Die Vier Evangelisten des Münnerstädter Altars sind vier Lindenholzskulpturen von Tilman Riemenschneider. Als Predellafiguren waren sie Teil des Münnerstädter Hochaltars. Dieser ist das erste Werk, das für seine Werkstatt urkundlich in den Jahren 1490 bis 1492 belegt werden kann. Die Figuren sind heute in der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin und im Bode-Museum ausgestellt. Kopien der Figuren wurden von Lothar Bühner angefertigt und befinden sich seit 1981 am ursprünglichen Standort in der Kirche St. Maria Magdalena in Münnerstadt.
Beschreibung Die Figuren sind aus dem Holz der Sommerlinde geschnitzt, dem Material, das Riemenschneider am häufigsten verwendete und charakteristisch ist für die Skulpturenproduktion in Süddeutschland der Zeit um 1500. Die Figuren sind zwischen 72,5 und 77,5 cm groß. Sie sind nicht als Vollfiguren ausgeführt, sondern für eine mehr oder weniger frontale Ansicht ausgelegt. Die Figurenrückseiten sind nicht ausgestaltet.
Die Figuren stellen die vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, dar und folgen dem, seit der Antike bekannten Typ des sogenannten Autorenbildes, das im Mittelalter vor allem durch die Buchmalerei tradiert wurde. In einfache Gewänder gekleidet, sitzen sie lesend oder schreibend, am häufigsten, wie hier, an einem Lesepult.
Um die Evangelistenfiguren eindeutig kenntlich zu machen, sind sie weiter typisiert und mit ihren Attributen bzw. Symbolen ausgestattet (siehe Ikonographie weiter unten). Im Mittelalter glaubte man, dass die Evangelisten Matthäus und Johannes auch die gleichnamigen Apostel wären. Deswegen zeigt Riemenschneider sie in antiken Gewändern. Matthäus und Johannes sind typischerweise Greise mit langem, weißem Bart, um sie als Apostel zu charakterisieren. Lukas und Markus hingegen werden jünger dargestellt und damit als Schüler der Apostel Petrus und Paulus kenntlich gemacht. Die vier Evangelisten Die Darstellung als ihre Beobachtungen niederschreibende Zeugen bekräftigt also den Wahrheitsgehalt des Neuen Testaments und damit aller anderen gezeigten Szenen des Altarretabels.
Matthäus mini|hochkant|Matthäus Matthäus trägt als einziger einen Bart und wie alle Evangelisten lockiges Haar, ein typisches Merkmal bei Riemenschneider-Figuren. Er ist im Dreiviertel-Profil nach rechts gewendet. Sein Blick geht nach rechts oben. Mit seiner linken Hand hält er eine auf seinem Schoß liegende ausgebreitete Schriftrolle. Der rechte Arm steht nahezu im rechten Winkel und die Schriftrolle lässt vermuten, dass er in der beschädigten Hand vermutlich eine Schreibfeder hielt. (Die Hand wurde teilweise rekonstruiert.) Der Blick nach oben deutet auf die göttliche Inspiration hin, die sich in einem, ebenso verlorenen, Engel, ausdrückte. Er ist in ein antikes Gewand gekleidet, das ihn als Apostel und Zeitzeugen von Jesus ausweist und ihn vollkommen einhüllt. Auch seine Füße werden von dem Gewand nahezu komplett verdeckt, nur die Spitze eines Fußes steht unter einer großen Falte hervor und lässt erkennen, dass er nicht barfuß ist wie Johannes. Er sitzt auf einer Steinkonstruktion, die an ein Postament erinnert. Wie alle vier Figuren hat auch diese einen Sockel, der durch regelmäßige Einkerbungen eine Grasfläche darstellen soll.
