Jan Marsalek (auch Maršálek []; * 15. März 1980 in Wien) ist ein österreichischer Manager und Agent russischer Nachrichtendienste. Von 2010 bis 2020 war er Vorstandsmitglied des deutschen Finanzdienstleisters Wirecard.
Marsalek ist seit Juni 2020 auf der Flucht vor den deutschen Strafverfolgungsbehörden und wird mit internationalem Haftbefehl wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs sowie wegen Untreue in besonders schwerem Fall und weiterer Vermögens- und Wirtschaftsdelikte von der Staatsanwaltschaft München gesucht und hält sich seit spätestens 2021 in Moskau auf. Er gilt als Hauptverdächtiger der Bilanzfälschung bei Wirecard im Umfang von mindestens 1,9 Milliarden Euro. Bereits in seiner Zeit als Wirecard-Vorstandsmitglied soll er langjähriger Zuträger und Agentenführer eines oder mehrerer russischer Geheimdienste gewesen sein.
Biographie Jugend und Einstieg bei Wirecard Jan Marsalek wuchs in Klosterneuburg bei Wien auf. Sein Vater war Geschäftsführer eines holzverarbeitenden Betriebes in Tschechien und daher häufig über längere Zeit abwesend; Marsaleks Mutter soll „praktisch alleinerziehend“ gewesen sein. Der kommunistische Widerstandskämpfer Hans Maršálek (1914–2011) war sein Großvater.Bettina Weiguny, Georg Meck: Wirecard. Das Psychogramm eines Jahrhundertskandals. Goldmann Verlag, München 2021, ISBN 978-3-442-31631-1, S. 50ff.
Marsalek besuchte in Wien das Lycée Français de Vienne. Später wechselte er zum Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Klosterneuburg, das er kurz vor dem Ablegen der Matura ohne Schulabschluss verließ. Mit 19 Jahren gründete er ein Softwareunternehmen für Anwendungen im elektronischen Handel. Im Jahr 2000 begann er seine Karriere bei Wirecard. Er wurde vom damaligen Vorstand und Gründer des Unternehmens angeworben, weil er sich mit dem Wireless Application Protocol (WAP) auskannte. Im Februar 2010 wurde er Chief Operating Officer und Vorstandsmitglied der inzwischen börsennotierten Wirecard AG.Jan Marsalek Net Worth. In: Wallmine. Abgerufen am 21. Juli 2020. Sein Vorstandsgehalt lag zuletzt bei 2,7 Millionen Euro; sein Vermögen wird auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt. Dazu gehörten Marsalek – anders als beim Vorstandsvorsitzenden Markus Braun – kaum Unternehmensanteile, nur im Februar 2019 kaufte er Wirecard-Aktien für 110.000 Euro.
Bis zu seiner Flucht lebte Marsalek in Deutschland in einer Villa in der Prinzregentenstraße im Münchner Stadtteil Bogenhausen, die ein Geschäftspartner für ihn angemietet hatte, der dafür monatlich knapp 50.000 Euro zahlte. Die Miete erhielt er von Marsalek.Bettina Weiguny: Polizei räumt Marsalek-Villa in München. In: FAZ.NET, 31. Oktober 2020, abgerufen am 2. November 2020.
