mini|Zeng Guofan Zeng Guofan (; * 21. November 1811 in Hunan, Chinesisches Kaiserreich; † 12. März 1872 in Nanjing) war ein hoher chinesischer Beamter und Heerführer der Qing-Dynastie.

Er fungierte als führender Militärtheoretiker und Heerführer der Qing-Dynastie und war führend an der Niederwerfung der Taiping-Rebellion beteiligt. Hierfür schuf er neben dem bestehenden Heersystem der Qing eine eigene Armee auf Basis von Landmannschaft und Verwandtschaft in seiner Heimatprovinz. Im Laufe der Rebellion gelangte er als erster Han-Chinese an eine zentrale militärische Machtposition im Qing-Staat, die vormals nur Mandschu vorbehalten war. Das von ihm eingeführte Heerwesen wird zum Teil als Vorform der Kriegsherrenarmeen im China des frühen 20. Jahrhunderts gesehen.

Herkunft und frühe Jahre Zeng Guofan stammte aus einer nicht sehr wohlhabenden, aber literaten Familie, die Landwirtschaft betrieb. Sein Vater erreichte 1832 nach sechzehn Fehlversuchen einen erfolgreichen Abschluss in der Beamtenprüfung auf Distriktebene (Xiucai-Grad), als er bereits ins mittlere Alter vorgerückt war.Stephen R. Platt: Autumn in the Heavenly Kingdom – China the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. New York 2012, S. 114 f.

Zeng Guofan erreichte als erster von fünf Söhnen 1833 den Xiucai-Grad nach sechs Fehlversuchen. 1834 schloss er das Verfahren auf Provinzebene erfolgreich ab. 1838 erreichte er nach zwei Fehlversuchen mit dem Jinshigrad den höchstmöglichen Abschluss im Prüfungssystem mit Auszeichnung.

Aufstieg Aufgrund seiner akademischen Leistungen wurde er in die elitäre Hanlin-Akademie aufgenommen und erhielt hier ein Stipendium. Diese umfasste nur mehrere hundert Gelehrte, aus denen sich die Lehrmeister des Kaisers rekrutierten. Seine Familie hatte sich für die akademische Karriere Zeng Guofans hoch verschulden müssen. 1843 erhielt er den Posten die Beamtenprüfung für die Provinz Sichuan zu verwalten. Durch Geschenke von Absolventen und den Familien der Prüflinge brachte diese Stellung großen finanziellen Gewinn. Im Sommer 1849 erhielt er den Posten eines Unterkanzlers am Großen Sekretariat, einem Beratungsgremium für den Kaiser und wurde Vizepräsident des Ritenministeriums. Ab 1850 beschäftigte er sich zunehmend mit Geographie und fand hierüber zu einer Betrachtung des Militärs des Reiches. Im April 1851 verfasste er angesichts des Ausbruchs der Taiping-Rebellion eine Denkschrift an den Kaiser, in welchem er den schlechten Zustand des Militärwesens des Reiches beklagte und Verbesserungsvorschläge vorbrachte.Xiaobing Li: Zeng Guofan. In: China at War – An Encyclopedia. Oxford 2012, S. 525–528 Unterstützer und Patron Zeng Guofans am Hof war der Mandschu-Adlige Sushun, der die einflussreichen Posten des Großsekretärs sowie des Schatzkanzlers bekleidete.Stephen R. Platt: Autumn in the Heavenly Kingdom – China the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. New York 2012, S. 168

Zeng Guofan schloss sich neokonfuzianistischen Kreisen an und kritisierte Korruption, Ämterkauf und die Orientierung der höfischen Gesellschaft an materiellen Werten. Er unterwarf seine persönliche Lebensführung einem strikten Ritual, welches sich an konfuzianischen Weisheiten orientierte. Mit dem Tod seiner Mutter 1852 kehrte er in seine Heimatprovinz Hunan für das Begräbnis und die traditionelle Trauerperiode zurück. Die Provinz war damals bereits von der Taipingrevolte erfasst. In der Provinz herrschten Unsicherheit, da die Truppen der Qing nicht mehr zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung verfügbar waren. Die Provinzhauptstadt Changsha wurde von den Taiping belagert und erfolgreich von einer in der Provinz aufgestellten, rund 2.000 Mann starken Miliz verteidigt. Zeng Guofan erreichte unter Umgehung der Provinzhauptstadt seine Heimatstadt.Stephen R. Platt: Autumn in the Heavenly Kingdom – China the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. New York 2012, S. 115–118

