Das Europäische Archiv der Stimmen () ist ein Projekt, das vom Verein „Arbeit an Europa“ initiiert wurde. Im Archiv wurden persönliche und zeitgeschichtliche Erinnerungen von Persönlichkeiten aus über 30 europäischen Ländern gesammelt. Ziel ist, Geschichten jener Generation zugänglich zu machen, die Europa nach 1945 wieder aufgebaut hat. Europa bezieht sich in diesem Projekt nicht nur auf die Länder der Europäischen Union, sondern auf Länder, die geographisch und geschichtlich zu Europa gehören. Das Projekt verfolgt kein politisches Ziel.
Hintergrund Nach einer Geschichte stetiger europäischer Kriege, entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Wunsch nach einem vereinten Europa. Stefan Zweig postulierte um 1930, dass eine emotionale Bindung zu Europa nur über die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte erreicht werden könnte. Zeitzeugen, die den Prozess der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, werden immer weniger.
In Osteuropa folgte nach dem Regime der Nationalsozialisten die Herrschaft Russlands. Durch diesen geschichtlichen Unterschied nahm die Erinnerungskultur in Ost und West unterschiedliche Wege. Der Historikerstreit von 1986/87 um die Rolle des Holocaust brachte weitere Differenzen auf. Kuratorin Aleida Assmann verfasste dazu „Das gespaltene Gedächtnis Europas und das Konzept des dialogischen Erinnerns“. Diesen Erinnerungsdialog möchte das Projekt widerspiegeln.
Die europäische Idee wird heutzutage von verschiedenen Seiten in Frage gestellt, wie es beispielsweise am „Brexit“ zu sehen ist. Die Ergebnisse der Europawahl 2019 zeigen Differenzen zwischen Süd und Nord, zwischen Ost und West auf. Es gilt eine einheitliche Ebene zu finden. Im Allgemeinen wird über Europa aus dem Blickwinkel einzelner Länder gesprochen. Kultur vermag Ländergrenzen zu überschreiten, weshalb in diesem Projekt Europa nicht wirtschaftlich oder politisch, sondern kulturhistorisch verstanden werden soll. Durch die persönlichen Geschichten wird Europa im kleinen Maßstab erfahren, um dadurch einen Zugang zum großen Maßstab zu erhalten. Ein einiges Europa erzählt erleben.
Geschichte Initiator ist der deutsche Verein „Arbeit an Europa“, bestehend aus Schriftstellern, Journalisten und Wissenschaftlern. Das Projekt ist Teil der Deutschen Digitalen Bibliothek. Die EU hatte eine finanzielle Förderung abgelehnt. Das Projekt wird von der Gerda Henkel Stiftung und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung unterstützt.
Die Auftaktveranstaltung des Projekts mit 45 Interviewern fand im Januar 2020 statt. Interviews sollen bis Ende 2020 geführt werden. Im Herbst 2020 wird begonnen, die Interviews mit schriftlicher englischer Übersetzung auf einer Webseite zu veröffentlichen, um sie der Öffentlichkeit kostenlos zugänglich zu machen. Zeitlich passend zum deutschen Vorsitz im Rat der Europäischen Union ab 1. Juli 2020, wird das Europäische Archiv der Stimmen als eines von sechs Kulturprojekten vom Auswärtigen Amt unterstützt. Es sind Veröffentlichungen und Veranstaltungen in mehreren europäischen Städten geplant. Planung und Durchführung übernimmt das Goethe-Institut.
Am 11. September 2021 wurde das letzte Interview hochgeladen und damit das Projekt mit einer Veranstaltung in Rom feierlich beschlossen. Kurz darauf, am 30. September des Jahres, wurde das Projekt in Aachen mit dem europäischen Jugendkarlspreis für das Jahr 2020 ausgezeichnet.
Ziel Das Projekt möchte mithilfe von Zeitzeugen unterschiedliche Blicke auf Europa vermitteln. Es werden die Erinnerungen von Menschen bewahrt, die die Anfangsphase der Europäischen Union bewusst miterlebt haben. Die Interviewten sprechen im Rahmen ihrer Lebensgeschichte über die Vergangenheit und Zukunft des Kontinents. Die Interviews sollen herausarbeiten, welche Bedeutung Europa in den einzelnen Lebensgeschichten hatte und was wir daraus für die Zukunft Europas lernen können. Die gemeinsamen Erinnerungen sollen als europäische Bildung für zukünftige Generationen fungieren.
Vorgehensweise Das Projekt wird von freiwilligen Mitarbeitern des „Arbeit an Europa e.V.“ umgesetzt. Das internationale Interviewer-Team umfasst 50 Frauen und Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren. Die Interviewer sprechen mit den Zeitzeugen in ihrer Muttersprache und in den jeweiligen Heimatländern. Interviewte und Interviewer stammen aus über 30 Ländern, die geographisch und geschichtlich zu Europa gehören: Albanien, Belgien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, der Republik Moldau, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Schweden, Serbien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ukraine, Ungarn
Beratung und Qualitätssicherung bietet ein Kuratorium, bestehend aus Aleida Assmann, Heinz Bude, Peter Raue, Michael Krüger, Juliane von Herz, André Schmitz und Angelo Bolaffi. Gemeinsam mit dem Soziologen Heinz Bude wurde als Leitfaden ein Fragenkatalog entwickelt, der die Vergleichbarkeit der Gespräche sichert. Die Fragen behandeln Themen von Herkunft, Bildung und Arbeit über politisches und kulturelles Bewusstsein bis hin zum Bild Europas in 50 Jahren.
