mini|400px|Grenzen nach dem Timor Sea Treaty und die theoretische ausschließliche Wirtschaftszone Osttimors. Die orangen Kreise zeigen die Lage der Erdöl-/Erdgasfelder.
Im Australisch-osttimoresischen Spionageskandal wurde 2013 bekannt, dass Australien während der Verhandlungen zur Lösung der Grenzstreitigkeiten zwischen Australien und Osttimor 2004 osttimoresische Politiker abgehört hatte, um sich Vorteile zu verschaffen. Die Abhöraktion des ASIS (Australian Secret Intelligence Service) wurde durch den ehemaligen ASIS-Agenten Witness K bekannt gemacht. Osttimor kündigte daraufhin die bestehenden Verträge zur Aufteilung der Erdöl- und Gasvorkommen in der Timorsee. Im 2019 in Kraft getretenen Vertrag hat Osttimor einen weit größeren Anteil an den Gewinnen aus den Bodenschätzen. Australien leitete gerichtliche Schritte gegen Witness K und seinen Anwalt Bernard Collaery ein.
Historischer Hintergrund
Während Australien und Indonesien die Grenzziehung zwischen den beiden Staaten in der Timorsee bereits 1972 vertraglich vereinbarten, konnte mit Portugal keine Einigung über die Seegrenze zu seiner Kolonie Portugiesisch-Timor gefunden werden. Die Lücke in der Grenze wurde der „Timor Gap“ genannt.The View from LL2: Google Earth Map for the Timor Sea Maritime Boundary Dispute, 17. März 2014 Als 1975 Portugal die Kolonie auf die Unabhängigkeit als Staat Osttimor vorbereitete, provozierte Indonesien mit der geheimen Operation Komodo zunächst einen Bürgerkrieg in Osttimor und besetzte es schließlich am 7. Dezember 1975. Begründet wurde der Einmarsch (Operation Seroja) mit der Stabilisierung des Landes und der Abwehr des Kommunismus. Die Vereinigten Staaten und Australien hatten zuvor Indonesien ihre Zustimmung signalisiert. Australische Regierungsunterlagen, wie Diplomatenpost und Kabinettsdokumente, bleiben nach einem Gerichtsurteil von 2020 weiterhin geheim, da bei einem Bekanntwerden der Dokumente es zu erwarten sei, „dass sie die Sicherheit oder die internationalen Beziehungen des [australischen] Commonwealth schädigen“ könnten. Einige Unterlagen wurden während der Verhandlung und über britische Archive bekannt.The Guardian: Timor-Leste: court upholds Australian government refusal to release documents on Indonesia's invasion, 3. Juli 2020, abgerufen am 12. Juli 2020. Indonesien erklärte 1976 offiziell die Annexion Osttimors als Provinz, was die Vereinten Nationen nicht anerkannten. Als einziger Staat weltweit erfolgte durch Australien eine de facto Anerkennung durch den Abschluss des Timor Gap Treaty mit Indonesien 1989, zur Schließung der Grenzlücke. Australien erhielt dadurch weitgehenden Zugriff auf die Rohstoffe in der Timorsee. Portugal, das international offiziell noch immer die Oberhoheit über Osttimor innehatte, verklagte Australien wegen des Timor Gap Treaty vor dem Internationalen Gerichtshof, doch das Gericht konnte keine Verhandlung durchführen, da Indonesien sich weigerte daran teilzunehmen.Government of Timor-Leste: Australia changes position on maritime boundaries, 5. Juni 2014, abgerufen am 1. Juli 2014.
mini|Australische Soldaten in Dili (2000)
Nach 24 Jahren Krieg in Osttimor mit etwa 200.000 Toten wuchs der internationale Druck auf Indonesien zu einer Lösung des Konflikts. Nach dem Fall der Suharto-Diktatur 1998 drängte auch Australiens Premierminister John Howard auf ein Unabhängigkeitsreferendum in Osttimor, zu dem sich Indonesiens Präsident Habibie schließlich bereit erklärte. Er verweigerte aber den Schutz der Abstimmung durch internationale Truppen. Trotz Bedrohung und Gewalt entschieden sich 78,5 % der Osttimoresen für die Unabhängigkeit. Indonesische Sicherheitskräfte und pro-indonesische Milizen reagierten mit der Operation Donner, vertrieben den Großteil der Bevölkerung aus ihren Häusern, zerstörten die Infrastruktur und töteten 1200 bis 1500 Menschen. Schließlich wurde unter UN-Mandat die internationale Schutztruppe INTERFET unter australischer Führung entsandt, die das Land befriedete. Indonesien zog sich zurück und Osttimor wurde nach drei Jahren UN-Verwaltung am 20. Mai 2002 in die Unabhängigkeit entlassen.
