Maos kleiner General mit dem Untertitel Die Geschichte des Rotgardisten Ken Ling ist der von zwei US-amerikanischen Forschern verfasste Bericht über die Erlebnisse eines chinesischen Schülers während der sogenannten Großen Proletarischen Kulturrevolution Mao Tse-tungs in der Volksrepublik China.

Der 1950Ken Ling, Miriam London, Li Ta-ling: Maos kleiner General. Die Geschichte des Rotgardisten Ken Ling. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1974, ISBN 3-423-01024-X, S. 530. Hinfort zitiert als Maos kleiner General in Amoy (China) geborene Oberschüler nahm in den Jahren 1966 bis 1968 an der Kulturrevolution teil. Nach seiner Flucht auf eine zur Republik China gehörende Insel wurden seine Erinnerungen an die eigenen Aktivitäten während dieser zwei Jahre von einem amerikanischen Forscherteam unter der Leitung von Ivan D. London, Psychologe und Professor der Sozialpsychologie am Brooklyn College der New York City University,siehe Daten über Ivan D. London bei Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Abruf am 6. Juli 2020. in mehr als 300 Interviewstunden sowie anhand von schriftlichen Darlegungen des Probanden im Umfang von rund 500.000 chinesischen Schriftzeichen aufgearbeitet. Miriam London, seine Ehefrau und ständige wissenschaftliche Mitarbeiterin,Daten über Miriam London bei Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Abruf am 6. Juli 2020. verfasste auf dieser Grundlage einen Forschungsbericht in Form eines fiktiven Tagbuches, aus dem der geflohene Oberschüler unter dem Pseudonym Ken Ling in autobiographischer Ich-Form über seine Erlebnisse als Rotgardist berichtet. Der chinesisch-stämmige Historiker Li Ta-ling,Nur in der deutschsprachigen Fassung des Buches als Li Ta-ling bezeichnet. Die englischsprachige Fassung des Namens ist Ta-Ling Lee. Unter diesem Namen publiziert Lee, siehe Veröffentlichungen bei WordCat, Abruf am 30. Juni 2020. Professor am Southern Connecticut State College,Maos kleiner General. S. 5Daten über Ta-Ling Lee bei Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Abruf am 6. Juli 2020. wurde seiner sprachlich-kulturellen Kompetenz wegen zur zweiten Phase der Entstehung des Buchmanuskripts hinzugezogen und erscheint neben Ken Ling und Miriam London als ein weiterer Ko-Autor.Maos kleiner General, Vorwort S. 5 und S. 528. Das Buch erschien 1972 zunächst auf Englisch, wurde im selben Jahr übersetzt und auf Chinesisch veröffentlicht und 1974 auch auf Deutsch herausgegeben.

