mini|140px|Paulus Klüpfel, Gründer des FFB Der Freiland-Freigeld-Bund (FFB) war eine der frühen Organisationen der Freiwirtschaftsbewegung Silvio Gesells (1862–1930). Er wurde 1915 durch die Initiative des ehemaligen römisch-katholischen Priesters Paulus Klüpfel (1876–1918) gegründet. Sein Sitz war Berlin-Steglitz. Noch im selben Jahr wurde eine Parallelorganisation gleichen Namens in der Schweiz gegründet. Initiatoren hier waren unter anderem der Arzt und Mathematiker Theophil Christen (1873–1920) sowie der Reformpädagoge und Psychoanalytiker Ernst Schneider (1878–1957).

In manchen Veröffentlichungen wird die Gründung des FFB Gottfried Feder (1883–1941), dem nationalsozialistischen Gegenspieler Silvio Gesells, zugeschrieben.Zwei Beispiele: Markus Roth: Herrenmenschen (…). S. 476. Hans-Christian Harten: Weltanschauliche Schulung der SS und der Polizei im Nationalsozialismus: Zusammenstellung personenbezogener Daten. (PDF; 2,9 MB) 2017; abgerufen am 19. Juni 2020 Diese Zuschreibung beruht auf einem Irrtum. Feders 1919 gegründete Organisation trug den Namen Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft.Albrecht Tyrell: Gottfried Feder – Der gescheiterte Programmatiker, in: Ronald Smelser, Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die braune Elite. 22 biographische Skizzen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG, spätere Neuauflage, Darmstadt 1989, S. 34 Die Begriffe Freiland und Freigeld sind eindeutig mit Silvio Gesell und seiner Natürlichen Wirtschaftsordnung verbunden.Siehe Titel des Gesell’schen Hauptwerkes: Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld.

Name mini|... durch Freiland und Freigeld Die Namensbestandteile Freiland und Freigeld stammen aus verschiedenen Zusammenhängen.

Silvio Gesell strebte ursprünglich nur eine Geldreform an, knüpfte aber ab 1904 an die Freiland-Ideen Henry Georges (1839–1897) und Theodor Hertzkas (1845–1924) an und übernahm sie schließlich für seine Natürliche Wirtschaftsordnung in der Fassung von Michael Flürscheim (1844–1912). Dessen Freiland-Lehre setzte eine Verstaatlichung des Bodens voraus und beabsichtigte, sie mit einer Währungsreform zu verbinden.

Der Namensteil Freigeld geht auf Paulus Klüpfel zurück.Hugo Luczak: Geschichtliches zur FFF.-Bewegung in Deutschland. Ein Rückblick. Verlag der FZ Zeitung: Erfurt 1931. S. 18 Gesell benutzte dafür in seinen programmatischen Schriften ursprünglich andere Bezeichnungen, darunter zum Beispiel Rostende Banknoten, Reformgeld und – sehr selten – auch Schwundgeld.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung; Abschnitt: Ergänzende Zusammenfassung (Die Inkubationsphase – von 1891–1912) userpage.fu-berlin.de; abgerufen am 20. Juni 2020 Beide Begriffe fanden auch Eingang in den Titel des Gesellschen Hauptwerkes: Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld.

Geschichte Die älteste Organisation unter den Anhängern Silvio Gesells war der 1909 von Georg Blumenthal gegründete Verein für physiokratische Politik (später Physiokratischer Kampfbund)Die „Physiokraten“ bildeten innerhalb der Freiwirtschaftsbewegung den linken Flügel. Mit ihrem Namen knüpften sie an die von François Quesnay und Vincent de Gournay initiierte physiokratische Schule an, übernahmen allerdings nur einige derer Auffassungen, die sie dann mit anarchistischem und freiwirtschaftlichem Gedankengut verbanden. - Siehe dazu Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. Lütjenburg 1994. S. 23f; ausführlich in den Kapiteln Georg Blumenthals Bausteine (S. 22–24) und Die physiokratische Grundströmung (S. 50–57) An die chronologisch zweite Stelle trat der Freiland-Freigeld-Bund Paulus Knüpfels (gegründet 1915), gefolgt von dem durch Helmut Haacke initiierten Bund für Freiwirtschaft. Dieser entstand ebenfalls 1915 und war politisch rechts ausgerichtet.Ernst Winkler: Freiheit? – Die zentrale Frage im politischen Ringen um eine gerechte Sozialordnung. In: Zeitschrift Fragen der Freiheit. Heft 273/274, 2006, S. 1–116; hier: S. 16. Herausgegeben vom Seminar für freiheitliche Ordnung (Bad Boll).

