mini|Nicht Martina, aber: eine Graugans im Flug Martina (* 1935 in Altenberg bei Wien; Todestag und -ort unbekannt) war die erste Graugans (Anser anser), die unter der Obhut des österreichischen Zoologen und Ethologen Konrad Lorenz erbrütet und auf ihn geprägt wurde. In zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die Lorenz zwischen 1939Konrad Lorenz: Über Ausfallerscheinungen im Instinktverhalten von Haustieren und ihre sozialpsychologische Bedeutung. In: Otto Klemm (Hrsg.): Charakter und Erziehung. Bericht über den 16. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Bayreuth vom 2.–4. Juli 1939. Leipzig 1939, S. 139–147. und 1988Konrad Lorenz: Hier bin ich – wo bist du? Ethologie der Graugans. Piper, München und Zürich 1988, ISBN 978-3-492-11358-8. veröffentlichte, nahm er Bezug auf dieses Tier. Die Zeit schrieb 2014, eine Kurzgeschichte aus dem Jahr 1949 über „Das Gänsekind Martina“Konrad Lorenz: Das Gänsekind Martina. In: ders.: Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen. Taschenbuchausgabe. dtv, München 1964, S. 84–95. sei „der prägende Aufsatz von Konrad Lorenz über die Prägung“ gewesen, Erschienen auf zeit.de am 27. Februar 2014. und Der Standard hatte bereits 2011 angemerkt, Martina sei durch diese in zahlreiche Sprachen übersetzte Kurzgeschichte „unsterblich und weltberühmt“ geworden.Die vielen Martinas des Konrad Lorenz. Der Verhaltensforscher hat die Geschichte seiner Lieblingswildgans immer wieder umgeschrieben und angepasst. Auf: derstandard.at vom 8. November 2011. In einem Artikel über die Verleihung des Medizin-Nobelpreises an Konrad Lorenz im Jahr 1973 schrieb Der Spiegel unter der Überschrift Gans groß gefeiert: „Die Geschichte von Konrad Lorenz und seiner Graugans Martina ist allgemein bekannt.“Kurt-Jürgen Voigt: Nobelpreis für Konrad Lorenz: Gans groß gefeiert. Auf: spiegel.de vom 4. Oktober 2010. Tatsächlich legte Martina den Grundstein für die Nobelpreisverleihung, denn in der Begründung des Nobelkomitees hieß es, Lorenz erhalte die Auszeichnung, weil er in den 1930er-Jahren aufgezeigt habe, „dass Vögel, die ohne Anwesenheit ihrer Eltern in einem Brutapparat schlüpfen, demjenigen folgen, was sie als Erstes zu Gesicht bekommen. Zum Beispiel können sie auf einen Menschen fixiert werden.“The Nobel Prize in Physiology or Medicine 1973: Konrad Lorenz – Facts. Auf: nobelprize.org, zuletzt abgerufen am 15. April 2022.
Martinas Prägung auf Lorenz In ihrer Lorenz-Biographie zitieren die beiden Autoren Klaus Taschwer und Benedikt Föger aus einem unveröffentlichten Manuskript, in dem Konrad Lorenz 1989, kurz vor seinem Tod, erwähnte, dass eines der ersten Bücher, das ihm als Kind vorgelesen wurde, Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen gewesen sei. Auch habe er 1909, kurz bevor er eingeschult wurde, zwei frisch geschlüpfte Hausenten-Küken aufgezogen, weswegen – wie er sich 80 Jahre später erinnerte – sein „intimer Umgang als Ersatzentenmutter“ mit „Pipsa und Pupsa“ ihn gelehrt habe,
In der Einleitung zu seinem Buch Hier bin ich – wo bist du? Ethologie der Graugans schrieb Lorenz 1988,
Allerdings waren die Enten nur ein Ersatz für die eigentlich gewünschten Wildgänse, da Lorenz’ Mutter aus Sorge um ihre Salatkulturen keine Gänse im Garten duldete. Lorenz’ „dauerhafte Prägung auf Enten“ habe jedoch nicht verhindert, dass sein „großer Wunsch nach Graugänsen wachblieb“.Konrad Lorenz, Hier bin ich – wo bist du? Ethologie der Graugans, S. 29. 1935, als er bereits eines seiner wissenschaftlichen Hauptwerke – Der Kumpan in der Umwelt des VogelsKonrad Lorenz: Der Kumpan in der Umwelt des Vogels. Der Artgenosse als auslösendes Moment sozialer Verhaltungsweisen. In: Journal für Ornithologie. Band 83, Nr. 2 und 3, 1935, S. 137–215 und S. 289–413, doi:10.1007/BF01905355. Nachdruck in: Konrad Lorenz: Über tierisches und menschliches Verhalten. Aus dem Werdegang der Verhaltenslehre. Gesammelte Abhandlungen aus den Jahren 1931–1963. Band I. Piper, München und Zürich 1965, S. 115–282, Volltext (PDF). – in Druck gegeben hatte, beschaffte er sich 20 Grauganseier und ließ jeweils zehn Eier von einer weißen Hausgans und von einer Pute ausbrüten. Nach 27 Tagen legte er die Eier der Pute in einen Brutapparat, und zwei Tage später beobachtete er – wie er 1949 berichtete – das Schlüpfen des ersten Kükens:
Noch am gleichen Tag, schrieb Lorenz 1949, habe das Gänsekind „in feierlicher Taufe den Namen Martina“ erhalten,Konrad Lorenz: Das Gänsekind Martina, S. 87. wobei dieses Küken „keineswegs nach dem Heiligen Martin, sondern nach unserer Freundin Martina benannt worden war.“Konrad Lorenz, Hier bin ich – wo bist du? Ethologie der Graugans, S. 29.
