mini|hochkant|Georg Winterer (2026) Georg Winterer (* 9. Juli 1961 in Hausach im Schwarzwald) ist ein deutscher Unternehmer, Neurowissenschaftler und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Zuletzt war er außerplanmäßiger Professor an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und leitete dort die Forschungsgruppe Klinische Neurowissenschaften an der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin.

Werdegang Nach dem Besuch des mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums HausachDie steile Karriere eines Schülerrebellen auf bo.de legte Winterer an der Carl-von-Ossietzky-Oberschule in Berlin das Abitur ab. Winterer studierte Humanmedizin, Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin mit Stationen in London und Madrid (Universidad de Complutense). Er promovierte im Jahr 1991 zum Thema Menstruation als Tabu am Institut für Medizinische Psychologie und absolvierte ab 1990 eine Facharzt-Ausbildung in der Neurologie/Intensivmedizin, Neurophysiologie sowie Psychiatrie und im Notfalldienst an der Landesklinik Brandenburg (Brandenburg an der Havel: 1990–1992) und der Freien Universität Berlin.

1995 bis 1997 folgte eine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Assistent im Labor für Psychophysiologie an Psychiatrischen Klinik der FU Berlin. Als Clinical Fellow und Fogarty Stipendiat des Global Health Fellowship Programs forschte er von 1997 bis 2003 an den National Institutes of Health (NIMH/NIAAA) in Bethesda, USA. 2001 habilitierte er mit einer Arbeit zur Physiology of Prefrontal Function. Am NIMH (Clinical Brain Disorder Branch, CBDB) war er Teilprojektleiter der Nationalen Schizophrenia Sibling Study. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er als Oberarzt in der Psychiatrie an der Universität Mainz tätig.

2006 wurde Georg Winterer zum W2-Professor auf Lebenszeit für Psychiatrie an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ernannt mit Tätigkeit als Leitender Oberarzt des LVR-Klinikums Düsseldorf des Landschaftsverbandes Rheinland und Leiter der Konsiliarpsychiatrie am Universitätsklinikum.LVR-Klinikum Düsseldorf, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf: Krankenversorgung Forschung Lehre 2001–2009.

Von 2009 bis 2012 war er Forschungsgruppenleiter am Cologne Center for Genomics (CCG) der Universität zu Köln, parallel war er von 2006 bis 2012 Assoziierter Wissenschaftler am Forschungszentrum Jülich der Helmholtz Gemeinschaft (Institut für Neurowissenschaften). Von 2012 bis 2023 war Georg Winterer Forschungsgruppenleiter am Experimental & Clinical Research Center der Charité – Universitätsmedizin Berlin (Campus Berlin-Buch).

2011 war er Gründer und ist seitdem Geschäftsführer der Berliner Pharmaimage Biomarkers Solutions GmbH und seit 2020 zusätzlich der Berliner PI Solutions Group GmbH.

Forschungsschwerpunkte Arbeitsschwerpunkt Winterers ist die Risikoprädiktion von Krankheitsverläufen. Seine frühen Publikationen widmen sich der Suchtforschung und Schizophrenie (Elektrophysiologie, Neuroimaging, Pharmakologie, Genetik). Seine jüngeren wissenschaftlichen Publikationen fokussieren sich auf die Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit und Neurodegeneration bei kritisch erkrankten älteren Patienten nach operativen Eingriffen.

In den 1990er Jahren entdeckte Winterer unter Verwendung des Back-Propagation Algorithms zur Mustererkennung, dass bei Abhängigkeitserkrankungen (Alkohol und Tabak) eine gestörte Funktion des Frontalhirns (Überaktivierung des Stirnhirns) einen ungünstigen Krankheitsverlauf vorhersagt. Dies war einer der ersten Einsätze von künstlichen neuronalen Netzen in der Psychiatrie/Klinischen Neurowissenschaft. Die Methodik wurde von der Forschungsgruppe Winterer auf weitere Fragestellungen ausgeweitet, z. B. individuelle Prädiktion der Therapie-Response des Antidepressivums Fluoxetin auf der Basis von multivariaten klinischen Daten von 20.000 Patienten. Damit konnte die Überlegenheit von künstlichen neuronalen Netzen gegenüber linearen Modellen bei der Prädiktion von Krankheitsverläufen demonstriert werden.