Inhalt Der Protagonist der Geschichte wächst in der südfukienesischen Hafenstadt Amoy als jüngstes von sechs Kindern auf. Er wird von der Mutter, einer Fabrikarbeiterin, die früh verwitwet ist, verhätschelt und auch von den älteren Geschwistern selbst als Jugendlicher noch wie ein Nesthäkchen umsorgt. Seine Lehrer in der Oberschule Nr. Acht haben Freude an der Aufgewecktheit und Strebsamkeit des Jungen, der christlich getauft und erzogen wurde.Maos kleiner General. S. 56. Obwohl seine Abstammung aus einer Familie der Mittelschicht nicht eben eine Empfehlung im kommunistisch regierten China Mao Tse-Tungs ist, steht seinem Weg ins Universitätsstudium anscheinend wenig entgegen. Ein Schüler wird Rotgardist Dann wird Ken Ling eines Morgens, es ist der 1. Juni 1966,Maos kleiner General. S. 9. fast noch schlaftrunken, in den Strudel einer jener Kampagnen im China Mao Tse-Tungs gerissen, die er bis dahin nur vom Hörensagen kennt. Die Kampagne – sie wird bald die „Große Proletarische Kulturrevolution“ heißen – nimmt allerdings eine bis dahin nicht gekannte Fahrt auf. Aus dem braven, sorgsam erzogenen Knaben entwickelt sich innerhalb von wenigen Tagen ein selbstbewusster, über sich bald keine Autorität mehr anerkennender Revolutionär, ein Rotgardist, der seine eigenen, eben noch verehrten Lehrer verhört, verhöhnt und demütigt und mindestens duldet, dass seine Mitschüler sie barbarisch foltern, elendig ermorden und in den Selbstmord treiben. Ihre Wohnungen werden durchsucht, Bücher, Musikinstrumente, Kunstwerke und wertvolles Mobiliar zerstört, ihre Familien terrorisiert, mitunter auch einfach bestohlen. In den folgenden Wochen dehnt sich der gewalttätige Bildersturm der Oberschüler auf die gesamte Stadt und ihre Institutionen aus. Ken Ling gewinnt zunehmend an kulturrevolutionärem Prestige. Er begibt sich mit insgesamt 304 Delegierten seiner Schule in die Provinzhauptstadt Fuchou, um den Elan der Bewegung auf die Provinzebene zu tragen. Hier hat die Provinzparteileitung allerdings für eine zahlenmäßig weit überlegene Gegenbewegung gesorgt. Die Gruppe erlebt am 29. August eine blutige Abreibung – der Beginn eines erbitterten interfraktionellen Kampfes innerhalb der „Kulturrevolution“.Maos kleiner General, Kapitel Der Zwischenfall am 29.  8. S. 95–107. Kurzfristig vermögen die unterlegenen „Kämpfer des 29.8.“ ihre Schlappe wieder wettzumachen. Reisen bis nach Peking Ken Ling wird nach Amoy zurückgerufen und zum Anführer einer Gruppe von insgesamt 10 Abgeordneten seiner Schule gewählt, die sich nach Norden in die Hauptstadt begeben soll, um in den Erfahrungsaustausch mit Rotgardisten aus anderen Landesteilen zu treten. Mit einer Million von ihnen erlebt Ken Ling einen öffentlichen Auftritt Mao Tse-tungs unter freiem Himmel mitMaos kleiner General, Kapitel Lang lebe der Vorsitzende Mao! S. 218–228. und mit bis zu hunderttausend ein öffentliches Verhör Wang Kuang-meis, der Frau des damaligen Staatspräsidenten der Volksrepublik China, Liu Shao-ch’i.Maos kleiner General, Kapitel Wang Kung-mei wird im Netz gefangen. S. 258–280. Er nutzt die Gelegenheit der Reise, um sich mit seinen Geschwistern zu treffen, Sehenswürdigkeiten in Peking aufzusuchen und weiter in die Provinzen des Nordostens zu fahren. Höhepunkt der Macht Auf dem Rückweg legt er eine Zwischenstation in Shanghai ein, um im Januar 1967, nach fast dreimonatiger Abwesenheit wieder zu Hause, den Sprung auf den Höhepunkt seiner Macht zu erleben. Allerwärts werden in Amoy nach dem Vorbild der Pariser KommuneJürgen Domes: Die Ära Mao Tse-tung. Innenpolitik in der Volksrepublik China, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1971, S. 158.Jürgen Domes: The Internal Politics of China 1949–1972. C. Hurst & Company Publishers, London 1973, S. 172. „Kommunen“ gebildet. So bekam eine Fabrik den Namen „Neue Kommune Konservenfabrik Amoy“.Maos kleiner General. S. 316. Shanghai war in der Bildung von „Kommunen“ dieser Art Vorreiterin gewesen, und so gilt Ken Ling, der gerade aus Shanghai kommt, als Experte. Der Siebzehnjährige wird zum „Generaldirektor“ der 147 Fabriken der rund 730.000 Einwohner zählenden „Kommune“ Amoy ernannt. Rund 8000 in den Fabriken stationierte Oberschüler und Studenten arbeiten unter seinem Kommando darauf hin, die Produktion zu erhöhen.Maos kleiner General. S. 333f.

Doch Ling erkennt sehr wohl, dass die „Kommune“ mehr oder weniger eine Illusion ist. Ihre Statthalter sind untereinander zerstritten und rivalisieren miteinander um Positionen und Einfluss. Darüber hinaus hat die gegnerische Fraktion innerhalb der kulturrevolutionären Bewegung nach ihrer herben zwischenzeitlichen Niederlage von Neuem an Stärke gewonnen. Vor allem aber beginnt das Militär, in die kulturrevolutionären Vorgänge einzugreifen. Der jähe Sturz Am 25. Februar 1967 übernimmt die chinesische Volksbefreiungsarmee die Stadtverwaltung von Amoy. Ken Ling muss sich in den Untergrund absetzen. Die gegnerische Fraktion wird von der Armee zunächst verdeckt, ab Jahresmitte aber immer offenkundiger mit Kriegsgerät versorgt. Die Verteidiger der Kommune müssen sich mit einer eigenen Waffenproduktion und mit Waffenschmuggel über Wasser halten.

In einer der bürgerkriegsähnlichen Zusammenstöße zwischen den Fraktionen kommt Mei-mei, die Gefährtin Ken Lings, ums Leben.Maos kleiner General, Kapitel Die Rache des Himmels. S. 482–492. Schmerz und Ernüchterung lassen „Maos kleinen General“ begreifen, dass er und seine Mitstreiter von einer fernen „Zentrale“Maos kleiner General, Fußnote 5, S. 13. in Peking zynisch benutzt worden sind.