Markus mini|hochkant|Markus Der Evangelist Markus trägt eine Kappe und ein mittelalterliches Gewand. Damit wird er als Gelehrter dargestellt. Aus der Kappe ragen seine kurzen lockigen Haare heraus. Obwohl er bartlos dargestellt ist, wirkt er von allen Figuren am ältesten. Er hat ein rundes Gesicht mit einigen Falten, welches leicht nach links in Richtung Matthäus geneigt ist. Diese Neigung folgt der allgemeinen Ikonographie der Evangelisten:
Markus’ Mund ist leicht geöffnet, sodass er den Blick auf seine Zähne freigibt. Er sitzt in einem Holzstuhl mit Lehne, ebenfalls nach rechts gewandt. Entsprechend seiner zeitgenössischen Kleidung hält er ein Buch und keine Schriftrolle wie Matthäus. Auch das Fehlen einer Feder zeigt, dass sein Text fertig ist und er ihn in Gedanken nur noch ein letztes Mal prüft. Seine Hände, die das Buch halten, sind sehr groß, vor allem im Vergleich zu seinen kurzen Armen. Bei den Fingern der rechten Hand wird deutlich, dass bei einer späteren Ergänzung versucht wurde diese Überproportionierung auszugleichen. Einen Hinweis darauf geben Abdrücke der ursprünglich längeren Finger auf dem Buchrücken. Auch Markus’ Gewand liegt in starken, unregelmäßigen Falten, die ebenso die Sicht auf die Spitze einer seiner Schuhe zulassen. Rechts neben ihm liegt auf dem Rasenboden sein Symboltier, der Löwe. Dieser hat seine rechte Vorderpfote angewinkelt, während die linke ausgestreckt ist. Er hat welliges, gelocktes Haar und sieht Markus weder an, noch interagiert er mit ihm.
Lukas mini|hochkant|Lukas Lukas scheint mit dem Schreiben seines Textes ebenfalls fertig zu sein und denkt innerlich bewegt über das Geschriebene nach. Trotz seiner herausragenden Rolle, die Lukas für die Christenheit spielt, deutet MacGregor seine Unruhe als Schwäche, die seine Menschlichkeit zeigen soll. Er trägt ähnliche zeitgenössische, bürgerliche Kleidung wie Markus, dennoch unterscheidet sich diese in Details. Er hat eine Kappe und ein Gewand mit ausgearbeitetem Pelzkragen sowie einen Mantel, der auf seiner linken Schulter liegt, und von dort aus über seinen Schoß und seinen linken Oberschenkel zu Boden fließt. Auch hier schaut lediglich eine Schuhspitze heraus. Parallel zum fallenden Mantel ist sein Kopf nach rechts, zu dem neben ihm aufrecht liegenden Stier, geneigt. Lukas schaut ihn an und seine linke Hand ruht auf dessen Hals. Seine rechte Hand umfasst einem Zipfel des Mantels und liegt auf dem verschlossenen Buch. Der Foliant hat einen reichlich verzierten Einband und wird von zwei Lederschnallen geschlossen gehalten. Lukas’ nach unten gerichteter Blick und sein Gesicht waren in der Nische der Predella teilweise verschattet, da das Licht am Originalstandort hauptsächlich von rechts oben kam. Die Gestaltung der Gewandfalten sorgt für eigene Licht- und Schattenkontraste.
Johannes mini|hochkant|Johannes Der Evangelist Johannes trägt langes, lockiges Haar, das bis zu seinen Schultern reicht. Er sieht von allen Evangelisten am jüngsten aus. Sein Gesicht liegt, anders als bei den restlichen drei Figuren, nicht in Falten und ist ebenfalls bartlos. Dies ist nicht ungewöhnlich, da er wie Matthäus in ein antikes Gewand gekleidet ist, was zeigt, dass er mit dem Apostel Johannes, welcher der jüngste Apostel war, gleichgesetzt wurde. Im Westen Europas gab es eine Zeit lang Tendenzen alle Evangelisten jugendlich und bartlos darzustellen. Teilweise wurde nur Johannes bärtig dargestellt. Im späten Mittelalter, also in Riemenschneiders Lebenszeit, wird Johannes allerdings nur noch jugendlich dargestellt. Er sitzt auf einer Holzbank, die im rechten Winkel zu einem Lesepult steht. Auf dem Pult liegt ein offenes Buch, aus dem er gerade vorträgt oder liest. Während seine linke Hand auf dem linken Buchrand liegt, ist die rechte in einer argumentativen Geste leicht über dem Buch erhoben. Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand sind abgespreizt und bilden ein universales Zeichen: den Redegestus. Die drei erhobenen Finger sind ergänzt worden. Auch die leichte Abwendung vom Buch spricht dafür, dass er hier als Lehrer abgebildet ist. Man kann sich gut vorstellen, wie er sich gerade seinen Schülern, an dessen Stelle wir als Betrachter, bzw. im sakralen Kontext als Besucher der Heiligen Messe stehen, zugewandt und den Text erklärt. Eine weitere Erklärung für die Sitzposition bietet die Theorie des vermutlich verloren gegangenen Attributs des Adlers. Sein Adler könnte knapp über dem Pult angebracht gewesen sein und wäre dann von Johannes direkt angesehen worden. Auffällig bei Johannes ist nicht nur seine Jugend, sondern auch, dass er als einziger keine Schuhe trägt. Der Evangelist Johannes taucht ein weiteres Mal im Altarensemble auf: über dem Mittelteil im Gesprenge rechts, als stehende Figur. Auch wenn es starke Ähnlichkeiten gibt, ist zu erkennen, dass die Kopfform sowie das Haupthaar etwas anders gestaltet sind. Dies lässt darauf schließen, dass die beiden Figuren nicht vom gleichen Künstler angefertigt wurden.
