mini|Wilhelm Aumer (1943) Wilhelm Aumer (* 22. Januar 1883 in Regensburg,gem. Faksimile der Geburtsurkunde Nr. 83/1883, Stadtarchiv Regensburg, Nina Herrmann, 20. März 2020 Oberpfalz; † 22. August 1958 in Lichtenfels,Standesamt Lichtenfels, Reg.-Nr. 73/58 Oberfranken) war ein der Sozialdemokratie nahestehender deutscher Verwaltungsbeamter, der seine berufliche Funktion während der Zeit des Nationalsozialismus aus humanitären Gründen und einer christlichen Überzeugung heraus dazu nutzte, sich aktiv zugunsten der Emigrationsmöglichkeiten jüdischer Mitbürger einzusetzen.Israel Schwierz: „13 Führerscheine – 13 jüdische Schicksale“, auf: hagalil.comClaude P. Bamberger: Art – A biographical essay, Verlagshaus Meisenbach, Bamberg 1989, S. 5–7 Er bemühte sich erfolgreich, Zwangsarbeiter, die eines Vergehens beschuldigt wurden, vor der Deportation in Konzentrationslager oder der Erschießung zu bewahren.Susanne Troche: Widerstand gegen Hitler – Einzelbeispiele aus dem Raum Lichtenfels (= Fränkische Heimat am Obermain, Heft 32). Beilage zum Jahresbericht 1994/95 des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels, Kapitel 6.4.3 Wilhelm AumerDr. Siegfried Rudolph: Ein Mitwitzer Kunstsammler. In: Mitteilungsblatt – Amtsblatt für die Verwaltungsgemeinschaft Mitwitz, Nr. 25 (1992), 19. Juni 1992Klaus Bamberger: Aus der Geschichte der Familie Bamberger. Kindheitserinnerungen an Lichtenfels (= Kleine CHW-Schriften, Colloquium Historicum Wirsbergense, Heft 2; Lichtenfelser Hefte zur Heimatgeschichte, Sonderheft 3), hrsg. v. Stadtarchiv Lichtenfels, Verlagsbuchhandlung H. O. Schulze, Lichtenfels 2005, ISBN 3-87735-177-8, S. 44–46Brief der Henriette „Jetta“ Bamberger an ihren Sohn Klaus nach Neuchâtel vom 21. August 1937, maschinenschriftlich, unveröffentlicht, enthält u. a. einen Hinweis auf Wilhelm Aumer, der im Bezirksamt Lichtenfels den Reisepass von Klaus Bamberger bearbeitete.Claude P. Bamberger: History of a Family – The Bambergers of Mitwitz and Lichtenfels 1770–1992. Selbstverlag, Tenafly, New Jersey, USA, 1993, S. 9–11 Lt. Spruchkammerverfahren 1946 hat Aumer in seiner amtlichen Funktion bestehende oppositionelle Bestrebungen gegen den NS-Staat tendenziell zu stützen versucht, soweit es im Bereich seiner Möglichkeiten lag. Das schloss politisch Verfolgte, aus Konzentrationslagern Entlassene ebenso wie die Arbeit lokaler und regionaler katholischer und evangelisch-lutherischer Kirchengemeinden ein.Protokoll des Verfahrens der Spruchkammer für den Landkreis Lichtenfels, Aktenzeichen M 46/108, vom 13. November 1946[Personal-]Akt der Königlich Bayerischen Regierung der Oberpfalz und von Regensburg [regionale Zuschreibung später handschriftlich geändert auf] Regierung von Oberfranken, Kammer des Innern [für] Aumer, Wilhelm […] 037/14 A. In: Staatsarchiv Bamberg, Signatur: Regierung von Oberfranken, Abgabe 1971, Nr. 5903

Familie mini|hochkant|Margarete Aumer, geb. Frank, und der Bezirksamtsobersekretär Wilhelm Aumer, ca. 1920 Wilhelm Aumer war das vierte Kind des Bautechnikers Georg Aumer (* 27. April 1853 in Regensburg; † 27. Juni 1912 ebenda) und dessen Ehefrau Elisabetha, geborene Bergmann (* 10. November 1862 in Regensburg; † 1. Februar 1947 ebenda). Die Familie war römisch-katholischen Bekenntnisses. Sie wohnte im Haus Regensburg A. 118 (heute: Haaggasse 1) und war wohl im Besitz des Anwesens Regensburg A. 214 (heute: Kreuzgasse 15). Wilhelm Aumer hatte fünfzehn Geschwister, von denen jedoch mehrere bereits im Kleinkindalter verstorben sind.gem. Faksimile des Familienbogens Georg Aumer, Stadtarchiv Regensburg, Nina Herrmann, 20. März 2020

