Ein Immunitätsausweis, auch Immunitätspass, ist ein Ausweis, der ehemals Erkrankte einer ansteckenden Krankheit als immun einstufen und ihnen so weniger Beschränkungen zur Infektionsbekämpfung auferlegen soll.

Anders als bei einem Impfausweis wird durch ihn nicht die Immunität durch Impfung, sondern die durch Infektion dokumentiert. Daher wird er oft auch Genesenennachweis genannt. Bei Masern kann nicht nur die Impfung, sondern auch eine Immunität durch Erkrankung in den Impfausweis eingetragen werden.Was bringt ein Immunitätsausweis? In: deutschlandfunk.de. 26. Juni 2020, abgerufen am 10. Juli 2020, Was versteht man unter einem Immunitätsausweis und was soll er bewirken?

mini|hochkant=2|Muster eines Zertifikats, das u. a. Immunität gegenüber Gelbfieber ausweisen sollte, die durch Erkrankung entstanden ist. Es kam Ende des 19. Jahrhunderts bei Einwanderung in die Vereinigten Staaten zur Anwendung.Olivarius: Immunity, Capital, and Power in Antebellum New Orleans. 2019, S. 440, Fußnote 88. Übersetzung eines Auszuges: „Hiermit wird bescheinigt, dass ⸺ ⸺, geboren in ⸺, und ein Einwohner von ⸺, Hautfarbe ⸺, Alter in Jahren, ⸺, Geschlecht ⸺, mir hinreichend Beweis gebracht hat, dass ⸺ Gelbfieber gehabt hat oder durch langen Aufenthalt in Ortschaften und Städten, wo es in den letzten Jahren verbreitet war, an es gewöhnt ist“|alt=HEALTH AND ACCLIMATION CERTIFICATE. HAVANA, CUBA, ⸺ ⸺, 189—. This is to certify, that ⸺ ⸺, a native of ⸺, and a resident of ⸺, color ⸺, years of age, ⸺, sex ⸺, has produced satisfactory proof to me that ⸺ has had yellow fever or is acclimated to it by long residence in towns and cities where it has prevailed in recent years, that ⸺ is protected from smallpox by successful vaccination or a previous attack of the disease, and that ⸺ is in good health at the present time. And I further declare my belief that ⸺ sufficiently acclimated to the diseases of the tropics, so that ⸺ presence threatens no danger from yellow fever, cholera. or smallpox. [SEAL.] ⸺ ⸺ M. D., M. H. S.

Geschichte Mit einem Immunitätsausweis vergleichbares wurde bereits im 19. Jahrhundert beim Gelbfieber praktiziert. Damals tötete die durch Stechmücken übertragene Krankheit in einigen Endemiegebieten häufig 8 % der Bevölkerung. Damals war es üblich sich bei der Arbeitssuche als „akklimatisiert“ (), also immun, zu bewerben. Deshalb wurde ein Nachweis über den Aufenthalt an einem Ort, wo Gelbfieber verbreitet war, oder eine ärztliche Bescheinigung vorzulegen, verlangt, damit die Arbeitenden nach der Ausbildung nicht einfach starben.Olivarius: Immunity, Capital, and Power in Antebellum New Orleans. 2019, S. 440. Eine überstandene Infektion war Geld wert, sodass manche es gar absichtlich darauf anlegten, zu erkranken.Olivarius: Immunity, Capital, and Power in Antebellum New Orleans. 2019, S. 429. Die genaue Verifikation bereitete Schwierigkeiten, da es keine Bluttests gab.Olivarius: Immunity, Capital, and Power in Antebellum New Orleans. 2019, S. 428. So richtete sich die Aufnahme von Personen in Städten mit Gelbfieberverbreitung in manchen Lebensversicherungen nach der Aufenthaltsdauer in diesen, andere wiederum setzten auf eine medizinische Verifizierung.Olivarius: Immunity, Capital, and Power in Antebellum New Orleans. 2019, S. 437.