Wirecard und Betrugsvorwürfe Im März 2019 berichtete die Financial Times von verdächtigen Transaktionen in Singapur mit einem Gesamtvolumen in Höhe von zwei Milliarden Euro, über die Marsalek Bescheid gewusst haben soll.Dan McCrum: Wirecard boss tells staff accounting allegations known and adressed, ft.com, 22. März 2019. Am 18. Juni 2020 musste Wirecard eingestehen, keinen Nachweis über 1,9 Milliarden Euro zu haben. Marsalek wurde sofort freigestellt und wenige Tage später fristlos entlassen.Christoph Giesen, Klaus Ott, Nicolas Richter, Jörg Schmitt, Jan Willmroth, Nils Wischmeyer: Wo steckt Jan Marsalek, sueddeutsche.de, 5. Juli 2020. In der Folge musste Wirecard Insolvenz anmelden. Marsalek gilt als einer der Hauptverantwortlichen.Klaus Ott, Nils Wischmeyer: Ermittler durchsuchen Wirecard-Büros, sueddeutsche.de, 1. Juli 2020. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft München I gegen Jan Marsalek sind:Fahndungsseite zu Jan Marsalek auf der Website des Bundeskriminalamts, abgerufen am 22. November 2020. gewerbsmäßiger Bandenbetrug ( Abs. 5 StGB) besonders schwerer Fall der Untreue ( Abs. 2 in Verbindung mit Abs. 3 Nr. 1 & Nr. 2 StGB) Bilanzfälschung ( Abs. 1 StGB) Börsenmanipulation ( Abs. 1 in Verbindung mit Abs. 5 Nr. 1 WpHG) weitere Vermögens- und Wirtschaftsdelikte
Geheimdienstkontakte
Zu österreichischen Stellen Der frühere FPÖ-Spitzenpolitiker Johann Gudenus soll von Marsalek mit vertraulichen Informationen aus den österreichischen Sicherheitsbehörden versorgt worden sein. Gudenus hat Marsalek im Sommer 2018 einen Termin im damals von der FPÖ geführten österreichischen Innenministerium verschafft. Der deutsche Generalbundesanwalt (GBA) untersucht nach Angaben des deutschen Bundesjustizministeriums Anhaltspunkte dafür, „dass der österreichische Staatsangehörige Jan Marsalek von einem Mitarbeiter des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) als Vertrauensperson geführt wurde“.Georg Mascolo, Massimo Bognanni: Ein V-Mann im Wirecard-Vorstand? In: tagesschau.de, 30. Oktober 2020, abgerufen am 1. November 2020. Im Jänner 2021 wurden in diesem Zusammenhang zwei BVT-Mitarbeiter und der ehemalige FPÖ-Nationalratsabgeordnete Thomas Schellenbacher verhaftet.BVT-Beamter rund um Wirecard-Skandal verhaftet, Webseite: orf.at vom 24. Januar 2021. Im 3. Untersuchungsausschuss der 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages ging es auch um die Frage, ob Marsalek Kontakte zum früheren Geheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche hatte.Thorsten Mumme: Hatte der BND wirklich keine Informationen über Marsalek? In: Tagesspiegel, 31. August 2020, abgerufen am 8. Dezember 2020. Fritsche hatte 2019 als externer Berater für eine BVT-Reform Zugriff auf Akten und war ab Juni 2019 als Lobbyist für Wirecard tätig.
Arbeit für russische Stellen Marsalek war bereits während seiner Tätigkeit bei Wirecard mit Personen aus dem Umfeld des russischen Militärnachrichtendienstes GRU bekannt. Die Recherchen von Bellingcat und Spiegel legen nahe, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB ihn ab 2015 überwachte und seine Reisebewegungen sowie Buchungsdaten speicherte. 2016 stellte der FSB demnach die Speicherung ein, Marsalek reiste auch danach noch nach Russland ein – nach Bellingcat-Informationen über 60-mal. Er benutzte hierbei vier verschiedene österreichische und einen Diplomatenpass. Die Reisen seien auffallend kurz gewesen, so verbrachte Marsalek oft nicht einmal einen Tag dort. Experten gehen davon aus, dass er längere Zeit mit Moskauer Diensten kooperierte. Marsalek verfügte im Jahr 2018 über vier streng vertrauliche Dokumente der Organisation für das Verbot chemischer Waffen über den Anschlag auf Sergei Wiktorowitsch Skripal in Salisbury.
Im März 2024 wurde durch ein Strafverfahren im Vereinigten Königreich Marsaleks Funktion als Leiter eines Agentenrings in Europa bekannt. Dabei hatte Marsalek dieses europaweite Netzwerk von fünf russischen Agenten angeleitet, um Spionageaufträge für das Putin-Regime auszuführen beziehungsweise Grosew ermorden zu lassen.tagesschau.de vom 20. Dezember 2024: Operation Vienna Als zentrale Person einer Gruppe von Spionen im Auftrag des russischen Staats war deren Aufgabe unter anderem, den Investigativjournalist Christo Grosew zu observieren. In einer im Dezember 2024 veröffentlichten Anklageschrift wurde bekannt, dass diese Gruppe besprochen hatte, Grosew zu entführen und nach Russland zu verbringen oder zu töten. Vor Gericht wurde bekannt, dass Agenten des Spionagerings im Jahr 2022 in Grosews Wohnung in Wien eingebrochen waren. Im Februar 2023 wurden fünf Mitglieder des Spionagerings verhaftet und im November 2024 am Central Criminal Court in London vor Gericht gestellt. Nachdem zwei von ihnen die Vorwürfe gestanden hatten, wurden die restlichen drei im März 2025 für schuldig befunden. Das Strafmaß ist bisher noch nicht bekannt.Jagd durch ganz Europa: Russischer Spionagering plante Mord an Investigativjournalist Christo Grozev In: Tages-Anzeiger, 8. März 2025.
