Grünes Wachstum (, auch nachhaltiges) ist eine Theorie der Wirtschafts- und Politikwissenschaften, nach der es möglich ist, Wirtschaftswachstum und deutlich erkennbaren Umweltschutz zu kombinieren. Grünes Wachstum verfolgt das Ziel, wirtschaftspolitische Wachstumsziele nachhaltig zu erfüllen. Dafür soll eine Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Umweltverschmutzung bzw. -schäden () erreicht werden.
Solange (quantitatives) Wirtschaftswachstum ein vorherrschendes politisches Ziel bleibt, kann eine aus ökologischer Sicht erwünschte Verringerung der Umweltbelastung nur durch grünes Wachstum erreicht werden. Die Forderung nach grünem Wachstum grenzt sich von wachstumskritischen Positionen ab, die stattdessen eine stationäre Wirtschaft oder eine Verringerung der Wirtschaftsleistung zur Erreichung einer nachhaltigen Gesellschaft fordern. Die Umsetzbarkeit grünen Wachstums und der Weg dorthin sind sowohl in der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Debatte umstritten.
Grünes Wachstum wird teilweise synonym zum Begriff des qualitativen Wachstums verwendet. Dies ist jedoch irreführend, da qualitatives Wachstum eine Verbesserung der Lebensqualität umfasst, die nicht auf Konsumsteigerungen basiert und daher mit den üblichen wirtschaftlichen Kenngrößen nicht ausreichend gemessen werden kann. Dem Konzept des grünen Wachstums liegt hingegen die Idee zugrunde, weiterhin quantitatives Wirtschaftswachstum generieren zu können.
Begriff mini|hochkant=1.5|In diesem Beispiel wächst die Wirtschaftsleistung mit 3 %. Der Energieverbrauch steigt nur um 2 % (relative Entkopplung), während die Treibhausgas-Emissionen um 1 % jährlich sinken (absolute Entkopplung). Die Energieeffizienz steigt demnach um 1 % jährlich, die Emissionen pro Energieverbrauch sinken um 3 %. Allerdings ist die Entkopplung nicht ausreichend, um die Emissionen wie gewünscht um 3 % jährlich zu senken.
Eng verwandt bzw. teilweise synonym verwendet sind die Begriffe qualitatives Wachstum oder nachhaltiges Wachstum, aber auch dekarbonisiertes Wachstum bei Beschränkung auf den Kohlenstoffkreislauf. Die Bedeutung von „grün“ wird kontrovers diskutiert, aber oft mit dem Erhalt des Naturkapitals identifiziert. Grundlegend für das Konzept des grünen Wachstums ist die Annahme, dass Wirtschaftswachstum möglich ist, während die ökologischen Auswirkungen merklich reduziert werden. Diese Möglichkeit der Entkopplung steckt als „starke ökonomische Behauptung“ hinter grünem Wachstum.
Hierbei wird von relativer Entkopplung gesprochen, wenn das Bruttoinlandsprodukt schneller wächst als Umweltindikatoren wie der ökologische Fußabdruck, der Einsatz von natürlichen Ressourcen oder die Emissionen. Es steigt also die Ressourcen- oder Energieeffizienz, wobei die gesamte ökologische Belastung trotzdem steigt. Absolute Entkopplung bedeutet hingegen, dass die ökologische Belastung sinkt, während gleichzeitig die Wirtschaft wächst.
Außerdem wird unterschieden, ob sich Indikatoren wie Materialaufwand, Primärenergieverbrauch, Treibhausgasemissionen oder ökologischer Fußabdruck auf den inländischen Verbrauch beziehen oder durch die globalen Handelsbeziehungen und Wertschöpfungsketten in anderen Ländern entstehende Schäden einberechnet werden. Daher unterscheidet man beispielsweise die inländische Rohstoffextraktion und den Rohstoffverbrauch des Landes, der Im- und Exporte berücksichtigt.
