Johannes Meyer (* 11. Dezember 1835 in Rüdlingen; † 8. Dezember 1911 in Frauenfeld) war ein Schweizer Germanist, Gymnasiallehrer, Archivar und Historiker.

Leben und berufliches Wirken Vater Konrad Meyer war Dorfschullehrer in Rüdlingen. Da sein Gehalt nicht ausreichte, betrieb er nebenher eine Landwirtschaft und eine Küferei; die Überarbeitung soll seinen frühen Tod 1839 verschuldet haben. Sein Sohn Jakob Meyer durchlief zu dieser Zeit eine solide Ausbildung zum Dorfschullehrer, u. a. bei Bernhard Gottlieb Denzel am württembergischen Schullehrerseminar in Esslingen, die er nun abbrach, um die Stelle des Vaters einzunehmen. Besondere Sorgfalt widmete er der Erziehung seines jüngsten Bruders Johannes, der ihm zeitlebens dafür dankbar war. Von 1850 an besuchte Johannes Meyer, gestützt auf ein Stipendium, das Gymnasium der Stadt Schaffhausen, an dem zu dieser Zeit einige bedeutendere Lehrer tätig waren, wie der Germanist Maximilian Wilhelm Götzinger oder der Mathematiker Jakob Amsler-Laffon. 1856 schloss Meyer die Schule ab und nahm an der Universität Basel ein Germanistikstudium auf mit dem Ziel, rasch eine Stelle als Gymnasiallehrer antreten zu können. Prägend waren die altgermanistischen Vorlesungen Wilhelm Wackernagels; daneben besuchte Meyer Lehrveranstaltungen in der Geschichte der Philosophie, des schweizerischen Bundesrechts, der französischen Literatur und insbesondere in den alten Sprachen. Er gehörte der Studentenverbindung Zofingia an.

Aus Geldmangel brach Johannes Meyer 1858 das Studium ab und wurde „Hülfsredaktor“ beim Tagblatt für den Kanton Schaffhausen. Diese Tätigkeit scheint seinen Neigungen und Fähigkeiten nicht gut entsprochen zu haben und er beendete sie nach wenigen Monaten, als ihm durch eine Zufallsbekanntschaft eine Lehrerstelle angetragen wurde: Von 1858 bis 1862 lehrte Meyer Deutsch, klassische Sprachen und Französisch am Privatgymnasium des Gustav Schmidt in Fellin in Livland im Russischen Kaiserreich (heute Viljandi in Estland); das fehlende Lehrerexamen holte er 1859 an der Universität Dorpat nach. In Fellin lernte Meyer seine spätere Gattin Susette Pfister, eine Lehrerin aus Schaffhausen, kennen. Rückblickend zählte Meyer die Zeit in Fellin zu seinen glücklichsten Lebensjahren. 1862 zog Meyer nach Paris, um seine Studien zu vervollkommnen, kam aber aus Mangel an Geld und Beziehungen nicht weit.

Da ihm die erstrebte Anstellung als Gymnasiallehrer in Schaffhausen nicht zuteilwurde, übernahm Meyer 1863 die Redaktion des liberalen Tagblatts für den Kanton Schaffhausen, obwohl er als bekenntnistreuer reformierter Christ persönlich eher konservativ dachte. Seine Kommentare zur Schulpolitik des Kantons brachten ihm die Gegnerschaft der Kantonsregierung ein; im Gegenzug wurde Meyer selbst politisch aktiv und liess sich 1864 und 1868 in den Grossen Rat des Kantons Schaffhausen wählen. Unter der Bedingung, dass er seine journalistische Tätigkeit aufgebe, wurde er 1864 als Lehrer an der Schaffhauser Knabenrealschule angestellt. Bewerbungen Meyers auf Gymnasiallehrerstellen seines Heimatkantons schlugen fehl, weil ihm seine journalistischen Polemiken nachgetragen wurden.

Sein berufliches Lebensziel erreichte Meyer im Nachbarkanton Thurgau, wo er von 1869 bis 1908 an der Kantonsschule Frauenfeld deutsche Sprache und Geschichte, bei Bedarf auch alte Sprachen lehrte. Er befasste sich mit pädagogischen und schulpolitischen Fragen; in der Schweizerischen Schulzeitung, deren Redaktion er 1871 übernahm, forderte er die Kontrolle des Bundes über das kantonale Volksschulwesen, wovon er sich eine Verbesserung zumal in den kleinen Kantonen versprach; die Kontroverse darüber endete mit der Einstellung der Schulzeitung 1871. 1874 wurde Meyer zum Rektor der Kantonsschule gewählt, gab dieses Amt aber 1878 wieder auf, um mehr Zeit auf seine wissenschaftlichen Studien verwenden zu können. 1880 übernahm er die Leitung des Thurgauer Kantonsarchivs und der Kantonsbibliothek, die bis dahin von Johann Adam Pupikofer versehen worden waren.