Die Gespräche werden mit einer einheitlichen Aufnahmetechnik aufgezeichnet.
Zeitzeugen Interviewt werden Menschen, die vor 1945 geboren wurden. So haben die Interviewten noch Krieg, Unterdrückung und Flucht erfahren.
Die Interviewpartner werden von Interviewern ihres Landes vorgeschlagen und von einer Jury ausgewählt. Ziel des Projektes ist, eine große Bandbreite an Menschen zu Wort kommen zu lassen. Die Interviewpartner sind vorwiegend Journalisten, Politiker, Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler, Diplomaten, Religiöse. Weitere Kriterien sind unter anderem die Ethnie, Geschlecht oder die soziale Herkunft. Bei der Auswahl ist zudem wichtig, dass es sich nicht um Personen handelt, die schon mehrfach zu europäischen Themen befragt wurden.
+ Zeitzeugen des Europäischen Archivs der Stimmen (sortierbar) Land Name Jahrgang Beruf Albanien Maks Velo 1935 Künstler und politischer Aktivist Belarus Stanislau Schuschkewitsch 1934 Physiker und ehemaliger Präsident Belgien Mark Eyskens 1933 Politiker Bosnien Jovan Divjak 1937 General Bulgarien Axinia Dzurova 1942 Philologin und Kunsthistorikerin Dänemark Bodil Nyboe Andersen 1940 Wirtschaftswissenschaftlerin und ehem. Nationalbankdirektorin Dänemark Niels Barfoed 1931 Intellektueller Deutschland Christian Meier 1929 Althistoriker Estland Talvi Märja 1935 Psychologin und Erziehungswissenschaftlerin Finnland Caj Bremer 1929 Fotograf Finnland Leena Orvilahti 1935 Übersetzerin Frankreich Jean-Claude Carrière 1931 Drehbuchautor Georgien Besik Kharanauli 1939 Schriftsteller und Dichter Georgien Eldar Shengelaia 1933 Filmproduzent und Politiker Griechenland Vassilis Vassilikos 1934 Schriftsteller und Diplomat Großbritannien Mary Goudie 1946 Politikerin Irland Mícheál Ó Muircheartaigh 1930 Sportkommentator Island Vigdís Finnbogadóttir 1930 Politikerin und ehem. Präsidentin Italien Bartolomeo Sorge 1929 Journalist und Anti-Mafia-Aktivist Italien Biancamaria Frabotta 1946 Dichterin Italien Elisa Montessori 1931 Künstlerin Kosovo Rexhep Qosja 1936 Schriftsteller Kroatien Irena Vrkljan 1930 Schriftstellerin Lettland Ausma Ziedone-Kantāne 1941 Politikerin Litauen Irena Veisaitė 1928 Theaterwissenschaftlerin Luxemburg Erna Hennicot-Schoepges 1941 Politikerin Niederlande Cees Nooteboom 1933 Schriftsteller Niederlande Neelie Kroes 1941 Politikerin Nordmazedonien Dimitar Belchev 1946 Elektroingenieur und Diplomat Norwegen Karin Krog 1937 Jazzsängerin Österreich Hanna Molden 1941 Schriftstellerin Polen Henryk Wujec 1940 Politiker Portugal Adriano Moreira 1922 Politiker Rumänien Nora Iuga 1931 Schriftstellerin Russland Ljudmila Ulizkaja 1943 Schriftstellerin Schweden Sven-Eric Liedman 1939 Ideenhistoriker Schweiz Cornelio Sommaruga 1932 Diplomat und ehem. Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz Serbien Dragoslav Mihailović 1930 Schriftsteller Slowakei Egon Gal 1940 Soziologe Slowakei Eva Mosnakova 1929 Holocaust-Überlebende und Zeitzeugin Spanien Lidia Falcón 1935 Schriftstellerin und Politikerin Spanien Rosa Regàs 1933 Schriftstellerin, Verlegerin, ehem. Direktorin der Nationalbibliothek Tschechien Alena Wagnerová 1936 Publizistin und Soziologin Ukraine Oleh Pantschuk 1932 Chemiker Ungarn Iván Szelényi 1938 Soziologe Ungarn Vera Szekeres Varsa 1933 Philologin Vatikanstadt Walter Brandmüller 1929 Kardinal Zypern Kyriakos Charalambides 1940 Schriftsteller und ehemaliger Direktor des Kulturressorts des zyprischen Rundfunks
Literatur Kay Wolfinger: An Europa arbeiten. Über ein flamboyantes Projekt junger Intellektueller. Gespräch mit Robert Eberhardt (Berlin) und Simon Strauß (Frankfurt am Main). In: Michaela Nicole Raß/Kay Wolfinger (Hrsg.): Europa im Umbruch. Identität in Literatur, Film und Politik. Metzler Verlag, Berlin 2020, S. 77–87.
Weblinks Projekt Homepage: https://arbeitaneuropa.com/european-archive-of-voices/ (englisch) Video-Interview mit den Projektinitiatoren im Literaturhaus Berlin (englisch) Impressionen von Interviews im Kulturmagazin des Goethe-Instituts
Einzelnachweise
Kategorie:Europäische Geschichte