In München heiratete der 37-jährige Wilhelm Aumer am 28. April 1920 die 27-jährige Margarete, geborene Frank (* 19. März 1892 in Lichtenfels; † 30. August 1968 ebenda).Standesamt München II, Registereintrag 664 (1920); Zitiert nach: Faksimile der Heiratsurkunde, übermittelt durch das Stadtarchiv der Landeshauptstadt München, Archivoberrat Dr. Daniel Baumann, 10. September 2020 Diese war Tochter des Postamtmanns Andreas Frank (* 4. März 1862; † 23. September 1944) und dessen Ehefrau Kunigunda, geborene Würstlein (* 7. Juli 1871; † 2. November 1948).Grabmal-Inschriften der Grabstelle der Familie Johann Würstlein in Lichtenfels, Oberfranken Aus Wilhelm Aumers Ehe gingen drei Söhne hervor: Hans Hubert (* 20. April 1921; † 23. Juni 2020), Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht (OLG) Bamberg, verheiratet mit Elisabeth, geb. Ullrich (* 11. April 1924; † 27. April 2011);Traueranzeige Hubert Aumer, 4. Juli 2020, auf: infranken.deTraueranzeige Elisabeth Aumer, 30. April 2011, auf infranken.de Paul Walter (* 3. August 1923; † 27. April 2015)Traueranzeige Walter Aumer, auf: merkur.de und Hans Werner (* 15. Mai 1926; † 30. Januar 1995), verheiratet mit Hilde Aumer, geb. Schrepfer (* 6. Januar 1929; † 30. Mai 2016), alle drei in Lichtenfels geboren.Schriftliche Auskunft durch Reinhard Aumer (München), Enkel von Wilhelm Aumer, vom 20. September 2019, mit fotografischem Beleg des Grabmals der Grabstelle der Familie Johann Würstlein in Lichtenfels, Oberfranken

Schulzeit und Ausbildung Nach dem Besuch der Volksschule schloss Wilhelm Aumer die Königliche Kreisrealschule in Regensburg (heute: Goethe-Gymnasium) zu Ostern 1899 erfolgreich ab. Anschließend leistete er seine Militärdienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger.

Am 1. August 1900 begann er als Bauzeichner seinen Dienst beim Königlich Bayerischen Landbauamt in Regensburg (heute: Staatliches Bauamt Regensburg). Er verließ dieses zum 30. September 1901 zwecks Ableistung einer weiteren Militärdienstzeit beim Königlich Bayerischen 11. Infanterie-Regiment in Regensburg.Militärstammrolle 1. Ers. Batl. 9. I.R. 1–1156, Wilhelm Aumer, lfd. Nr. 1109, S. 374. In: Bayerisches Hauptstaatsarchiv Abt. IV Kriegsarchiv, Kriegsstammrollen 5546Zeugnis des Königlich Bayerischen Landbauamtes Regensburg für Wilhelm Aumer, ausgestellt am 30. September 1901

Vom 22. Januar 1904 bis zum 4. Juli desselben Jahres war er als Bezirksamtsinzipient (Inzipient = Lehrling zum Amtsschreiber) in Regensburg tätig.Zeugnis des Königlich Bayerischen Bezirksamtes Regensburg für Wilhelm Aumer, ausgestellt am 28. April 1904

Erster Weltkrieg Am 24. August 1914 rückte Unteroffizier der Reserve Aumer zur Reservedivision des in Bamberg stationierten Königlich Bayerischen 5. Infanterie-Regiments ein, wo er bis zum 30. Januar 1915 verblieb und danach für zunächst sechs Wochen zurückgestellt wurde. An der Front war er ausweislich der Eintragungen in der Militärstammrolle nicht und erhielt demzufolge keine Auszeichnungen.Militärstammrolle, lfd. Nr. 107, S. 54. In: Bayerisches Hauptstaatsarchiv Abt. IV Kriegsarchiv, Kriegsstammrollen 4945, Truppen-Stammrolle 5. Inf. Regt. 1. Ers. Btln. Rekr. Depot I.

Beruflicher Werdegang mini|hochkant|Wilhelm Aumer mit seinen drei Söhnen vor dem Haus der Familie in Lichtenfels, um 1930 mini|hochkant|Familie Aumer bei einem Ausflug mit dem Auto, um 1930 mini|hochkant|Familie Aumer im Urlaub in Oberaudorf, Oberbayern, um 1930 Vom 5. Juli 1904 bis zum 31. Oktober 1906 wirkte er als 3. Bezirksamtsschreiber im niederbayerischen Grafenau, unterbrochen von Einberufungen zur Ableistung von zwei 56-tägigen Militärübungen vom 28. Juli bis 21. September 1905 und vom 30. April bis 24. Juni 1906. Vom 1. November 1906 bis zum 31. Dezember 1908 war er als 2. Bezirksamtsschreiber im oberpfälzischen Sulzbach tätig, bevor er zum 1. Januar 1909 zum Bezirksamtsassistenten befördert wurde und dort weiter bis zum 31. Dezember 1912 wirkte.