Nach dem Tod seiner ersten Frau 1888 heiratete Meyer 1891 Emma Mossmann, geschiedene Malsch, die er ebenfalls überlebte. 1911 starb er an einer langwierigen Herzkrankheit. In seinem Testament bedachte er die Alters-, Witwen- und Waisenkasse der Lehrer an der thurgauischen Kantonsschule; seinen Büchernachlass erbte die Stadt Stein am Rhein.

Wissenschaftlich-publizistisches Wirken Johannes Meyer, der von Zeitgenossen als ausgesprochene Gelehrtennatur beschrieben wurde, hinterliess ein vielseitiges schriftliches Werk. Pädagogische Überlegungen, wie schweizerischen Kindern die hochdeutsche Schriftsprache vermittelt werden solle, stehen hinter seinem Sprachbuch für höhere allemannische Volksschulen. Er vertrat dabei (wie wenig später auch Gustav Adolf Seiler und Jost Winteler) die Auffassung, Hochdeutsch solle nicht als fremde Sprache gelehrt werden, sondern mittels der sprachvergleichenden Methode als eine Ergänzung zum bekannten heimatlichen Dialekt.Johannes Meyer: Deutsches Sprachbuch für höhere allemannische Volksschulen, I. Cursus. Brodtmannsche Buchhandlung, Schaffhausen 1866, S. IX f.: «Nun ist doch auf der Welt nichts einfacher, als daß wir diesen Besitz [nämlich den ‹Sprachschatz› der «allemannischen Mundart»] festhalten und das Hochdeutsche noch hinzulernen, so weit es von unserer Mundart abweicht. Schon Pestalozzi hat seiner Zeit gesagt, man solle vom Nahen zum Fernen schreiten, und die Schule ist seinem Rathe in den meisten Dingen gefolgt, nur im deutschen Unterrichte nicht. Ich habe oben schon gesagt, die Volksschule müsse vergleichenden Sprachunterricht treiben, und wenn ich diese Forderung aufstelle, so habe ich namentlich die Mundart im Auge.» Im Gegenzug forderte er allerdings die «reine», «sorgfältige», das heisst mitteldeutsch und niederdeutsch basierte Aussprache, damit «der Schweizer … auch in Angelegenheiten der Sprache einen ehrenvollen Platz unter den deutschen Stämmen einähme, wie die Schweiz für die deutsche Litteratur mehrfach anregend und tonangebend gewesen ist»; siehe ebenda S. 7–18. Aus der Lehrerfortbildung erwuchs seine zweibändige Geschichte des schweizerischen Bundesrechts, für die er 1883 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Zürich ausgezeichnet wurde.

Bleibendes Verdienst erwarb sich Meyer mit seinen Beiträgen zur Landesgeschichte des Thurgaus und des weiteren Bodenseeraumes. Nach seinem Rückzug aus der Politik war er nurmehr in zwei Vereinen öffentlich wirksam, dort allerdings bestimmend über Jahrzehnte: Seit 1870 gehörte er dem Historischen Verein des Kantons Thurgau an, seit 1880 als Präsident und Redaktor der Thurgauischen Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Kurz vor seinem Tod ernannte ihn der Verein zum Ehrenpräsidenten. Im Auftrag des Vereins erarbeitete Meyer den zweiten Band des Thurgauischen Urkundenbuchs sowie die Grundlage für den Folgeband. 1886 trat Meyer auf Vermittlung des Grafen Eberhard von Zeppelin dem Verein für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung bei, in dessen Vorstand er fortan die Schweiz vertrat. 1898 folgte er Gustav Reinwald als Schriftleiter der Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. In den beiden von ihm selbst redigierten Vereinszeitschriften ist ein wesentlicher Teil von Meyers landesgeschichtlichem Œuvre niedergelegt. Gelegentlich liess er als Schriftleiter Proben seines Humors in die Vorworte einfliessen, etwa als er die 30. Hauptversammlung des Bodensee-Geschichtsvereins in Überlingen 1899 in gekonntem Frühneuhochdeutsch protokollierte und als „Hans Villicus, der fryen künste doctor ze Gynäcopedium“ unterzeichnete.Johannes Meyer: Vorred an den geneigten Leser. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 29, 1900, S. V–IX (Digitalisat).