Anfänge Nachdem Paulus Knüpfel in Pottenstein sein Priesteramt niedergelegt hatte, zog er spätestens im Jahr 1914 nach Berlin.Das geht unter anderem aus einer Briefsammlung hervor, die Hans Vogt 1967 mit anderen schriftlichen Hinterlassenschaften Klüpfels herausgegeben hat>; siehe (Hans Vogt (Hrsg.): Innen ist der unendliche Wille der Welt. Die Aufzeichnungen des Paulus Klüpfel *1876 †1918, vorgelegt von Hans Vogt. Selbstverlag: Erlau bei Passau o. J. [1967; siehe Vorwort]. S. 41–119.) Der erste in Berlin verfasste Brief datiert vom 1. November 1914 (siehe S. 84) Einer der Gründe für diesen Umzug war der Bodenreformer Adolf Damaschke (1865–1935), mit dessen Schriften er sich schon während seines pfarramtlichen Dienstes in Oberfranken vertraut gemacht hatte. In der Berliner Reformerszene lernte er über Franz Oppenheimer (1864–1943) den „Physiokraten“ und Anhänger Silvio Gesells Georg Blumenthal sowie die von ihm ins Leben gerufene Bewegung kennen.Werner Onken: Silvio Gesell und die Natürliche Wirtschaftsordnung. Eine Einführung in Leben und Werk. Gauke Verlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1999. S. 48 Vorträge und vor allem die Bücher Silvio Gesells, die er von Blumenthal erhielt, erweckten in ihm den Wunsch, den Autor persönlich kennenzulernen. Er besuchte ihn in dessen Oranienburger Domizil, der Eden-Siedlung, wurde ziemlich bald Gesells Privatsekretär und zog noch 1914 bei ihm ein.Werner Schmid: Silvio Gesell. Die Lebensgeschichte eines Pioniers. Genossenschaft Verlag freiwirtschaftlicher Schriften: Bern 1954. S. 117. Aus dem Angestelltenverhältnis entwickelte sich relativ schnell eine Partnerschaft, aus der heraus zu Pfingsten 1919 das gemeinsam verfasste Kriegsflugblatt Deutsches Freiland entstand. Ein späterer Beleg für die enge Zusammenarbeit ist das von Klüpfel verfasste Vorwort zur 1916 erschienenen zweiten Auflage des Gesell’schen Hauptwerkes Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld.Günter Bartsch: Freiwirtschaft als innere und äußere Weltaufgabe. In: Zeitschrift für Sozialökonomie. Folge 87 / 1990. S. 8; Sp II und 9; Sp I. - Das Vorwort Klüpfels wurde mehrfach als eigenständige Schrift veröffentlicht. So zum Beispiel Hans Blüher, Werner Schmid, Benedikt Uhlemayr, Hans Joachim Führer, Paulus Klüpfel und andere: Silvio Gesell. Zeitgenössische Stimmen zum Werk und Lebensbild eines Pioniers. Rudolf Zitzmann Verlag: Lauf bei Nürnberg 1960. S. 107–112.

Deutsche Sektion des FFB Mitte des Jahres 1915 gründete Paulus Klüpfel den Freiland-Freigeld-Bund. In Paragraph 1 der FFB-Satzung hieß es: „[Der FFB erstrebt] völlige Freiwirtschaft durch Beseitigung jeglichen arbeitslosen Einkommens in der Erkenntnis, daß ununterbrochener Aufstieg und volle Entfaltung der Kultur nur möglich werden, wenn alle wirtschaftlichen Hemmnisse beseitigt sind.“Zitiert nach Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. Band 1 in der Reihe Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung. Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1994, ISBN 3-87998-481-6. S. 25

