Die Shanghaier Akademie für Raumfahrttechnologie (), aus historischen Gründen auch „Achte Akademie“ (八院) genannt, wegen der englischen Bezeichnung Shanghai Academy of Spaceflight Technology oft „SAST“ abgekürzt, ist ein Unternehmensbereich der China Aerospace Science and Technology Corporation. Dort werden Satelliten, Trägerraketen und Flugabwehrraketen hergestellt. Der Hauptsitz der Firma befindet sich im Shanghaier Stadtbezirk Minhang.
Geschichte mini|S-75 Nach dem Ende des Koreakriegs 1953 drangen mit amerikanischer Unterstützung immer öfter taiwanesische Aufklärungsflugzeuge in den chinesischen Luftraum ein. Die chinesische Luftwaffe hatte diesen Höhenaufklärern nichts entgegenzusetzen. Im Jahr 1957 fanden insgesamt 53 Luftraumverletzungen durch Taiwan statt, und die insgesamt 69 mal aufgestiegenen Kampfflugzeuge der Volksbefreiungsarmee konnten keinen einzigen Aufklärer abfangen. Daraufhin stellte China 1958 ein Flugabwehrraketenregiment mit drei Bataillonen auf, die mit insgesamt 50 aus der Sowjetunion eingeführten Flugabwehrraketen vom Typ S-75 ausgerüstet wurden (in der Sowjetunion wurde das System erst 1959 in Dienst gestellt). Die Raketen bewährten sich. Am 7. Oktober 1959 gelang es dem 2. Bataillon, das am 1. Oktober zum Schutz der Parade anlässlich des zehnjährigen Gründungstags der Volksrepublik eingeteilt war, ein taiwanesisches Aufklärungsflugzeug vom Typ Martin B-57 Canberra abzuschießen, das in den Pekinger Luftraum eingedrungen war.
50 Flugabwehrraketen waren für ein Land von der Größe Chinas nicht viel. Bereits 1958, gleich nach der Aufstellung des Regiments, hatte das von Qian Xuesen geleitete 5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums mit sowjetischer Unterstützung damit begonnen, die S-75 nachzubauen. Die chinesische Version der Rakete trug die interne Bezeichnung „543“. Das 5. Forschungsinstitut hatte drei Zweiginstitute (分院), wobei die Entwicklung von Boden-Boden-Raketen, Flugabwehrraketen und Seezielflugkörpern beim 1. Zweiginstitut angesiedelt war. Im Dezember 1959 wurden nun 17 Ingenieure aus dem 1. und auch aus dem 2. Zweiginstitut abgestellt, die, nachdem die Vorplanungen vollendet waren, in einer Fabrik zusammen mit sowjetischen Experten mit den Produktionsvorbereitungen begannen. Am 16. Juli 1960 überreichte jedoch nach einer länger schwelenden Krise zwischen Chruschtschow und Mao die sowjetische Botschaft der chinesischen Regierung eine Note, dass sämtliche sowjetischen Experten zurückberufen werden würden. Bis Ende August 1960 hatten 1390 Männer und Frauen das Land verlassen.Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 120 und 124–127.
Noch im August 1960 ordnete Feldmarschall Nie Rongzhen, der Vorsitzende der Kommission für Wehrtechnik der Volksbefreiungsarmee, an, dass die chinesischen Wissenschaftler und Ingenieure im Vertrauen auf ihre eigene Kraft mit der Entwicklung der Rakete 543 fortfahren und sie zur Serienreife bringen sollten. Damals war Shanghai eines der wenigen industriellen Zentren Chinas – seit 1959 befasste sich dort bereits das „Ingenieurbüro für Maschinenbau und Elektrotechnik Shanghai“ mit der Entwicklung der Höhenforschungsrakete T-7. Daher wurde dort am 1. August 1961 auf Anweisung des Zentralkomitees der KPCh, des Staatsrats der Volksrepublik China und der Zentralen Militärkommission das „Zweite Büro für Maschinenbau und Elektrotechnik Shanghai“ (上海机电二局, Pinyin Shànghǎi Jīdiàn Èr Jú) gegründet. Dem Zweiten Büro wurde vom Shanghaier Stadtrat (上海市人民委员会) die Maschinenfabrik Neue Demokratie (新民机器厂) zugewiesen, die 1921 von Hu Juewen (胡厥文, 1895–1989) gegründet worden war, einem der Väter der Demokratischen Staatsaufbaugesellschaft Chinas. 1962–1967 war Hu dann stellvertretender Bürgermeister von Shanghai. Die Arbeitsbedingungen dort waren schwierig: während einerseits die alten Hallen der nun „Fabrik 149“ genannten Einrichtung um- und ausgebaut wurden, arbeiteten die Ingenieure gleichzeitig an den Entwürfen für die Rakete und die Arbeiter wurden an den Präzisionsmaschinen ausgebildet. 1964 wurden zur Unterstützung fünf der Laboratorien, die bislang das 2. Zweiginstitut des 5. Forschungsinstituts gebildet hatten, aus Peking nach Shanghai verlegt. Am 10. Dezember 1964 verlieh die Namensgebungskommission des Staatsrats der Rakete 543 offiziell den Namen „Hongqi 1“ bzw. „Rote Fahne 1“ (红旗一号, Pinyin Hóngqí Yīhào). Ihren Erstflug hatte die Rakete bereits im Juni 1963 absolviert, im Mai 1964 wurde das Bordradar an Zielobjekten getestet. Am 26. September 1964 traf die Rakete ein von einer MiG-15 geschlepptes Ziel, und am 10. Januar 1965 schoss eine bei Baotou stationierte Hongqi 1 ihre erste reale U-2 ab.