In einer 1999 in Clinical Neurophysiology veröffentlichten elektrophysiologischen Untersuchung beschrieb Winterer das Phänomen der Stochastischen Resonanz in der menschlichen Informationsverarbeitung im Gehirn: Ein moderater Anteil neuronalen Rauschens (moderat erhöhte Phasenvariabilität bei der Synchronisierung der Hirnaktivität) kann demnach die Verarbeitungsleistung verbessern, etwa durch verkürzte Reaktionszeiten.G. Winterer, M. Ziller, H. Dorn u. a.: Cortical activation, signal-to-noise ratio and stochastic resonance during information processing in man. In: Clinical Neurophysiology. Band 110, Nr. 7, 1999, S. 1193–1203, doi:10.1016/S1388-2457(99)00060-0, PMID 10423184. Diese Arbeiten lieferten den konzeptionellen Hintergrund für seine späteren Modelle zum erhöhten neuronalen Rauschen als Risikofaktor für Schizophrenie.

Winterer entdeckte, dass eine starke Erhöhung des Rauschens im Frontalhirn mit einem (genetisch) erhöhten Risiko für Schizophrenie einhergeht und durch Dopamin (COMT-Genotyp) positiv beeinflusst wird. Die entsprechenden Arbeiten finden in einem Übersichtsartikel über Simulationsmodelle (Computational Neural Network Models) der gestörten Hirnfunktion bei Schizophrenie Erwähnung.

Winterer hat zuletzt eine mittels KI-basierten Algorithmen identifizierte Risikosignatur beschrieben, die das Risiko bei älteren chirurgischen Patienten erhöhen soll, nach einem operativen Eingriff an kognitiven Einschränkungen zu leiden, was wiederum mit einer deutlich erhöhten Mortalität (Sterblichkeit) und erheblichen sozioökonomischen Kosten einhergeht.

In der wissenschaftlichen Literaturdatenbank Pubmed ist er als Autor von über 200 Publikationen gelistet.

Forschungsprojekte Winterer leitete zuletzt ein nationales und ein internationales Forschungskonsortium der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Das internationale Forschungskonsortium Biomarker Development for Postoperative Cognitive Impairment in the Elderly (BioCog) wurde im 7. Rahmenprogramm der Europäischen Kommission gefördert und mit Mitteln des Berlin Institute of Health unterstützt. Ziel war die Verbesserung der Risikovorhersage post-operativer kognitiver Störungen bei Patienten über 65 Jahren anhand klinischer, bildgebender und molekularer Biomarker. Im Rahmen des Projekts entwickelte ein beteiligtes Unternehmen eine KI-gestützte Software zur Risikoprädiktion.https://www.biocog.eu/index_de; Leopoldina Symposium 2020

Die National Cohort Nicotine Study ist ein multizentrisches epidemiologisches Langzeitprojekt zu Determinanten des Rauchverhaltens in Deutschland. Sie wurde von 2006 bis 2023 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, zunächst im Rahmen des Schwerpunktprogramms SPP1226, später im Sonderforschungsbereich SFB/TRR265.

Im Rahmen der Langzeitbeobachtung wurden unter anderem Unterschiede in der Frontalhirnfunktion zwischen starken und langzeitabhängigen Rauchern sowie Einflüsse von Umweltfaktoren untersucht. Die Studie ist zudem Teil des internationalen iNDiGO-Konsortiums.

Ergebnisse zur genetischen Architektur der Nikotinabhängigkeit wurden 2020 in u. a. Nature Communications veröffentlicht. 2026 erschien unter Beteiligung von Winterer eine konsortienübergreifende Arbeit in Nature, die die genetische Architektur von 14 psychiatrischen Störungen untersuchte.A. D. Grotzinger u. a.: Mapping the genetic landscape across 14 psychiatric disorders. In: Nature. Band 649, Nr. 8096, 2026, S. 406–415, doi:10.1038/s41586-025-09820-3.

2020 wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit unter Beteiligung von Winterer die Corona-Bund-Studie durchgeführt, eine bundesweite bevölkerungsrepräsentative Untersuchung zu den gesundheitlichen und sozialen Folgen der COVID-19-Pandemie in Deutschland. Im Rahmen von zwei Erhebungswellen wurden jeweils 30.000 Personen befragt; zusätzlich wurden PCR- und Antikörpertests erhoben. Ergebnisse zu psychosozialen Belastungen wurden unter anderem in der Presse aufgegriffen.Die Welt, 5. Januar 2023: Mütter griffen zum Alkohol, Ältere fühlten sich durch die Krise weniger belastet

Unternehmerische Tätigkeit Winterer war ab Mitte der 1990er Jahre als leitender Studienarzt (ZNS) und Berater (Phase-1/Phase-2 Studien) bei der klinischen Forschungsorganisation Parexel tätig. Danach gründete er die Pharmaimage Biomarker Solutions GmbH, die im Bereich der Durchführung von Arzneimittelstudien aktiv war. 2016 wurde schließlich die Tochtergesellschaft Pharmaimage Biomarker Solutions Inc. in Cambridge (Kendall Square) bei Boston (USA) gegründet.

