hermann Göring für gefährdete Gebiete die Flammschutz-Imprägnierung der Dachstühle und anderer Holzkonstruktionen mit Kalk und chemischen Zusätzen angeordnet, besonders auch in Kulturdenkmälern. Diese Maßnahme wurde bereits bis Ende Mai 1943 auch an den Dächern und allen anderen sichtbaren Holzkonstruktionen in Dom (Chor, Hauptschiff, Türme, Kreuzgang) und Severikirche durchgeführt. Die Imprägnierung wurde mit Einsatz von Hochdruckspritzen und unter Anleitung durch erfahrene Architekten durchgeführt. Diese Brandschutzbehandlung erfolgte, wie bei den anderen Erfurter Kirchen und Kulturbauten, trotz begründeter Zweifel an der Wirksamkeit der Maßnahme. Die Wucht der Brandangriffe der britischen Royal Air Force auf deutsche Städte steigerte sich immer mehr; gegen Feuerstürme aber half dann keinerlei Imprägnierung mehr. Brandwache: Fünf in unmittelbarer Domnähe wohnende Angestellte bildeten einen Feuerlöschtrupp, der eingeschlagene Brandbomben unschädlich machen und entstandene Brände löschen sollte. Militärischer Brandschutz: Der Erfurter Dom gehörte zu den besonders bedeutenden Bauwerken, für die im Notfall auch militärische Unterstützung vom Grenadier-Ersatzbataillon 71 zur Brandbekämpfung „bei Terrorangriffen“ angefordert werden konnte. Dieses hatte eine Befehlsstelle im Keller der Severikirche. Chorgestühl: Das großartige eichene Chorgestühl im Hohen Chor des Domes (geschaffen bald nach 1328), mit reichen figürlichen Darstellungen, mit 83 Sitzen in zwei Reihen unter Baldachinen, stellte neben seiner Bedeutung als mittelalterliches Kulturgut auch eine erhebliche Brandgefahr dar. Nur seine letzte Reihe blieb abgerückt an der Wand stehen, wurde dort eingemauert und mit schweren Eisenbetonplatten überdacht. Auch mit den anderen Teilen des Chorgestühls wurde so verfahren: nach Verlagerung in den Chorhals und zum Teil in den Durchgang hinter dem Sakramentsaltar. Der Chorhals des Domes ist der Raum zwischen den besonders mauerstarken romanischen Kirchtürmen. Wolframleuchter: Der fast lebensgroße Bronze-Leuchter aus dem 12. Jahrhundert, eine der ältesten Freifiguren der deutschen Kunst, stand eigentlich im Chor. Er wurde ebenfalls durch Ummauerung geschützt, hinter dem Sakramentsaltar. Romanische Madonna: Das Altarretabel Madonna mit Jesuskind, eine Stuckarbeit aus dem 12. Jahrhundert, wurde im Gewölbe des Südturms untergebracht. Das Altargemälde Die Verlobung der Heiligen Katharina mit dem Jesuskind von Lucas Cranach dem Älteren (1529) wurde ebenfalls im Gewölbe des Südturms gesichert. Die bronzene Grabplatte des Henning Göde aus der Vischerschen Gießhütte (1521) kam in den Vorraum zur heutigen Domaula. Die Einhorn-Jagd, das Mittelteil eines Triptychons, kam in den Raum hinter der Domaula. Pfeilerbild-Zyklus: Die acht an die Pfeiler des Langhauses angepassten konvexen Tafelgemälde von 1,80 Meter Höhe (entstanden 1505 bis 1570) waren sicher – wie andere Gemälde – abgehängt und in „sichere Räume“ gebracht worden.

Von folgenden Kunstschätzen in Dom und Severikirche ist nicht dokumentiert worden, ob und wie sie gegen Bombenschäden geschützt worden waren – soweit das von ihrer Art her überhaupt möglich gewesen wäre. Die Tumba mit den Gebeinen der Heiligen Adolar und Eoban, Gefährten von Bonifatius, blieb (Einhausung?) im Triangelbau. Grabplatte (Bronze) des Weihbischofs Johannes Bonemilch von Laasphe (um 1510) Epitaph des Johann von Allenblumen, Sandstein (1429) Grabstein des „zweibeweibten“ Grafen von Gleichen (um 1250) Relief Beweinung Christi (1475) Taufstein mit Umwehrung und hölzernem Renaissance-Überbau (1582–1587) Sakramentshaus, großes Sandstein-Tabernakel (1590) Heiliges Grab: Liegefigur Christi in Sandstein (1420/1430) Altäre im Langhaus Gotischer Sarkophag des heiligen Severus in der Severikirche (Einhausung?) Marienmosaik am westlichen Dachgiebel des Doms: Ob es, da mögliche Orientierungshilfe für angreifende Flugzeuge, verdeckt war, ist nicht mehr bekannt.