mini|Hongqi 2 Die Hongqi 1 war eine 1:1-Kopie der sowjetischen S-75. Aber schon im Januar 1964 hatte das Zweite Büro vorgeschlagen, auf der Basis der damals noch „543“ genannten Rakete eine weiterentwickelte, rein chinesische Version zu bauen. Am 4. Januar 1965 wurde das 5. Forschungsinstitut durch Beschluss des Nationalen Volkskongresses aus dem Verteidigungsministerium herausgelöst und als „Siebtes Ministerium für Maschinenbauindustrie“ eine eigenständige Behörde. Für das Zweite Büro änderte sich jedoch in der Praxis nichts. Im April 1965 wurde bei einer Besprechung im Siebten Ministerium die Entwicklung der „Hongqi 2“ genannten Rakete beschlossen. Lockheed hatte aus den Abschüssen gelernt und die U-2 mit einem System ausgestattet, das den Piloten warnte, wenn sein Flugzeug vom Radar einer Flugabwehrrakete erfasst wurde. Daher wählte man für die Hongqi 2 die sogenannte „Halbaktive Zielsuchlenkung“, bei der das Flugzeug von einer Radarstation am Boden angestrahlt wird und die Rakete durch die vom Flugzeug reflektierten Radarwellen ins Ziel findet. Man hatte mit einer ähnlichen Methode (Kommandolenkung bis 45 km vor dem Ziel) bereits bei den von der Sowjetunion gelieferten S-75 experimentiert und damit am 1. November 1963 eine bei Wenzhou in den chinesischen Luftraum eingedrungene U-2 abgeschossen. Daher genehmigte Qian Xuesen die neue Technologie. Im Juni 1965 wurde die Hongqi 2 das erste Mal gestartet, im Juli und Dezember 1966 absolvierte sie erfolgreich Zielübungen, und am 8. September 1967 wurde eine bei Jiaxing in den chinesischen Luftraum eingedrungene U-2 in einer Höhe von 20.500 m abgeschossen. Damit hatte die taiwanesische Luftwaffe nun insgesamt fünf Flugzeuge vom Typ U-2 über China verloren, zwei Piloten (Zhang Liyi und Ye Changdi) wurden gefangen genommen, die anderen drei hatten nicht überlebt. Daraufhin wurden die Aufklärungsflüge eingestellt.
Die Hongqi 2 wurde im Laufe der Jahre immer weiter verbessert. So begann man 1973 mit der Entwicklung der Hongqi 2A, die eine höhere Geschwindigkeit hatte und unempfindlicher gegenüber elektronischen Störmaßnahmen war. Ab 1978 wurde die auf eine Selbstfahrlafette mit Kettenfahrgestell montierte Hongqi 2B entwickelt. Diese beiden Raketen wurden 1984 bzw. 1986 in Dienst gestellt. Speziell zur Abwehr der Lockheed SR-71 – die nie über China eingesetzt wurde – wurde Ende der 1960er-Jahre die Hongqi 3 mit einer Flughöhe von bis zu 30.000 m entwickelt und im Juni 1974 in Dienst gestellt. Die Hongqi 4 hatte im Gegensatz zu den anderen Modellen, die mit einer Flüssigtreibstoff-Oberstufe arbeiteten, für beide Stufen ein Feststoffraketentriebwerk. Mittlerweile hatte man bei den Gegnern Chinas auf Satellitenaufklärung umgestellt, und so wurden von diesem Modell nur einige Prototypen gebaut. Die bei der Hongqi 4 zum Einsatz gekommenen Technologien wurden in den 1980er-Jahren von der Akademie für Verteidigungstechnologie für die Entwicklung der Hongqi 9 genutzt.