Eine Grenzziehung zwischen Australien und Osttimor nach dem internationalen Seerechtsübereinkommen entlang der Mittellinie war nicht möglich, weil Australien im März aus dem Vertrag austrat.Newmatilda.com: Stop Spying On Timor, Court Tells Australia, 5. März 2014, abgerufen am 24. März 2014. Die beiden Länder schlossen daher am Unabhängigkeitstag den Timor Sea Treaty, der Osttimor 90 % der Einnahmen aus der Joint Petroleum Development Area (JPDA) zusicherte. Die Frage der endgültigen Grenzziehung blieb offen. Dies galt auch für 80 % des profitablen Greater-Sunrise-Gasfeldes. Der Treaty on Certain Maritime Arrangements in the Timor Sea (CMATS) sollte dieses Manko beheben, da die australische Regierung noch im Mai 2004 auf der Gültigkeit der alten Verträge bestand.Jesuit Social Justice Centre: 3. September 2004. Osttimor warf Australien daraufhin vor, durch seine Grenzziehung Osttimor täglich eine Million US-Dollar an Lizenzeinnahmen vorzuenthalten. Mit dem CMATS vom 12. Januar 2006 wurde eine 50/50-Teilung der Einnahmen aus dem Gasfeld vereinbart.La’o Hamutuk Bulletin Vol. 7, No. 1, April 2006 -The CMATS Treaty Die anderen Gebiete westlich und östlich der JPDA, die eigentlich zur ausschließlichen Wirtschaftszone Osttimors gehören würden, wurden zunächst der Ausbeutung durch Australien überlassen. Es wurde ein 50-Jahre-Moratorium bezüglich der Seegrenze vereinbart, ohne dass Osttimor auf seine Ansprüche verzichtet. Beide Länder ratifizierten das Abkommen 2007.
Bekanntwerden der Spionageaktion mini|Senator Nick Xenophon (rechts) mit Bernard Collaery (Mitte) und sein Anwalt Nicholas Cowdery (links) rufen zur Bildung einer Royal Commission auf, zur Klärung des Abhörskandals (November 2015).
Am 23. April 2013 erklärte die Regierung Osttimors offiziell den CMATS für ungültig und berief sich dabei auf eine Klausel im Timor Sea Treaty. Osttimor beschuldigte Australien des Abhörens der Osttimoresen in australischen Hotels und in Regierungsbüros in Osttimor.La'o Hamutuk: 2016-2020: Australia Prosecutes Bernard Collaery and Witness K, abgerufen am 12. Juli 2020. Auch das Büro des Premierministers Osttimors und der Kabinettssaal waren verwanzt worden.The Guardian: Witness K and the 'outrageous' spy scandal that failed to shame Australia, 9. August 2019, abgerufen am 12. Juli 2020.ABC: Australia's unscrupulous pursuit of East Timor's oil needs to stop, 21. Januar 2014, abgerufen am 12. Juli 2020. Australische Agenten hatten die Abhörgeräte verlegt, als sie getarnt als Entwicklungshelfer, die Räumlichkeiten renovierten.Sydney Morning Herald: Australia's unscrupulous pursuit of East Timor's oil needs to stop, 11. Januar 2017, abgerufen am 12. Juli 2020. Am 3. Mai bestätigte die australische Regierung den Eingang der Erklärung und die australischen Medien berichteten über die Vorwürfe. Osttimor rief den Ständigen Schiedshof in Den Haag an.Neue Zürcher Zeitung: Australische Wanzen in Dili, 7. Dezember 2013, abgerufen am 16. Dezember 2013.