Konzepte Mit der Methode SIR wurde ein Konzept, bei der „Schildimmunität“ () eingesetzt wird, modelliert. Dabei sollen Arbeitskräfte (etwa in kritischer Infrastruktur) ohne Genesung durch welche, die genesen sind, ersetzt werden. Dies soll mit den allgemeinen Schutzmaßnahmen, die so nach und nach zurückgefahren werden sollen, zusammenwirken. Dies würde umso effektiver funktionieren, je länger die Immunität andauert.Norheim: Protecting the population with immune individuals. 2020, S. 384. Aufgrund der möglichen Falschpositive ist die infektionseindämmende Wirkung zudem davon abhängig, ob überhaupt eine hohe Anzahl infiziert war. Zudem existieren Unterschiede in Abhängigkeit von der tatsächlichen bislang nur näherungsweise bestimmten Basisreproduktionszahl.Daniel B. Larremore, Kate M. Bubar, Yonatan H. Grad: Implications of test characteristics and population seroprevalence on ‘immune passport’ strategies. In: Clinical Infectious Diseases. online 20. Juli 2020, doi:10.1093/cid/ciaa1019.

Für eine sichere Umsetzungen wurden Lösungen mit Digitaler SignaturMark A. Hall, David M. Studdert: Privileges and Immunity Certification During the COVID-19 Pandemic In: Journal of the American Medical Association. 6. Mai 2020, doi:10.1001/jama.2020.7712. und auch Blockchain vorgeschlagen. Bei der Blockchain gibt es Überlegungen die Daten mithilfe von „biometrischer Authentifizierung als ein privater Schlüssel“ (). So bleibe die Anonymität gewahrt.Agam Bansal, Chandan Garg, Rana P. Padappayil: Optimizing the Implementation of COVID-19 “Immunity Certificates” Using Blockchain. In: Journal of medical systems. Band 44, Nr. 140, 19. Juli 2020, doi:10.1007/s10916-020-01616-4.

Diskussion während der COVID-19-Pandemie in Deutschland Verlauf Seit Ende März 2020 gab es in Deutschland Überlegungen zu einem möglichen Nachweis hinsichtlich des Vorliegens eines durch vorherige Infektion erworbenen Immunschutzes gegen das Coronavirus SARS-CoV-2.Sam Rainsy: How to Prevent COVID-19 From Paralysing the World’s Economy. In: thegeopolitics.com. 27. März 2020, abgerufen am 27. September 2020. So zitierten Medien im Zuge von Antikörper-Studien einen Epidemiologen mit „Den Immunen könnte man eine Art Impfpass ausstellen, der es ihnen zum Beispiel erlaubt, von Einschränkungen ihrer Tätigkeit ausgenommen zu werden“.Antikörper-Studie soll Immunität der Bevölkerung aufzeigen. In: aerzteblatt.de. 27. März 2020, abgerufen am 8. Juni 2020.Kate Proctor, Ian Sample, Philip Oltermann: 'Immunity passports' could speed up return to work after Covid-19. In: theguardian.com. 30. März 2020, abgerufen am 8. Juni 2020. Seit Anfang April plante die britische Regierung derartige Pässe auszugeben.Jason Horowitz: In Italy, Going Back to Work May Depend on Having the Right Antibodies. In: nytimes.com. 4. April 2020, abgerufen am 8. Juni 2020. Es folgten weitere Staaten, weshalb die WHO am 24. April vor solchen aufgrund der unklaren Lage, inwieweit Antikörper Immunität garantieren würden, warnte. In Chile wurden die Pläne Mitte Mai konkreter, sodass trotz Warnungen chilenischer medizinischer Gesellschaften ein geplant wurde, das der tragende Person für drei Monate eine geringerere Ansteckungsgefahr bescheinigen sollte.Barbara Fraser: Chile plans controversial COVID-19 certificates. In: The Lancet. Band 395, Nr. 10235, 9. Mai 2020, S. 1473, doi:10.1016/S0140-6736(20)31096-5. Dies wurden dann aber zurückgezogen, da diese Zertifikate „ein ziemlich schwerwiegendes Problem der Diskriminierung“ (spanisch ) erzeugen könnten.Liseth Alas: Infectólogo Jorge Panameño: “No hay base científica que avale el tema de la inmunidad por COVID-19″. In: elsalvador.com. 11. August 2020, abgerufen am 16. August 2020. Mitte August gab das Gesundheitsministeriums El Salvador Pläne für einen Immunitätsausweis bekannt, der nach einer positiven PCR-Testung und Genesung mit einer Gültigkeitsdauer von acht Monaten ausgestellt werden soll. In der Fleischverpackungsindustrie und bei der Verteilung von Medikamenten und Lebensmitteln sollen Ausweisinhaber bevorzugt eingestellt werden.Las razones por las que Chile dio marcha atrás a la entrega de un carné de inmunidad. In: elsalvador.com. 10. August 2020, abgerufen am 16. August 2020. Seit Anfang September lässt die brasilianische Insel Fernando de Noronha nur noch den Besuch von Touristen mit positivem Antikörpertest innerhalb von 90 Tagen vor Ankunft oder positivem PCR-Test 20 Tage davor zu. Sie hatte, anders als weite Teile Brasiliens, bis dahin noch keinen COVID-19-Toten zu verzeichnen.Paulina Villegas: These tropical islands welcome tourists — if they can prove they’ve recovered from coronavirus. In: washingtonpost.com. 8. September 2020, abgerufen am 11. Oktober 2020.