Im Januar 1853 begann die Regierung des Kaisers durch hohe Würdenträger Militäreinheiten in den Provinzen aufstellen zu lassen, um der Bedrohung durch die Rebellen Herr zu werden. Zeng Guofan erreichte die Order in seiner Heimatprovinz Hunan eine Armee aufzustellen. Zeng Guofan lehnte zunächst aufgrund der Trauerperiode um seine Mutter und seine fehlenden militärischen Kenntnisse ab, ließ sich jedoch durch seinen Vater und Bruder schlussendlich doch überzeugen.Stephen R. Platt: Autumn in the Heavenly Kingdom – China the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. New York 2012, S. 115–118

Taiping-Aufstand Zeng Guofan kritisierte die Einheiten der Grünen Standarte als überfrachtet mit Soldaten und diese als undiszipliniert und nur gering motiviert zu kämpfen. Infolgedessen fasste er dem Aufbau von Streitkräften nach einem neuen Modell ins Auge, welches durch persönliche Loyalität und rigides Training eine effektivere Militärorganisation stellen sollte. Die Rekrutierung der Soldaten wurde auf ländliche und gebirgige Regionen beschränkt. Dies begründete Zeng Guofan mit den mangelnden charakterlichen Tugenden der Bevölkerung der Städte und Flusstäler. Die Rekrutierung erfolgte individuell auf dem konfuzianischen Prinzip der Familie. Zeng Guofan machte Brüder zu Generälen und Offiziere warben Bewohner ihrer Heimatdörfer als Soldaten an, die als geschlossene Gruppen Einheiten bildeten. Die Befehlsgewalt über die Soldaten blieb jeweils beim anheuernden Offizier. An der Spitze der Kommandohierarchie stand Zeng Guofan selbst. Da die Armee auf Klasse statt Masse setzte, wurde dem gemeinen Soldaten der vierfache Sold im Vergleich zu den Grünen Standarten zugemessen. Es gab ein institutionalisiertes System von Belohnungen für Leistungen wie das Erbeuten feindlicher Waffen, das Töten im Gefecht oder das Einfangen eines feindlichen Pferdes. Die höchste Prämie, entsprechend dem Sold von fünf Monaten, erhielt man für die Gefangennahme eines Rebellen. Dies wurde durch einen Strafkodex komplementiert, welcher für Fahnenflucht im Gefecht oder die Erschleichung von Belohnungen die Todesstrafe vorsah. Die Zusammenarbeit mit den regulären Soldaten der Grünen Standarte gestaltete sich Anfangs schwierig, da es zu Übergriffen der Soldaten auf die Miliz kam. Unter anderem wurde das Hauptquartier der Miliz 1853 von Soldaten der Grünen Standarte in Brand gesetzt. Im Februar 1854 verfügte Zeng Guofans Armee über 14 Bataillone zu 505 Soldaten und 180 Träger. Die dazugehörigen Marineeinheiten umfassten 200 Boote, 100 Dschunken und ein Flaggschiff. Zeng Guofan finanzierte den Aufbau der Miliz durch die ihm vom Kaiser dafür übertragenen Privilegien der Besteuerung und des Titelverkaufs. Zeng Guofans erste militärische Operationen schlugen fehl. Nachdem er selbst dazu überging das Feldkommando untergeordneten Führern zu übertragen, konnte die von ihm geschaffene Streitmacht die Rebellen bis zum Herbst 1854 aus der Provinz Hunan vertreiben. Zeng Guofan erhielt den Ehrentitel des stellvertretenden Leiters des Kriegsministeriums des Qing-Reiches.Stephen R. Platt: Autumn in the Heavenly Kingdom – China the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. New York 2012, S. 118–128 Im Oktober 1854 nahm Zeng Guofans Hunanarmee die strategisch wichtige Stadt Wuchang in der Provinz Hubei ein, welche vorher von kaiserlichen Truppen nicht genommen werden konnte.

