Die Wohnhausanlage Vorgartenstraße in Wien wurde in den Jahren 1959–1962 unter den Architekten Carl Auböck, Adolf Hoch und Carl Rössler errichtet. Sie stellt einen der bedeutendsten Gemeindebauten der Nachkriegszeit und gleichzeitig eines der radikalsten Projekte des Wiener Wohnbaus jener Zeit dar. Beschränkt gesehen auf die bautechnischen Innovationen, leitete die Wohnhausanlage Vorgartenstraße einen Paradigmenwechsel des sozialen Wohnbaus der Gemeinde Wien ein, weg von der traditionellen Bauweise, hin zum industriellen Bauen. Die Wohnhausanlage steht unter Denkmalschutz ().
Lage Der Wohnkomplex befindet sich neben der Vorgartenstraße 158–170 auf einem unregelmäßigen, trapezförmigen Grundstück im 2. Wiener Gemeindebezirk im sogenannten Stuwerviertel.Bescheid des Bundesdenkmalamtes zur Wohnhausanlage Vorgartenstraße 158–170, S. 2 (GZ 29.271/2/2011). Das Viertel entstand in den 1870er Jahren im Zuge der Donauregulierung und ist städtebaulich gesehen durch orthogonal angeordnete spätgründerzeitliche Zinshäuser und Wohnblöcke der Gemeinde Wien geprägt.Bescheid des Bundesdenkmalamtes zur Wohnhausanlage Vorgartenstraße 158–70 In: Stadt Wien, Wiener Wohnen In unmittelbaren Kontrast zu jenen Blockrandbebauungen setzt sich der Wohnbau Vorgartenstraße aus vier nach Süden orientierten offen stehenden Blöcken zusammen. Die gesamte Anlage ist in der Tradition der Moderne in eine großzügige Grünanlage eingebettet, welche als Erholungsgebiet für das dicht bebaute Umfeld dienen sollte. Auf dem Grundstück befinden sich ebenfalls ein Markt, eine Schule sowie ein Kindergarten.Die Planung des Marktes erfolgte durch Architekt Fritz Zügner, für die Schule zeichnete Architekt Willi Reichel verantwortlich, der Kindergarten wurde von dem im Stadtbauamt tätigen Architekten E. Lessel projektiert. (Planarchiv der Baupolizei MA37, Gebietsgruppe Ost, Bauakt Vorgartenstraße 158–170).
Historischer Kontext Die Berufung der Architekten Roland Rainer als Stadtplaner im Jahr 1958 eröffnete eine neue Phase der Wiener Stadtplanung. Unter seiner Ägide wurden weitreichende Entscheidungen getroffen, die bis heute Wien prägen.Roland Rainer, Planungskonzept Wien, 1962. So wurden unter anderem die Weichen für die Verdichtung des Stadtrandes und den Einsatz für mehr Grünraum in der Stadt gestellt. Dicht bebaute Gebiete sollten aufgelockert, zu locker bebaute verdichtet werden. Ein weiterer Kernpunkt des Planungskonzeptes war die Schaffung von Sub- bzw. Bezirkszentren.Christoph Freyer: Eintrag zu Roland Rainer In: Architektenlexikon Wien, 1770–1945, Wien 2013 Auch in Bezug auf den sozialen Wohnbau bedeutete der Antritt Rainers, dass 1958 der eigentliche Wiederaufbau so gut wie abgeschlossen war, und dass man sich nun die Frage stellte, wie der soziale Wohnbau der Gemeinde Wien weitergeführt werden sollte.Anton Seda, Entwicklungstendenzen des sozialen Wohnungsbaues der Stadt Wien, in: Der Aufbau, Nr. 6/7, 1962, S. 211. Den zu jener Zeit, als „Emmentalerbauten“ negativ konnotierten Gemeindebauten der Nachkriegszeit, welche sich durch Typengrundrisse und anderen standardisierten Details immer mehr ähnelten,Karl Mang, Eva Mang Frimmel: Kommunaler Wohnbau in Wien, Die Leistungen in der 2. Republik, Wien 1978, S. 7. „Was an den Gemeindebauten von außen stört, ist, daß sie alle, ob sie nun in Meidling oder in Floridsdorf, inmitten einer Häuserzeile oder in einer in sich geschlossen größeren Anlage stehen, immer nahezu gleich ausschauen - so, als wären sie alle nach den Plänen eines einzigen Architekten erbaut…“Wieland Schmied: Müssen Gemeindebauten so sein? In: Die Furche, 11. Februar 1956, S. 3.Auch Friedrich Achleitner weist in einer Kritik ebenfalls auf diese Problematik hin, in welcher er feststellt „Der Architekt bekommt nicht nur die Lage, die Ausdehnung und die Höhe des Gebäudes, man liefert ihm auch die dazugehörigen Grundrisstypen. Somit bleibt für ihn nur noch die gemischte Koordination dieser Typen, die Aufteilung der Fenster, die Farbe der Fassade und die Sorge um ein Platzerl für die Kunst.“ Friedrich Achleitner, Gemeindebau, 18. Juli 1961, in: Friedrich Achleitner, Nieder mit Fischer von Erlach, 1986, S. 20–21. sollten nun innovative neue Lösungen gegenübergestellt werden. Aus diesem Grund wurden ab 1958 unter Rainers Regie Planungen für zwei Demonstrativbauvorhaben des sozialen Wohnbaus in die Wege geleitet, neben der Wohnhausanlage in der Vorgartenstraße auch die Wohnhausanlage am Eisenstadtplatz, bei denen sollten.Walter M. Chramosta: Wohnkonzepte In: Marion Kuzmany (Hg.): Carl Auböck, 1924–1993, Architekt, Gestalten der Modernen Welt, Salzburg 2009, S. 106.Peter Marchart: Wohnbau in Wien, 1923–1983, Wien 1984. S. 75.