Besonderheiten der Darstellung Die Evangelisten unterscheiden sich in vielen Darstellungen kaum oder nur durch ihre Attribute. Nicht so in Riemenschneiders Version: Hier ist der individuelle Charakter der Figuren sichtbar. Die Evangelisten werden in Momenten der Erleuchtung durch Gottes Wort dargestellt, während sie doch gleichzeitig als Menschen gezeigt werden.
Riemenschneider stellt mit den Evangelisten nicht diese allein als Individuen dar, vielmehr zeigt er „das Erleben des göttlichen Wortes“ selbst. Solch eine nicht statuarische, sondern psychisch wie körperlich aktive Darstellung war ungewohnt. Statt die Evangelisten wie üblich sitzend an einem Pult, lesend oder schreibend als unnahbare Autoritäten darzustellen, ermöglicht Riemenschneider Empathie. Matthäus wird im Moment der Inspiration während des Schreibens dargestellt. Markus blickt während der Lektüre auf. Lukas hingegen wird nachdenklich gezeigt. Seine Betrübnis gilt Jesus Opfertod, über den er berichtet, weshalb seit dem 11. Jahrhundert Lukas mit dem Stier, einem traditionellen Opfertier, verbunden wird. Durch die empathische Hinwendung entsteht eine zusätzliche Dynamik. Auch Johannes wird nicht im typischen Autorenbild gezeigt, sondern wendet sich, nur gerade innehaltend, seinen Schülern zu, wodurch der Bildraum zum Betrachter hin geöffnet wird. Diese Dynamik, die bei jeder Figur individuell ist, verlebendigt die Figuren, statt sie, wie durch den Auftrag vorgegeben, in das starre Muster des Autorenbilds zu zwingen.
Hervorzuheben ist diesbezüglich auch die Proportionierung der Köpfe und Hände gegenüber der Gesamtgestalt. Die Hände aller Evangelisten sind sehr groß und die Finger sehr lang. Gleichzeitig sind die Arme, sowohl Ober- als auch Unterarm, sehr kurz. Darin entspricht Riemenschneider üblichen Darstellungsweisen der gotischen Skulptur, bei der weniger Wert auf anatomische Korrektheit gelegt wurde als vielmehr auf die bedeutenden Teile einer Figur und damit ihrer Aussagekraft. Allerdings gehört Riemenschneider zu denen, die zunehmend realistische Details in die deutsche spätgotische Skulptur einbrachten. Diese Tendenz, die ursprünglich aus der niederländischen Malerei, vor allem über den Oberrhein und namentlich Martin Schongauer Verbreitung fand, wurde durch die Loslösung der skulpturalen Figur aus seinem zuvor allein architektonischen Zusammenhang ermöglicht.
Doch die Proportionen fallen erst nach längerem Betrachten auf, da die Lebendigkeit der detailreichen Schnitzarbeit im Vordergrund steht und vermittelt. Die Evangelisten sind auch nicht erhaben oder prunkvoll, sondern als einfache Menschen der Zeit dargestellt. Riemenschneider konzentriert sich nicht auf teure Materialien, sondern auf die detaillierte Darstellung. Die vier verschiedenen Charakterdarstellungen wird Riemenschneider in seinem Werk in abgeänderter Form immer wieder verwenden. Es gibt keine eindeutig belegbare Riemenschneider-Werke, die vor dem Münnerstädter Altar, also zwischen 1485 und 1490, seinen ersten Jahren als Meister in Würzburg oder aus seinen Wanderjahren als Geselle entstanden sind. Gerade deswegen überrascht die Qualität dieses mutmaßlich ersten, großen Altars aus seiner Werkstatt.
Allen Figuren Riemenschneiders gemeinsam ist etwas leidvoll melancholischer Ausdruck, der sich vor allem in ihren Gesichtern manifestiert. Ihre stille wie „ergreifende“ Betrübnis vergegenwärtigt die Passion Christi, deren Zeuge sie waren und lädt zur Kontemplation ein. Erst die Farblosigkeit bringt die Feinheit der Ausführung und die Ausdruckskraft der Gesichter richtig zur Geltung, die mit der bis dahin üblichen farbigen Fassung auf Kreidegrund verloren gegangen wäre.
Farbfassung der Figuren und Lichtsituation