Am 3. Dezember 2013,The Age: ASIO raids: Australia accuses East Timor of 'frankly, offensive' remarks, 21. Januar 2014, abgerufen am 24. März 2014. wenige Tage vor Beginn der Gerichtsverhandlung in Den Haag, durchsuchte der australische Inlandsgeheimdienst ASIO (Australian Security Intelligence Organisation) die Räume des für Osttimor arbeitenden Anwalts Bernard Collaery in Canberra und des Whistleblowers Witness K. Dokumente und Datenträger wurden beschlagnahmt; Witness K wurde zeitweise verhaftet und sein Reisepass eingezogen. Er wollte eigentlich als wichtiger Zeuge bei der Verhandlung in Den Haag auftreten. Er erklärte, dass er sich zu dem Schritt entschlossen hatte, nachdem er erfahren hatte, dass der für die Spionage verantwortliche ehemalige australische Außenminister Alexander Downer, nachdem er aus dem Parlament ausgeschieden war, eine bezahlte Beratertätigkeit bei Woodside Petroleum annahm, der australischen Firma, die Erdöl in der Timorsee fördern wollte. Da er nicht reisen konnte, gab Witness K zwei eidesstattlichen Erklärungen ab.The Guardian: Witness K spared jail after pleading guilty to breaching secrecy laws over Timor-Leste bugging, 18. Juni 2021, abgerufen am 19. Juni 2021. Australiens Generalstaatsanwalt George Brandis erklärte, die Durchsuchungen sollten nur die Nationale Sicherheit Australiens schützen, nicht Rechtsansprüche untergraben.Australian Financial Review: East Timor PM: raid ‘unacceptable’, 4. Dezember 2013, abgerufen am 16. Dezember 2013.ABC News: East Timor spying case: PM Xanana Gusmao calls for Australia to explain itself over ASIO raids, 5. Dezember 2013, abgerufen am 16. Dezember 2013. Osttimors Regierung protestierte heftig gegen das Vorgehen,Webseite der Regierung Osttimors: Statement by His Excellency the Prime Minister, Kay Rala Xanana Gusmão, 4. Dezember 2013, abgerufen am 16. Dezember 2013. doch auch der australische Justizminister Michael Keenan und Premierminister Tony Abbott beriefen sich auf das „legitime Interesse der Nationalen Sicherheit Australiens“.Netzpolitik.org: Wirtschaftsspionage: Australische Geheimdienste kämpfen um milliardenschweres Gasfeld, 4. Dezember 2013, abgerufen am 16. Dezember 2013.
Am 17. Dezember 2013 verklagte Osttimor Australien vor dem Internationalen Gerichtshof (ICJ). Dieser ordnete am 3. März 2014 Australien an, die Spionage gegen Osttimor einzustellen. Die Kommunikation zwischen Osttimor und seinen Rechtsberatern dürfe nicht gestört werden. Die beschlagnahmten Dokumente durfte Australien zwar bis zum Abschluss der Verhandlung behalten, durfte sie aber weder auswerten, noch gegen Osttimor verwenden. Am 3. Juni 2015 gab Australien die beim Anwalt beschlagnahmten Dokumente an Osttimor zurück.Tom Allard: George Brandis hands over to East Timor docs seized by ASIO, Sydney Morning Herald, 3. Mai 2015, abgerufen am 9. Mai 2015.
Anklage von Witness K und Collaery Am 28. Juni 2018 wurde bekannt gegeben, dass die australische Staatsanwaltschaft Witness K und seinen Anwalt Collaery wegen Verstoßes gegen das Intelligence Services Act anklagen werde, aufgrund der Weitergabe der Informationen zur Aktion des ASIS. Generalstaatsanwalt Brandis hatte das Verfahren bewusst verzögert, wodurch die Beschuldigten jahrelang in Unsicherheit leben mussten. Erst unter Christian Porter, dem Nachfolger von Brandis wurde das Verfahren begonnen. Osttimor forderte die sofortige Einstellung des Verfahrens gegen die beiden Männer, das am 12. September am Magistrates Court of the Australian Capital Territory in Canberra eröffnet wurde. Die Verhandlungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, nach dem Gesetz zu National Security Information (NSI).ABC: Part of Witness K lawyer Bernard Collaery's trial will be heard in secret, judge rules, 26. Juni 2020, abgerufen am 5. November 2023. 2019 gab Witness K ein Schuldeingeständnis ab. Trotzdem dauerte die Verhandlung an. Collaery bekannte sich der Vorwürfe als nicht schuldig.ABC: Witness K to plead guilty to breaching intelligence act as lawyer Bernard Collaery committed to trial, 6. August 2019, abgerufen am 5. November 2023.