2019 gründete Winterer die PI Health Solutions GmbH und PI Insure Solutions GmbH unter dem Dach der Holding PI Solutions Group GmbH. Die Pharmaimage Biomarker Solutions GmbH ist seit 2015 zusätzlich Entwickler von KI-gestützten Diagnose-Software zur Risikoprädiktion von Krankheitsverläufen. Die PI Health Solutions GmbH ist u. a. an der Durchführung gesundheitsbezogener Studien außerhalb der Arzneimittelforschung beteiligt, z. B. im Rahmen der seit Juni 2020 vom Bundesministerium für Gesundheit finanzierten Studie „SARS-CoV-2: Eine dynamische bundesweit-repräsentative Untersuchung (Corona-BUND Studie)“.

Winterer veräußerte 2024 die Mehrheit seiner Anteile an seinem Unternehmen PI Health Solutions GmbH an infas, blieb aber geschäftsführender Gesellschafter. 2025 wurde infas vom ipsos übernommen. Die PI Health Solutions GmbH ist an dem Langzeitprojekt des Robert-Koch-Instituts „Gesundheit in Deutschland“ beteiligt.Neue Panelstudie in Deutschland gestartet auf infas.de, abgerufen am 13. Februar 2025

Publikationen mit N. Zacharias, F. Musso, F. Müller, F. Lammers, A. Saleh, M. London, P. de Boer (2020): Ketamine effects on default mode network activity and vigilance: A randomized, placebo-controlled crossover simultaneous fMRI/EEG study. Hum Brain Mapp. 2020 Jan;41(1):107-119. doi:10.1002/hbm.24791. mit F. Lammers, A. Mobascher, F. Musso, N. J. Shah, T. Warbrick, L. Zaborszky (2015): Effect of the Nucleus basalis of Meynert on attention shows hemispheric asymmetry. Brain & Behav (in press). doi:10.1002/brb3.421. mit E. M. Reinthaler (2014): 16p11.2 European Consortium, H. Lerche, P. Nürnberg, H. Mefford, I. E. Scheffer, S. F. Berkovic, J. S. Beckmann; EPICURE Consortium; EuroEPINOMICS Consortium, Sander T, Jacquemont S, Reymond A, Zimprich F, Neubauer BA (2014). 16p11.2 600 kb Duplications confer risk for typical and atypical Rolandic epilepsy. Hum Mol Genet 23:6069-80 mit B. B. Quednow, J. Brinkmeyer, A. Mobascher, M. Nothnagel, F. Musso, G. Gründer, N. Savary, N. Petrovsky, I. Frommann, L. Lennertz, K. N. Spreckelmeyer, T. F. Wienker, N. Dahmen, N. Thuerauf, M. Clepce, F. Kiefer, T. Majic, R. Mössner, W. Maier, J. Gallinat, A. Diaz-Lacava, M. R. Toliat, H. Thiele, P. Nürnberg, M. Wagner (2012): Schizophrenia risk polymorphisms in the TCF4 gene interact with smoking in the modulation of auditory sensory gating. PNAS 109:6271-6 mit F. Musso, J. Brinkmeyer, D. Ecker, M. K. London, G. Thieme, T. Warbrick, H. J. Wittsack, A. Saleh, W. Greb, P. de Boer (2011): Ketamine effects on brain function--simultaneous fMRI/EEG during a visual oddball task. Neuroimage. 2011 Sep 15;58(2):508-25. doi:10.1016/j.neuroimage.2011.06.045. mit F. Tretter, P. Gebicke-Haerter, E. Mendoza (2010): Systems Biology in Psychiatric Research. doi:10.1002/9783527630271 mit E. T. Rolls, M. Loh, G. Deco (2008): Schizophrenia and computational models of dopamine modulation in the prefrontal cortex. Nature Reviews Neuroscience 9:696-709 mit F. Musso, A. Konrad, …. T. Sander, J. Gallinat (2007): Association of attentional network function and exon 5 variations of the CHRNA4 gene. Human Mol Genet 16:2165-2174