1935 war Lorenz das Phänomen der Nachfolgeprägung sowohl aus eigener Erfahrung als Schüler, aber auch aufgrund seiner Kenntnis der Schriften von Oskar Heinroth bekannt, der bereits 1911 diese Verhaltensweise beschrieben hatteOskar Heinroth: Beiträge zur Biologie, namentlich Ethologie und Psychologie der Anatiden. In: Verhandlungen des V. Internationalen Ornithologen-Kongresses in Berlin, 30. Mai bis 4. Juni 1910. Deutsche Ornithologische Gesellschaft, Berlin 1911, S. 589–702, Volltext. und auf den Lorenz sich in seiner Studie Der Kumpan in der Umwelt des Vogels mehrfach als geistigen Ziehvater bezieht. Dennoch stellte Lorenz die bei Martina beobachtete Prägung auf ihn im Jahr 1988 als Zufallsgeschehen und abweichend von seiner Beschreibung im Jahr 1949 dar:
In den folgenden Monaten lebte Martina bei Lorenz, schlief in seinem Schlafzimmer, flog später frei umher und kam fast zwei Jahre lang stets wieder zu ihm zurück. Als erwachsene Graugans paarte sie sich mit einem Ganter namens Martin, der ebenfalls in Altenberg bei Wien von einer Hausgans erbrütet worden war – und 1937, kurz nach der Geschlechtsreife, flogen Martina und Martin für immer davon. Konrad Lorenz, Hier bin ich – wo bist du? Ethologie der Graugans, S. 41. Die erste öffentliche Erwähnung von Martina erfolgte im gleichen Jahr, Anfang Dezember 1937, in einem unterhaltsamen Essay im Neuen Wiener Tagblatt unter dem Titel „Dumme Gans“.Konrad Lorenz: Dumme Gans. In: Neues Wiener Tagblatt vom 8. Dezember 1937.
Verhalten als Ergebnis der Stammesgeschichte In ihrer 2011 veröffentlichten Analyse der Publikationen von Konrad Lorenz über die Gans Martina hat die Schweizer Wissenschaftshistorikerin Tania Munz die unterschiedlichen Darstellungen der Annäherung von Lorenz an seine Wildgänse nachvollzogen und vier Phasen unterschieden. Zugleich argumentiert sie, dass insbesondere Lorenz’ anschauliche Schilderungen des Verhaltens von Martina wesentlich dazu beitrugen, „seine Wissenschaft und sein Bild in der Öffentlichkeit“ zu etablieren.Tania Munz: „My Goose Child Martina“: The Multiple Uses of Geese in the Writings of Konrad Lorenz. In: Historical Studies in the Natural Sciences. Band 41, Nr. 4, 2011, S. 405–446 [hier: S. 405], doi:10.1525/hsns.2011.41.4.405.
