Willi Hanns Cahn (* 9. Mai 1889 in Hagen; † 29. Februar 1960 in Tucson, Arizona, USA; auch: William H. Carr) war ein deutsch-US-amerikanischer Architekt. Zwischen 1921 und 1935 realisierte Cahn in Frankfurt am Main zahlreiche Bauprojekte. Nach seiner Flucht über die Schweiz und London kam er 1941 nach Tucson, wo er im Büro des schweizerisch-amerikanischen Architekten Josias Thomas Joesler arbeitete, bevor er sich selbstständig machte.
Ausbildung Geboren wurde Willi Cahn am 9. Mai 1889Das in verschiedenen Publikationen angegebene Geburtsdatum 25. April 1880, u. a. auch in dem Buch Akteure des Neuen Frankfurt, ist falsch. In der Tat gab es einen Willy (!) Cahn, der am 25. April 1880 allerdings nicht in Berlin, sondern in Köln geboren wurde, dann lange Jahre in Berlin lebte und 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde; allerdings handelt es sich hier um einen Hutmacher gleichen Namens, an den auch ein Stolperstein in der Berliner Hornstraße erinnert. Unsere Angaben entnehmen wir diversen Dokumenten aus dem Frankfurter Archiv für Stadtgeschichte (Meldekarte, Hausstandsbuch, der Gewerbesteuerkartei des Kassen- und Steueramtes sowie Cahns Darmstädter Heiratsurkunde). als jüngstes von drei Kindern des Privatlehrers Baruch Cahn und dessen Ehefrau Hedwig in Hagen in Westfalen. Von April 1898 bis März 1907 besuchte er das dortige Realgymnasium und arbeitete im Anschluss daran von April bis Oktober als Volontär beim städtischen Hochbauamt in Hagen. Von 1907 bis 1911 studierte Cahn sieben Semester Architektur an der Technischen Hochschule Darmstadt, wo er im Oktober 1909 die Vorprüfung und am 19. Juli 1911 die Diplom-Hauptprüfung für das Hochbaufach bestand. Noch mit offiziellem Wohnsitz in seinem Geburtsort gemeldet, heiratete er am 10. Januar 1913 in Darmstadt die dort am 23. Februar 1890 geborene Regina Martha Salomon. Aus der Ehe, die am 6. Juli 1929 geschieden wurde, ging ein Sohn hervor: Hanns Werner Cahn (* 22. Dezember 1915).
Willi Cahn in Frankfurt Laut den städtischen Meldekarten bzw. den Hausstandsbüchern in Frankfurt wurde Cahn am 25. Oktober 1920 in Darmstadt abgemeldet und zog mit Frau und Kind nach Frankfurt in das Haus Rheinstraße 23 und von dort am 2. Mai 1924 in das Haus Kettenhofweg 98, während seine Familie an der Rheinstraße blieb. Ab dem 10. Juli 1931 wohnte er im Haus Grillparzerstraße 5, von wo er am 19. November 1935 laut Hausstandsbuch mit unbekanntem Ziel verzog; tatsächlich aber siedelte er nach London über (s. u.). Seinen Betriebssitz als Architekt mit drei Angestellten hatte Cahn zwischen 1925 und 1935 im Gebäude Börsenstraße 2–4.
Laut Thomas Zeller hat Cahn zwischen 1921 (damals noch in der Architektengemeinschaft Stich und Cahn) und 1935 mindestens 19 Bauprojekte ausgeführt, bei denen es sich um Villen, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser sowie um Geschäftshäuser handelte. Hinzu kommt noch sein wichtigstes Gebäude, nämlich das Geschäfts- und Sendegebäude der Südwestdeutschen Rundfunk AG von 1929/1930. Auffällig ist, dass Cahn in den frühen 1920er Jahren vorwiegend in der Tradition der Frankfurter Bürgerhäuser des 19. Jahrhunderts baute, also mit Natursteinsockel, Putzfassade, Natursteingewänden an Türen und Fenstern und dem mit Schiefer gedeckten Steildach.