Geschichte In den 1970er-Jahren wurde die Frage aufgeworfen, ob der Verbrauch von Rohstoffen, Energie und natürlichen Ressourcen nahezu proportional mit der Wirtschaftsleistung steige. Autoren wie Nicholas Georgescu-Roegen oder Herman Daly, aber auch der Club-of-Rome-Bericht Die Grenzen des Wachstums vertraten die These, dass eine Entkopplung dieses Zusammenhangs nicht zu erwarten sei. John Holdren und Paul Ehrlich entwickelten die IPAT-Gleichung, wonach sich der menschliche Einfluss auf die Umwelt (impact I) als Multiplikation von Bevölkerung (population P), Wohlstand (affluence A) und Technologie (T) ergibt: I = P · A · T. Aus ihr kann man ablesen, dass bei einer Verdopplung der Weltbevölkerung und einer Vervierfachung des Pro-Kopf-Konsums (bei etwa 3 % Wachstumsrate über 50 Jahre) die Technologie um einen Faktor acht verbessert werden muss (Energieeffizienz, Rohstoffproduktivität etc.), damit die Umweltbelastung nicht weiter steigt – und noch weit mehr, um die Belastung substantiell zu reduzieren. Hingegen vertraten beispielsweise Joseph E. Stiglitz oder Robert Solow die These, Naturressourcen könnten einfach durch technische Entwicklung oder Kapitalakkumulation ersetzt werden. Aus der Begrenztheit der Natur ergäben sich keine Wachstumsgrenzen für das Bruttoinlandsprodukt.
mini|hochkant=1.5|Laut der Theorie der Umwelt-Kuznets-Kurve steigt die Umweltbelastung durch Industrialisierung an, sinkt dann aber durch Tertiärisierung automatisch wieder.
Die Idee, Wirtschaftswachstum und ökologische Ziele zu verbinden, lag auch den Debatten um nachhaltige Entwicklung zu Grunde, wie sie im Brundtland-Bericht (1987) oder auf dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro diskutiert wurden. 1989 wurde der Begriff der Green Economy in einem Bericht an die britische Regierung geprägt, aber zunächst kaum rezipiert. Die Vorstellung der problemlosen Entkopplung von Wachstum und Umweltbelastung wurde in den 1990er Jahren durch empirische Studien untermauert. Sie zeigten, dass Luftbelastung, Wasserverschmutzung, Siedlungsabfall, Entwaldung und Kohlendioxidemissionen wieder abnahmen, als Länder ein bestimmtes Niveau an Bruttoinlandsprodukt überschritten. Dies wurde als Umwelt-Kuznets-Kurve (Environmental Kuznets Curve, EKZ) bekannt und implizierte, dass Nationen automatisch aus ihren Umweltproblemen herauswachsen würden. Als Gründe wurden technischer Fortschritt und die Entwicklung von einer landwirtschaftlich geprägten Ökonomie über eine verschmutzende Industrie zu einer Dienstleistungsgesellschaft genannt (Drei-Sektoren-Hypothese). Außerdem hätten Menschen mit steigendem Einkommen eine stärkere Präferenz für hohe Umweltqualität. Die daraus hergeleitete These, Wachstum zu fördern, sei eine Notwendigkeit oder der beste Weg für ökologische Verbesserungen, wurde kontrovers diskutiert: Hauptkritikpunkte waren, dass es keine Garantie gäbe, dass die Entlastung der Umwelt erstens dauerhaft sei und zweitens rechtzeitig einträte, bevor ökologische Kipppunkte erreicht wären. Drittens sei die Kurve nur für bestimmte, einfach zu lösende Umweltprobleme zutreffend.
Während die Debatte um die Umwelt-Kuznets-Kurve noch implizierte, dass ökologische Verbesserungen quasi unvermeidlich und selbstständig kommen würden, hat sich die Debatte in den 2000er-Jahren verschoben hin zu den politischen Weichenstellungen, die grünes Wachstum ermöglichen können. Bei den Vertretern von grünem Wachstum herrscht mittlerweile weitgehend Einigkeit, dass der notwendige Umweltschutz nur mit veränderter Politik erreichbar ist. Dabei wird von zwei Standard-Thesen ausgegangen, wie sie beispielsweise der Stern-Report oder der Nobelpreisträger William D. Nordhaus auf der Basis volkswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Analysen vertreten: Erstens seien die Kosten zur Verhinderung von Umweltschäden so gering, dass Wirtschaftswachstum trotzdem möglich bleibe. Zweitens seien die drohenden Einbußen bei der zukünftigen Wachstumsrate größer, wenn die Umwelt nicht geschützt würde. Als politisches Problem bleibt, dass dem langfristigen Nutzen heutige Kosten bzw. Wohlstandseinbußen gegenüberstehen.