Konstruktion Die Anlage stellte konstruktiv einen Bau in Schottenbauweise, auch Querwandbau genannt, dar.Boeck 1960, S. 133. Der strukturelle Kern der Treppenhauswände besteht hierbei aus in Querrichtung angeordneten Stahlbetonschotten, welche die aufkommenden Lasten der Geschoßdecken in das Erdreich ableiten. Diese Konstruktionsart zeigt deutlich, dass diese Wohnhausanlage nicht mehr zu der Bauweise der Nachkriegsbauten zählte, sondern auf den Einsatz neuartiger Baumethoden gesetzt wurde.Denk 2007, S. 224. Eine besondere Aufmerksamkeit wurde bei der Planung auch auf eine Auswahl innovativer und langlebiger Materialien gelegt. In der Baubeschreibung weisen Carl Auböck und Carl Rössler explizit darauf hin, dass die in der Anschaffung etwas teureren Materialien mit den zu erwartenden niedrigen Wartungskosten zu rechtfertigen seien.Baubeschreibung von Carl Auböck und Carl Rössler, 9. Juli 1959 (Planarchiv der Baupolizei MA37, Gebietsgruppe Ost, Bauakt Vorgartenstraße 158–170). Neben den bautechnischen Innovationen und einer sorgfältigen Auswahl der Baumaterialien war auch die technische Gebäudeinfrastruktur ihrer Zeit voraus und lag über dem Standard anderer Gemeindebauten: So standen den Bewohnern Zentralheizungen, Personenaufzüge und nicht zuletzt auch Müllabwurfschächte zur Verfügung.
Räumliche Strukturierung mini|Stiege 1–3 Die vier Blöcke des Wohnbaus weisen einen zur Länge hin gesehenen schmalen Rechteckgrundriss mit jeweils zehn Geschoßen auf und werden mit einem Flachdach abgeschlossen.Eine ursprünglich vorgesehene Nutzung des Flachdaches als Dachterrasse wurde nicht verwirklicht (Planarchiv der Baupolizei MA37, Gebietsgruppe Ost, Bauakt Vorgartenstraße 158–170). Jeder Wohnblock verfügt über drei Stiegenhäuser, die im Dreispännerprinzip die Wohnungen erschließen.Dreispännerprinzip: Pro Geschoß werden drei Wohnungen erschlossen. In städtebaulicher Hinsicht wurden die vier Blöcke nicht straßenparallel positioniert, sondern in einiger Distanz zur Baufluchtlinie in einem stumpfen Winkel zur Straße. Mit jener Positionierung erfolgte einerseits eine Reaktion auf die orthogonale Struktur des Stuwerviertels und andererseits hat diese Art der Ausrichtung auch funktionale Vorteile gegenüber dem gründerzeitlichen Blockraster: Durch die Drehung wurde gewährleistet, dass sämtliche Wohnräume der Anlage nach Süden orientiert und somit für alle Bewohner gleiche Bedingungen bezüglich Lage, Besonnung und Durchlüftung geschaffen wurden. Während die Blöcke von Carl Auböck und Carl Rössler völlig ident in ihrer Außenerscheinung sowie auch im Grundriss sind, unterscheiden sie sich von den Blöcken von Adolf Hoch, indem sie länger und schmäler ausgeformt sind.Denk 2007, S. 225. Dies wirkte sich unmittelbar auf die Binnenorganisation der einzelnen Geschoße aus.
Binnenorganisation, Wohnungsgrößen und Grundrisse mini|Stiege 4–6 Insgesamt umfasst die Anlage 324 Wohnungen, welche im Vergleich zu den Größenverhältnissen des sozialen Wohnbaus jener Zeit großzügiger konzipiert wurden. So wiesen die Grundrisse in der Vorgartenstraße ein Größenspektrum von 41 bis 84 m² auf, wohingegen in anderen Gemeindebauten lediglich in einem Ausmaß von 28 bis 76,5 m² geplant wurde.Machart 1984, S. 87.
Die Binnenorganisation der Wohnblöcke von Auböck und Rössler sahen drei Wohnungstypen vor, wovon die kleinste gänzlich nach Süden orientiert ist. Die beiden seitlichen Wohnungen, welche die gesamte Bautiefe einnahmen, ermöglichten durch ihre Konzeption eine Querdurchlüftung und weisen aufgrund der Einschiebung eines zweiten Vorraumes getrennte Wohn- und Schlafbereiche auf. Mittels jener Grundrisskonzeption wurde es möglich, gemeinschaftliche und private Bereiche der Wohnung konsequent zu trennen. Diese Grundrisslösung wurde hier erstmals bei einer Wohnhausanlage der Gemeinde Wien durchgeführt und geht auf Carl Auböck zurück, der diese während einer Amerikareise kennen gelernt hatte.Auböck wandte diese Funktionstrennung des privaten und öffentlichen Bereiches erstmals bei einem seiner ersten Projekte, dem vielbeachteten Haus Gallet, in den USA an, welches er für seine Tante Valier Gallet plante. Dabei trennte er ebenfalls den gemeinschaftlichen Bereich des Hauses von den privaten Räumlichkeiten. Dieses Grundrissschema einer Trennung der gemeinschaftlichen und privaten Bereiche konzipierte Auböck auch bei den weiteren Bauvorhaben mit Harry Glück und auch bei einigen Wohnhäusern, welche er für private Bauherrn plante, nicht zuletzt bei seinem eigenen in Wien (Marion Kuzmany (Hg.): Carl Auböck, 1924–1993, Architekt, Gestalten der Modernen Welt, Salzburg 2009).
Die Grundrissgestaltung der Wohnungen in den Blöcken von Adolf Hoch blieb hingegen etwas konventioneller. In seinen Einheiten erschlossen sich alle Räumlichkeiten von einem Vorraum ausgehend.
Erdgeschoßzone Die Erdgeschoßzonen der Wohnblöcke wurden im Sinne der Architektur von Le Corbusier mithilfe von Scheiben und Pfeilern vom Boden abgehoben. Die oberen Geschoße kragen an allen Seiten über das Erdgeschoß vor, sodass ein schwebender Eindruck entstand. Bei den Blöcken von Auböck und Rössler wurden an deren Schmalseiten die oberen Geschoße durch Scheiben, bei den Blöcken von Adolf Hoch durch abgeschrägte Pfeiler abgefangen. Vollständig beibehalten wurde dieses Konzept allerdings nur an den jeweiligen Enden der Wohnblöcke, um nicht auf Raum verzichten zu müssen. Dieser wurde nämlich zur Unterbringung von Waschküchen, Müllräumen, Abstellräumen und nicht zuletzt den Zugängen zu den Stiegenhäusern genutzt. Die Blöcke von Auböck und Rössler erschließen ihre Eingangsbereiche durch Foyers an den Längsseiten. Hoch hingegen platzierte die Zugänge an den nördlichen Längs- und an den Schmalseiten.Bescheid des Bundesdenkmalamtes zur Wohnhausanlage Vorgartenstraße 158–70, S. 3 (GZ 29.271/2/2011).
Fassaden der Obergeschoße Den Südfassaden sämtlicher Wohnblöcke sind ab dem ersten Obergeschoß Loggien vorgelagert, welche die Wohnräume ins Freie erweitern. Durch die Schottenbauweise war es auch möglich bei sämtlichen gegen Süden gerichteten Wohnräumen die Fassaden der Loggien ganz in Glas aufzulösen.Die Fensterkonstruktionen in den Obergeschoßen waren als Holzfenster in Verbundkonstruktion ausgeführt. Auböck verwies in einer Besprechung der Anlage darauf, dass auch die Fenster in keiner Weise den Normen der Gemeindebauten entsprachen und die ausgeführte Lösung mühsam den Behörden abgerungen werden musste (Alfred Schmeller, Wie lange „Tauwetter“ beim Magistrat?, in: Kurier 18. Oktober 1962). Obwohl das Prinzip der durch Loggien geprägten Südfassaden bei allen Wohnblöcken ausgeführt wurde, unterscheiden sie sich dennoch voneinander. Während bei Auböck und Rössler die Loggien über die ganze Länge der Fassade laufen, unterbrach Hoch sie durch regelmäßig angeordnete Fenster. Diese wurden jedoch auf gleicher Höhe wie die Brüstungen der Loggien angebracht, um so die optisch horizontale Wirkung nicht zu mindern. Die Nordseiten der Wohnblöcke waren weitgehend geschlossen. Bei den Blöcken von Auböck und Rössler wurden Wohnungs- und Stiegenhausfenster zwischen durchgehenden Mauerbändern angeordnet. Hoch hingegen gliederte die Nordfassade seiner Wohnblöcke, indem er die Stiegenhäuser nordseitig durch durchfensterte, die Traufenlinie durchstoßende Risalite betonte.