Die noch heute als Gästehaus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität genutzte Villa Cahn, Frauenlobstraße 1 im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, von 1928/1929 ist dafür ein gutes Beispiel. So finden sich denn auch in seinem 1928 veröffentlichten Werkschau-Band (vgl. Literatur) vorwiegend Fotos eben jener Bürgerhäuser; seine beiden wichtigsten Gebäude für das „Neue Frankfurt“, nämlich das Sendegebäude an der Eschersheimer Landstraße, das heute von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) genutzt wird, und das „Haus Malakoff“ (Onkel-Jordan-Haus, Liebfrauenstraße 1–3 / Bleidenstraße), sind darin allerdings schon als Zeichnungen enthalten.
Das Sendegebäude des Südwestdeutschen Rundfunks und andere Gebäude
Das 4.000 m² große Rundfunk- bzw. Sendegebäude der Südwestdeutscher Rundfunk AG, Eschersheimer Landstraße 29–33 in Frankfurt am Main (Baubeginn 1929, Inbetriebnahme am 15. Dezember 1930; nur leicht verändert erhalten), gehört inzwischen zum Komplex der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK). Das von außen streng funktionalistisch und kubisch wirkende Gebäude bot durch seinen trapezförmigen Grundriss für seine Zeit völlig neue klangtechnische Lösungen an. Der Hauseingang, ursprünglich durch ein auf fünf Stützen ruhendes Vordach betont, wurde im Rahmen des Neubaus der Musikhochschule, als es um eine bauliche Verbindung vom Alt- zum Neubau ging, Anfang der 1990er Jahre geopfert. Der große Sendesaal selbst im Inneren des Gebäudes weist eine Länge von 27 m, eine durchschnittliche Breite von 17 m und eine Höhe von 10 m auf, wobei sich an der Kopfseite die Orgel und darunter schalldichte Regiezellen sowie an der gegenüberliegenden Seite eine Empore befinden. Neben dem Hauptsaal enthält das Gebäude noch zwei kleinere Sendesäle mit einer Regiezelle bzw. einem Harmonium für kammermusikalische Aufführungen, diverse Orchesterräume, eine Bibliothek, eine Kantine sowie Räume für weitere technische Einrichtungen. Bei der Ausführung hat man im gesamten Haus auf modernste Technik gesetzt. Um Außengeräusche fernzuhalten, wurden Doppelfenster und Doppeltüren eingebaut, und da während der Aufnahmen weder Fenster noch Türen geöffnet werden durften, wurde eine komplexe Heizungs- und Entlüftungsanlage eingebaut. Der große Sendesaal selbst weist heute noch viel an originaler Innenausstattung auf. Auffällig ist das große, bunte Ornamentfenster gegenüber dem Saaleingang wie auch im oberen Bereich die Wandvertäfelung aus Nussbaumholz.
Siehe auch Hauptartikel: Geschäfts- und Sendegebäude der Südwestdeutschen Rundfunk AG
mini|Geschäftshaus Malakoff Neben dem Rundfunkhaus gab und gibt es in Frankfurt noch weitere von Cahn gestaltete Gebäude. Zuerst zu nennen wäre hier das „Haus Malakoff“ gegenüber der Liebfrauenkirche, das im Frühjahr 1928 eröffnet wurde und den Zweiten Weltkrieg vergleichsweise unbeschadet überstanden hat. Ursprünglich standen an dieser Stelle, nach dem 1855 durchgeführten Durchbruch der Liebfrauenstraße in Richtung Süden zum Liebfrauenberg, auf der West- und Ostseite dieser Straßenverbindung mehrere Häuser, die zwischen 1855 und 1858 von Rudolf Heinrich Burnitz, dem Sohn des Architekten Rudolf Burnitz, im Stil des Historismus entworfen worden waren. Nach dem Abriss des westlichen Gebäudes 1927/1928 gestaltete Cahn hier einen Neubau, der noch in Anlehnung an das wehrhafte Äußere des Vorgängerbaus „Haus Malakoff“ genannt wurde, heute aber auch als Schuhhaus „Onkel Jordan“ bekannt ist. Die Verkleidung bestand aus holländischen Klinkersteinen und war ganz dem Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre verpflichtet – tatsächlich könnte man meinen, Martin Elsaesser hätte bei der Gestaltung der Fassade mitgeholfen. Besonders auffällig sind bei dem Gebäude die senkrecht angelegten markanten Vorsprünge in der Fassade zwischen dem ersten und dem dritten Stockwerk (Lisenen), die es vergleichsweise schlank erscheinen lassen. Versehen war das fünfgeschossige Haus ursprünglich mit dem Schriftzug Nobel, und auf alten Aufnahmen sind in den Schaufenstern Bekleidungspuppen zu sehen, was darauf schließen lässt, dass es sich hier um den Vorläufer des späteren Herrenausstatters Nobel auf der Frankfurter Zeil handelt, der 1990 in Konkurs ging.