Der Begriff „grünes Wachstum“ entspringt dem asiatischen und pazifischen Raum, in dem 2005 das Seoul Initiative Network on Green Growth gegründet wurde. Grünes Wachstum gewann an Aufmerksamkeit als möglicher Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise ab 2007. Im Jahr 2009 unterzeichneten Minister von 34 Staaten die Green Growth Declaration und befürworteten ein Mandat für die OECD, eine Green Growth Strategy zu entwickeln, um Wege aufzuzeigen, Wirtschaftswachstum und Entwicklung voranzutreiben und dabei das Naturkapital zu schonen. Die 2011 veröffentlichte Strategie soll zeigen, dass „grün“ und „Wachstum“ Hand in Hand gehen können. Dies erfordere eine Transformation der jetzigen Produktions- und Konsumweise der gesamten Ökonomie auf globaler Ebene. „Grünes Wachstum“ wurde als „Buzzword in akademischen und politischen Zirkeln“ aufgegriffen und hatte bereits im Jahr 2013 eine prominente Stellung im politischen Diskurs von internationalen Wirtschafts- und Entwicklungsorganisationen wie Weltbank oder OECD eingenommen. Michael Jacobs vermutet daher, dass der Begriff „grünes Wachstum“ neu etabliert wurde, um die in der Wissenschaft umstrittene und bei Politikern erlahmte Debatte um nachhaltige Entwicklung zu beleben und die unattraktive Debatte um ökologische Kosten und Grenzen des Wachstums auf positive Weise zu framen, indem behauptet wurde, dass Umweltschutz nicht nur mit langfristigem Wachstum kompatibel sei, sondern es sogar mittelfristig fördern würde (siehe auch: Porter-Hypothese).
Von OECD und Weltbank wird grünes Wachstum als Mittel verstanden, Innovation und Investitionen zu fördern und so das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen. Im Vergleich dazu setzen das u. a. vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen vertretene Konzept der Green Economy, die ökosoziale Marktwirtschaft oder andere Vorschläge nachhaltiger Entwicklung einen breiteren Fokus auf Indikatoren wie Wohlbefinden oder soziale Gerechtigkeit und wurden daher von verschiedenen Interessengruppen sehr unterschiedlich ausgelegt. Teilweise sollen neben der Erhöhung des materiellen Wohlstands gleichzeitig weitere soziale Ziele berücksichtigt werden. Der etablierte Begriff des grünen Wachstums setzt hierbei jedoch meist einen engeren Fokus und verzichtet auf eine breitere soziale Komponente. Zugleich unterstreicht er die These, dass eine Entkopplung von Wachstum und Umweltbelastung möglich ist oder ökologische Technologien zum Wachstum beitragen und wird zur Abgrenzung von Wachstumskritik verwendet. Allerdings sind die verschiedenen Konzepte nicht scharf voneinander abgrenzbar und werden teilweise von denselben Organisationen diskutiert und von einigen Autoren synonym verwendet.
Einige Länder oder Wirtschaftsräume haben grünes Wachstum als politisches Ziel übernommen, beispielsweise zitiert die OECD die Strategie Europa 2020 der Europäischen Union, Südkoreas Strategie und Fünfjahresplan für Grünes Wachstum und den Fokus auf grüne Entwicklung im 12. chinesischen Fünfjahresplan. Die Europäische Kommission kündigte in ihrem sechsten Environment Action Programme (2001) das Ziel an, die Verknüpfung zwischen Wachstum und Umweltschäden aufzubrechen, was auch Teil des Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa (2011) ist. Auch die Strategie von UNEP hat zum Ziel, mit grünem Wachstum die Umweltrisiken und ökologischen Knappheiten deutlich zu reduzieren. Die Verbesserung der Rohstoff- und Energieeffizienz ist dabei die wichtigste Strategie. Bei den Zielen für nachhaltige Entwicklung (, SDG) impliziert die Kombination aus dem 8. Ziel und dem 12. Ziel die Entkopplung von Umweltzerstörung und Wirtschaftswachstum.