Klüpfel verstand den FFB weniger als Organisation, eher als eine Verbindung von Gleichgesinnten oder als einen „Freundschaftsbund“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Marie Meixner und Hertha Holtze-Ritter,Hertha Holtze-Ritter tritt 1919 auch auf dem 8. deutschen Pazifistenkongress in Erscheinung und fordert in ihrem Beitrag, „die tieferen wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht aus dem Auge zu verlieren“; siehe Hellmuth von Gerlach (Hrsg.): Achter deutscher Pazifistenkongreß, einberufen von der Deutschen Friedensgesellschaft und der Zentralstelle Völkerrecht (Verhandlungbericht). Berlin (13. bis 15. Juni) 1919. S. 62 (Online) zwei Lehrerinnen, die der Frauenrechtsbewegung verbunden waren. Frühe Mitglieder des FFB waren auch Hans Vogt (1890–1979), einer der Erfinder des Lichttonverfahrens, sowie Hans Langelütke (1892–1972), der spätere Direktor des IFO-Instituts.Günter Bartsch: Freiwirtschaft als innere und äußere Weltaufgabe. Versuch eines Porträts von Paul Klüpfel. In: Zeitschrift für Sozialökonomie. 87. Folge / Dezember 1990. S. 7; Sp I Weitere Persönlichkeiten schlossen sich nur kurze Zeit später an, darunter der Gewerkschaftler Wilhelm Beckmann und der Bergwerksdirektor Otto Weißleder sowie Otto Pfleiderer und Otto Maaß.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. Band 1 in der Reihe Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung. Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1994. S. 27 Danach kamen unter anderem noch Theophil Christen und Anna SeberichWerner Onken: Silvio Gesell und die Natürliche Wirtschaftsordnung. Eine Einführung in Leben und Werk. Gauke Verlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1999, ISBN 3-87998-439-5. S. 136 hinzu. Der FFB begriff sich als eine unpolitische und parteipolitisch neutrale Bewegung.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93. Lütjenburg 1994. S. 325 Im Gegensatz zu Georg Blumenthals Physiokraten, die sich eher an das Proletariat wandten, ging es dem FFB in erster Linie um den gesellschaftlichen Mittelstand.Hugo Luczak: Geschichtliches zur FFF.-Bewegung in Deutschland. Ein Rückblick. Verlag der FZ Zeitung: Erfurt 1931. S. 21f Erster Treffpunkt des Bundes war die Wohnung Hertha Holtze-Ritters.

Noch 1915 erhielt Paulus Klüpfel seine Einberufung zum Militär. Ihm wurde es aber erlaubt, in Berlin zu bleiben und seinen Dienst in einer Gasmaskenfabrik als Pförtner und Schreiber abzuleisten. In dieser Zeit erschienen im Zusammenhang mit dem FFB eine große Anzahl von Broschüren, Zeitschriftenartikel und Denkschriften, von denen leider nur noch wenige erhalten sind. Von ihnen überliefert ist jedoch, dass sie immer den „Freiland-Freigeld-Refrain“ enthielten. Besonderes Aufsehen erregte der Klüpfel-Artikel Geld und Freigeld, der im Februar 1918 in der Zeitschrift Der Kunstwart erschien und mit dem er auf Otto Corbachs (1877–1938) Bemerkung, die Gesell’sche Lehre sei ein unorganischer und fetischistischer Amerikanismus, reagierte. Eine weitere Arbeit des FFB-Vorsitzenden Paul Klüpfels sollte hier nicht unerwähnt bleiben: Er führte zahlreiche Briefwechsel – nicht nur mit Persönlichkeiten des FFB und anderer Richtungen der Freiwirtschaftsbewegung (Silvio Gesell, Georg Blumenthal, Hans Langenlütke, Marie Meixner, Horst Vogt und andere mehr). Zu den bekannten Adressaten seiner Schreiben gehörten unter anderem Gustav Landauer (1870–1919)Fotokopien von Briefen Gustav Landauers an Silvio Gesell (1914) und Paulus Klüpfel (1915–1917). International Institute of Social History (Amsterdam); hdl:10622/ARCH00780.182 und Walter Rathenau (1867–1922).Deutscher Freiwirtschaftsbund (Hrsg.): Zeitschrift Freiwirtschaftliches Archiv. Zeitschrift für natürliche Wirtschaftsordnung, 4. Jahrgang. Heft 9 / Dezember 1928 Allmählich gelang es dem FFB, einen eigenen Verlag aufzubauen,Günter Bartsch: Freiwirtschaft als innere und äußere Weltaufgabe. Versuch eines Porträts von Paul Klüpfel. In: Zeitschrift für Sozialökonomie, 87. Folge, Dezember 1990. S. 10; Sp I und II auch wenn die Kriegszeit die Arbeit des FFB stark einschränkte. Viele Mitglieder waren eingezogen worden, einige von ihnen bereits gefallen. Neben Paulus Klüpfel waren es FFB-Frauen Marie Meixner und Hertha Holtze-Ritter, die versuchten, den Bund am Leben zu erhalten. Auch Anna Seberich, Lehrerin an der Würzburger Pleicher Schule und Vertreterin der FrauenstimmrechtsbewegungWürzburgerinnen machen Politik. 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. (PDF; 3,8 MB) Begleitheft zur Ausstellung 1919, S. 14–15; Würzburg.de; abgerufen am 25. Juni 2020 sowie Klüpfels große (aber unerfüllte) Liebe, kam nach Berlin, um beim Überleben des FFB zu helfen.Werner Onken: Silvio Gesell und die Natürliche Wirtschaftsordnung. Eine Einführung in Leben und Werk. Gauke Verlag für Sozialökonomie, Lütjenburg 1999, S. 136