Als Bezirksamtssekretär wechselte er zum 1. Januar 1913 in das oberfränkische Bezirksamt Lichtenfels, wo er zum 1. April 1920 zum Bezirksamtsobersekretär befördert wurde und in dieser Position bis zum 31. Dezember 1924 verblieb. Zum 1. Januar 1925 wurde er ebenda Verwaltungsinspektor.Vormerkung zu den Akten Nr. 1082 a a 10, ausgestellt durch das Bayerische Staatsministerium des Innern in München am 6. Dezember 1924

NS-Zeit Politisch stand Aumer den Sozialdemokraten nahe, war jedoch kein Mitglied der SPD. Da seine Einstellung örtlich bekannt war, sah er sich nach der Abtretung der Macht an die Nationalsozialisten vielfach Repressionen und beruflichen Nachteilen ausgesetzt. 1933 habe angeblich wegen Aumers SPD-Nähe seitens der SA zunächst die Absicht bestanden, ihn in sogenannte „Schutzhaft“ zu nehmen.

Zum 1. Mai 1935 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.665.232).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/200468 In seinem Spruchkammerverfahren von 1946 sagte Aumer aus, er habe mehr als vier Jahre lang versucht, sich innerhalb seiner Behörde dem immer wieder nahegelegten Beitritt zur NSDAP zu entziehen. Man habe ihm gegenüber einen Beitritt zur SA zur Mindestanforderung erhoben, doch diese habe ihm wegen ihres Gebarens noch ferner gestanden als die Partei.

1936 trat er dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), dem Reichsbund der Deutschen Beamten (RDB), der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA) bei. Diese nahezu zeitgleich begonnenen Mitgliedschaften dürften mindestens partiell ein Indiz dafür sein, dass Aumer versuchte, den auf ihn innerhalb seiner Dienststelle ausgeübten Druck auszugleichen, sich im Sinne der von den Nationalsozialisten propagierten „Volksgemeinschaft“ zu engagieren.

Zum 1. Dezember 1938 wurde er zum Verwaltungsoberinspektor befördert.Vormerkung zu den Akten Nr. 12/11, ausgestellt durch das Bayerische Staatsministerium des Innern in München am 5. November 1938 In der Folge wurden ihm dann auch NS-Auszeichnungen verliehen:

Am 3. Januar 1939 wurde Aumer im Landratsamt Lichtenfels mit dem „Treudienst-Ehrenzeichen“ in Silber ausgezeichnet.Aktenvormerkung zu Nr. 59 k 12, gem. Vorschlagsliste 1068 a Zum 3. Juli 1939 wies ihn die Regierung von Oberfranken und Mittelfranken (= Regierungspräsidium) in Ansbach an, seine Dienststelle beim Landratsamt Lichtenfels zu verlassen und beim Landratsamt in Schwabach auszuhelfen (1939 wurden die Bezirksämter in Landratsamt umbenannt).Schreiben der Regierung von Oberfranken und Mittelfranken in Ansbach, Nr. 104 i 18, ausgestellt am 28. Juni 1939 Gemäß Verleihungsurkunde vom 28. Februar 1941 wurde Aumer schließlich mit dem „Treudienst-Ehrenzeichen“ in Gold ausgezeichnet.Aktenvormerkung Nr. 59 k, lfd. Nr. 1460 a, ausgestellt durch die Regierung von Oberfranken und Mittelfranken in Ansbach am 13. Mai 1941

Aumer bemühte sich während der NS-Zeit, diskriminierten und verfolgten Mitbürgern in uneigennütziger Weise zu helfen. Er ging damit für sich und seine Familie mit drei jugendlichen Söhnen, die im September 1938 zwölf, fünfzehn und siebzehn Jahre alt waren, ein hohes existenzielles Risiko ein. Details wurden jedoch erst in der Nachkriegszeit (amtlich) dokumentiert, zumal ein Großteil derer, die von seinem Vorgehen profitiert hatten, längst emigriert waren und nie mehr nach Deutschland zurückkehrten.

Nachkriegszeit Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Aumer im Rahmen der Entnazifizierung auf Befehl der US-amerikanischen Militärregierung am 26. September 1945 aus politischen Gründen seines Amtes enthoben. Dafür wesentlich war seine NSDAP-Mitgliedschaft. Die Regierung von Oberfranken und Mittelfranken in Ansbach wurde informiert; Aumers Bezüge wurden daher seitens der Regierungshauptkasse zum 30. Oktober 1945 vollständig eingestellt.Schreiben des Wilhelm Aumer vom 9. Januar 1947 an das Bayerische Staatsministerium des Innern in München Zu diesem Zeitpunkt war Aumer bereits 62 Jahre alt.

Dennoch durfte und sollte Aumer bis zum 30. April 1946 mit Genehmigung der US-Militärregierung in seiner alten Funktion weiterarbeiten, bis ein geeigneter junger und vor allem unbelasteter Bewerber gefunden und von Aumer eingearbeitet worden sei.