Den Beginn von Phase 1 datierte Munz ins Jahr 1935, beginnend mit der Veröffentlichung seiner Publikation Der Kumpan in der Umwelt des Vogels, die als eines seiner wissenschaftlichen Hauptwerke gilt. Dort spielte das Verhalten der Wildgänse noch eine untergeordnete Rolle, denn Lorenz erwähnt, dass seinen Beobachtungen nur die genaue Kenntnis von zwei Wildgänsen zugrunde liegt, die er bereits als Erwachsene vom Schönbrunner Zoo erhalten und bei sich aufgenommen hatte, wohl aber u. a. der Umgang mit 15 Seidenreihern, 32 Nachtreihern, vielen Stockenten und Hochbrutflugenten, einem Dutzend Goldfasanen und zahlreichen weiteren Individuen unterschiedlicher Vogelarten.Konrad Lorenz, Der Kumpan in der Umwelt des Vogels, S. 128. In diesem Frühwerk hebt Lorenz gegenüber den Graugänsen aber noch nicht deren Individualität hervor, und in Bezug auf das Verhalten ihrer frisch geschlüpften Küken greift Lorenz erklärtermaßen auf eine detaillierte Beschreibung von Oskar Heinroth aus dem Jahr 1911 zurück, der beobachtet hatte:
Konrad Lorenz schließt sich 1935 der Beschreibung Heinroths an und interpretiert den Vorgang wie folgt:
Tania Munz weist darauf hin, dass Lorenz auch an anderer StelleTania Munz verweist insbesondere auf: Konrad Lorenz: Vergleichende Bewegungsstudien an Anatiden. In: Journal für Ornithologie. Band 89, 1941, S. 194–293 (Neudruck in: Konrad Lorenz: Über tierisches und menschliches Verhalten. Gesammelte Abhandlungen, Band II. Piper, München und Zürich 1965, S. 15–113.) die von ihm beobachteten Tiere nicht als Individuen mit individuellen Besonderheiten beschreibt. Denn „im Mittelpunkt dieser frühen programmatischen Publikationen“ steht Munz zufolge „das Verhalten als Gegenstand seines Entstehens im Verlauf der Stammesgeschichte“.Tania Munz, „My Goose Child Martina“, S. 418.
„Ma“ und „M“ im Dienste nationalsozialistischen Denkens In Phase 2 verknüpft Lorenz seine ornithologischen, vergleichenden Beobachtungen an Wildtieren und an ihren domestizierten Verwandten mit Betrachtungen zum Lebensstil des Menschen. Dies geschah, nachdem er am 28. Juni 1938 – wenige Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich – einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt und darin hervorgehoben hatte, dass seine wissenschaftliche Tätigkeit „im Dienst nationalsozialistischen Denkens“ stehe.Leopoldina: Curriculum Vitae Prof. Dr. Konrad Zacharias Lorenz. Auf: leopoldina.org, zuletzt abgerufen am 15. April 2022. Zu diesem Zeitpunkt bezog sich diese Aussage insbesondere auf sein Forschungsprojekt über „Vergleichende und genetische Untersuchungen instinktmäßig angeborener Bewegungsweisen bei Vögeln, insbesondere von Anatiden“, dessen Finanzierung ihm die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Februar 1938 zugesagt hatte.Benedikt Föger und Klaus Taschwer: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. Czernin, Wien 2001, S. 74 und 78, ISBN 978-3-7076-0124-4. Anfang Juli 1939 hielt Lorenz auf dem 16. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie einen Vortrag über „Ausfallerscheinungen im Instinktverhalten von Haustieren und ihre sozialpsychologische Bedeutung“. Seine Biografen Benedikt Föger und Klaus Taschwer erwähnen, dass der Zoologe Lorenz vor einer großen Anzahl bedeutender deutscher Psychologen „die Übertragbarkeit seiner tierpsychologischen Erkenntnisse auf die Humanpsychologie herauszustreichen und zugleich die politische Relevanz seiner Forschungen unter Beweis zu stellen“ versuchte,Benedikt Föger und Klaus Taschwer, Die andere Seite des Spiegels, S. 100. indem er u. a. das Verhalten von angeblich überzivilisierten „Großstadtmenschen“, durch die der „Volkskörper“ geschädigt werde, mit Abnormitäten im Verhalten von domestizierten Tieren gleichsetzte:
Diesen Negativbeispielen stellte Lorenz sowohl beim Menschen als auch bei den Tieren den gesunden „Wildtyp“ gegenüber, und als Beispiele für „eines der vollwertigsten Gänsepaare“ erwähnte er Martina und Martin, die in der gedruckten Fassung seines Vortrags allerdings als „Ma“ und „M“ abgekürzt wurden. In ähnlicher Weise wurde das Verhalten der Wildgänse 1940 auch in Lorenz’ Fachbeitrag Durch Domestikation verursachte Störungen arteigenen Verhaltens beispielhaft im Sinne der nationalsozialistischen Rassenlehre herausgestellt.Konrad Lorenz: Durch Domestikation verursachte Störungen arteigenen Verhaltens. In: Zeitschrift für angewandte Psychologie und Charakterkunde. Band 59, Nr. 1–2, 1940, S. 2–81.
Martina und Martin als literarische Figuren