In Meyers Nachlass fand sich ein handschriftliches Wörterbuch der Rüdlinger Mundart, das seine Nichte Marie Meyer zusammengestellt hatte und das seit 1914 von der Redaktion des Schweizerischen Idiotikons ausgewertet wird.Die Abschrift des in der Stadtbibliothek Stein am Rhein liegenden Manuskripts ergab rund 8000 Zettel; siehe Bericht an das h. eidgen. Departement des Innern und die h. Regierungen der subventionierenden Kantone über den Gang der Arbeiten am Schweizerdeutschen Idiotikon während des Jahres 1914. [Zürich 1915], S. 15 (Digitalisat).

Schriften (Auswahl) Monographien Thurgauisches Kantonsarchiv: Repertorium der Verwaltungsbücher (Kopialbücher, Gefällbücher, Gerichtsbücher etc.) aus den Archiven der vormals thurgauischen Herrschaften. Angefertigt im Auftrage des Regierungsrates von Dr. Johannes Meyer. Huber, Frauenfeld 1899 (Digitalisat). Thurgauisches Urkundenbuch. Herausgegeben auf Beschluß und Veranstaltung des Thurgauischen Historischen Vereins. Band 2: 1000–1246. Huber, Frauenfeld 1882–1885. Die drei Zelgen. Ein Beitrag zur Geschichte des alten Landbaues (= Programmbeilage der thurgauischen Kantonschule. 1890) (Digitalisat). Geschichte des schweizerischen Bundesrechts. Band 1: Die alte Zeit bis 1798. Westfehling, Winterthur 1878. Geschichte des schweizerischen Bundesrechts. Band 2: Die Zeit von 1798–1874. Westfehling, Winterthur 1875. Nachrichten aus dem Leben des Schaffhauser Bürgermeisters Dr. Heinrich Schwarz (1562–1629) (= Beilage zum Programm der Realschule Schaffhausen. Ostern 1868). Deutsches Sprachbuch für höhere allemannische Volksschulen, I. und II. Cursus. Brodtmannsche Buchhandlung, Schaffhausen 1866 (Digitalisat). Der Schaffhauser Richtebrief. Die ältesten Satzungen der Stadt aus dem Jahre 1291. Brodtmannsche Buchhandlung, Schaffhausen 1857 (Digitalisat).

Aufsätze Dr. Max Wilhelm Götzinger, ein deutscher Sprachforscher. Sein Leben und sein Wirken in Wort und Schrift. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 40, 1911, S. 141–247 (Digitalisat). Aus Michel Montaignes Reise durch die Schweiz, Süddeutschland und Italien. Von Basel nach Lindau. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 39, 1910, S. 43–78 (Digitalisat). Salomon Fehr und die Entstehung der thurgauischen Restaurationsverfassung vom 28. Juli 1814. I. Teil. In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 50, 1910, S. 1–145 (Digitalisat); Schluß. In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 51, 1911, S. 49–132 (Digitalisat). Das Thurgauer Lied, sein Dichter und Komponist. In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 49, 1909, S. 96–106 (Digitalisat). Königin Hortense und Prinz Ludwig Napoleon. Nach den Quellen bearbeitet. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 35, 1906, S. 123–307 (Digitalisat). Gregor Mangolts Fischbuch. Zürich, gedruckt von Andreas und Jakob Geßner, 1557. Neudruck. In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 45, 1905, S. 119–186 (Digitalisat). Was ist Tit.? In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 44, 1904, S. 103–114 (Digitalisat). -wil oder -weil? In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 44, 1904, S. 115–125 (Digitalisat). Geschichte des Schlosses Kastell. In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 43, 1903, S. 70–191 (Digitalisat). Zur Etymologie des Namens Schaffhausen. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 31, 1902, S. 25–46 (Digitalisat). Geschichte der deutschen Besiedelung des Hegaus und Klettgaus, zumal in deren schaffhauserischen Bestandteilen, von der Einwanderung der Schwaben bis zur Gründung des Klosters Allerheiligen, ca. 298–1050. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 30, 1901, S. 33–118 (Digitalisat). Dekan Kuhn 1829–1901. Nekrolog. In: Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Band 41, 1901, S. 1–4 (Digitalisat).