Der Protagonist ergreift am 19. Juli 1968Maos kleiner General. S. 520. die Flucht, indem er gemeinsam mit seinem älteren Bruder vom Strand von Amoy aus, den Ebbstrom ausnutzend, 12.500 Meter bis zur Insel Tatan schwimmt,Maos kleiner General. S. 518. die zum Kinmen-Archipel gehört und damit zur Republik China.Maos kleiner General, Landkarte S. 522f.

Veröffentlichungen Ausgaben in mehreren Sprachen Das Buch erschien im Jahr 1972 zunächst in den USA, in Großbritannien und auf Chinesisch im damals britischen Hongkong, 1974 auf Deutsch in Deutschland, 1976 auf Thailändisch in Thailand und 1981 auf Französisch in Frankreich. Eine Neuausgabe der chinesischen Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch erschien unter einem neuen Titel 2016 in Taiwan: The Revenge of Heaven. Journal of a young Chinese. Ken Ling. English text prepared by Miriam London and Ta-Ling Lee. Putnam, New York 1972. The Revenge of Heaven. Journal of a young Chinese. Ken Ling. English text prepared by Miriam London and Ta-Ling Lee. Ballantine Books, New York 1972, SBN 345–02985–2-150, . Red Guard: from schoolboy to „Little General“ in Mao's China. Ken Ling. English text prepared by Miriam London and Ta-Ling Lee. Macdonald, London 1972, ISBN 0-356-04169-7. -天讎 : 一個中國青年的自述 Tian chou: yi ge Zhongguo qingnian de zishu. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Ting Kuang-sheng unter Mitwirkung von Liu K'un-sheng, Verlag 新鏡傳播公司, Xianggang (Hongkong): Xinjing chuanbo gongsi, Minguo 61 Ken Ling, Miriam London, Li Ta-ling: Maos kleiner General. Die Geschichte des Rotgardisten Ken Ling. Übersetzt von Inge Neske. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1974, ISBN 3-423-01024-X, ISBN 978-3-423-01024-5 (Nachauflage 1982) Thailändische Ausgabe von "The revenge of Heaven". หลินเกิ้นผู้พิฆาตสี่เก่า (Die Zerstörer der vier Alten), Übersetzt und zusammengestellt von Boonkerd Nao Siam, Bangkok 1976.Angebot eines Antiquariats, Abruf am 4. Januar 2021 La vengeance du ciel. Un jeune Chinois dans la Révolution culturelle. traduit de l'américain par Pierre Barroux, Hervé Denès et Albert Schmidt, Publication Robert Laffont, Paris 1981, ISBN 2-221-00624-0. 從前從前有個紅衛兵 Cong-qian cong-qian yo ge hong-wei-bing, The Story of a Red Guard, Ken Ling zuo-zhe (Es war einmal ein Rotgardist. Die Geschichte eines Rotgardisten), Da Gui Wen-hua Verlag, Taipei 2016, ISBN 978-986-213-675-1.

Unterschiedliche Titel der Ausgaben Während der im Englischen und Chinesischen gleichlautende Titel („The Revenge of Heaven“ bzw. „Tian Chou“) das fatale Ende einer zarten Liebesgeschichte aufnimmt, das der Erzähler mit dem im alten China Herrschaft autorisierenden Mythos des „Himmels“ verknüpft, stellt der deutsche Titel einen unmittelbaren Bezug zum Hauptstrang der Erzählung und ihren Akteuren her: den Rotgardisten, die im kulturrevolutionären Jargon häufig auch als „kleine Generäle“ bezeichnet wurden.Maos kleiner General, Fußnote von Jürgen Domes S. 46. Der Titel der thailändischen Ausgabe nimmt Bezug auf die bilderstürmerischen Aktivitäten der Roten Garden Mao Tse-tungs. Mit dem zweisprachig chinesisch-englischen Titel der chinesischen Neuauflage von 2016 wird der ursprüngliche, in eine literarische Form gekleidete Forschungsbericht des amerikanischen Forscherteams in eine Selbstinszenierung des gealterten Probanden Ken Ling, mit bürgerlichem Namen Guo Kunren, umgesetzt. Auf Chinesisch gibt Guo sowohl den amerikanischen Urtext als auch die chinesische Übersetzung von 1972 als sein eigenes schriftstellerisches Werk aus.Oscar Chun-hung Lin, Fan-kung ta-eh: yu „Tien Ch'ou k'an fan-yi yün-tso“ ((Re)making of „The Making of a Red Guard“), Dissertation am Dolmetscherinstitut der Nationalen Taiwan Normal University, T'aipei 2018, mit Zusammenfassung (in Englisch) (Link zum Digitalisat, Abruf am 4. Januar 2021)

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