In Deutschland regte der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Einführung durch das Zweite Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite an. Er begründete dies damit, dass es „ja nicht sein [kann], dass unsere Bürger nicht mehr in Länder reisen können, die solche Regelungen planen“. Dies scheiterte aber vorerst am Widerstand des Koalitionspartners SPD. Spahn bat daraufhin den Ethikrat um eine Stellungnahme. Mitte Juni wurden in Deutschland von einem privaten Anbieter mit falschen Versprechen PDF-Dokumente als angebliche „Covid-19-Immunitätspässe“ zum Verkauf angeboten.Was hinter dem ersten Corona-Immunitätspass steckt. In: tagesspiegel.de. 20. Juni 2020, abgerufen am 25. Juni 2020. Vor derartigen Angeboten warnte die Ärztekammer Hamburg Ende Juni. Durch die Werbung würde eine nicht gegebene Sicherheit vorgegaukelt, da Langzeitstudien zur Immunität aufgrund der Neuartigkeit des Virus fehlen würden. Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen Martina Wenker erklärte auch ihre Ablehnung eines Ausweises mit: „Ein Antikörpernachweis ist nicht viel wert“, er könne nicht aussagen, ob Ansteckungen noch möglich seien. Zudem führte sie ethische Gründe an.Kammer Hamburg warnt vor kommerziellem Immunitätsausweis. In: aerzteblatt.de. 30. Juni 2020, abgerufen am 1. Juli 2020.

Nachdem der Ethikrat unterdessen erläutert hatte, er wolle aufgrund der Komplexität dem Thema noch mehr Zeit widmen,Debatte um Immunitätsausweis hält an. In: aerzteblatt.de. 26. Juni 2020, abgerufen am 1. Juli 2020. veröffentlichte er im September eine Stellungnahme. Einstimmig wurde eine Einführung von Immunitätsbescheinigungen für SARS-CoV-2 nach überstandener Infektion zu diesem Zeitpunkt abgelehnt. Begründet wurde dies mit dem „aktuelle[n] naturwissenschaftlich-medizinisch[en] Sachstand“. Falls künftige Erkenntnisse aber einen „verlässlicheren Nachweis der Immunität und Nichtinfektiösität auch mit Blick auf deren Grad und Dauer“ möglich machen würden, war der Ethikrat aber in seiner Position gespalten. Die eine Position würde in einem solchen Fall „eine Einführung auf Basis risikoethischer Abwägungen“ mit Einschränkungen für sinnvoll erachten. Die andere würde dagegen auch bei einer Änderung weiterhin aus „praktische[n], ethische[n] und rechtliche[n] Gründe[n]“ eine solche staatliche Bescheinigung ablehnen.Deutscher Ethikrat: Immunitätsbescheinigungen in der Covid-19-Pandemie. 2020, S. 9 f. Beide Positionen wurden jeweils von 12 der 24 Mitglieder vertreten. Unter den zwölf Ratsmitgliedern, die Immunitätsbescheinigungen als prinzipiell geeignetes Mittel ansehen, „um infektionsschutzbedingte Grundrechtseingriffe zurückzunehmen oder besondere Verpflichtungen zu begründen“, ist unter anderen die Vorsitzende das Rats Alena Buyx.Deutscher Ethikrat: Immunitätsbescheinigungen in der Covid-19-Pandemie. 2020, S. 47. Unter den anderen zwölf Ratsmitgliedern, die grundsätzlich ablehnten, eine Immunitätsbescheinigung bei COVID-19 „für die Wiedergewährung von Freiheitsrechten bzw. das Auferlegen besonderer Verpflichtungen“ zu verwenden, findet sich der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Josef Schuster.Deutscher Ethikrat: Immunitätsbescheinigungen in der Covid-19-Pandemie. 2020, S. 51. Beide Positionen sind sich aber zusätzlich darin einig, frei verkäufliche Antikörpertests aufgrund der zweifelhaften Verlässlichkeit stärker zu regulieren.Deutscher Ethikrat: Immunitätsbescheinigungen in der Covid-19-Pandemie. 2020, S. 46.