Die gesamten Bestände des Dom-Museums kamen zur Sicherheit in die Paramentenkammer (Kreuzgang 11) oder den Vorraum der Domaula. Das Museum war erst 1932 neu gestaltet worden und in das Auditorium Coelicum und Nebenräume umgezogen. Es stellte eine der eindrucksvollsten Sammlungen mittelalterlicher Kunst in Mitteldeutschland dar.Walter Passarge: Der Dom zu Erfurt, 1935, S. 25–27. Zu seinen Beständen gehörten das Prachtgewand „Elisabeth-Kasel“ (frühes 14. Jahrhundert), die bronzene Erfurter Sabbatampel (um 1200), Kopfreliquien aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, eine Alabasterstatue „Johannes der Täufer und Heiliger Andreas“ (um 1450) und eine Silberkammer mit Edelschmiedekunst (17. und 18. Jahrhundert).

Die Sandstein-Figuren am Triangelportal (um 1335 entstanden) wurden abgenommen und in den zweigeschossigen Kellergewölben unter der Krypta hinter den Kavaten gesichert. Das waren am Westportal die kunsthistorisch besonders bedeutenden Skulpturen der törichten und der klugen Jungfrauen, von Ecclesia und Synagoge, von Christus als Weltenrichter, Maria und Johannes dem Täufer, am Ostportal die zwölf Apostel und Maria als Himmelskönigin, eine Kreuzigungsgruppe sowie die Heiligen Adolar und Eoban. Letzterer wurde bei der Abnahme zerstört und 1947 durch eine Kopie ersetzt. Nur der Erzengel Michael blieb vor Ort, da aus jüngerer Zeit stammend. Die Farbglasfenster im Hohen Chor des Doms wurden bereits 1940/41 aus dem Maßwerk entnommen, in Kisten verpackt und in den Kellern unter der Krypta gelagert. Es handelt sich um zwölf fast 19 Meter hohe und drei kleinere, ins Gewölbe reichende, vierbahnige Fenster (von 1380 bis 1420 entstanden). Sie zeigen einen berühmten Glasgemäldezyklus mit biblischen und hagiographischen Motiven von der Erschaffung der Welt bis ins 13. Jahrhundert. Insgesamt handelte es sich um fast tausend Rechteckscheiben von 40 × 80 Zentimeter Größe. Die Fensteröffnungen wurden dann mit einfachen, grünen Glasscheiben verschlossen. Ohne die bleiernen Fassungen waren diese Ersatzscheiben jedoch nicht stabil, besonders bei den Luftminen-Detonationen in der Stadt 1944/45, und fielen teilweise herunter. Deshalb mussten Gottesdienste im Hohen Chor 1945 eingestellt werden. Die beiden letzten Fenster, die Elisabeth-Fenster, wurden nicht herausgenommen. Sie wurden, da erst 1913 geschaffen, vom Provinzialkonservator Giesau als nicht so wertvoll eingeschätzt – und bei den Luftangriffen zerstört. Auch die mittelalterlichen Farbglasfenster der Erfurter Barfüßerkirche wurden durch Einlagerung in den Kellern unter der Krypta gerettet, die Kirche aber wurde „ausgebombt“ zur Ruine. Schriftgut: Dokumente, Kirchenbücher der Domgemeinde und anderer katholischer Gemeinden in Erfurt und Umgebung und weitere Archivalien wurden „bomben- und brandsicher“ in die Domaula unter der Kiliani-Kapelle verlagert. Diese Sicherung von unersetzlichem Schriftgut erfolgte aus eigenem Interesse der Kirche, aber auch auf persönliche Weisung von Oberbürgermeister Walter Kießling und aufgrund reichsweiter Anordnungen. Nach außerhalb des Domes wurden keine Kulturgüter verbracht, da man seine für die Aufbewahrung ausgewählten Räume als sicher genug einschätzte. Ob und wieweit Dom und Severikirche in die von 1943 bis Anfang 1945 erfolgende reichsweite Fotodokumentation „nicht beweglicher Kunstschätze“ vor ihrer möglichen kriegsbedingten Zerstörung einbezogen waren, ist nicht bekannt.

Gesichertes Kunstgut

Diverses Schutzräume: Die Domkrypta diente offiziell als Luftschutzraum für Gottesdienstbesucher und benachbarte Bevölkerung, andere Räume unter Dom und Severikirche als Wehrmachtschutzräume. Auch dem Städtischen Museum wurden Kellerräume zur Verfügung gestellt. Metallmobilisierung: Metallgegenstände, wie Türklinken, ein Teil der Kruzifixe, Messingleuchter, Rauchfässer und Weihwasserbecken mussten abgegeben und als Reserve der Rüstungsindustrie zur Verfügung gestellt werden. Sie wurden allerdings dann nicht eingeschmolzen und kehrten 1945 wieder zurück.