Diese Gruppe spähte auch einen US-Militärstützpunkt in den Patch Barracks in Stuttgart aus, in dem ukrainische Soldaten an „Patriot“-Systemen trainiert wurden. Ziel war es laut Chatprotokollen, die im Prozess gegen die Gruppe publik wurden, mit IMSI-Catchern Mobiltelefonnummern der dort trainierten ukrainische Soldaten herauszufinden in der Hoffnung, anhand dieser Telefonnummern später Patriotsysteme in der Ukraine orten und bekämpfen zu können.
Im April 2024 wurde der frühere Mitarbeiter des österreichischen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung Egisto Ott festgenommen, der im Auftrag Marsaleks interne Daten des BVT abgefragt haben soll. Ott wird vorgeworfen, die Meldeadresse von Christo Grosew vor dem Einbruch in dessen Wohnung abgefragt zu haben. Ott soll für Marsalek auch Abfragen zu Personen gemacht haben, deren Aufenthaltsort der FSB wissen wollte, unter anderem zu einem abtrünnigen FSB-Agenten.
Spätestens im Juni 2024 hatte der deutsche Generalbundesanwalt Ermittlungen gegen Marsalek wegen des Verdachts der Spionage für Russland eingeleitet.
Flucht und Aufenthalt in Russland Marsalek wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Ihm werden Marktmanipulation, Bilanzfälschung, Untreue und bandenmäßiger Betrug vorgeworfen.Christoph Giesen, Klaus Ott, Nicolas Richter, Jörg Schmitt, Jan Willmroth, Nils Wischmeyer: Catch me if you can, sueddeutsche.de, 2. Juli 2020.
Am 18. Juni 2020 wurde er von Wirecard freigestellt. An diesem Tag bekamen ihn auch seine Kollegen letztmalig zu Gesicht. Zuletzt gesehen wurde Marsalek in Wien, wo er sich kurz vor dem Abflug vom österreichischen Flugplatz Vöslau in einem italienischen Speiselokal mit Martin Weiss, einem früheren hochrangigen Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), traf. Weiss steht im Verdacht, in seiner aktiven Zeit für Marsalek und damit Moskau spioniert zu haben.Nils Heck, Jörg Schmitt: Marsalek-Vertrauter mit Haftbefehl gesucht, Süddeutsche Zeitung, 14./15. Dezember 2024, S. 7.
Zunächst war spekuliert worden, er halte sich auf den Philippinen auf. Seine angebliche Einreise am 23. Juni 2020 und seine Ausreise nach China am 24. Juni 2020 stellten sich jedoch als vorgetäuscht heraus. Am 4. Juli erklärte der philippinische Justizminister Menardo Guevarra, Beamte der philippinischen Einwanderungsbehörde hätten entsprechende Daten gefälscht. Am 12. August 2020 wurde die Öffentlichkeit über Aktenzeichen XY … ungelöst um Mithilfe bei der Fahndung gebeten. Nach Angaben des Spiegel reiste Marsalek mit falschem Pass zunächst nach Belarus ein. Laut dem Recherchenetzwerk Bellingcat flog er noch am Tag seiner Freistellung bei Wirecard Mitte Juni von Klagenfurt über Tallinn nach Minsk. Wegen des politischen Konflikts zwischen Russland und Belarus sei es dem russischen Militärgeheimdienst GRU aber zu riskant gewesen, ihn im Nachbarland zu belassen. Deshalb habe man ihn weiter nach Russland gebracht.Ex-Wirecard-Manager Marsalek angeblich in Moskau. In: Tagesschau, 20. Juli 2020.World's Most Wanted Man Jan Marsalek Located in Belarus; Data Points to Russian Intel Links. Bellingcat, 18. Juli 2020. Das Handelsblatt berichtete unter Berufung auf Unternehmer-, Justiz- und Diplomatenkreise, dass er auf einem Anwesen westlich von Moskau unter Aufsicht des russischen Militärgeheimdienstes untergebracht wurde.Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek ist in Russland untergetaucht. In: Handelsblatt, 19. Juli 2020.