Ende 1854 befand sich der Bürgerkrieg in einer Pattsituation. Die Hauptstadt der Rebellen Nanjing wurde von Truppen der Grünen Banners belagert. Da die Rebellen jedoch die befestigten Städte in Richtung Nanjing entlang des Yangtsekiang kontrollierten, blieb die Belagerung wegen des offenen Nachschubwegs über den Fluss unwirksam. Zeng Guofan erhielt den Auftrag mit seiner Hunanarmee diese Städte zu erobern. Bei Jiujiang im Februar 1855 wurde die Armee jedoch empfindlich von den Rebellen geschlagen. Die Armee wurde in die Provinz Jianxi abgedrängt, von deren Beamtenapparat Zeng Guofan keine Unterstützung zu erwarten hatte. Ein Teil der Flotte wurde von den Rebellen eingeschlossen und das Flaggschiff wurde durch einen Brand zerstört. Im April eroberten die Taiping Wuchang wieder zurück. Zeng Guofan versuchte mehrmals in der Öffentlichkeit angesichts von Niederlagen Suizid zu begehen, wurde jedoch von seinen Offizieren zurückgehalten. Erst die Rebellion des Taipinganführers Yang Xiuqing gegen die Autorität von Hong Xiuquan 1856 schwächte die Rebellen und erlaubte eine Besserung der militärischen Lage der Hunanarmee. Ende 1857 starb Zeng Guofans Vater und er kehrte deswegen wieder in seine Heimat Hunan zurück. Er beschrieb sich selbst als desillusioniert und mutlos im Angesicht der bisherigen Niederlagen und überließ die Hunanarmee seinen Offizieren. Der Kaiser stimmte seinem Rücktritt von seinen Posten unter der Bedingung zu, ihn wieder zurückrufen zu können. Nach rund einem Jahr kehrte Zeng Guofan wieder in den Dienst des Qing-Staates zurück.Stephen R. Platt: Autumn in the Heavenly Kingdom – China the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. New York 2012, S. 130 f.

Im Herbst 1858 verlor Zeng Guofan einen seiner Brüder, der als General der Hunan-Armee Truppen in der Anhui-Provinz anführte. Das Truppenkontingent von 6.000 Mann wurde von den Taiping vollständig vernichtet. 1859 eroberte die Hunan-Armee die aufgrund ihrer Porzellanproduktion wirtschaftlich bedeutsame Stadt Jingdezhen zurück. Während der Großteil der Armee dort gebunden war, gelang es Zeng Guofan mit teils improvisiert ausgehobenen Truppen den Angriff des Taipinggenerals Shi Dakai in die Provinz Hunan zu verhindern. Im Mai 1860 konnten die Taipingrebellen den Belagerungsring um ihre Hauptstadt Nanjing aufbrechen und die Belagerungstruppen der Grünen Standarte zu zerschlagen. Dabei kamen die beiden kommandierenden Generäle der Grünen Standarte ums Leben. Dies führte zu einem Statusgewinn der Hunan-Armee und ihres Befehlshabers Zeng Guofan, da diese nun mit ihren 60.000 Soldaten die bedeutendste Streitmacht gegen die Taiping südlich des Yangtse darstellte. Als Konsequenz befahl der Hof Zeng Guofan die Armee südlich zu wenden, um die für den Auslandshandel wichtige Stadt Shanghai zu schützen. Zeng Guofan führte dies jedoch nicht aus, sondern versuchte den Kaiser zu überzeugen eine Kampagne gegen die von den Rebellen befestigten Städte am Yangtse zu führen. Ziel dieser Strategie war es zuerst den Rebellen den Raum für die Bewegungen ihrer Streitkräfte zu nehmen. Dadurch sollten dem Rebellenstaat Einnahmen und Naturalien durch Plünderungen oder Abgaben der unter ihrer militärischen Kontrolle befindlichen Bevölkerung entzogen werden. Der Plan sah vor, den mit der Zeit logistisch und wirtschaftlich geschwächten Rebellenstaat schließlich durch Eroberung der Hauptstadt Nanjing zu zerschlagen. In dieser Zeit formulierte Zeng Guofan auch militärtheoretische Schriften aus. Diese erkannten die höhere Kampfkraft der Taipinstreitkräfte aufgrund hoher Motivation und Disziplin der Soldaten, größerer Zahl und innovativer Formationen und Taktiken im Gefecht an. Als Mittel proklamierte Zeng Guofan eine methodische Vorbereitung der Schlacht insbesondere bezüglich des Schlachtorts und des Zeitpunktes, der auf keinen Fall durch den Gegner bestimmt werden dürfe. Zeng Guofan schaffte es, seine Strategie gegen den Kaiserhof durchzusetzen und konnte es ebenso verhindern, Truppen zur Verteidigung gegen die westliche Expedition gegen die Hauptstadt Beijing abzugeben.Stephen R. Platt: Autumn in the Heavenly Kingdom – China the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. New York 2012, S. 132–138