Ein weiteres Projekt Cahns war 1927/1928 der Umbau und vor allem die Innenausstattung des Kaufhauses Gustav Carsch & Co. („Das Haus für vornehme Herren- und Knabenkleidung, Sport- und Livree-Kleidung + Herren-Mode-Artikel“), Zeil 121 / Liebfrauenstraße. Fotos zeigen, dass in der ebenerdigen Schauhalle der gleiche Travertin verwendet wurde wie später auch im Rundfunkgebäude. Sämtliche Balkone und Gesimse des ursprünglichen Hauses wurden entfernt und die Fassade ganz im Stil der Zeit geglättet und mit Art-déco-Elementen versehen. 1936 wurde das Einzelhandelsunternehmen Gustav Carsch & Co. – wie viele andere Kaufhäuser auch – „arisiert“; seine beiden Frankfurter Geschäfte – neben dem auf der Zeil noch eines in Frankfurt-Höchst – wurden zu einem vertraglich vereinbarten Kaufpreis von 700.000 Reichsmark an die eigens zu diesem Zweck gegründete Ott & Heinemann KG der Kaufleute Hans Ott und Erich Heinemann verkauft.siehe
Ein weiteres herausragendes Beispiel dafür, wie Cahn die Formensprache der Neuen Bauens umsetzte, ist das 1929 entstandene, weitgehend im Originalzustand erhaltene, dreigeschossige und mit einem Flachdach versehene ehemalige Internat der Julius und Amelie Flersheim- und Sichel-Stiftung, Ebersheimstraße 5, das heute als privates Wohnhaus genutzt wird.
Flucht aus Frankfurt in die Schweiz, nach London und in die USA Im August 1935 wurde Cahn von der Reichskulturkammer die weitere Ausübung seines Berufs als Architekt untersagt und die Berechtigung aberkannt, den akademischen Grad Diplom-Ingenieur zu führen. In diesem Zusammenhang fand am 22. Oktober eine Betriebsprüfung statt, in der festgestellt wurde, dass Cahn zwischen 1925 und 1935 seinen Umsatz und sein Einkommen „nicht in zutreffender Höhe der Besteuerung unterworfen hatte“.Sämtliche Angaben wurden der Akte Strafsache gegen den Architekten Willi Cahn aus Frankfurt, jetzt in London (geb. 9.5.1889 in Hagen i.W.) wegen Steuerhinterziehung entnommen (HHStAW Bestand 474/3 Nr. 180) Konkret zum Vorwurf wurde ihm gemacht, dass er von Unternehmen gewährte Rabatte in Höhe von 10 % bei der Steuer nicht angegeben hat: „Die Rabattgewährung ging derart von sich, dass von den Firmen 2 Rechnungen mit verschieden hohen Rechnungsbeträgen ausgestellt wurden. Die Rechnung mit dem höheren Rechnungsbetrag erhielt der Kunde, die Rechnung mit dem niedrigeren Rechnungsbetrag der Beschuldigte. Dieser niedrigere Rechnungsbetrag erschien auch in den Büchern der Firma.“ Insgesamt soll es sich dabei um 18.709,00 Reichsmark gehandelt haben. Cahn wiederum bestritt „hartnäckig“, dass ihm jemals irgendwelche Architektenrabatte zugeflossen seien; der Strafbescheid (heute Strafbefehl) vom 27. November 1937 hingegen führt mehrere Zeugen ins Feld sowie die Tatsache, „dass der Beschuldigte bei Vornahme der B-Prüfung sich trotz seiner Anwesenheit hat verleugnen lassen. Hätte er, wie er angibt, ein reines Gewissen gehabt, so hätte er das Ergebnis der Prüfung nicht zu fürchten brauchen… (Er) ist am gleichen Tag in die Schweiz abgereist und nicht wieder zurückgekehrt. Das läßt keinen anderen Schluß zu, als den dass er seine steuerlichen Verhältnisse bisher vorsätzlich nicht zutreffend offen gelegt hat.“