mini|Hauptverwaltung des Zweiten Büros Nach dem Ausbruch der Kulturrevolution 1966 gewann eine linksextreme Gruppe, die später unter der Bezeichnung „Viererbande“ bekannt wurde, zunehmend an Einfluss in der chinesischen Politik. Jiang Qing, Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang Hongwen hatten alle ihre Wurzeln in Shanghai. Angesichts der eskalierenden Konflikte mit der als „bourgeois“ empfundenen Sowjetunion erteilten sie dem Zweiten Büro für Maschinenbau und Elektrotechnik nach dem Zwischenfall an der Dsungarischen Pforte am 13. August 1969 noch im selben Monat den Auftrag,Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 164. auf der Basis der damals noch in Entwicklung befindlichen Interkontinentalrakete Dongfeng 5 eine zweistufige Trägerrakete mit Flüssigkeitstriebwerken zu entwickeln, die ebenfalls beim Zweiten Büro zu entwickelnde elektronische Aufklärungssatelliten vom Typ „Changkong 1“ bzw. „Weiter Himmel 1“ (长空一号, Pinyin Chángkōng Yīhào) in eine erdnahe Umlaufbahn tragen sollte. Diese, wegen der Tarnbezeichnung „Technologieerprobungssatellit“ bzw. 技术实验卫星 (Pinyin Jìshù Shíyàn Wèixīng) im Ausland auch als „JSSW“ bekannten Satelliten sollten dazu dienen, Informationen über die Radar- und Luftabwehrsysteme der Sowjetunion zu sammeln. Verteidigungsminister Lin Biao, der am 18. Oktober 1969 mit seinem „Befehl Nr. 1“ (林副统帅一号战斗号令, Pinyin Lín Fùtǒngshuài Yīhào Zhàndòu Hàolìng) fast einen Atomkrieg mit der Sowjetunion ausgelöst hätte, gehörte zwar nicht zu der Gruppe um Jiang Qing, stand ihr aber ideologisch nahe.
Nach der damaligen Redewendung Geming Fengbao, also „Sturm der Revolution“, wurde als Name für die Rakete „Fengbao 1“ bzw. „Sturm 1“ gewählt, auch um sich von der Sowjetunion abzugrenzen, die es sich nach Ansicht der chinesischen Linken in der Friedlichen Koexistenz gemütlich eingerichtet hatte. Die eigentliche Arbeit an dem Projekt begann im Dezember 1969.Mark Wade: Das Zweite Büro für Maschinenbau und Elektrotechnik Shanghai wurde zwar von der Viererbande kontrolliert, war aber formaljuristisch weiterhin eine Abteilung des Siebten Ministeriums für Maschinenbauindustrie. Von daher hatte man nicht nur Zugriff auf die Pläne der an der 1. Akademie des Siebten Ministeriums (heute Chinesische Akademie für Trägerraketentechnologie) entwickelten Dongfeng 5, sondern erhielt auch Unterstützung von der Basis 067 in Fengzhou (heute Akademie für Flüssigkeitsraketentriebwerkstechnik), die für die Rakete die nötigen Triebwerke entwickelte. Die Fengbao 1 war für eine Nutzlast von 1,1 t ausgelegt, daher hatte es keinen Einfluss auf die Entwicklungsarbeiten, als die 1. Akademie 1970 mit der Entwicklung einer weiteren Trägerrakete, der „Langer Marsch 2“ begann. Letztere sollte 2,5 t schwere Rückkehrsatelliten mit einer Kamera zur optischen Fernerkundung in die Umlaufbahn befördern, hatte also ein anderes Einsatzprofil.Mark Wade:
Lin Biao kam am 13. September 1971 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, die Arbeiten an der Fengbao 1 gingen jedoch weiter. Am 10. August 1972 absolvierte die Rakete ihren ersten suborbitalen Testflug. Die ersten beiden Starts mit einem realen Changkong 1 als Nutzlast am 18. September 1973 und am 12. Juli 1974 scheiterten, der dritte Versuch am 26. Juli 1975 glückte jedoch. Damit war die Fengbao 1 vier Monate eher einsatzbereit als die Langer Marsch 2, die erst am 26. November 1975 in der Variante CZ-2C einen erfolgreichen Flug absolvierte.Mark Wade: Die CZ-2C der 1. Akademie war jedoch, abgesehen von der größeren Nutzlast, wesentlich zuverlässiger als die Feng Bao 1. Bis zum Jahr 1981 waren von acht Starts der Fengbao 1 nur vier erfolgreich, während die CZ-2C im selben Zeitraum keinen einzigen Fehlschlag zu verzeichnen hatte. Daher wurde die Produktion der Rakete nach dem (erfolgreichen) Start am 19. September 1981 eingestellt.
Bereits 1978 hatte das Zweite Büro den Auftrag erhalten,Mark Wade: