Lunardo Michiel († Dezember 1184) war einer der beiden Söhne des Dogen Vitale Michiel II. Er war Graf (Comes, Conte) von Ossero im Kvarner und 1171 Kommandeur einer in der Adria operierende Flotte im Kampf gegen Byzanz. Er war Gesandter bei Kaiser Manuel I. und Friedrich Barbarossa. Zudem vertrat er seinen Vater während dessen Flottenexpedition gegen Byzanz als Vizedoge von September 1171 bis Mai 1172.
Herkunft, Familie Lunardo, später Leonardo genannt, war einer der Söhne des Dogen Vitale Michiel und seiner Frau Maria, deren Herkunft nicht bekannt ist. Das Paar hatte zwei Söhne und zwei Töchter, nämlich Agnese, die Giovanni Dandolo heiratete, und Richelda, die in ein Grafenhaus in Padua einheiratete und daher in den Quellen als „Contessa“ erscheint. Bis 1159 sind auch die beiden Söhne belegt, also Leonardo und Nicolò, die der Doge lange Zeit in materieller Abhängigkeit hielt, ebenso wie in rechtlicher. Dieser Zustand hielt bis Februar 1171 an, als er die Söhne aus der Abhängigkeit entließ und ihnen einen Teil des immobilen Vermögens übertrug.
Leben Conte von Cherso und Lussino, zudem von Ossero (um 1160) Vitale Michiel hatte eine Expedition gegen Zara geplant, wobei er von den Venezianern, die sich im Byzantinischen Reich aufhielten, verlangte, bis Ostern 1159 in Venedig zu erscheinen. Diejenigen, die sich in den Kreuzfahrerstaaten aufhielten, sollten bis September zurückkehren. Diejenigen schließlich, die wegen ihrer Geschäfte nicht rechtzeitig zurückkehren konnten, wurden zu einer Geldstrafe verurteilt. Unter ihnen war der gefeierte Händler Romano Mairano.Irmgard Fees: Ein venezianischer Kaufmann des 12. Jahrhunderts: Romano Mairano, in: Peter Schreiner (Hrsg.): Il mito di Venezia. Una città tra realtà e rappresentazione, Rom 2006, S. 25–59. Im Herbst erschien die Flotte vor Zara, die Stadt wurde erobert, die ungarische Garnison musste abziehen. Die Einwohner hatten den Treueid gegen Venedig zu erneuern, die Stadtregierung ging wieder an einen Venezianer, nämlich Domenico Morosini.
Wohl in dieser Zeit oder wenig später setzte der Doge seinen Sohn Lunardo zum Conte zweier Inseln südlich von Istrien, nämlich von Cherso und Ossero auf Lussino ein (Comes absarensis).Mit diesem Titel erscheint er in einer Urkunde Friedrichs I., die 1177 in Venedig zugunsten des Klosters San Giorgio Maggiore ausgestellt wurde. Seinen Sohn Nicolò erhob er zum Conte von Arbe. Damit übernahm Venedig die direkte Kontrolle über die nahen Küstenstädte, wobei 1163 die Grafschaft Veglia an die Söhne des verstorbenen Conte Doimo ging, nämlich an Bartolomeo und Guido, die bereits Vasallen Venedigs waren.
Lunardo hatte 1165Das Datum Mai 1168, das Cicogna in die Welt gesetzt hatte, musste auf Mai 1165 korrigiert werden (Le vite dei dogi di Marin Sanudo, Tipi dell'editore S. Lapi, 1900, S. 261, Anm. 2). eine Auseinandersetzung mit dem Conte von Zara, mit Domenico Morosini, der die Hälfte der Grafschaft Ossero beanspruchte, die ihm von seinem gleichnamigen Vater auf Lebenszeit übertragen worden war. Dieser gab unter Zustimmung durch einen iudex dem Sohn insofern Recht, als er, im Gegensatz zu seinem Kontrahenten, nachweislich eine bedeutende Summe für die Investitur entrichtet hatte. So blieb bis zum Tod Leonardos die Kontrolle über die Inseln Cherso und Lussino in seiner Hand. Nach Lunardo Michiel wurde aus der Insel ein ‚erblicher Feudalbesitz‘ der Morosini bis 1304.Matteo Nicolich: Storia documentata dei Lussini, Coana, 1871, S. 116. Die Grafen übernahmen den Titel eines „Conte d'Ossero per la grazia di Dio“, eines ‚Grafen von Osor durch die Gnade Gottes‘.La porta orientale rivista mensile di studi giuliani e dalmati, La compagnia volontari giuliani e dalmati, 1934, S. 96.
Hochzeitsallianzen Für Lunardo war in dem Ehegeflecht, das der Doge entfaltete, eine zentrale Rolle vorgesehen. Nach seinem Willen heiratete Lunardo 1168 eine Prinzessin, Tochter des serbischen Gespan Desa.Er heiratete 1168 die Tochter des „duca Geyza“, während sein Bruder Nicolò, Conte von Arbe, Maria, die Tochter des „duca Ladislao“ ehelichte, meinte Federico Stefani (Federico Stefani: I conti feudali di Chero et Ossero. Note e documenti, in: Archivio Veneto III (1872) 1–15, hier: S. 4). Lange Zeit wurde das Jahr 1163 angenommen, wie etwa „figlia di Dessau“, der demnach der Sohn des Ban von Rascien war (Valentino Lago: Memorie sulla Dalmazia, G. Grimaldo, Venedig 1869, Bd. 1, S. 170). Dieser war 1166 an den ungarischen Hof geflohen, um sich der Herrschaft Kaiser Manuels zu entziehen. In die gleiche Richtung zielte die Ehe des zweiten Dogensohnes Nicolò, jenes Conte von Arbe, mit einer ungarischen Prinzessin, einer Tochter König Stephans III. Stellvertreter des Dogen (1171–1172), Flottenkommandeur, Unterhändler bei beiden Kaisern (1175, 1177) Während der Vater die Flotte 1171 gegen Byzanz führte, war, folgt man Samuele Romanin, Lunardo „vice-doge“ Venedigs.Samuele Romanin: Storia documentata di Venezia, Bd. 2, P. Naratovich, Venedig 1854, S. 91. Unter seinem Kommando eroberte die venezianische Flotte Traù im Jahr 1171.Valentino Lago: Memorie sulla Dalmazia, G. Grimaldo, Venedig 1869, Bd. 1, S. 172.
Lunardo erscheint 1175 in einer Gesandtschaft des Dogen Sebastiano Ziani, die in Konstantinopel Unterhandlungen führte. Ebenso taucht er als Zeuge in einem Privileg Friedrich Barbarossas für das Kloster San Giorgio Maggiore aus dem Jahr 1177 auf. Auflösung der Handelsgesellschaft mit seinem Bruder (1174), Testament (1184) 1174 lösten die beiden Brüder die gemeinsame ‚brüderliche Handelsgesellschaft‘ auf und verkauften mobile und immobile Werte, die sie bis dahin gemeinsam gehalten hatten.Im Mai 1174 löste sich Nicola aus der fraterna compagnia mit seinem Bruder Leonardo und zahlte ihn hinsichtlich der gemeinsamen Geschäfte aus („gli fa quietanza dei negozi commerciali avuti in comune“) (Antonino Lombardo (Hrsg.): Documenti del commercio veneziano nei secoli XI–XIII, Bd. 1, Turin 1940, n. 253, S. 248).
Lunardo machte 1184 sein Testament, wobei die Äbtissin von San Zaccaria zur Amtswalterin eingesetzt wurde. Dem Kloster vermachte er einen großen Teil seines Besitzes. Er starb noch im Dezember desselben Jahres. Sein Bruder Nicolò überlebte ihn ungefähr um ein Jahrzehnt.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, die älteste volkssprachliche Chronik Venedigs, stellt die Vorgänge ebenso wie Andrea Dandolo auf einer in dieser Zeit längst geläufigen, weitgehend von den Dogen beherrschten Ebene dar – die Kinder des Dogen erwähnt sie dementsprechend mit keinem Wort.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini – 1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 63–66.
Pietro Marcello stellt 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk,Pietro Marcello: Vite de'prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 70–76 (Digitalisat). ebenfalls die Staatsoberhäupter in den Mittelpunkt und vergibt bestenfalls Nebenrollen an Gesandte. So habe Kaiser „Emanuel“ den Krieg mit Venedig begonnen: Unter dem Vorwand, er bedürfe der Unterstützung gegen den Angriff Wilhelms von Sizilien, dem er seine Tochter zur Frau versprochen hatte, forderte er von Venedig Hilfe. Diese lehnten die Venezianer erwartungsgemäß ab, da sie mit dem König Frieden geschlossen hatten. Dadurch glaubte der Kaiser eine „quasi legittima occasione di muover guerra“ zu haben, eine ‚gleichsam rechtmäßige Gelegenheit, Krieg zu beginnen‘ (S. 71). Genau umgekehrt als bei Caroldo, der sein Werk dreißig Jahre später fertigstellte, eroberte der Kaiser erst jetzt die Städte „Spalato, Ragugia, e Traù“. Die Heiratspolitik erwähnt er mit keinem Wort.
Nach der Chronik des Gian Giacomo Caroldo hingegenȘerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 139–148 (online). gestattete der Doge ‚denen von Arbe‘ die Wahl ihres Conte durch vier ihrer „Cittadini“, die Bestätigung erfolgte wiederum durch den Dogen. Zum Conte, so der Autor, wurde der Sohn des Dogen „Nicolò Michiel“ wenig später gewählt, der wiederum vom Vater bestätigt wurde. So erscheint es im Privileg „che da loro sin al presente giorno viene conservato con il suo bollo di piombo“, das also mitsamt seinem Bleisiegel noch in der Zeit Caroldos erhalten war. König Stephan von Ungarn heuchelte Freundschaft mit dem Dogen („fece simulata amicizia“) und bot eine Verehelichung von Maria (seiner Nichte?) mit dessen Sohn Nicolò an. Als Stephans „mal'animo“ sich nicht mehr verbergen ließ, marschierte er nach Dalmatien und eroberte Spalato, Trau, Sebenico und andere Orte, ein Verlauf, der bei Marcello dreißig Jahre zuvor nicht vorkommt. Die Zaresen, die die Unterstellung ihres Erzbischofs unter den Patriarchen von Grado nicht ertragen konnten („non potendo patir“), „ribellorono“ gegen die Venezianer. Sie vertrieben den Dogensohn „Dominico Moresini“ und hissten die Flagge des Königs von Ungarn („levorono l’insegne del Re d’Hungeria“). Die Flotte von 30 venezianischen Galeeren kehrte angesichts der starken Besatzung um. Im 15. Jahr seines Dogats ließ Vitale Michiel seinen Sohn Domenico mit einer „potentissima armata“ Zara angreifen. Nach langen Kämpfen zogen die Ungarn ab und die Zaresen unterwarfen sich („facendo deditione liberamente“). Der Dogensohn nahm 200 Zaresen als Geiseln. Nun unterwarf Kaiser Manuel in Absprache mit Stephan die Küstenstädte Spalato, Trau und Ragusa „et quasi tutta la Dalmatia“. Zu dem Zeitpunkt, als die venezianischen Händler zurückgerufen wurden, war bereits vorgesehen, „Lunardo Michiel“ als Vizedogen einzusetzen. Dreißig Galeeren griffen Trau an, das zur Abschreckung völlig zerstört wurde. Der Erzbischof von Ragusa sollte, wenn der Papst einverstanden sei, dem Patriarchen von Grado unterstellt werden (S. 144). Mit dem Titel Conte di Ragusa blieb „Raynier Zane“ in der Stadt. Vor Negroponte ließ sich der Doge auf Verhandlungen über die Wiedergutmachung ein – dabei nennt Caroldo keinen Grund, denn bisher war der Krieg gegen die byzantinischen Städte nach Darstellung des Autors mit größter Härte geführt worden, wenn auch Ragusa schon gnädiger behandelt wurde als das zur Abschreckung zerstörte Trau. Dem Dogen gab man am Ende alle Schuld an der Katastrophe.
Der Frankfurter Jurist Heinrich Kellner meint in seiner 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben,Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 29r–30v (Digitalisat, S. 29r). dass Venedig dem Kaiser die gewohnte Flottenhilfe „verweigert und abgeschlagen“ habe, da es „kurtz zuvor Frieden und Bündnuß“ mit Wilhelm von Sizilien geschlossen hatte. Daraufhin habe „Keyser Emanuel“ geboten „durch ein offen Mandat allen Venedischen Kauffleuten auß Griechenland zu weichen/uberfiel auch die Venediger mit Heeresmacht / nahm ihnen Spalato / Ragusa / und Trau.“ Dabei gab der Kaiser vor, diese Städte darum eingenommen zu haben, „darmit er die Venediger im wider zu Freunden mächte“ – wobei Kellner dies und das Folgende ausdrücklich in einer Marginalie „Keyser Emanuels betrug gegen den Venedigern“ nennt. Um 1171 die „Schmach zu rechnen“, rüsteten die Venezianer eine „gewaltige Armada zu.“ „Und man findet/daß mit wunderbarlicher behendigkeit innerhalb 100 tagen 100 Galeen außgerüst worden seyen“ (S. 29v). Der Doge selbst führte die Flotte, die „Kriegsleut auß Istria oder Schlavoney und Dalmatien“ aufnahm, gegen Trau, dann folgte auch bei Kellner die Eroberung Ragusas mit seinem kaiserlichen Turm.
Historisch-kritische Darstellungen